Zweifache Rolle rückwärts
Über Jahre hat Apple den Schutz der Privatsphäre zum Kernversprechen gemacht. Nun muss der Konzern aufpassen, sein gut gepflegtes Image nicht zu ruinieren: Gleich zwei Neuerungen der 27er-Betriebssysteme weisen für datenschutzbewusste Menschen in eine völlig falsche Richtung.
So nimmt sich Apple ab sofort heraus, mit den Nutzungsdaten aus Siri AI seine Sprachmodelle zu trainieren – auch in Europa. Ein- und Ausgaben der KI mitsamt der Audiomitschnitte landen nach einem Opt-in beim Konzern. Da hilft auch nicht, dass Apple die Informationen vorab von eventuell identifizierenden Merkmalen befreien will. Rückschlüsse sind laut Sicherheitsexperten immer möglich. Die Bitte um die Datenspende ploppt beim Aktivieren von Siri AI auf und gibt Nutzern nicht die Option, das endgültig mit „Nein, ich will nicht“ zu beantworten. Stattdessen können sie nur einen Knopf mit der Beschriftung „Nicht jetzt“ antippen – und müssen damit rechnen, dass Apple mit dieser Frage weiter nerven wird.
Dabei hatte der Konzern beim Start von Apple Intelligence damit geworben, sein KI-System besonders stark abzusichern. Apple selbst könne keinerlei Nutzerdaten einsehen. Auch mit den Informationen trainieren, wie OpenAI, Anthropic und Co., wolle man „niemals“. Das ist – unschönerweise mit dem Beginn der Ära des neuen CEO John Ternus eingeleitet – nun vergessen. Zu wertvoll sind offenbar die Interaktionsdaten, die bei Siri AI anfallen.
Bei der Apple Watch Series 12 und Ultra 4 geht es weiter: Mit „Live Rewind“ und „Siri Recap“ führt Apple Funktionen ein (wenn auch zunächst nicht in der EU), die die Computer-Uhr zur Wanze machen. „Live Rewind“ merkt sich dauerhaft die letzten 15 gesprochenen Sekunden in der Umgebung und spuckt sie als Verschriftlichung aus, sobald der Nutzer die digitale Krone doppelklickt. „Siri Recap“ belauscht auf Wunsch rund um die Uhr Gespräche und fabriziert daraus Zusammenfassungen via Cloud. Weder Audio noch einzelne Nutzer seien darüber zu identifizieren, versichert Apple. Dennoch schürt das Misstrauen. Es ist abzusehen, dass Apple-Watch-Träger künftig die Frage über sich ergehen lassen müssen, ob und was sie gerade mitzeichnen. Was hat sich Apple dabei nur gedacht?
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