Moskau, Russland
Die Nawalny-Vertraute Juristin und Politikerin Ljubow Sobol wird mitten beim Interview von der Polizei gewaltsam weggeschleppt.
»Faschisten!«
Die Bürgerrechtsorganisation OWD dokumentiert, wie sogar Kinder festgenommen werden. Szenen aus der russischen Hauptstadt am Samstag.
Christian Esch, DER SPIEGEL
»Es sind viele Menschen gekommen. Wie viele, ist schwer zu sagen, denn der Platz ist abgesperrt und viele haben es gar nicht geschafft, hier hinzukommen. Was ich an Menschen hier gesehen habe, sind zumeist junge Menschen, zumeist Männer, aber nicht sehr viele Minderjährige. Das war die Vermutung, dass viele Minderjährige auch auftauchen werden, weil auf TikTok über diese Veranstaltungen viel berichtet wurde. «
Überall in ganz Russland gingen Menschen an diesem Samstag auf die Straße, um für die Freilassung des inhaftierten Oppositionspolitikers Alexej Nawalny zu demonstrieren.
In Sibirien trotzten Tausende Menschen der Kälte, wie hier in Irkutsk: In Sprechchören riefen sie Präsident Putin auf, zurückzutreten.
Videos aus den östlichsten Teilen des Landes wurden bereits am frühen Morgen über soziale Medien geteilt – und kommentiert: »Tomsk ist auch cool«, twitterte Boris Zolotorevskij, ein Mitstreiter Nawalnys.
Chabarowsk, Russland
Nawalnys Anhänger dokumentierten mit Handykameras die Festnahmen, wie hier in Chabarowsk an der chinesischen Grenze gab es sie überall im Land.
Christian Esch, DER SPIEGEL
Es ist ein starkes Zeichen jedenfalls dafür, dass die Leute am Schicksal von Alexej Nawalny Anteil nehmen.
Nawalny war am vergangenen Sonntag direkt nach seiner Rückkehr aus Deutschland in Moskau festgenommen worden. In Berlin war der 44-Jährige nach einem Giftanschlag im August behandelt worden, für den der Oppositionelle den Kreml verantwortlich macht. Am Montag verhängte ein russisches Gericht in einem Eilverfahren 30 Tage Haft gegen ihn wegen Verstoßes gegen Bewährungsauflagen. Dafür drohen ihm dreieinhalb Jahre Gefängnisstrafe.
Zeitgleich hatte es Nawalny geschafft, mit der Veröffentlichung dieses Videos für Aufruhr und Millionenfache Klicks zu sorgen: Aufnahmen, die Putins eine Milliarde Euro teure »geheime Prunk-Villa« am Schwarzen Meer zeigen sollen, gingen um die Welt. Der Kreml dementierte umgehend, dass ihr Chef eine solche Villa besitze – die russischen Staatsmedien ignorierten den Bericht.
Christian Esch, DER SPIEGEL
»Die Frage ist jetzt: Was bedeutet das für Wladimir Putin? Ich glaube, die wichtige Frage, die sich für ihn jetzt stellt, ist: Wie findet er die richtige Mischung aus Repression einerseits und Zulassen andererseits, um mit dieser Herausforderung umzugehen? Und die zweite Frage ist natürlich: Wie wirkt sich diese Protestwelle aus auf die Duma-Wahlen, die im September stattfinden?«
Die Sicherheitskräfte in Moskau setzten zumindest rigoros ihren Arbeitsauftrag um, sie fingen bereits vor den angekündigten Demonstrationen mit den Festnahmen an. Unter den Festgenommenen ist auch Nawalnys Ehefrau Julia. Sie veröffentlichte am Samstag ein Foto aus einem Gefangenentransporter der Polizei. Die Bürgerrechtsorganisation OWD schätzte bereits am Mittag die Zahl der landesweiten Festnahmen insgesamt auf mehr als 800.