Das Ende der Unschuld
iPhone-Besitzer hatten bislang das gute Gefühl, ihr Gerät sei sicher, solange sie nur immer gleich alle Updates einspielten. Während Android-Hersteller viel zu spät Software-Aktualisierungen liefern, überzeugte Apple stets mit einem komplett abgedichteten Betriebssystem und einem App Store, in dem jede einzelne App kontrolliert ist.
Massenhacks galten als unmöglich. Schwerwiegende Lücken, die sich für Angriffe ausnutzen ließen, wurden unter iOS zur teuren Handelsware. In der Sicherheitsbranche munkelte man von einem Stückpreis von einer Million Dollar und mehr. Das konnten, dachten viele, höchstens staatliche Hacker in Diktaturen oder Geheimdienste aufbringen, wenn sie ganz bestimmte Opfer ganz gezielt angreifen wollten.
Wie sich Ende August zeigte, war das alles eine Fehlannahme. Bis zu zwei Jahre lang soll es – vermutlich – der chinesischen Regierung gelungen sein, Tausende iPhones auszuspionieren. Begaben sich deren Besitzer auf bestimmte Websites, fingen sie sich unbemerkt einen Schädling ein, der praktisch alles absaugen konnte, was auf dem Gerät war: von der geschützten iMessage-Datenbank über E-Mails, Fotos und Videos oder die Ortsdaten bis hin zum Schlüsselbund.
Das ist ein Dammbruch und es erschüttert mich, dass ausgerechnet Googles Sicherheitsteam Apple auf das Problem aufmerksam machen musste. Der iPhone-Konzern behauptet, man sei schon an der Behebung der Lücken gewesen und überhaupt beträfen sie doch nur wenige uigurische Nutzer.
Die Reaktion demonstriert eine Haltung, von der ich hoffte, Apple habe sie längst überwunden. Die Überzeugung, man wisse alles besser, ist im Sicherheitsbereich einfach fehl am Platz. Es dauerte drei Jahre, bis Apple damit begann, sein Fehlerjägerprogramm so auszubauen, dass jeder Interessierte Bugs melden und dafür Geld kassieren durfte. Für macOS gibt es „Bug Bounties“ erst seit diesem Jahr.
Hinzu kommt die unnötige Geheimniskrämerei. So erfährt man als Mac-Nutzer weder, vor welchen Schadprogrammen XProtect schützt, noch dass nach einem Update des integrierten Malware Removal Tools ein Neustart ratsam ist – dabei laufen viele Macs monatelang durch. Diese Informationspolitik bleibt kritikwürdig.
Das ist umso schlimmer, weil Apple seine Produkte immer mehr mit dem Argument vermarktet, besonders sicher zu sein.
Ben Schwan