Femizide in der Türkei Diese Frau will das Morden in ihrem Land stoppen
Demonstranten:
»AKP, schau nicht weg, wende endlich die Gesetze an.«
»Die Regierung tötet uns. Ohne Regierungswechsel ändert sich nichts.«
Recep Tayyip Erdoğan, türkischer Präsident:
»Man kann Frauen und Männer nicht gleichstellen. Das ist gegen die Natur.«
Seit Jahren werden in der Türkei Frauen- und LGBTQ-Aktivisten angegriffen, Demonstrierende verhaftet. Trotz der Repressionen flammen nun im ganzen Land wieder Proteste auf.
Demonstranten:
»Mörder AKP«
Der Auslöser: Ein 19-Jähriger, offenbar psychisch-kranker Mann, hat mitten in Istanbul zwei seiner Ex-Partnerinnen, Ayşenur Halil und Ikbal Uzuner, getötet. Eine von ihnen köpfte er öffentlich. Danach beging er Selbstmord. Passanten filmten die Tat.
Die Bilder verbreiteten sich auf sozialen Medien, werden millionenfach gesehen – junge Frauen haben Angst.
Rloeyyan, TikTokerin:
»Jetzt hat ein Typ einer Frau den Kopf abgeschnitten und ist von der Stadtmauer gesprungen.«
Jedes Jahr töten Partner, Ex-Partner oder nahestehende Männer Hunderte Frauen in der Türkei. Auch, weil Behörden Gesetze ignorieren und Warnungen Betroffener nicht ernst nehmen.
Çiğdem Kuzey, Schwester der ermordeten Muhterem Evcil:
»Sie sagten: ›Es gab keinen größeren Angriff, der Vorfall ist kein größerer Vorfall‹ und ließen ihn gehen.«
Wir haben mit Aktivistinnen, Hinterbliebenen und einer NGO gesprochen, um herauszufinden, wie sie in einem Land leben können, das sie nicht schützt.
Güneş Akşahin probt ihre Rede. Die 22-jährige Studentin plant heute mit ihrer Gruppe, der »Föderation junger Feministinnen«, im Istanbuler Stadtteil Kadıköy zu demonstrieren. Die letzten Plakate werden vorbereitet.
Güneş Fadime Akşahin, Föderation junger Feministinnen:
»Es ist eine Woche her, dass die Frauen getötet wurden. In dieser Zeit haben wir viel organisiert. Um unsere Anteilnahme am Tod unserer Schwestern Ikbal Uzuner und Ayşenur Halil zu zeigen, veranstalten wir einen Marsch.«
Die meisten hier sind zwischen 18 und 22 Jahre alt, viele von ihnen angehende Krankenschwestern oder Studentinnen. Auf dem Lieblingsplakat der 18-jährigen Merve Karajan steht: »Die, die eine unterwürfige Frau wollen, können heulen und es in ihr Tagebuch schreiben.« Andere Slogans fordern eine Revolution. Die Polizei in der Türkei ist dafür bekannt, solche Proteste gewaltsam aufzulösen. Macht ihr das keine Sorgen?
Merve Karajan, angehende Studentin:
»Ja, die Angst ist da, dass so etwas wieder passiert. Viele haben das bereits selbst erlebt, aber wenn wir unsere Stimme nicht erheben, wird die Situation noch schlimmer.«
Güneş Fadime Akşahin, Föderation junger Feministinnen:
»Wir gehen los, auf geht’s, wir gehen auf der Straße.«
Um kurz nach halb fünf marschiert die Gruppe Richtung Startpunkt. Die Polizei wird dort schon auf sie warten.
Zwei Tage zuvor haben wir Çiğdem Kuzey getroffen. Sie zeigt uns Fotos ihrer Schwester Muhterem. Die lebt nicht mehr – ihr Ehemann hat sie ermordet.
Çiğdem Kuzey, Schwester der ermordeten Muhterem Evcil:
»Wenn ich diese Bilder sehe, wünschte ich, wir hätten mehr zusammen erlebt. Ich habe viele Erinnerungen gesammelt und habe Muhterem geliebt. Sie war vier Jahre jünger als ich und hat immer gesagt, dass sie die eine Hälfte eines Apfels ist und ich die andere Hälfte.«
Muhterem wurde über lange Zeit von ihrem Ehemann bedroht und geschlagen. 2013 will sie sich schließlich scheiden lassen. Ihre Schwester Çiğdem will ihr helfen.
Çiğdem Kuzey, Schwester der ermordeten Muhterem Evcil:
»Wir gingen zu einem Anwalt. An dem Abend, an dem wir hingingen, rief ihr Mann sogar den Anwalt an und sagte: ›Wenn Sie diesen Scheidungsfall durchziehen, werde ich Sie vor dem Gerichtsgebäude töten, ich werde Sie und Muhterem töten.‹«
Ihr Mann schlägt Muhterem sogar auf der Arbeit. Die Polizei nimmt ihn vorläufig fest, lässt ihn aber am nächsten Tag frei. Die Begründung: Die Tat sei nicht schwer genug für eine dauerhafte Festnahme.
Kurz danach erhält Çiğdem einen Anruf.
Çiğdem Kuzey, Schwester der ermordeten Muhterem Evcil:
»Sie riefen mich an und sagten, Serdar habe Muhterem angegriffen und geschlagen. Als ich kam, wusste ich nicht viel darüber, was passiert war. Die Polizei, der Rettungsdienst und die Ärzte ließen uns nicht zu ihr. Es stellte sich heraus, dass ihr Mann vor zehn Minuten eingetroffen war. Innerhalb von 58 Sekunden stach er Muhterem achtmal in lebenswichtige Bereiche, in das Herz und in die Leistengegend und tötete sie auf der Stelle.«
Ihre Schwester wurde nur 31 Jahre alt. Der Täter sitzt seitdem im Gefängnis, muss noch 15 Jahre absitzen, dann könnte er freigelassen werden. Der Mord löste auch damals Proteste aus. Gesetze wurden erlassen, ein Park nach Muhterem benannt. Doch wirklich geändert hat sich in den Augen von Kuzey auch 11 Jahre später nichts.
Çiğdem Kuzey, Schwester der ermordeten Muhterem Evcil:
»Solange Politiker nicht aufhören zu sagen: ›Frauen sollten sich nicht so und so kleiden, Frauen sollten nicht ausgehen, wenn sie schwanger sind, Frauen sollten auf der Straße nicht ihre Stimme erheben, sie sollten nicht protestieren, sie sollten nicht schreien‹, wird sich nichts ändern.«
Sie trauen sich heute, laut zu sein und der Staatsmacht zu trotzen. Die jungen Demonstrantinnen in Kadiköy haben mittlerweile Zuwachs bekommen. Unter der Beobachtung bewaffneter Polizisten zieht die Demo Richtung Fähranleger am Bosporus. Es sind mehr gekommen als erwartet.
Güneş Fadime Akşahin, Föderation junger Feministinnen:
»Im Moment ist alles gut, alle sind begeistert. Wir sind kurz davor, die Anlegestelle zu erreichen. Der Protest verläuft erfolgreich.«
DER SPIEGEL:
»Wie viele Menschen schätzt du?«
Güneş Fadime Akşahin, Föderation junger Feministinnen:
»Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, wir sind 500 bis 600 Personen. Wir sind glücklich, obwohl der Anlass traurig ist. Diese Menge, diese Frauen, haben geschworen, den Femizid zu stoppen.«
Auf der Demo hört man auch Parolen wie »Mörder AKP«.
Heute filmt die Polizei erst mal nur. Vor nicht allzu langer Zeit hätte sie wegen solcher Parolen wahrscheinlich längst eingegriffen. Mehrere Frauen berichten, bei früheren Demonstrationen bereits vorübergehend festgenommen worden zu sein, auch von Tritten und Schlägen durch Polizisten erzählen sie.
Ein Grund, warum die Ordnungshüter sich aktuell zurückhalten, könnte die schwere Wirtschaftskrise und die öffentliche Debatte über Femizide sein. Es wäre keine gute PR für Erdoğans AKP, jetzt junge Frauen mit Tränengas zu beschießen, während sie gegen Frauenmorde demonstrieren. Später wird die Polizei allerdings dennoch einschreiten.
Sie hilft, Femizide im ganzen Land zu protokolliert und so das Ausmaß der Gewalt gegen Frauen festzuhalten.
Jeden Morgen notiert Şirin Yalıncakoğlu eine Zahl. Es ist die tagesaktuelle Zahl der getöteten Frauen in diesem Jahr, die ihre NGO »Wir beenden Femizide«, ermittelt hat, etwa aus Medienberichten. Am Abend überprüft sie, ob sie gestiegen ist. Heute, am Mittag des 10. Oktober steht die Zahl bei 297.
Auch die beiden getöteten Frauen, deren Tod die aktuellen Proteste entfachten, stehen auf der Liste. Neben Tausenden anderen.
Şirin Yalıncakoğlu, Wir beenden Femizide:
»Ayşenur Hale, Ikbal Özgüner …«
Die Organisation »Wir beenden Femizide« setzt sich dafür ein, dass Femizide nicht als Beziehungstaten oder Affekthandlungen abgetan werden. Sie möchte, dass die Gesellschaft erkennt, dass Frauen getötet werden, weil sie Frauen sind.
Şirin Yalıncakoğlu, Wir beenden Femizide:
»Männer töten aus Gründen wie: Sie ist meine Frau, mein Kind, ich kann tun, was ich will. Ich bin das Oberhaupt des Hauses, sie darf nicht gehen. Wie kann sie sich mir verweigern? Dies wurde durch die Politik mitgetragen. Ein Regierungsmitglied sagte einmal, eine Frau ohne Schleier sei wie ein Haus ohne Vorhänge – jeder kann hereinschauen.«
Und was tut die türkische Regierung? Die ist vor zwei Jahren unter Präsident Erdoğan aus einem internationalen Abkommen zum Schutz von Frauen vor Gewalt ausgetreten.
Recep Tayyip Erdoğan, türkischer Präsident:
»Der eiserne Schild gegen Gewalt gegen Frauen in der Türkei ist das Gesetz Nr. 6284, nicht die besagte (Istanbul-)Konvention, die beunruhigende Worte enthielt.«
»Beunruhigende Worte« sind für Erdoğans Regierung solche, die für »die Normalisierung von Homosexualität« stehen würden. Diese seien mit den sozialen und familiären Werten der Türkei unvereinbar. Dahinter stehen handfeste politische Interessen: die AKP will sich mit dem Austritt aus der Istanbul-Konvention den Rückhalt von erzkonservativen Muslimen und Islamisten im Land sichern.
Als Reaktion auf die Morde und Proteste kündigte Erdoğan an, die Gesetze zu verschärfen.
Recep Tayyip Erdoğan, türkischer Präsident:
»Wir werden niemals zulassen, dass bei Gewalt gegen Frauen und Kinder der Eindruck von Schwäche entsteht.«
Doch was sind solche Ankündigungen wert?
Eigentlich gibt es jetzt das Gesetz 6284, das es der Polizei ermöglicht, Frauen in Notlagen schnell in Sicherheit zu bringen und mögliche Täter auch ohne richterlichen Beschluss vorübergehend in Gewahrsam zu nehmen. Doch laut Yalıncakoğlu wird es zu selten umgesetzt.
Şirin Yalıncakoğlu, Wir beenden Femizide:
»Fast die Hälfte der ermordeten Frauen hatte zuvor um Hilfe gebeten oder Schutz gesucht und wiederholt gewarnt, dass sie in Gefahr seien.«
Kurz nach unserem Gespräch wird ein weiterer Femizid bekannt. Die Zahl steigt auf 298.
Güneş Fadime Akşahin, Föderation junger Feministinnen:
»Kommt zusammen, kommt hierher. AKP, schau nicht weg, wende endlich die Gesetze an.«
Der Höhepunkt der Demonstration ist erreicht – die Kundgebung am Anleger von Kadıköy. Es sind am Ende knapp 1000 Protestierende geworden. Die Polizei ist mit einem Wasserwerfer, Tränengasgewehr und Schutzschilden vor Ort.
Güneş Akşahin hält ihre Rede, die sie Stunden zuvor geprobt hat.
Güneş Fadime Akşahin, Föderation junger Feministinnen:
»Der Präsident verzerrt das Problem. Es ist lächerlich. Sie klammern sich fest ihre Privilegien und wehren sich gegen den Gedanken der Gleichberechtigung. Sie sehen, dass sie Frauen töten können.«
Vielen hier spricht sie aus der Seele.
Protestierende:
»Ich fühle mich nicht sicher in der Türkei. In der Türkei werden viele Frauen in ihrem Zuhause getötet. Wenn wir nicht sicher in unserem Zuhause sind, wo dann? Ich habe Angst.«
Protestierender:
»Ich weiß, was mein Vater meiner Mutter angetan hat. Ich weiß, was andere Väter ihren Töchtern und Frauen antun können. Ich bin hier, weil das falsch ist.«
Protestierende:
»Frauen versuchen zu beweisen, was ihnen passiert ist, aber wenn sie es nicht beweisen können, haben wir Probleme, weil den Aussagen einer Frau nicht geglaubt wird.«
Kurz nach ihrer Rede treffen wir noch einmal Güneş Akşahin. Sie ist zufrieden mit der Demo, doch wie blickt sie in die Zukunft?
Güneş Fadime Akşahin, Föderation junger Feministinnen:
»Ich weiß nicht, ob ich eine Tochter haben werde, ich habe nicht vor zu heiraten. Ich habe auch nicht vor, Kinder zu bekommen, aber die Hoffnung dieses Landes, das, was mich jeden Tag mit Hoffnung erfüllt, sind die jungen Menschen hier. Die Frauen hier. Ich war schon immer ein sehr hoffnungsvoller Mensch, weil es in uns ist, nie aufzugeben und Widerstand zu leisten. Deshalb sind wir die Hoffnung, die Hoffnung sind die jungen Feministinnen.«
Dann greift die Polizei doch ein und fordert alle Beteiligten auf, den Platz zu verlassen, andernfalls werde er geräumt. Die Stimmung kocht kurz hoch.
Am Ende gehen die Demonstrantinnen freiwillig – bald wollen sie wieder auf die Straße. Sie legen Blumen und Bilder der getöteten Frauen nieder. Und neben viel Wut liegt heute vor allem ein Gefühl in der Luft: Trauer.