Ein Jahr nach dem Jahrhundertbeben in der Türkei und in Syrien: Noch immer ist die Katastrophe in den betroffenen Gebieten sichtbar. Noch immer trauern die Menschen hier über den Verlust von Familienangehörigen und Freunden. SPIEGEL-Redakteurin Anna-Sophie Schneider hat die Provinz Hatay besucht.
Anna-Sophie Schneider, DER SPIEGEL:
»Die Stimmung ist wahnsinnig bedrückend. Was die Leute natürlich auch ein Jahr später mit sich herumtragen, ist es, dass sie ihre Bekannten, Verwandten, Freunde nicht richtig beerdigen konnten. Das heißt, dass alles in einer großen Eile passiert. Die ganzen Rituale des Abschiednehmens konnten nicht stattfinden, und das führt dazu, dass dieser Trauerprozess einfach auch weitergeht. In der Region sind nach wie vor Nachbeben, was dann immer wieder dieses Trauma auslöst. Also gerade bei den Kindern, die dann sehr, sehr schnell wieder in der Nacht vom 6. Februar sind.«
In jener Nacht vor einem Jahr bebte die Erde im Südosten der Türkei und im Norden Syriens mehrmals und so stark, dass mehr als 55.000 Menschen starben. 150.000 Menschen verletzten sich zum Teil schwer und Hunderttausende leiden immer noch unter den Folgeschäden der Naturkatastrophe.
Anna-Sophie Schneider, DER SPIEGEL:
»Erdoğan hat damals versprochen, dass alles wieder aufgebaut wird. Und zwar schöner, besser und sicherer. Er wollte seinen potenziellen Wählerinnen und Wählern damals schnelle Hilfe zusichern. Das Land stand drei Monate vor dem Präsidentschaftswahlkampf, und bis zum Jahrestag wollte die Regierung mehr als 300.000 Wohnungen fertig gebaut haben. Jetzt, ein Jahr nach dem Beben, kann man schauen, was aus diesen Versprechungen geworden sind.«
Zum Jahrestag liegt vor allem Antakya, die Provinzhauptstadt, immer noch in Trümmern. Viele Gebäude müssten eigentlich abgerissen werden. Schulen fehlen, Krankenhäuser sind zerstört. Mehr als 200.000 Menschen leben in der Provinz Hatay weiterhin in Containerstädten. Und Gefahr droht auch durch Altlasten in den zerstörten Gebäuden: Gesundheitsexperten rechnen in den nächsten Jahren mit einem massiven Anstieg an Krebserkrankungen.
Anna-Sophie Schneider, DER SPIEGEL:
»Mitten in den Wohngebieten wird Beton und Metall getrennt. Und das, obwohl man in sehr vielen Stichproben in der Region festgestellt hat, dass es Asbest in den zerstörten Gebäuden gibt. Das heißt, das Gesundheitsrisiko ist riesig. Die Leute wurden davor gewarnt und trotzdem trägt dort niemand eine Maske. Weder die Bauarbeiter noch die Anwohner. Und das ist eine tickende Zeitbombe.«
Gesundheitsexperten rechnen in den nächsten Jahren mit einem massiven Anstieg an Krebserkrankungen. Doch wie kommt es, dass immer wieder die Türkei von Erdbeben betroffen ist?
Das Land ist ein Erdbebenland: Das Gebiet ist seismisch sehr aktiv. In der sogenannten Ostanatolischen Störungszone, in der die anatolische und die arabische Platte aneinanderstoßen, entstehen Spannungen in der Erdkruste, die die vergangenen Beben ausgelöst haben. Auch die türkische Metropole Istanbul gilt als gefährdet.
Anna-Sophie Schneider, DER SPIEGEL:
»Hier leben 16 Millionen Menschen. Es ist sehr eng gebaut. Es wurden in den vergangenen Jahren auch viele Freiflächen, in denen man sich vielleicht versammeln könnte, zugebaut. Und die Frage, ob es hier ein Beben geben wird, die stellt sich nicht. Die Katastrophe wird kommen. Nur wann, kann keiner sagen.«
Im März finden in der Türkei Kommunalwahlen statt. Der Wiederaufbau und der Schutz vor weiteren Erdbeben werden wichtige Themen sein. Nicht abzusehen ist, ob es bei den üblichen Wahlkampfversprechen bleibt oder ob sich in den betroffenen Gebieten für die Menschen nachhaltig etwas ändert.