Das erste Update von Red Hat Enterprise Linux 6 bringt zahlreiche Verbesserungen rund um die Virtualisierung mit KVM. Videos uns Präsentationsfolien des diesjährigen Red Hat an JBoss Summit bieten Informationen, die auch für Administratoren anderer Distributionen interessant sein können.
Sechs Monate nach der Einführung von Red Hat Enterprise Linux (RHEL) 6 hat Red Hat nun das erste große Update der auf Unternehmenskunden ausgerichteten Linux-Distribution vorgestellt. Wie in dieser Phase des sieben bis zehn Jahre langen Lebenszyklus von RHEL-Versionsfamilien üblich, bringt die als "Minor Release" bezeichnete Version 6.1 nicht nur Fehlerkorrekturen und kleine Verbesserungen, sondern auch eine Reihe neuer Funktionen; wie immer hat Red Hat zudem zahlreiche Treiber aktualisiert, um die Unterstützung für zwischenzeitlich erschienene oder in den nächsten Monaten erwartete Hardware zu verbessern.
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Virtualisierung
Ein ganzer Satz der Neuerungen dreht sich um Virtualisierung. So bringt der RHEL-6.1-Kernel nun das auch in Linux 2.6.34 eingeflossene vhost_net mit. Es verlagert einige Aufgaben zur Netzwerkkommunikation in den Kernel, was die Latenz deutlich senken und den Durchsatz steigern soll. Neuerungen wie ioeventfd und verschiedene andere Optimierungen sollen das beim Datenträgerzugriff erreichen. Beim Einsatz des Qemu-Storage-Formats qcow2 werden die Metadaten nun im Arbeitsspeicher vorgehalten ("Metadata caching"), was die I/O-Performance weiter verbessern soll. Qcow2 bietet nun auch Unterstützung für Live Snapshots.
Vhost-Net soll den Netzwerk-Durchsatz steigern und Latenzen deutlich senken.
(Bild: redhat.com)
Das Durchreichen von PCI/PCIe-Geräten an Gastsysteme soll jetzt mit mehr Hardware als zuvor gelingen. Das Speicher sparende KSM (Kernel SamePage Merging) unterstützt nun auch Transparent Huge Pages (THP). Red Hat will zudem die Performance dieser Technik zur automatischen Nutzung großer Speicherseiten verbessert haben; seit Anfang des Jahres findet sie sich auch im normalen Linux-Kernel. Das High-Availability-Add-On bietet ab RHEL 6.1 Funktionen zum Failover-Handling von KVM-Gastsystemen. Das für die Virtualisierung von Desktops interessante SPICE kann nun Smartcard-Readern weiterreichen.
Hardware-Unterstützung
Unter den neuen oder aktualisierten Treiber sind zahlreiche für Netzwerk-, Storage- und Grafik-Hardware. So liegen RHEL 6.1 nun 2D- und 3D-Treiber für den Grafikchip von Intels neuen Sandy-Bridge-Prozessoren bei. Neu ist auch Unterstützung für die Matrox MGA-G200ER sowie der Treiber xorg-x11-drv-xgi, der XGI-Grafikchips der Serien Z9S und Z11 anspricht.
Voll unterstützt werden soll nun das Zustecken von Prozessoren und Arbeitsspeicher bei Systemen, die Intels Xeon-CPUs mit Nehalem-EX-Kern einsetzen und solch ein "Hot-Adding" unterstützen. USB 3.0 wird nun offiziell von Red Hat unterstützt; bei Version 6.0 hatte es noch den Status eines Technology Preview.
Der auf Linux 2.6.32 basierende Kernel von RHEL 6.1 bietet nun auch die bei Version 2.6.35 in den Linux-Kernel integrierten Techniken Receive Packet Steering (RPS) and Receive Flow Steering (RFS). Beide sollen auf Multiprozessor-Systemen durch Tricks den Netzwerk-Durchsatz steigern und Latenzen verringern. Integriert hat Red Hat auch das Programm biosdevname, das für konsistente, vorhersagbare Netzwerknamen sorgen soll; es wird vorerst aber nur bei einigen Dell-Systemen standardmäßig eingesetzt. Der NetworkManager soll bessere Unterstützung für IPv6 und Wi-Fi Protected Access (WPA) Enterprise bieten.
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Verschiedenes
Der Kernel von RHEL 6.1 enthält nun die in Linux 2.6.38 eingeflossene Kernel-Funktion "Autogroup scheduling feature", welche die Interaktivität von Desktop-Umgebungen und -Anwendungen in bestimmten Situation durch die automatische Gruppierung aller Prozesse einer Session zu einer Gruppe verbessert. In der Standard-Einstellung ist das Feature bei RHEL 6.1 allerdings deaktiviert.
Der Red-Hat-Service deckt nun auch das Erzeugen von Snapshots auf gespiegelten Logical Volumes ab. Zudem lassen sich mit LVM nun Volumes anlegen, die Striping und Mirroring nutzen. Erheblich ausgebaut hat Red Hat den Funktionsumfang der Control Groups. Der Zugriff auf Datenträger lässt sich nun drosseln – entweder über eine Angabe eines des Datendurchsatzes (Bytes per second) oder eine Begrenzung der I/O-Operationen (IOPS, Input/Output Operations Per Second). Über das neue Cgsnapshot kann man einen Snapshot der Cgroup-Konfiguration sichern.
Neu dabei, aber fürs erste nur als Technology Preview eingestuft ist das auf FreeIPA basierende IPA (Identity, Policy and Audit) – eine "Security Information Management Solution", die RHEL, den Red Hat Directory Server, MIT Kerberos und NTP kombiniert. Hintergründe dazu finden sich im Enterprise Identity Management Guide. Ein nicht vom Service-Vertrag abgedecktes Technology Preview ist fürs erste auch das neue Performance Application Programming Interface (PAPI), mit dem sich die Performance Counters moderner Prozessoren nutzen lassen.
Samba liegt nun in Version 3.5.6 bei, Kerberos in Version 1.9. Der Boot-Loader soll nun bei UEFI-Systemen auch mit Platten funktionieren, die 4 KByte große Sektoren nutzen. Der Installer bietet Unterstützung für die 10-Gigabit-Ethernet-Adapter Emulex PCI-E Gen2 und Chelsio T4; beim Aufspielen warnt die Distribution jetzt, wenn von Red Hat nicht unterstützte Hardware zum Einsatz kommt.
Parallel mit der Einführung von RHEL 6.1 hat Red Hat noch einige Änderungen vorgenommen, welche die Verwaltung der erworbenen Berechtigungen für den Einsatz von RHEL-Systemen erleichtern sollen. Dazu gehört auch der Red Hat Subscription Manager, um die jeweiligen Service-Abonnements des jeweiligen Systems zu verwalten; Details finden sich im Installation Guide und dem Deployment Guide.
Hintergründe
Im Rahmen der Arbeit an RHEL 6.1 hat Red Hat auch die RHEL-Dokumentation überarbeitet und in einigen Bereichen ausgebaut. Neu ist der V2V Guide – er beschreibt, wie man mit dem Programm virt-v2v Virtuelle Maschinen in RHEL 6 importiert, die mit KVM, VMware ESX oder Xen angelegt wurden.
Einen leicht verdaulichen Überblick über die Neuerungen von RHEL 6.1 liefern eine "What's new"-Webseite. Etwas technischer geht es in den Release Notes zu – dort finden sich einige Informationen zu Verbesserungen für den Einsatz von iSCSI oder die für Cluster interessanten Neuerungen. Noch genauer sind die Technical Notes, die die Änderungen an den einzelnen Komponenten von RHEL detailliert beschreiben.
Zu einigen der Neuerungen von 6.1 finden sich auch Hintergründe und Messergebnisse in den Präsentationsfolien, Handouts und Video-Aufzeichnungen einiger der Vorträge, die kürzlich in Boston auf Red Hats Hausmesse Red Hat Summit and JBoss World 2011 gehalten wurden.
Red Hat Summit und JBoss World 2011
Red Hat Summit und JBoss World 2011
Anfang Mai hielt Red Hat in Boston seine jährliche Hausmesse ab und stellte dort wie üblich einige neue Produkte vor – darunter OpenShift, die CloudForms, das JBoss Certified Developer Program und das JBoss Enterprise Data Grid. Wie immer gab es auf der Red Hat Summit and JBoss World 2011 auch einen Ausstellerbereich, auf dem neben Red Hat und Dutzende von Partnern ihre Produkte präsentierten.
Das Hauptinteresse vieler Besucher dürfte allerdings den über 140 Vorträgen gegolten haben, die in bis zu elf Sälen parallel stattfanden. Die im Track "Best Of" gehaltenen Vorträge sind genau wie die Keynotes als Video über die Webseite zur Hausmesse abspielbar; alternativ kann man sie auch als OGG oder MP4 herunterladen. Auf der Webseite finden sich zudem viele der in den Vorträgen gezeigten Präsentationsfolien zum Download als PDF. Diese halten nicht nur umfangreiche Informationen zu aktuellen und zukünftigen Red-Hat-Produkten vor, sondern auch viele Hintergrundinformationen und Praxistipps, die teilweise auch für Nutzer anderer Distributionen hilfreich sind.
Stellschrauben und eine Milliarde Dateien
Das gilt etwa für den Vortrag "Performance Analysis & Tuning of Red Hat Enterprise Linux" (Präsentationsfolien) von John D. Shakshobe und Larry Woodman. In dem auch als Video (1, 2) abrufbaren Vortrag gehen sie unter anderem auf die Vorteile ein, die sich durch Einrichten und Feintuning von NUMA, Control Groups (cgroups), Huge Pages, I/O-Schedulern, SRIOV und Stromspartechniken erzielen lassen; sie liefern auch Messwerte zu einigen der beschriebenen Optimierungen und manchen mit RHEL 6 neu eingeführten Techniken.
Red-Hat-Manager Ric Wheeler liefert in "One Billion Files: Pushing Scalability Limits of Linux File Systems" (Präsentationsfolien) einige Informationen zu Tests und Messungen, bei denen die Datenträger mit den Dateisystemen Btrfs, Ext4 und XFS formatiert und mit bis zu einer Milliarde Dateien gefüllt wurden. LWN.net hat im vergangenen Jahr eine frühere Version des Vortrags zusammengefasst. In seinem aktuellen Vortrag Ausführungen geht Wheeler zusätzlich noch auf einige in letzter Zeit vorgenommenen, erhebliche Verbesserungen an den Dateisystemem ein, darunter das Delay Logging für XFS sowie die Lazy Inode Initialization, die das Anlegen von Ext4-Dateisystemen um ein Vielfaches beschleunigt. Die erstgenannte Technik wurde bei Linux 2.6.37 zum Standard, die andere zog damals in den Kernel ein; beide sollen jetzt in Fedora ihr Können unter Beweis stellen und später in RHEL 6.2 eingehen.
In den Präsentationsfolien von der Hausmesse finden sich einige Hinweise zu zukünftigen Verbesserungen.
(Bild: redhat.com)
RHEL & RHEV
Einen Ausblick auf die Funktionen zukünftige RHEL-Versionen und Minor-Updates gab es auf diesem Summit nicht. Statt dessen erläuterten die Leiter verschiedener RHEL-Entwicklungsbereiche in "Red Hat Enterprise Linux Roadmap" (Präsentationsfolien, Handout, Video der ersten und zweiten Hälfte), wie eine imaginäre Firma mit den bei RHEL 6 eingeführten Funktionen die eigenen IT-Infrastruktur verbessern kann. Zu den angebrachten Beispielen zählte der Einsatz von Fibre-Channel-over-Ethernet (FCoE), um auf die Fibre-Channel-Verkabelung verzichten zu können; ein anderes Beispiel war der Einsatz von Virtualisierung und Ressource-Management über Control Groups (cgroups), um die Zahl der Systeme zu reduzieren, gleichzeitig aber ausreichend System-Ressourcen für kritische Systeme sicher zu stellen.
Der deutlich technischere und mit zahlreichen Benchmark-Ergebnissen liefernde Vortrag "Overview & Roadmap of Virtualization in Red Hat Enterprise Linux" (Video, Präsentationsfolien) liefert einige Hintergründe zu den Änderungen im Bereich Virtualisierung, darunter die Vorteile des mit 6.1 eingeführten vhost_net.
Einen guten Ausblick auf die Zukunft von Red Hat Enterprise Virtualization (RHEV) liefert der Vortrag "Red Hat Enterprise Virtualization Roadmap" (Video, Präsentationsfolien). Dort finden sich zahlreiche Hintergründe zum derzeit vorbereiteten und Ende des Jahres erwarteten RHEV 3.0. Zur Virtualisierung soll dort der Hypervisor von RHEL 6 zum Einsatz kommen, der bessere Performance verspricht und einige neue Funktionen bringt. Auch bei dem SPICE-Protokoll für Desktop-Virtualisierung (VDI/Virtual Desktop Infrastructure) soll es einige im Video und den Folien näher erläuterte Verbesserungen geben.
Mit Version 3.0 will Red Hat zudem die proprietäre, im Zuge der Qumranet-Übernahme ins Haus geholte Techniken durch quelloffene ersetzen. Dazu portiert Red Hat unter anderem den Code von RHEV-M von C# für Windows auf Java und JBoss für Linux; dadurch soll das Management-Produkt der RHEV-Familie in Zukunft nicht mehr einen Windows-Server als Backend erfordern. Fürs erste scheint zur Bedienung des Web-Interfaces allerdings weiterhin eine Windows-System mit Internet Explorer erforderlich zu sein; dies Manko soll RHEV-M 3.1 beseitigen.
Zu RHEV und Virtualisierung in RHEL gab es noch einige weitere Vorträge, die Hintergründe zur einige der jüngst vorgenommenen oder in Entwicklung befindliche Änderungen erläutern:
Der Vortrag "Red Hat Enterprise MRG Update & Roadmap" (Präsentationsfolien) liefert einige Einblicke in die Weiterentwicklung von RHEL MRG (Messaging, Realtime, and Grid). Demnach ist die Version 2.0 für den Sommer geplant; sie soll Unterstützung für RHEL 6 bringen und Windows 7 und 2008 als Execute Node ansprechen können. Einige weitere Hintergründe zum Realtime-Part von MRG und dessen Optimierung liefern die Präsentationsfolien zu dem am Rande der Vorträge abgehaltenen Campground "Red Hat MRG Realtime: Tuning Systems for Maximum Determinism".
Mehr Stoff
Es gab aber noch viele andere Vorträge, dessen Folien reichlich Hintergrundinformationen zu Red-Hat-Angeboten oder allgemeinen Linux-Themen liefern:
Nicht unterschlagen werden sollen auch der Vortrag "Red Hat PaaS: The Full Scoop" (Präsentationsfolien), der die neuen PaaS-Angebote von OpenShift erläutertm sowie der zweiteilige und auf RHEL-Admins ausgerichtete Vortrag "Red Hat Network Satellite Power User Tips & Tricks" (1, 2). Zudem gab es reichlich Vorträge zu JBoss; etwa "Accelerate, Prune, Trim, & Slim your JBoss" (Präsentationsfolien) und "Geographic Failover for JBoss Clusters" (Video, Präsentationsfolien).
Wer noch mehr Red-Hat-Luft schnuppern will, den mögen vielleicht die Keynotes der Red-Hat-Chefs interessieren. Die als Video abrufbaren Ansprachen von President and Chief Executive Officer Jim Whitehurst, Executive Vice President Paul Cormier und CTO Brian Stevens liefern einen Einblick in die Ideen, die Ausrichtung und die Zukunftsvisionen von Red Hat. Die anderen, größtenteils von Partnern gehaltenen Keynotes bieten kaum Neues und sind teilweise recht selbstbeweihräuchernd und dröge; eine Ausnahme von Letzterem stellt die recht amüsante, aber teilweise fachfremde Keynote des selbsternannten "Innovation Expert" Jeremy Gutsche dar.
Schnellere Zyklen
Im Rahmen des Red hat Summit konnte heise open mit Jim Totton, Vice President der Platform Business Unit, reden. Konkrete Planungen zu RHEL 7 gebe es noch nicht. erklärte er; zwischen RHEL 6.0 und 7.0 soll aber nicht ganz so viel Zeit vergehen wie zwischen 5.0 und 6.0, denn dreieinhalb Jahre seien zu viel gewesen. Zudem sollen Minor-Releases von RHEL in Zukunft in etwas schneller Abfolge erscheinen als in letzter Zeit – angedacht ist die Rückkehr zu einem 6-Monats-Rhythmus.
An der Art, wie die Quellen des RHEL6-Kernel ausgeliefert werden, soll sich nichts ändern. Red Hat hatte sich im März allerlei Kritik anhören müssen, weil das Unternehmen die am Kernel 2.6.32 vorgenommenen Änderungen nicht mehr als einzelne Patches im Quell-RPM speichert; die Beweggründe hatte Brian Stevens damals in einem Blog-Eintrag näher erläutert.
Boston again
Die diesjährige Red-Hat-Hausmesse war laut Red hat die bisher größte ihrer Art. Im nächsten Jahr findet sie vom 26. bis 29. Juni zum dritten Mal in Folge in Boston statt; diesmal aber nicht wie 2010 und 2011 im World Trade Center Boston, sondern im Hynes Convention Center, wo die Red Hat Summit and JBoss World bereits 2008 zu Gast war. (thl)
(thl)