Test: Alfa Romeo Giulia 2.2D
Man kann sich der Giulia von Alfa Romeo nicht unvoreingenommen nähern. Bei diesem Namen erhält man entweder eine große Sportlimousine und einen Grund zum Feiern oder eine schallende Ohrfeige für die Fans. Unterwegs in einer Giulia mit 210-PS-Diesel
(Bild: heise/Autos)
- Christian Lorenz
Dieser Marchionne hat schon zur Genüge bewiesen, dass er von der italienischen Automobiltradition bestenfalls keine Ahnung hat. Eigentlich hat man schon fast das Gefühl, der Fiat-Konzern tritt unter seiner Führung an, alles lächerlich zu machen, auf das man als italophiler Automobilliebhaber mit sehnsüchtigem Stolz zurückblickt. Der feige, sadistische Meuchelmord an der Marke Lancia, die Unverfrorenheit, einen E-Klasse-Konkurrenten, der mich ein wenig an einen Infiniti erinnert, wie die GT-Ikone Maserati Ghibli zu taufen und einen Klein-SUV als Fiat-500-Version zu bezeichnen, das sind nur ein paar wenige Beispiele der FCA-Selbstmordattentate auf die italienische Automobilkultur.
Name einer Ikone
Oh Gott – und jetzt kommt auch noch die Giulia dran – die Sportlimousine schlechthin und der letzte großartige Alfa, ohne dass es dazu weiterer Erklärungen bedürfe. Die Verehrung für jenes würfelartige Charaktergesicht, das durch die 60er, 70er, Bud-Spencer-Filme und durch die Südtiroler Serpentinen meiner frühkindlichen Urlaubserinnerungen röhrt, trug dazu bei, dass in der Folge Alfisti wie die Fans von 1860 München die vielen Missgriffe mit Gleichmut und Loyalität ertrugen. Für die Giulia sprach Rennmotorentechnik mit paarweise Nockenwellen und Doppelvergasern obendrauf, ein vollsynchronisiertes Fünfganggetriebe und Scheibenbremsen rundum. Sie hat schon damals keine Vergleichstests gewonnen. Dafür war sie zu spitz ausgelegt. Ihr war es nur wichtig die Konkurrenz im Antriebskapitel zu pulverisieren und beim Handling in Schach zu halten. Die Giulia wollte auf keinen Fall aus Vernunftgründen gekauft werden. Man sollte ihr mit Haut und Haar verfallen und dafür Nachteile im Platzangebot, im allgemeinen Komfort, beim Spritverbrauch und einen hohen Preis in Kauf nehmen.
Test: Alfa Romeo Giulia 2.2D (25 Bilder)

(Bild: Florian Pillau)
Neue Ernsthaftigkeit
Aber vielleicht meint es Alfa ja doch ernst mit der Neuauflage der charakterstarken Sportlimousine. Immerhin ist die neue Giulia 25 Jahre nach dem letzten 75 das erste Modell auf einer eigenen Plattform mit Standardantrieb. Auf die Transaxle-Bauweise, die den 75 als Alfetta-Spross einzigartig machte, muss man heute natürlich verzichten. Außerdem hat Alfa die Vorstellung der neuen Giulia immer wieder verschoben, weil man im Detail noch nicht ganz zufrieden war. Diese Ernsthaftigkeit spendet Zuversicht.
Mit dem ersten Anblick steigt die Lust. Unser Testwagen ein 2.2D Veloce mit 210 PS starkem Vierzylinderdiesel und Allradantrieb Q4 ist ein Blickfang auf dem Parkplatz. Weggewischt sind die Zweifel, die ich beim ersten Betrachten der Fotos hatte. Ist der Neue nicht zu gesichtslos? Könnte er nicht genau so ein BMW, Audi oder Jaguar sein, wenn man sich das Alfa-Herz vorne wegdenkt?
Zumindest in der optisch angeschärften und zärtlich verschürzelten Veloce-Version im souverän tiefen Farbton Montecarlo-Blu mit schwarz lackierten 19-Zoll-Leichtmetallrädern im klassischen Alfa-Loch-Design hat die Giulia das Zeug dazu, auch Zweifler zu erobern. Aber über Geschmack lässt sich ja bekanntlich nicht streiten.
Gelungenes Cockpit
Auf dem Fahrersitz geht der positive Eindruck weiter. Ich finde sofort eine perfekte Sitzposition. Na ja, die Zeiten der Froschhaltung der Ur-Giulia, als es noch kein italienisches Wort für Ergonomie gab, sind auch bei Alfa schon sehr lange vorbei. Die stark konturierten Sportsitze der Veloce-Version mit elektrisch verstellbaren Seitenwangen passen wie der sprichwörtliche Handschuh. Der Blick schweift über ein elegantes Cockpit mit alfatypischem Flair. Die beiden Rundinstrumente in den traditionell tiefen Tuben sehen nicht nur schön aus, sondern lassen sich auch hervorragend ablesen.
Der liebevoll integrierte 8,8-Zoll-Bildschirm des großen Navigationssystems lässt sich über den Dreh-Drück-Steller intuitiv bedienen. Natürlich bietet die deutsche Premiumkonkurrenz mehr Features und Spielereien. Das von TomTom entwickelte System arbeitet im Segmentvergleich zudem zu langsam und ist mit 2550 Euro unangemessen teuer. Auf einen Touchscreen hat Alfa verzichtet. Das kommt der Bediensicherheit zugute. Unschöne Fingerabdrücke auf dem Display werden auch vermieden. Im ausgeschalteten Zustand wirkt der Bildschirm so wie ein glänzend schwarzes Zierteil.
Gute Verarbeitung
Ein gänzlich neues Niveau erreicht in diesem Alfa die Verarbeitungsqualität. Sie kommt zwar noch nicht ganz an die besten deutschen Konkurrenten heran, aber so nah dran war Alfa noch nie. Schon 156, 166 und eigentlich bereits der 164 waren in dieser Hinsicht zwar schon besser als der von Alfetta, Sud und Transaxle-Giulietta verdorbene Ruf. Jetzt aber muss man konstatieren, dass die Verarbeitungsqualität auf einmal ein Argument liefert, sich für einen Alfa Romeo zu entscheiden. Das ist so, als würde 1860 die Champions League gewinnen.
Definitiv nicht mithalten kann die Giulia im Platzangebot im Fond und beim Kofferraumvolumen. Schon mit meinen knapp über 1,80 m Körpergröße komme ich in unangenehmen Kontakt mit dem Dachhimmel. Der Testwagen war aber mit dem aufpreispflichtigen Panoramaglasschiebedach ausgestattet, das ein paar Zentimeter Kopffreiheit frisst. Die Kniefreiheit reicht für mich hinter dem auf mich eingestellten Fahrersitz zwar gerade noch aus, Größergewachsene bekommen aber definitiv Probleme. Das Kofferraumvolumen bewegt sich mit 480 Litern im Segmentdurchschnitt. Auch durch die im Verhältnis 40:20:40 klappbare Fondrückenlehne (Serie beim Veloce, ansonsten 350 Euro Aufpreis) wird die Giulia nicht wirklich multifunktional. Im Topmodell Quadrifoglio gibt es die Durchlademöglichkeit gar nicht.
Start im Lenkrad
Inzwischen ist einem das Wasser im Mund zusammengelaufen und erwartungsvoll drückt man den Start-Stopp-Knopf. Vorausgesetzt man hat ihn gefunden, denn er sitzt wie im Ferrari etwas ungewöhnlich im Lenkrad. Das ist ein nettes Rennsportzitat. Und dann meldet sich der Vierzylinderdiesel mit 2,1 Litern Hubraum und 210 PS kernig zum Leben. Er nagelt deutlicher als die vergleichbaren BMW, Audi und Mercedes. Das passt zur Giulia, denn dafür liefert der Motor auch ordentlich Druck. Zwar ist eine kleine Anfahrschwäche zu überwinden, danach geht es aber um so rasanter zur Sache und man fährt erst mal schneller als man eigentlich wollte. In 6,8 s sind 100 km/h erreicht, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 235 km/h.
Die sinnliche Darbietung dieser Leistungswerte mag dem ein oder anderen zu hektisch sein, dem Freund dynamischen Autofahrens zaubert sie aber schon kurz nach dem Anfahren ein Grinsen ins Gesicht. Die ZF-Achtgang-Automatik tut hier ebenso hervorragend ihren Dienst wie im BMW 3er. Mit schnellen und geschmeidigen Gangwechseln unterstützt sie das sportliche Fahren. Die Schaltpaddles am Lenkrad dienen nur der Folklore, man kann der Automatik in jeder Situation vertrauen. Sie hat immer die richtige Übersetzung parat. Mit dem heckbetonten Allradantrieb, der nur bei Schlupf über ein elektronisch gesteuertes Verteilergetriebe einen Teil der Schubkraft an die Vorderachse leitet, ist immer genügend Traktion vorhanden.
„Nochmal!“
Eine wahre Freude ist es, mit der Giulia Serpentinenstrecken zu fahren. Mit der wunderbar balancierten und exakten Lenkung filetiert man sich jede Kurve zu einem genüsslichen Happen. Die Lenkkräfte sind trotz der Exaktheit weniger hoch als in einem BMW. Dabei liegt die Giulia sportlich straff und ist durchaus fein abgestimmt. Gullideckel kommen ein wenig polternd durch, aber ansonsten scheint sich der Alfa auf der Straße festzusaugen. Je höher die Geschwindigkeit, umso geschmeidiger spricht die Federung an. Nach jeder Kurve scheint die Giulia wie ein lachendes Kleinkind in die Hände zu klatschen und „Nochmal!“ zu rufen. Mit allen Sinnen lässt einen diese gelungene Sportlimousine die Fahrfreude aufsaugen.
Die Fahrprofile des DNA-Reglers (Dynamic, Normal, Allweather) unterstützen dabei in verschiedenen Routenabschnitten, ohne dass man sie zwingend bräuchte. Die reine Freude am Fahren zelebriert die Giulia noch besser als das der 3er BMW kann. Der bayerische Platzhirsch hat der Giulia aber den ruhigeren Geradeauslauf voraus. Freunde nüchternen Fahrkomforts, die sich in ihrem Auto auch wünschen, abgekoppelt und gepampert zu werden, sollen sich eine C-Klasse kaufen. Die Giulia ist die ungefilterte Spaßnatur. Man ertappt sich, mit ihr unnötige Umwege zu machen.
Zu viele Stickoxide
Sogar der Verbrauch geht für das Gebotene in Ordnung. Mit 6,3 Litern Testverbrauch kann man angesichts der flotten Fahrweise, zu der die Giulia animiert, leben. Ein Minimalverbrauch von 5,5 Litern ist möglich, das freudige Wesen der Giulia kann man so aber nur sehr eingeschränkt genießen. Die 4,7 Liter NEFZ-Verbrauch die Alfa angibt, erscheinen ohnehin illusorisch. Trotz des kleinen 52-Liter-Tanks sind aber in der Praxis gut 800 km Reichweite möglich. Schade ist nur, dass die Giulia auf einen SCR-Kat mit AdBlue-Einspritzung verzichtet. Der Stickoxid-Ausstoß ist leider viel zu hoch, wie der ADAC bei der technisch weitgehend identischen 180-PS-Version im Test vom Juni 2017 herausgefunden hat. Das ist ein grobes Foul. Hier ist schnelle Nachbesserung geboten.
Ungewohnt teuer
Auch die Preise sind für Alfa-Verhältnisse gewöhnungsbedürftig hoch. Die günstigste Möglichkeit, eine Giulia zu fahren, bietet ein 180 PS starker 2.2D mit Hinterradantrieb und Sechsgang-Schaltgetriebe für 37.600 Euro. Der getestete Veloce mit 210 PS, Automatik und Allradantrieb kostet 46.800 Euro. Da sind dann auch Dinge wie Lederpolsterung, elektrisch verstellbare Sportsitze mit Memory für den Fahrer und Bi-Xenon-Scheinwerfer im Ausstattungsumfang enthalten. Bei Alfa kosten Xenon-Scheinwerfer immer noch Aufpreis und LED-Scheinwerfer sind nicht verfügbar.
Auch die Assistenzsysteme sind mit serienmäßigem Spurhalte-Assistent, optionalem Totwinkelassistent und ACC für die Fahrzeugklasse nicht auf der Höhe dessen, was die deutsche Konkurrenz zu bieten hat. Autonom fahren würde ein Alfista aber ohnehin niemals wollen, nicht mal in die Parklücke. Auch auf ein Head-up-Display kann man verzichten. Der Testwagen mit absoluter Vollausstattung kam auf gut 59.000 Euro. Das ist viel Geld für einen Alfa. Doch die Giulia ist den Preis in meinen Augen wert. Sie ist der beste Alfa seit den 70er-Jahren und trägt ihren großen Namen zu Recht. Vielleicht ist dieser Marchionne doch nicht so schlecht ...
Die Kosten der Überführung wurden von Alfa Romeo übernommen, jene für Kraftstoff vom Autor.
Datenblatt
| Motorart | Diesel |
| Zylinder | 4 |
| Ventile pro Zylinder | 4 |
| Hubraum in ccm | 2143 |
| Leistung in PS | 210 |
| Leistung in kW | 154 |
| bei U/min | 3750 |
| Drehmoment in Nm | 470 |
| bei U/min | 1750 |
| Antrieb | Allradantrieb |
| Gänge | 8 |
| Getriebe | ZF-Wandler-Automatikgetriebe |
| Spurweite vorn in mm | 1559 |
| Spurweite hinten in mm | 1604 |
| Bremsen vorn | Scheiben, 330 mm, innenbelüftet |
| Bremsen hinten | Scheiben, 320 mm, innenbelüftet |
| Wendekreis in m | 10,8 |
| Räder, Reifen vorn | 225/45 R18 |
| Räder, Reifen hinten | 255/40 R18 |
| Lenkung | Zahnstange, elektromechanisch unterstützt |
| Länge in mm | 4643 |
| Breite in mm | 1860 |
| Höhe in mm | 1450 |
| Radstand in mm | 2820 |
| Leergewicht in kg nach EU inklusive 68 kg Fahrer und 7 kg Gepäck | 1610 |
| Zuladung in kg | 500 |
| Kofferraumvolumen in Liter | 480 |
| Anhängelast, gebremst in kg | 1600 |
| Dachlast in kg | 50 |
| Tankinhalt in Liter | 52 |
| Höchstgeschwindigkeit in km/h | 235 |
| Beschleunigung 0-100 km/h in Sekunden | 6,8 |
| EG-Gesamtverbrauch in Liter/100 km | 4,7 |
| EG-Verbrauch innerorts in Liter/100 km | 5,8 |
| EG-Verbrauch außerorts in Liter/100 km | 4,0 |
| Testverbrauch Minimum in Liter/100 km | 5,5 |
| Testverbrauch Gesamt in Liter/100 km | 6,3 |
| Schadstoffklasse | Euro 6b |
| Haftpflicht-Klasse | 20 |
| Teilkasko-Klasse | 24 |
| Vollkasko-Klasse | 26 |
| Service-Intervalle | 20.000 km oder einmal im Jahr |
| Modell | Alfa Romeo Giulia Veloce Q4 2.2D |
| Bohrung x Hub in mm | 83 x 99 |
| Schluesselnummer zu 2 / zu 3 | 1742 / ABI |
Preisliste
| Grundpreis | 46.800 |
| Währung | Euro |
| Seitenairbags vorn | Serie |
| Kopfairbags vorn | Serie |
| Seitenairbags hinten | - |
| Kopfairbags hinten | Serie |
| Manuelle Klimaanlage | - |
| Klimaautomatik | Serie, zwei Zonen |
| Automatikgetriebe | Serie |
| Navigationssystem | ab 1100 |
| Schiebedach | 1650 |
| Metallic-Lackierung | 930 |
| Leichtmetallfelgen | Serie |
| Tempomat | Serie |
| Lederausstattung | Serie |
| Xenon-Scheinwerfer | Serie |
| Modell | Alfa Romeo Giulia Veloce Q4 2.2D |
| Preisliste Stand | Oktober 2017 |
| Freisprecheinrichtung | Serie |
| DAB+ (Digitalradio) | 350 |
| Soundsystem | ab 850 |
| Head-up-Display | - |
| Abstandstempomat | 1200 (nur iVm.Automatikgetriebe) |
| Spurhalteassistent | Serie |
| Fahrwerksoption | 1400 |
| Einparksensoren vorn | 200 |
| Einparksensoren hinten | Serie |
| Einparkassistent | - |
| Totwinkelwarner | Assistenz-Paket, 1000 |
| USB-Anschluss für Musik | Serie |
| Lederlenkrad | Kunstleder, Serie |
| LED-Scheinwerfer | - |
| Sitzheizung | Serie |
| Giulia Super 2.2D (180 PS), Sechsgangschaltgetriebe | 37.600 |
| Giulia Super 2.0 Turbo 16V (200 PS), Achtstufenautomatik | 38.500 |
| Quadrifoglio (510 PS), Sechsgangschaltgetriebe | 72.800 |
| Giulia Super 2.2D (180 PS), Sechsgangschaltgetriebe | 37.600 |
| Giulia Super 2.0 Turbo 16V (200 PS), Achtstufenautomatik | 38.500 |
| Quadrifoglio (510 PS), Sechsgangschaltgetriebe | 72.800 |
| Giulia Super 2.2D (180 PS), Sechsgangschaltgetriebe | 37.600 |
| Giulia Super 2.0 Turbo 16V (200 PS), Achtstufenautomatik | 38.500 |
| Quadrifoglio (510 PS), Sechsgangschaltgetriebe | 72.800 |
(chlo)