Was wurde aus Black Lives Matter? »Wir richten den Blick nach innen«
Yonasda Lonewolf, Black-Lives-Matter-Aktivistin
»Niemand ist an diesem Tag gestorben. Es brannten bloß Dinge, Fenster gingen zu Bruch - aber George Floyd ist nicht mehr hier.«
George Floyd
»Ich kann nicht atmen. Bitte nehmen Sie ihr Knie von meinem Genick.«
25. Mai 2020 – der Afro-Amerikaner George Floyd wird in Minneapolis von einem weißen Polizeibeamten qualvoll getötet. Die Tat löst eine der größten Protestbewegungen in der Geschichte der USA aus – vereinzelt enden Demos mit Ausschreitungen. »Black Lives Matter« wird endgültig zum Namen einer neuen Bürgerrechtsbewegung.
Wo steht die Bewegung heute, was hat sie verändert? Um das zu verstehen, haben wir drei Menschen getroffen – eine Aktivistin, einen Anwalt und einen Pastor aus der schwarzen Community in Atlanta – wo die Bürgerrechtsbewegung ihre Ursprünge hat.
Fabian Pieper, DER SPIEGEL
»Schön, Sie endlich zu treffen.«
YoNasDa Lonewolf, Black-Lives-Matter-Aktivistin
»Yeah.«
YoNasDa Lonewolf, Black-Lives-Matter-Aktivistin
»Wir haben mit 300 Leuten gerechnet und dann sehen wir, von dort ganz hinten bis zum CNN-Gebäude Hunderte Menschen.«
In den Tagen, nachdem das Video von Floyds Tod um die Welt geht, gibt es immer mehr Demonstrationen in den USA. Mitten in der Corona-Pandemie, durch die im Land zu Beginn die Sterberate bei Schwarzen deutlich höher ist als die bei Weißen – die soziale Ungleichheit wird in dieser Zeit für alle noch sichtbarer als ohnehin schon. In Atlanta organisiert YoNasDa Lonewolf am 29. Mai die erste Demo in der Stadt – und die wird nicht ohne Folgen bleiben.
Fabian Pieper, DER SPIEGEL
»Warum, glauben Sie, sind so viele Menschen auf die Straße gegangen?«
YoNasDa Lonewolf, Black-Lives-Matter-Aktivistin
»Alle waren es leid - ich will sagen die Regierung, aber es geht um das System. Wir mussten alle wegen Covid erleben, wie geliebte Personen gestorben sind, wir hatten Angst vor dem Tod. Und vor diesem Hintergrund haben wir Polizeigewalt gesehen, und niemand konnte wegschauen.«
YoNasDa Lonewolf sagt über sich, sie sei »in die Protestbewegung geboren worden.« Sie ist Aktivistin und Rapperin, setzt sich für Schwarze und Native Americans ein und organisiert schon lange Demos und Community-Events.
Die Black-Lives-Matter-Demo, die Lonewolf mitorganisiert, bleibt nicht friedlich. Polizei und Demonstranten geraten aneinander – die Situation eskaliert. Direkt neben dem Olympia-Park befindet sich der Sitz von CNN. Hier entlädt sich die Wut einiger Protestierender, sie demolieren den Eingang des Sendergebäudes, zünden Polizeiautos an die Nationalgarde kommt.
YoNasDa Lonewolf, Black-Lives-Matter-Aktivistin
»Ich habe das Gefühl, dass das sehr notwendig war, denn einige Dinge müssen groß sein, Symbole. Niemand ist gestorben an diesem Tag und in dieser Woche, als die Nationalgarde… einige wurden eingesperrt, aber es brannten bloß Dinge, Fenster gingen zu Bruch, aber George Floyd ist nicht mehr hier.«
Dass hier Polizeiautos bei Protesten brennen, ist untypisch für die Stadt, über die ein Sprichwort sagt, sie sei zu beschäftigt, um zu hassen. Atlanta und insbesondere der Stadtteil Sweet Auburn sind die Wiege der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, die – wie wir später erfahren werden – bis heute für gerechtere Gesetze kämpft. Hier lebte und predigte Martin Luther King in der Ebenezer Baptist Church sein Konzept des gewaltlosen Widerstands gegen die Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung.
Martin Luther King jr., Bürgerrechtler
»Wir sind auf dem Weg.«
33 Prozent der Einwohner von Georgia sind Afro-Amerikaner – und erst seit dem Voting Rights Act 1965 dürfen sie ohne Einschränkungen wählen.
Gerald Griggs, Bürgerrechtler und Anwalt
»Ich bin die erste Person in meiner Familie, die mit all ihren Rechten geboren wurde.«
Gerald Griggs wuchs in Atlanta und mit der Bürgerrechtsbewegung auf, sein Vater lebte drei Häuser neben Martin Luther King. Der Anwalt vertritt schwarze Opfer von Polizeigewalt. Und Griggs ist Präsident der NAACP in Georgia, eine der ältesten und politisch einflussreichsten Bürgerrechtsbewegungen der USA.
Gerald Griggs, Bürgerrechtler und Anwalt
»Die meisten Afro-Amerikaner dachten, die Bürgerrechtsbewegung sei eine längst vergangene Ära, aber mit der Black-Lives-Matter-Bewegung, der Forderung nach sozialer Gerechtigkeit, sind wir mitten in einer ähnlichen Bewegung. Viele von uns haben es in Machtpositionen geschafft, ob es Mandatsträger oder Vorstandsmitglieder sind. Das ist ein Beispiel dafür, wie Aktivismus die Legislative beeinflusst.«
Rund 90 Prozent der schwarzen Wähler stimmten 2020 für Joe Biden, als zweitgrößte Minderheit der USA stellen sie eine entscheidende Wählergruppe.
Joe Biden, US-Präsident / 29. April 2021
»Wir haben alle das Knie der Ungerechtigkeit im Nacken der schwarzen Bevölkerung Amerikas gesehen.«
Die Regierung kündigte an, auf Worte Taten folgen zu lassen: George Floyds Familie wurde ins Kapitol eingeladen, die Demokraten versprachen ihr und der Community unter anderem die Umsetzung des George-Floyd-Justice-in-Policing-Act, ein umfassendes Polizeigesetz, das auch »Racial Profiling« verhindern soll. Doch das Gesetz versandet momentan im Senat.
Gerald Griggs, Bürgerrechtler und Anwalt
»Wir verstehen, dass Politik verworren sein kann, wir verstehen, dass Kompromisse der Weg sind, um Dinge über die Ziellinie zu bringen. Aber wir sagen auch: Ihr habt uns eine Menge Versprechen gemacht. Und wenn die Versprechen, die gemacht wurden, wie der George-Floyd-Justice-in-Policing- Act, nicht eingehalten werden, wird eine Botschaft aus Georgia kommen.«
Eine Reform ist nötig: Die Wahrscheinlichkeit, dass schwarze Menschen in den USA von der Polizei getötet werden, ist laut einer Aufstellung der Washington Post doppelt so hoch wie bei weißen Menschen. Einige Fälle werden öffentlich in den Gemeinden thematisiert - so wie der Tod von Rayshard Brooks, der kurz nach George Floyd von einem Polizisten in Atlanta erschossen wird, als er sich seiner Verhaftung widersetzt.
Auf Brooks’ Beerdigung in der historischen Ebenezer Baptists Church sprach sogar Martin Luther Kings Tochter.
Bernice Albertine King, Tochter von Martin Luther King
»Hört nicht auf, bis schwarzes Leben in jedem Staat, in jeder Stadt, in jedem Dorf, in jedem Bereich der amerikanischen Gesellschaft und schließlich in der ganzen Welt eine Rolle spielt.«
Gut einen Kilometer von der Ebenezer Church entfernt liegt die First Congregational Church. Hier suchen wir die Antwort darauf, wie »Black Lives Matter« außerhalb der Aktivistenkreise aufgenommen wird. Die kleine historische Kirchengemeinde wurde 1867 als eine der ersten Kirchen von ehemals versklavten Afro-Amerikanern gegründet. Ihr Pastor Dwight Andrews kennt seine Community und die Entwicklungen der letzten Jahre gut.
Dwight D. Andrews, Pastor
»Interessant war, dass viele der jungen Aktivisten keine Verbindung zudem haben, was sie als deutlich konservativere Kirchenperspektive wahrnehmen. Aber es gibt Grenzen für den Protest auf den Straßen, wenn es systemische Probleme gibt, die sich nicht verändern, nur weil man eine Demo gestartet hat. Und ich verstehe, wenn Black-Lives-Matter- Demonstranten erschöpft sind. Dann ist das wegen eines Systems, das nicht auf Proteste reagiert. Wir leben in einem System, das Proteste wahrnimmt, aber dann weiter zu Taylor Swift geht.«
Fabian Pieper, DER SPIEGEL
»Denken Sie, seit 2020 hat sich etwas verändert?«
Dwight D. Andrews, Pastor
»Ich bin mir nicht sicher. Ich denke, was vielen Menschen bewusst geworden sind, ist, wie tief verankert Gewalt gegen Schwarze und junge Menschen ist.«
Zurück an dem Ort, wo Polizeiautos brannten. Was hat sich für Lonewolf, die ihr ganzes Leben dem Protest gewidmet hat, geändert?
YoNasDa Lonewolf, Black-Lives-Matter-Aktivistin
»Viele Aktivistinnen und Aktivisten wurden verprügelt, die Leute sind müde vom Demonstrieren und Protestieren. Ich glaube, es gab einen Wandel bei den Polizeibeamten, die eingestellt werden, es gibt mehr zuverlässige Polizeibeamte, Beamte, die aus der Community kommen.«
Trotzdem bleibt Lonewolf der Polizei gegenüber misstrauisch, doch die drängenderen Probleme liegen für sie momentan aber woanders.
YoNasDa Lonewolf, Black-Lives-Matter-Aktivistin
»Wir richten uns momentan ins Innere im Aktivismus. Egal ob es Gewaltverbrechen unter Schwarzen sind: Ja, schwarze Leben sind wichtig! Deshalb wir müssen aufhören, uns gegenseitig zu töten. Oder ob es um zu wenig Jobs geht, schwarze Leben sind wichtig. Wir sollten genauso viel Geld verdienen wie unsere weißen Gegenüber. Am Ende kommt das alles zusammen.«
Für Lonewolf und die anderen Menschen, die wir getroffen haben, hat sich der Kampf seit George Floyds Tod zunehmend verlagert, von der Straße ins Innere und in die Politik. Aber für alle ist klar: Vorbei ist er noch lange nicht.