Abtreibung und Frauenrechte: Wie Paraguay zum Testlabor ultrarechter Ideen wurde - DER SPIEGEL
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Paraguay als ultrarechtes Testlabor Wo Mädchen auch die Kinder ihrer Vergewaltiger austragen müssen

Paraguay ist klein und unbeachtet – und ein Ort für die Visionen der neuen Rechten. Religiöse Akteure, auch aus den USA, haben sich vernetzt, um eine Agenda wider jeden gesellschaftlichen Fortschritt durchzusetzen.
Aus Paraguay berichtet Nicola Abé
Ein dreizehnjähriges Mädchen hält ihr Baby in einem Haus für schwangere Jugendliche in Ciudad del Este (im Mai 2015). Sie sagt, sie sei von ihrem Stiefvater vergewaltigt und geschwängert worden.
Ein dreizehnjähriges Mädchen hält ihr Baby in einem Haus für schwangere Jugendliche in Ciudad del Este (im Mai 2015). Sie sagt, sie sei von ihrem Stiefvater vergewaltigt und geschwängert worden.

Ein dreizehnjähriges Mädchen hält ihr Baby in einem Haus für schwangere Jugendliche in Ciudad del Este (im Mai 2015). Sie sagt, sie sei von ihrem Stiefvater vergewaltigt und geschwängert worden.

Foto:

Jorge Saenz / AP

Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

Am härtesten sei das Vergeben. Die Mädchen müssten sich selbst verzeihen, aber auch jenen Männern, die sie geschwängert hätten. Denn wer nicht vergibt, vergiftet sich die Seele, erklärt der alte Mann. In der muffigen Kapelle mit den gelb gestrichenen Wänden schwirren die Mücken umher, ein schweres Holzkreuz prangt über dem Altar. Mit zittrigen Fingern deutet Oscar Avila auf eine Statue der Jungfrau Maria. Auch sie, sagt er, sei mit zwölf schwanger geworden. Zwar noch ein Kind, aber auch schon eine Frau.

Von jenen rund 240 Mädchen, die sie hier bis zur Geburt betreut hätten, sei keine einzige verstorben. Die Jüngste sei neun gewesen. Er wirkt stolz.

Die Casa Rosa María in der paraguayischen Hauptstadt Asunción: Wer einmal hier gelandet ist, darf das Haus ohne Begleitung nicht mehr verlassen

Die Casa Rosa María in der paraguayischen Hauptstadt Asunción: Wer einmal hier gelandet ist, darf das Haus ohne Begleitung nicht mehr verlassen

Foto: Jazmin Delgado

Von außen ist die Casa Rosa María ein unauffälliger Backsteinbau, gelegen im Viertel Recoleta der paraguayischen Hauptstadt Asunción. In den Fenstern hängen kaputte Moskitonetze, auf der Umzäunung prangt Stacheldraht. Im Inneren huschen Mädchen mit blassen Gesichtern und riesigen Bäuchen über die Gänge. Seit 22 Jahren werden hierher Schwangere bis zum Alter von 17 Jahren gebracht, inzwischen von den Behörden, viele von ihnen sind Opfer von Missbrauch, Inzest und Gewalt. Hier zwingt man sie, ihre Kinder auszutragen.

»Wenn sie erst ihre Babys sehen«, schwärmt der glatzköpfige Alte in der Kapelle, »dann lieben sie sie. Auch, wenn sie das Gesicht des Vaters tragen.«

Ein schwangeres Mädchen steht in der Küche der Casa Rosa María in Asunción

Ein schwangeres Mädchen steht in der Küche der Casa Rosa María in Asunción

Foto: Mayeli Villalba / DER SPIEGEL

Der düstere Traum antifeministischer Fundamentalisten, in Paraguay ist er Alltag: Wer schwanger wird, muss gebären. Abtreibungen sind strikt verboten, Ausnahmen gibt es nur, wenn das Leben der Mutter akut in Gefahr ist. Wöchentlich bringen durchschnittlich immer noch neun Kinder im Alter zwischen 10 und 14 Jahren ein Baby zur Welt. Immer wieder sterben junge Mädchen bei der Geburt. Zugleich ist Kindesmissbrauch in Paraguay ein großes Problem: Das kleine Land im Herzen Südamerikas hat gerade mal siebeneinhalb Millionen Einwohner – im vergangenen Jahr wurden täglich rund zehn Fälle gemeldet. Die Dunkelziffer liegt aller Wahrscheinlichkeit nach deutlich höher.

Paraguay war schon immer erzkonservativ, nun tobt ein Kulturkampf, den meist die illiberalen Kräfte gewinnen. Als eines der ersten Länder weltweit führte der Staat 2017 ein »Register für ungeborenes Leben« ein, wo im Mutterleib verstorbene Babys eingetragen werden. Im selben Jahr war Paraguay das erste Land, welches das Konzept und das Wort »Gender« gänzlich aus dem Lehrplan verbannte. Für beides lobbyierten nicht nur religiöse Gruppen vor Ort; Schützenhilfe erhielten sie von evangelikalen Organisationen aus den USA.

Das Beispiel Paraguay zeigt, wie mächtige Akteure sich international vernetzt haben, um eine Agenda wider jeden gesellschaftlichen Fortschritt voranzutreiben. Als »Testlabor für die Ideen der neuen Rechten«, bezeichnet die Aktivistin Mirta Moragas ihre Heimat. Paraguay wird zunehmend zur Blaupause für die Vision einer christlichen Nation, in der Kirche und Staat verschmelzen und Menschenrechte sich ganz neu definieren lassen.

Kapelle in der Casa Rosa María, der Alltag besteht vor allem aus Beten

Kapelle in der Casa Rosa María, der Alltag besteht vor allem aus Beten

Foto: Mayeli Villalba / DER SPIEGEL

In der Casa Rosa María ist es Abend geworden. Der Innenhof liegt in fahlem Licht. Eine stille junge Frau mit feinen Gesichtszügen serviert dem Greis Matetee. Sie wohnte früher mal hier, hat ihren achtjährigen Sohn mitgebracht, das Kind ihres Stiefvaters.

Nebenan bricht über einem kleinen Tisch eine Zwölfjährige zusammen, schluchzt so heftig, dass ihr Körper bebt, das sommersprossige Kindergesicht, die geschwollenen Brüste, der dicke Bauch, der sich unter ihrem T-Shirt und der geblümten Hose wölbt. Sie kommt vom Land, ist im siebten Monat schwanger, seit gestern hier, will nichts als weg.

Mit den Mädchen in der Casa Rosa María zu reden ist Journalistinnen verboten, man könne sie retraumatisieren.

Wer einmal hier gelandet ist, darf das Haus nur noch in Begleitung verlassen. Handys sind nicht erlaubt. Zu zweit in einem Zimmer zu schlafen ebenfalls nicht, wegen der Gefahr »lesbischer Paarbildung«, wie der glatzköpfige Alte mit erhobenem Zeigefinger erklärt. Der Alltag besteht vor allem aus Beten, jeden Tag kommt ein Pastor, außerdem Lehrerinnen, die sich um die Schulbildung der Mädchen kümmern sollen.

Abends dürften sie fernsehen, allerdings keine Telenovelas. In denen gehe es nur um Wolllust, Ehebruch. »Wenn man das einschaltet…« Der Greis stöhnt zweimal kurz auf, »ahh, ahh«, er horcht der Wirkung seiner Laute nach, fährt dann fort: Die Serien seien ein übler Einfluss, würden die Mädchen zum Sex animieren. Und Väter seien in Paraguay zwar oft abwesend. Aber Männer, Männer seien immer da.

Katholiken gründeten einst die Casa Rosa María, sie finanziert sich über Spenden. Wer hier arbeitet, versteht sich als wohltätig. »Wenn die Mädchen hier ankommen, muss man ihnen erst mal erklären, dass sie nicht mehr wild herumtoben können«, erklärt Cilsa Vera de Melgarejo kopfschüttelnd. Sie arbeitet hier neben dem Greis als Betreuerin. Die derzeitige Gruppe sei »sehr rebellisch«. Es gehe um den Schutz der Babys. »Wir retten hier Leben.« Sie trägt einen Rosenkranz um den Hals und ist stolz auf die drei täglichen Mahlzeiten, die sie für ihre Mädchen kocht. Auch zwischendurch dürften sie essen, was sie wollten.

Unterdessen legt der alte Mann den Journalistinnen nacheinander seine zitternde Hand auf die Stirn, beginnt laut zu beten.

In der von Katholiken geführten Casa Rosa María stehen mehrere Statuen der Jungfrau Maria

In der von Katholiken geführten Casa Rosa María stehen mehrere Statuen der Jungfrau Maria

Foto: Mayeli Villalba / DER SPIEGEL

Wieso, fragt man sich, bringt ein Staat minderjährige Mädchen in derartige Einrichtungen?

Paraguay ist eines der ärmsten Länder der Region, regiert wird es – mit einer kurzen Unterbrechung – seit Jahrzehnten von der konservativen Colorado-Partei, die auch die jüngsten Wahlen gewann. Schwangere Mädchen auf dem Land sind oft mangelernährt; ihre medizinische Versorgung ist nicht überall gewährleistet. Sie in Einrichtungen zu stecken, hat eine lange Tradition. Nach der Geburt verlassen sie die Häuser wieder: Früher wurden danach viele als Mägde, sogenannte Criadas, in Familien der Mittelschicht aufgenommen, um Hausarbeit zu verrichten und im Gegenzug zur Schule gehen zu dürfen; manchmal wurden ihre Kinder adoptiert.

Zuletzt, erklärt die zuständige Ministerin für Kinder und Jugend, habe man das System reformiert: Statt überfüllter Herbergen gelte jetzt eine Art »Familienmodell«: Maximal sechs Kinder werden nun von einer Art Ersatzmutter und einer Vaterfigur betreut.

Die Ministerin, Teresa Martínez Acosta, eine runde Frau in bunter Bluse, ist stark erkältet, aber für das Interview trotzdem ins Ministerium gekommen. Die Themen sind ihr wichtig. Sie kämpfe, wie sie sagt, seit Jahren gegen Kindesmissbrauch. Der habe in Paraguay lange als natürlich gegolten, sei gewissermaßen Teil der Kultur; Kinder würden allzu oft als Objekte gesehen. Ihr Ministerium arbeite an einer »Denormalisierung«, stoße allerdings auf große Widerstände.

Ein nationaler Aktionsplan, den ihr Haus im November 2020 erarbeitete, um die Rechte von Kindern und Jugendlichen zu stärken, sei von den Kirchen und den neuen Rechten, manche hier nennen sie die »Talibanos«, erfolgreich angegriffen und schließlich verworfen worden. In der Folge sei die Existenz ihres Ministeriums infrage gestellt worden. Sie habe sich in einer achtstündigen Sitzung vor dem Kongress verteidigen müssen – und das, obwohl sie selbst zur dominanten Colorado-Partei gehört.

Eine umfassende Sexualerziehung, wie sie Teil des Aktionsplans war, wäre für die Verbesserung der Lage entscheidend – davon sind Experten überzeugt. Stattdessen aber gilt bis heute ein Dekret, welches das Bildungsministerium 2017 erließ. Es verbietet die »Verbreitung und Nutzung von gedruckten oder digitalen Materialien mit Bezug zur Gender-Theorie und/oder Gender-Ideologie« an öffentlichen Schulen. Der damalige Bildungsminister versprach, er würde auch öffentlich Bücher verbrennen, um seine Position deutlich zu machen. Erlaubt ist seither an Schulen nur noch eine stark eingeschränkte, rein biologische Aufklärung.

Demonstration gegen Gewalt gegen Frauen in Asunción 2022

Demonstration gegen Gewalt gegen Frauen in Asunción 2022

Foto: Marta Escurra / picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Für das Dekret lobbyierten nicht nur die Ultrakonservativen im eigenen Land, Hilfe erhielten sie auch von christlichen und neurechten Organisationen aus den USA. Laut einer Recherche von openDemocracy  sind zwanzig solcher Gruppen in Lateinamerika aktiv, darunter, die mächtige evangelikale Alliance Defending Freedom (ADF), die jährlich weltweit Millionen an Euro investiert und einschlägige Rechtsprozesse finanziert, um reproduktive und sexuelle Rechte einzuschränken. Der internationale Zweig der ADF lobt in einem Länderbericht Paraguay für sein striktes Abtreibungsverbot und empfiehlt »Rufen nach einer weiteren Liberalisierung von Abtreibungen zu widerstehen.«

Die ADF gilt als eine Art christliche »Armee von Rechtsanwälten«. Von 2007 bis 2018 soll sie allein knapp eine Million US-Dollar in Südamerika ausgege­ben haben, insgesamt sollen mindestens 44 Millionen US-Dollar durch 20 christlich-neurechte Organisatio­nen gespendet worden sein. Als Amnesty International ebenso wie die Vereinten Nationen Paraguay für seine Politik kritisierten, stellte die ADF für die Verteidiger des »Gender-Bannes« einen Katalog von Argumenten zusammen: Das Uno-Abkommen zur Beseitigung von Diskriminierung gegen Frauen sei nicht bindend. Es gebe keine rechtliche Verpflichtung, Schülerinnen und Schülern die Gleichberechtigung der Geschlechter zu lehren.

Im jüngsten Streitfall geht es um Gelder der EU, die einmal mehr dabei helfen sollen, das Bildungssystem zu reformieren. Der evangelikale Pastor Miguel Ortigoza, eine der lautesten Stimmen des Landes, will sie blockieren, denn er sieht darin eine »Attacke auf die Souveränität Paraguays«. Internationale Organisationen oder die EU wollten dem Land ihre globalistische Agenda aufzwingen, die Kultur Paraguays untergraben. In Paraguay hätten noch immer die Eltern die Autorität über ihre Kinder, könnten entscheiden, was diese lernten – und die Pläne zur Sexualerziehung würden die »harmonische Entwicklung des Kindes« stören. Wer Kondome verteile und Teenager über Sex informiere, dürfe sich nicht wundern, wenn diese schwanger würden. Ortigoza geht im Bildungsministerium ein und aus; er vertritt unter anderem eine Organisation, die sich für »Elternrechte« einsetzt, eine weitere Chiffre der neuen Rechten. Zugleich ist er Repräsentant der Capitol Ministries in Paraguay, einer christlichen Lobbyorganisation in den USA.

Frauenrechtlerinnen in Paraguay berichten von Drohungen, zerkratzten Autos und heimlich aufgenommenen Fotos. »Wir machen Rückschritte statt Fortschritte«, beklagt die Kinderschutz-Aktivistin Norma Benítez. Es herrschten »Sprechverbote«. Die Lehrerin Ana Portillo Martínez sagt: »Ich kann meinen Schülerinnen nicht erklären, wie die Welt funktioniert, wenn ich Dinge wie Patriarchat, Geschlechterrollen und Diskriminierung nicht ansprechen darf.« Es sei ein System, das Missbrauch begünstige.

In einem Krankenhaus, in dem schwangere Mädchen behandelt werden, stehen mehrere Altäre

In einem Krankenhaus, in dem schwangere Mädchen behandelt werden, stehen mehrere Altäre

Foto: Mayeli Villalba / DER SPIEGEL

Tatsächlich ist es in kaum einem Land der Welt so schwierig, mit Überlebenden sexueller Gewalt zu sprechen.

María Amarilla, heute 20, ist eine der sehr wenigen, die redet. Die junge Frau mit den großen braunen Augen studiert inzwischen Medizin in Buenos Aires und ist per Video zugeschaltet. Im Alter von elf Jahren sei sie von ihrem Onkel missbraucht und bedroht worden. Jahrelang erzählte sie niemandem davon. »Ich wusste nicht, dass es falsch war«, sagt sie.

In der Schule hatte sie so gut wie nichts über Sexualkunde gelernt. Ein, wie sie sagt, »völliger Mangel an Information«. Einzig die evangelikale Organisation Decisiones sei zu einem Gespräch erschienen. Darin habe man ihnen erklärt, dass Frauen, die abtreiben, Verbrecherinnen seien. Es sei viel um die Sünden von Mädchen gegangen, darum, welche Kleider sie tragen. Außerdem habe man ihnen ein Papier zur Unterschrift ausgehändigt, auf dem sie versprachen, bis zur Ehe Jungfrau zu bleiben.

Mit fünfzehn Jahren vertraute Amarilla sich ihrer Mutter an, die sie bei der Anzeige unterstützte. In der kleinen Stadt wusste bald jeder über ihren Fall Bescheid. Teile der Familie hätten ihr Vorwürfe gemacht, gefragt, was sie zu so später Uhrzeit in dem Haus ihres Onkels gewollt hätte. Rund zwei Jahre habe der Täter im Gefängnis verbracht. »Nun ist er längst frei und glücklich«, sagt Amarilla. Er gehe auf Geburtstage und Familienfeiern, sie nicht. Trotzdem bereut sie nicht, ihr Schweigen gebrochen zu haben. »Es war mir wichtig, um andere Mädchen zu ermutigen und auch vor ihm zu warnen«, sagt sie.

Statue eines Fötus an einem zentralen Platz in der Hauptstadt Asunción

Statue eines Fötus an einem zentralen Platz in der Hauptstadt Asunción

Foto: Mayeli Villalba / DER SPIEGEL

An einem zentralen Platz in Asunción steht die Skulptur eines riesigen Fötus mit geschlossenen Augen und einer Nabelschnur, die aus dem runden Bauch ragt, um ihn herum eine Art Ring, der den Uterus symbolisiert. »Das Wunder des Lebens«, steht darunter. Nach Paraguay haben inzwischen auch andere Länder in Lateinamerika ein Register für Ungeborene eingeführt, darunter Chile. Die entsprechenden Gesetzestexte werden laut openDemocracy offenbar per Copy-and-paste angepasst. »Paraguay ist klein und unwichtig, niemand sieht hin«, sagt die Menschenrechtsaktivistin Moragas, »aber was hier funktioniert hat, lässt sich auf andere Länder übertragen.«

In einer ärmlichen Trabantenstadt im Süden von Asunción neigt sich der Tag dem Ende zu, die Moskitos werden aggressiver. Aleli Talavera, 26, tritt vor die Tür des unverputzten Hauses, in dem sie wohnt und für das sie sich ein wenig schämt. Sie trägt eine Jogginghose; ihr Gesicht wirkt müde, als sie ein paar Eimer und alte Plastikstühle zum Sitzen zusammenträgt. Sie lacht, ein bisschen zu laut, wird im Gespräch immer leiser werden.

Mit 16 wurde sie schwanger von ihrem damaligen Freund, die religiöse Familie reagierte empört. Man brachte sie in eine Institution für Mädchen, gegen ihren Willen. Dort habe sie gratis essen können und gelernt, wie man Windeln wechselt und Babys wäscht. Ein einziges Foto besitzt sie aus der Zeit, darauf ein lachendes Mädchengesicht und ein riesiger Bauch im blauen Kleidchen.

Mit 16 wurde Aleli Talavera schwanger von ihrem damaligen Freund

Mit 16 wurde Aleli Talavera schwanger von ihrem damaligen Freund

Foto: Mayeli Villalba / DER SPIEGEL

Als ihr Sohn einen Monat alt war, musste Talavera das Haus verlassen. Sie ging zurück zu ihrer Mutter, wo sie noch immer wohnt. Der Vater des Kindes habe ihren Sohn nie sehen wollen. »Ich konnte nicht das Leben leben, das ich mir gewünscht habe«, sagt sie. Ihre Zukunft sei durch die Schwangerschaft dunkler und härter geworden.

Früher mochte sie Mathematik in der Schule, wollte eigentlich studieren, am liebsten Pharmazie. Sie hofft, dass das noch irgendwie klappt. »Ich brauche das, für mich«, sagt sie leise. Ihre Hände spielen mit einem Haargummi. Aber wenigstens habe sie nur ein Kind.

Jeden Morgen steht sie um halb vier auf, läuft zur Bushaltestelle, fährt in die Stadt, wo sie für eine Reinigungsfirma arbeitet. Um sechs beginnt sie zu putzen, im Bildungsministerium. Gegen 17 Uhr kommt sie nach Hause. Die Firma, sagt sie, zahle ihr nur auf dem Papier den offiziellen Mindestlohn von 2.530.000 Guarani, rund 320 Euro, in Wirklichkeit gebe man ihr rund ein Drittel weniger.

»Ich habe keine anderen Möglichkeiten«, sagt sie.

Ihrem Sohn würde sie gerne das Fußballspielen ermöglichen, aber sie könne sich den Vereinsbeitrag nicht leisten. Hilfe vom Staat erhält sie keine.

Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Version des Textes stand, die evangelikale Alliance Defending Freedom (ADF) soll von 2007 bis 2018 mindestens 44 Millionen US-Dollar in Südamerika ausgegeben haben. Das ist nicht korrekt. Tatsächlich wurden insgesamt mindestens 44 Millionen US-Dollar durch 20 christlich-neurechte Organisatio­nen gespendet – davon soll die ADF laut einer Recherche von openDemocracy in dieser Zeit allein knapp eine Million US-Dollar in Südamerika ausgege­ben haben. Wir haben die Stelle angepasst.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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