Burkina Faso: »Afrika wird zum Spielplatz der Rivalität zwischen NATO und Russland« - DER SPIEGEL
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Tödlicher Anschlag in Burkina Faso »Afrika wird zum Spielplatz der Rivalität zwischen der Nato und Russland«

Bei einem Anschlag in Burkina Faso starben rund 200 Menschen. Dabei wollte die Militärregierung den islamistischen Terror im Land doch besiegen, mithilfe russischer Truppen. Der Experte Bakary Sambe sagt: Diese Strategie ist gescheitert.
Ein Interview von Heiner Hoffmann, Nairobi (Kenia)
Junta-Anführer Ibrahim Traoré mit Wladimir Putin beim Russland-Afrika-Gipfel im Juli 2023 in Sankt Petersburg
Junta-Anführer Ibrahim Traoré mit Wladimir Putin beim Russland-Afrika-Gipfel im Juli 2023 in Sankt Petersburg

Junta-Anführer Ibrahim Traoré mit Wladimir Putin beim Russland-Afrika-Gipfel im Juli 2023 in Sankt Petersburg

Foto: Mikhail Metzel / ITAR-TASS / IMAGO
Globale Gesellschaft

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Der Graben, den sie schaufelten, wurde zu ihrem eigenen Grab. Laut Medienberichten halfen Dutzende Zivilisten im Norden Burkina Fasos am Samstag einer Armee-Einheit dabei, einen Schützengraben auszuheben. Er sollte einen unmittelbar bevorstehenden Angriff von Islamisten stoppen. Doch die Kämpfer der JNIM, einer mit al-Quaida verbündeten Terrorgruppe, kamen schneller als erwartet. Viele hielten noch ihre Schaufeln und Hacken in den Händen, als sie erschossen wurden.

Laut Beobachtern starben fast 200 Menschen bei der Attacke, darunter Frauen und Kinder. Mehrere Soldaten werden vermisst. Seit Langem sind JNIM und andere Terrorgruppen auf dem Vormarsch, die Militärregierung von Burkina Faso kontrolliert kaum mehr als die Hälfte des Landes.

Die Junta unter Ibrahim Traoré hatte sich 2022 an die Macht geputscht. Sie hat die Verbindungen zum Westen gekappt, Truppen der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich des Landes verwiesen. Stattdessen suchten die neuen Machthaber die Nähe zu Moskau, holten das sogenannte Afrika Korps ins Land – eine Nachfolgegruppe der berüchtigten Wagner-Söldner.

Zur Person
Foto:

Clement Tardif / Timbuktu Institute

Bakary Sambe ist Gründer und Präsident des Timbuktu Institute – African Center for Peace Studies, einem Thinktank mit Sitz in Dakar, Senegal. Er berät als externer Experte die Vereinten Nationen, die Europäische Union und die Afrikanische Union. 2018 wurde er vom New African Magazine als einer der 50 einflussreichsten Intellektuellen auf dem Kontinent vorgestellt.

SPIEGEL: Herr Sambe, was am Samstag im Norden Burkina Fasos passiert ist, gilt als einer der schwersten islamistischen Anschläge der vergangenen Jahre in der Sahelzone. Wie konnte es dazu kommen?

Sambe: Die Sicherheitslage im Land verschlechtert sich von Tag zu Tag. Die militanten Gruppen werden immer mehr. Mindestens 800.000 Menschen in Burkina Faso leben inzwischen unter ihrer Belagerung. Mehr als 2,1 Millionen Menschen wurden gewaltsam aus ihren Heimatdörfern vertrieben. Der einzig relativ sichere Ort ist die Hauptstadt Ouagadougou. In zehn von elf Regionen des Landes gibt es terroristische Aktivitäten. Im Jahr 2023 hat sich die Zahl der getöteten Zivilisten mehr als verdoppelt. Die Junta verbreitet trotzdem Propaganda über ein angeblich stabiles Land; mit der Realität hat das nichts zu tun. Wir sehen ein Versagen des Sicherheitssystems.

SPIEGEL: Die Junta hat sich 2022 mit dem Versprechen an die Macht geputscht, die Unsicherheit im Land zu bekämpfen und die islamistischen Gruppen ein für allemal zu besiegen.

Sambe: Stattdessen hat sich die Lage zunehmend verschlechtert. Das Regime versucht eher, sich selbst zu schützen als die Bevölkerung.

Zunehmend hilflos: Die Armee von Burkina Faso scheitert im Kampf gegen die Islamisten

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Foto: Michele Cattani / AFP

SPIEGEL: In den Sahelstaaten Mali, Niger und Burkina Faso sind Militärjuntas an der Macht, sie haben die einstigen westlichen Verbündeten aus ihren Ländern geworfen und sich stattdessen Russland angenähert. Burkina Faso hat sogar russische Truppen ins Land geholt, sie werden als »Instrukteure« bezeichnet. Ist diese Strategie jetzt gescheitert?

Sambe: Ja, das ist sie. Die russische Präsenz hilft nicht gegen islamistische Aufständische. Warum sollten die Russen Erfolg haben, wo viele andere, die die Region viel besser kennen, versagt haben? Russland will in der Sahelzone vor allem seine Rechnungen mit der Nato und mit Frankreich begleichen. Es geht dem Kreml um wirtschaftliche Vorteile, um die Kontrolle über Gold. Aber die Region hat keine strategische Priorität für Russland.

SPIEGEL: War es also ein Fehler der Juntas, die französischen Truppen rauszuwerfen?

Sambe: Ich würde nicht sagen, dass es ein Fehler war. Burkina Faso und die anderen Sahelländer können ihre Sicherheit nicht mehr auslagern. Sie müssen die Verantwortung selbst übernehmen. Aber es ist auch keine nachhaltige Lösung, Frankreich als eine fremde Macht loszuwerden und sich dann direkt der nächsten zu unterwerfen. Souveränität sieht anders aus.

Moskau statt Paris: Prorussisches Plakat in der Hauptstadt Ouagadougou

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Foto: Achille Abboud / IMAGO

SPIEGEL: Direkt nach dem Putsch war die Junta in Burkina Faso recht populär. Wendet sich die Bevölkerung jetzt angesichts der vielen Anschläge von den Militärs ab?

Sambe: Die anfängliche Bewunderung ist in Angst umgeschlagen. Jede Form von Protest kommt einem Selbstmord gleich. Es gibt zahlreiche Berichte von Journalisten und politischen Aktivisten, die zur Strafe an die Front geschickt wurden, nachdem sie die Sicherheitslage kritisiert hatten. Wirklichen Protest gegen das Regime gibt es nur aus der Diaspora.

SPIEGEL: In vielen anderen afrikanischen Ländern wird Machthaber Ibrahim Traoré trotzdem als starker Anführer gefeiert, als afrikanischer Staatschef, der sich dem Westen entgegenstellt. Woher kommt diese Faszination?

Sambe: Dahinter steckt nicht unbedingt eine besondere Anziehungskraft Traorés, sondern eher die Abneigung gegen Frankreich. Traoré ist ein Symbol der Auflehnung gegen den Westen. Die Leute feiern das. Viele Menschen, die Traoré vergöttern, wissen nicht genug über die wirkliche Situation in Burkina Faso. Es ist viel Desinformation im Umlauf.

Mehr zum Thema

SPIEGEL: Russland ist dafür bekannt, Desinformationskampagnen in Afrika zu koordinieren, um Stimmung gegen den Westen zu machen.

Sambe: Afrika wird immer mehr zum Spielplatz der Rivalität zwischen der Nato und Russland. Das ist ein großes geopolitisches Risiko, der russisch-ukrainische Konflikt wird nach Afrika importiert, zusätzlich zu unseren eigenen Sicherheitsherausforderungen.

SPIEGEL: Der ukrainische Geheimdienst hat kürzlich mitgeteilt, er habe lokale militante Gruppen in Mali bei einem Schlag gegen Wagner unterstützt. Dabei wurden mehrere russische Kämpfer getötet oder gefangen genommen.

Sambe: Das zeigt, wie die Region immer mehr in diesen Konflikt hineingezogen wird. Das ist für alle Seiten sehr gefährlich.

Prorussische Demonstranten in Ouagadougou nach dem Putsch 2022

Prorussische Demonstranten in Ouagadougou nach dem Putsch 2022

Foto: Issouf Sanogo / AFP

SPIEGEL: Wie sollte der Westen, sollte Europa, auf die Situation in der Sahelzone reagieren?

Sambe: Der Westen ist in einem Dilemma gefangen. Er wird automatisch beschuldigt, eine Pro-Nato-Agenda zu vertreten. Aber nach dem Rauswurf Frankreichs können Länder wie Deutschland einspringen und sich auf Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe konzentrieren. Sie können den Hunger bekämpfen. Gleichzeitig sollten sie nicht in die Falle tappen, um jeden Preis mit den Juntas zusammenzuarbeiten. Die internationale Gemeinschaft muss sich weiterhin für Demokratie in der Sahelzone einsetzen. Wir können nicht das Risiko eingehen, die Region autokratischen und islamistischen Kräften zu überlassen, das wäre eine Katastrophe und würde zu weitreichender Instabilität führen. Die Folgen würde auch Europa zu spüren bekommen – in Form von massiver Migration.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Eine ausführliche FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.