11. September 2001, 8:46 Uhr
Pat Moore
»Ich habe Fernsehen und hörte ein Flugzeug, aber ich habe mir nichts dabei gedacht. Es hörte sich furchtbar nah an, aber auch dabei habe ich mir nichts gedacht. Und dann habe ich den Knall gehört.«
Mary Perillo
»Ich war sofort so hellwach, dass ich neben meinem Bett stand und dachte: Wie ist das passiert? Warum stehe ich im Schlafanzug neben meinem Bett? Ich habe doch eben noch geschlafen.«
Pat Moore
»Ich konnte es schlicht nicht verstehen...keiner konnte das. Man konnte sich nicht vorstellen, was passiert war.«
Mary Perillo
»Da war diese Explosion und jetzt verstehe ich den Ausdruck: Die Knie schlottern. Ich stand da und meine Beine zitterten wie verrückt.«
Die Südspitze Manhattans: Vor genau 20 Jahren starben hier, vor Marry Perillos und Pat Moores Haustür, fast 3000 Menschen durch einen Terrorakt. Die beiden Frauen wohnten schon damals in direkter Nachbarschaft zum Word Trade Center: In der Cedar Street 125.
Als Mary Perillo bemerkte, dass die Zwillingstürme brannten, rannte sie aus dem Haus zu einer Freundin ein paar Straßen weiter. Das rettete ihr das Leben. Um kurz nach zehn spürte Perillo eine Erschütterung.
Mary Perillo, Videokünstlerin
»Es hörte sich an, als ob ein Zug auf dich zurast. Boom, boom, boom, als ob er immer schneller wird. Das waren die Stockwerke, die aufeinander stürzten. Wir sind alle instinktiv ins Badezimmer geflüchtet, weil es da keine Fenster gab. Wir waren vier Menschen und vier Hunde in diesem winzigen Badezimmer. Und als wir wieder rauskamen, waren die Fenster schwarz. Nicht grau, oder dunkel wie in der Nacht, sondern pechschwarz. Als ich das Haus verließ, lag der Staub schon knöchelhoch. Es war totenstill.«
Dass die New Yorker noch Jahrzehnte unter den Spätfolgen dieses Staubs leiden würden, konnte zu diesem Zeitpunkt noch niemand wissen.
Schnell wurde hingegen klar, wer hinter der Tat steckte: Al-Quaida-Terroristen hatten die beiden Passagierflugzeuge gezielt in die beiden Türme des World Trade Centers gesteuert.
Die Bilder von damals verfolgen Mary Perillo noch immer.
Mary Perillo, Videokünstlerin
»Ich sah wie Leute sprangen, aber mein Verstand entschied: Die Leute fallen… oder sie sprangen, ich weiß es nicht, weil es brannte und sie nicht rauskamen. Aber mein Verstand machte daraus Aktenschränke. Ich hätte dir damals erzählt, dass die Leute Sachen aus den Fenstern geschmissen haben. Mein Verstand kam einfach nicht damit klar, was er sah. Wir waren alle traumatisiert. Mein Gehirn wollte mir erzählen, dass ich das, was ich sah, nicht sah – ich war wirklich traumatisiert.«
Die beiden Türme des World Trade Centers kollabierten, aber wie durch ein Wunder blieb das Haus in der Cedar Street stehen.
Doch als die Bewohner nach Tagen das erste Mal zurückkehrten, fanden sie ihre Apartments verwüstet vor. Trümmerteile hatten die Fassade getroffen, durch die Druckwelle waren alle Fenster zersplittert.
Monatelang schleppte Perillo Schutt aus ihrem Loft im achten Stock – und gefährdete damit, ohne es zu wissen, ihre Gesundheit.
Mary Perillo, Videokünstlerin
»Es türmte sich alles bis zu einem Meter hoch in den Ecken: Schutt und sehr viel giftiger Staub. Später habe ich ihn untersuchen lassen und er hatte einen pH-Wert wie Rohrreiniger. Und ich war da sehr oft ein und aus gegangen. «
Fünf Etagen tiefer, im 3. Stock, lebt Pat Moore, eine Freundin von Mary Perillo.
Pat Moore, Schmuckdesignerin
»Hier sieht man die Spuren des Schrotts, der den Schrank getroffen hat.«
Pat Moore, Schmuckdesignerin
»Wir kamen zurück und konnten es kaum glauben: Wir hatten das Haus verlassen und ein Bild davon vor Augen. Und als wir zurückkehrten, sahen wir die Zerstörung. Es sah aus wie in Europa nach dem Krieg.«
Diese Aufnahmen haben Pat Moore und ihr Mann nur wenige Tage nach dem 11. September in ihrer Wohnung gemacht.
Andrew Jurinko, Maler
»Das war 24 Jahre lang mein Malatelier. Unser Fernseher – ich bin gespannt, ob der noch funktioniert. Unser Schrank für Videos und Kassetten. Hier sehen wir an der Liberty Street den Rest vom World Trade Center.«
Ein Team von SPIEGEL TV hatte das Ehepaar bereits 2006 besucht, zum fünften Jahrestag der Terroranschläge. Mittlerweile ist Pats Ehemann tot: Andy Jurinko, ein landesweit bekannter Maler, starb vor zehn Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs.
Pat Moore, Schmuckdesignerin
»Der Krebs, an dem er gestorben ist, wird inzwischen von Ärzten als eine mögliche Folge des 11. Septembers identifiziert. Aber ob er jetzt wirklich daran gestorben ist, oder nicht – das macht irgendwie keinen Unterschied für mich. Er ist tot, seit 10 Jahren, und ich vermisse ihn sehr. Ich vermisse meinen Verbündeten.«
Im Atelier ihres Mannes hat Pat Moore viele Erinnerungsstücke aufbewahrt.
Pat Moore, Schmuckdesignerin
»Ich trug damals immer diese Tüte von "Bed, Bath and Beyond" um den Kopf, um meine Haare zu schützen. Ich habe hier noch seine Malerkleidung. Darin hat er gemalt. In den Schuhen und der Hose.«
Anstelle der Twin Towers prägt nun das neue One World Trade Center die Skyline von New York.
So ruhig kennt Mary Perillo ihre Nachbarschaft erst seit der Pandemie. Noch vor Corona strömten hier täglich Tausende Touristen zur Gedenkstätte am Ground Zero.
Mary Perillo, Videokünstlerin
»Kleine Familien, okay. Eine Gruppe von Freundinnen – verstehe ich. Aber wenn 80 Menschen kommen, die alle gelbe T-Shirts mit der Aufschrift »Tennessee liebt Jesus« tragen, und sie kommen hier in Busladungen an und wissen nicht, wie sie sich auf einer Straße verhalten müssen, dann fahre ich manchmal meine Ellbogen aus. Das fühlt sich zu sehr nach Disneyland an. Ich finde, es sollte hier andächtiger zugehen.«
An der offiziellen Gedenkfeier am 11. September wird Mary Perillo nicht teilnehmen, das hat sie noch nie gemacht. Wenn sie ihr Wohnzimmerfenster öffnet, hört sie den wichtigsten Teil der Zeremonie auch so, sagt sie.
Mary Perillo, Videokünstlerin
»Ich habe mein ganz persönliches Ritual am Jahrestag. Ich höre mir an, wie die Namen der Opfer verlesen werden. 3000 Namen, das dauert eine Weile. Sie werden von Familienmitgliedern vorgelesen. Und diese zwischenmenschliche Verbindung, die ist für mich besonders stark.«