Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
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Es ist wohl eines der bekanntesten Selfies der Welt: das Foto des syrischen Geflüchteten Anas Modamani mit der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Modamani machte es 2015 – ohne zu wissen, wer die Frau war, die da in einem schwarzen Wagen vorgefahren wurde.
Ein Promi, vermutete er und streckte den Arm zum Selfie aus. Ein Agenturfotograf fing den Moment ein. So ging es um die Welt – quasi als Bild vom Bild. Und als Illustration der Worte, mit denen die Kanzlerin Geschichte schrieb: »Wir schaffen das!«
Modamani an der Seite von Kanzlerin Merkel 2015 in Berlin: Er kannte sie nicht
Foto:Sean Gallup / Getty Images
Zehn Jahre sind seitdem vergangen. Modamani, Merkel, Deutschland haben sich verändert. Meine Kollegin Fiona Ehlers hat das zum Anlass genommen, um Modamani zu treffen und mit ihm über sein Leben in Deutschland zu sprechen.
Und siehe da: Der Selfie-Mann macht noch immer Bilder – jetzt aber beruflich, als Videojournalist. Er arbeitet im Newsroom der Deutschen Welle und führt einen Videoblog auf TikTok und Instagram. Dort redet er mit Arabisch sprechenden Menschen über ihren Alltag in Deutschland.
Und: Er hat Angela Merkel noch einmal getroffen. »Das war ihm sehr wichtig, auf die Ex-Kanzlerin lässt er bis heute nichts kommen«, erzählte mir Fiona. Er habe Merkel beweisen wollen, wie gut er Deutsch spricht. Und wie sehr er sich in dem Land zu Hause fühlt, dessen Staatsbürgerschaft er vor drei Jahren annahm.
Besucher Modamani, Ex-Kanzlerin Merkel 2025 in Merkels Büro: Ein zweites Treffen, zehn Jahre danach
Foto:Privat
»Frau Merkel stellte viele Fragen«, erzählte Modamani Fioana später im Interview. »Ob ich glaube, es geschafft zu haben. Ich würde sagen, Hälfte, Hälfte.« Schließlich bekommt er den zunehmenden Rassismus im Land mit, nein, er bekommt ihn ab: »Modamani ging durch harte Zeiten, war einsam, ungeduldig und erschüttert, als Rechtsextreme und Trolle seine Fotos im Netz manipulierten – aber er stand immer wieder auf«, sagte mir Fiona.
Die Folgen des Jahres 2015, die guten und die schlechten, zeigt sie in einem Text auf, den ich Ihnen diese Woche empfehlen möchte. Für den hat sie übrigens auch die Münchner Freiwillige Marina Lessig, den Bürgermeister von Clausnitz Michael Funke und den damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck gesprochen.
Was mir an Fionas Artikel besonders gefällt: Er fungiert als Resümee, setzt aber nicht Zahlen, sondern die Geschichten von Menschen in den Fokus. Lesen Sie hier den Text .
Was diese Woche noch gut war – für die Welt:
Auf der Suche nach Meeresriesen
Riesenkorallen sind jahrhundertealt und mehrere Meter breit. Manche erreichen sogar die Größe eines Blauwals. In ihren Skeletten speichern sie außerdem Informationen über die Umweltbedingungen im Laufe der Zeit – weshalb sich Klimaforschende mit jedem Korallenfund neue Erkenntnisse erhoffen. Meeresbiologe Simone Montano lädt deshalb inzwischen nicht mehr nur andere Wissenschaftler, sondern auch Taucher und Schnorchler zum Mitmachen ein. Wie, das erfahren Sie hier .
Koralle des Faafu-Atolls auf den Malediven: Über Jahrhunderte gewachsen
Foto: Map the GiantsNeue Perspektiven für Carsharing
Ohne Fahrer, dafür mit Fernlenkung: Bisher fehlte in Deutschland für solche Fahrzeuge die gesetzliche Grundlage. Das soll sich nun nach dem Willen des Bundesverkehrsministeriums ändern. Mit der Straßenverkehr-Fernlenk-Verordnung hat das Ministerium nach eigenen Angaben einen Rechtsrahmen für die Erprobung ferngelenkter Kraftfahrzeuge im öffentlichen Straßenverkehr geschaffen. Zunächst soll es eine fünfjährige Erprobungsphase geben. Es könnte etwa beim Carsharing eingesetzt werden. Lesen Sie hier die ganze Meldung.
Umgang mit NS-Raubkunst
Mehr als 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat der Bund ein Ölgemälde des Malers Ferdinand Georg Waldmüller an die Nachfahren der jüdischen Unternehmerin Grete Klein aus Wien zurückgegeben. Das Bild »Hansl’s erste Ausfahrt (Heimkehrende Kinder)« gilt als NS-Raubkunst, wie Kulturstaatsminister Wolfram Weimer mitteilte. Mit der Rückgabe erkennt der Bund nach eigenen Angaben das Schicksal von Klein an, die vor den Nationalsozialisten fliehen musste und enteignet wurde. Erfahren Sie hier mehr über das Bild – vor allem aber über die Geschichte der Unternehmerin.
Verarztete Maus
Unbekannte hatten die Mausfigur vor dem WDR-Gebäude in Köln in Brand gesetzt. Empörte Fans rückten nun mit Pflastern an. Zugleich kündigte der Sender eine »längere Kur« an, um die »Brandwunden« der Maus zu versorgen. »Sie kommt auf jeden Fall so schnell wie möglich wieder«, versprach der Leiter des Kinderprogramms Matthias Körnich. Lesen Sie hier mehr Hintergründe zu den Verletzungen der Maus.
Pflaster für die Maus: »Sie kommt auf jeden Fall so schnell wie möglich wieder«
Foto:Jonas-Erik Schmidt / dpa
Was gut ist – für Sie:
So veranstalten Sie eine gelungene Gartenparty
Augustkinder aufgepasst: Wenn sich der Wettergott erbarmt, könnten Sie ihren Geburtstag in den kommenden Wochen womöglich mit einer Gartenparty feiern. Ich hoffe sehr darauf – wobei es in meinem Fall dann doch der Balkon und keine Grünfläche wird. Hauptsache, draußen! Sollte die Sonne tatsächlich scheinen, werde ich für die Vorbereitung diesen Text meiner Kollegin Lena Baum zurate ziehen. Darin gibt sie Tipps für eine gelungene Gartenparty und teilt leckere Rezepte.
So sagen Sie Ihrer Unsicherheit Hallo
Viele Menschen wünschen sich, dass ihre Schüchternheit endlich verschwindet. Doch ist es oft hilfreicher, das Gefühl von Unsicherheit zu akzeptieren, anstatt es zu bekämpfen. Klingt paradox, ist aber oft der Schlüssel für einen souveränen Umgang mit sozialen Situationen. Wie das gelingen kann und mit welcher Dialogübung Sie eine positive Haltung trainieren können, erfahren Sie in der neuen Folge des Coachings »Mehr Sicherheit gewinnen«.
So optimieren Sie mit Nichtstun Ihr Leben
In meinem Alltag nehme ich mir nur selten Zeit für Ruhe: Wenn ich aufräume, dann höre ich Podcasts. In der Bahn lese ich News und vor dem Einschlafen checke ich, klar, Social Media. Ein Tag hat schließlich nur 24 Stunden, denke ich, da gehört viel erledigt und viel gelernt. Geht’s Ihnen ähnlich? Dann empfehle ich Ihnen dieses Interview mit Neurowissenschaftler Joseph Jebelli. Er erforscht das sogenannte Ruhenetzwerk im Gehirn und erklärt, warum Erholung nicht der Gegensatz zu Arbeit ist, sondern ein integraler Bestandteil davon.
Und sonst?
Zum Abschluss möchte ich Ihnen noch einen Modetipp geben. Keine Sorge, das wird hier keine Stilberatung, viel eher möchte ich Ihnen das Modelabel Buzigahill des ugandischen Designers Bobby Kolade vorstellen: eine Marke, die sich der Nachhaltigkeit verschrieben hat.
Designer Bobby Kolade: Aus alt mach neu
Foto: Buzigahill»Uff«, denken Sie jetzt vielleicht, »ist ja ganz was Neues.« Und ich gebe Ihnen recht: Nachhaltige Modemarken gibt es mittlerweile viele. Was Buzigahill jedoch von anderen abhebt, ist der radikale Verzicht auf die Produktion neuer Stoffe – Kolade bezieht seine Materialien stattdessen ausschließlich auf dem Owino Market, einem riesigen Secondhandmarkt in Kampala.
Jährlich werden dort bergeweise Altkleider aus dem Globalen Norden hingebracht. In ganz Uganda sollen laut Informationen der britischen Nichtregierungsorganisation WasteAid mehr als 90.000 Tonnen pro Jahr landen – ein Großteil davon aus Kleidersammlungen in der Europäischen Union.
Buzigahill ist damit also nicht einfach nur eine nachhaltige Marke. Sie ist ein politisches Statement: eine Hommage an die Menschen, die von Secondhandkleidung leben, und eine Kritik am sogenannten »Müllkolonialismus«, schreibt mein Kollege Philipp Löwe in einem Text (Hier können Sie ihn lesen .), für den er Designer Kolade gesprochen hat. Darin teilt Philipp nicht nur Einblicke in die neueste Kollektion von Buzigahill, sondern zeigt auch die Umweltkosten in der Modeindustrie auf.
Designs von Buzigahill: Mode und politisches Statement zugleich
Foto: Bernd Von Jutrczenka/ dpaDen Ansatz von Kolade findet er deshalb, trotz des hohen Aufwands und der niedrigen wirtschaftlichen Rentabilität, inspirierend: »Nichts Neues zu schaffen, sondern mit dem Vorhandenen zu arbeiten und dadurch langfristig Müll zu reduzieren. Dieser Ansatz kann nicht nur von Designer:innen übernommen werden, sondern auch von Konsument:innen«, sagte er mir.
Ich wünsche Ihnen ein gutes Wochenende und allzeit gute Fahrt. Und wenn Sie sich bisher nicht für unseren wöchentlichen Newsletter angemeldet haben, können Sie ihn hier gratis bestellen.
Herzliche Grüße
Ihre Anastasia Trenkler, Redakteurin im Nachrichtenressort des SPIEGEL