Im Zeltcamp in Tijuanas Nordzone, in der Nähe des stinkenden Abwasserkanals des Tijuana-Flusses wissen alle: Jeder Schuss kann der letzte sein. Luis, ein schmaler 61-Jähriger mit Basecap, will nicht so enden wie sein Kumpel Bolero, der kürzlich tot in einer Toilettenkabine gefunden wurde. Also zieht er sich in das Zelt seiner Freundin Irma zurück, injiziert sich einen Heroin-Crystal-Meth-Mix in seine geschwollenen Hände.
Um sich »nicht schlecht zu fühlen«, braucht er täglich bis zu sechs Portionen, die umgerechnet je rund einen Euro kosten. »Ich weiß nie, wie viel Fentanyl drin ist«, sagt Luis, der schon mal eine Überdosis hatte. Seit Fentanyl in Tijuana im Umlauf ist, ist Drogenkonsum zum russischen Roulette geworden – schon eine winzige Menge kann zum Atemstillstand führen.
Für Mexikos Kartelle ist das synthetische Opioid, das bis zu 50-mal so stark ist wie Heroin, die neue Superdroge. Kokapflanzen brauchen Monate, bis sie die nächste Ernte abwerfen; Kokain muss daher auch aus anderen Ländern importiert werden. Fentanyl lässt sich schnell und in Masse im Labor produzieren und leicht transportieren. »Fentanyl hat die Drogenwelt verändert wie einst Crack in den Achtzigerjahren, es ist die finanziell lukrativste Droge für die Kartelle«, sagt der mexikanische Kriminalitätsexperte Óscar Balderas, der in seinem Podcast »Nación Criminal« kriminelle Trends analysiert. »Es reichen ein paar Milligramm, um ein ganzes Viertel zu versorgen, und weil es so süchtig macht, werden Freizeitkonsumenten häufig zu echten Problemfällen.«
Lukrative Superdroge für die Kartelle
Das Sinaloa-Kartell und das Jalisco-Kartell dominieren den Großteil des Geschäfts. Sie pressen harmlos wirkende, blaue Tabletten oder strecken andere Drogen oder sogar Medikamente, die in Apotheken verkauft werden, mit Fentanyl. Drogenköche versuchen laufend, die Formel zu perfektionieren, die Kartelle rekrutieren dafür sogar Chemiestudenten – und testen neue Varianten auch an Obdachlosen oder Tieren.
Die Fentanyl-Flut aus Mexiko fließt über Drehkreuze wie die Grenzstadt Tijuana vor allem in die USA, wo die Droge jährlich Zehntausende Menschen tötet und inzwischen die wohl häufigste Todesursache bei US-Amerikanern zwischen 18 und 45 Jahren ist – exakte Daten gibt es dazu nicht. Doch Fentanyl hat auch in mexikanischen Städten wie Tijuana eine schwere Krise ausgelöst. Menschen, die obdachlos oder traumatisiert sind, auf der Flucht sind oder abgeschoben wurden, sind besonders gefährdet. Die auf der Straße erworbenen Drogen nehmen sie, um ihre missliche Lage besser zu ertragen. Zu Gesundheitsdiensten haben sie oft keinen Zugang. In Tijuana leben besonders viele von ihnen.
Mitarbeiter der mexikanischen Staatsanwaltschaft entladen beschlagnahmtes Fentanyl und Crystal Meth in Tijuana
Foto: Salwan Georges / The Washington Post / Getty ImagesIm Straßencamp sitzen mehrere Männer auf dem Gehsteig und spritzen sich Drogen, einer hat sich den Arm mit einem Schnürsenkel abgebunden, der an einem Einkaufswagen befestigt ist. Ein älterer Mann liegt wie Jesus am Kreuz mit ausgebreiteten Armen rücklings auf einem Kinder-Elektrofahrzeug, die Augen geschlossen. José Solis, ein 25-Jähriger im schwarzen Militäranzug, dessen Vornamen wir auf seinen Wunsch hin verändert haben, läuft schnell hin, prüft Atem und Puls. Der Mann erhebt sich, offenbar ist er orientierungslos, brabbelt Unverständliches und zieht das Auto ein paar Meter weiter, um sich wieder hinzulegen, Fehlalarm.
Solis ist ein Mitglied von Grupo M.A.R.T.E., dem Lebensretterkommando von Mark Rivera. Riveras Initiative umfasst ein Netzwerk aus rund 120 Freiwilligen, die teils noch angelernt werden. Sein Kernteam besteht aus weniger als einem Dutzend Mitgliedern, die jede Woche durch Tijuana ziehen.
Sie wissen nicht, was sie konsumieren
Sie leisten Erste Hilfe, verteilen Medikamente, saubere Nadeln, unterhalten sich, gehen im Camp von Zelt zu Zelt. Sie suchen auch den Kanal ab, in dem Menschen in Tunneln leben, auf schmutzigen Matratzen schlafen. »Die Leute wissen nicht mehr, was sie konsumieren«, sagt Rivera. »Bei einer Überdosis hat man nur zehn oder 15 Minuten Zeit zu reagieren, danach ist es zu spät.«
Sanitäter des Roten Kreuzes versuchten in Tijuana 2024 mehr als 800 Menschen mit einer Überdosis wiederzubeleben. Dem gerichtsmedizinischen Dienst Semefo von Baja California zufolge hatten fast 17 Prozent aller in Mexicali und Tijuana eingelieferten Toten Fentanyl im Körper. Ob es Todesursache war, ist jedoch unklar. Eine offizielle, landesweite Statistik gibt es nicht, so bleiben viele Fentanyl-Opfer unsichtbar.
Rivera, 40, will den Gestrandeten in Tijuana helfen, weil er einst selbst einer von ihnen war. Er kam als junger Mann aus dem mexikanischen Culiacán an die Grenze, um »den amerikanischen Traum zu leben«. Stattdessen landete er obdachlos im Kanal des Tijuana-Flusses und spritzte sich Heroin und Crystal Meth. Als er sich mit einem Polizisten anlegte, habe der ihm ein Verbrechen, das er nicht begangen habe, angehängt. Im Gefängnis erwarb er im Krankenhausteam medizinische Kenntnisse – die ihm nun auf der Straße helfen.
Ein Mann mit einer faustgroßen, blutigen Delle am Arm stolpert auf Rivera zu, der drückt ihm Blut aus der Wunde, bis der Patient den Arm wieder bewegen kann. Als Rivera ihm Penicillin in eine Pobacke spritzt, präsentiert der Mann eine Schussnarbe.
Vier Männer und Frauen von Grupo M.A.R.T.E. patrouillieren heute in schwarzer Militärkleidung durch das Straßencamp, sie tragen Holster mit Schlagstöcken, Mark Rivera sogar Handschellen. »Falsches Verhalten kann hier tödlich sein«, sagt er. Eine Narbe an seinem Hals erinnert ihn an den Tag, als jemand ihn mit einem Eispickel attackierte, so erzählt er es. Einmal habe eine Frau nackt auf der Straße gelegen, habe Steine auf Autos geworfen und sei in den Verkehr gelaufen. Grupo M.A.R.T.E brachte sie in eine Einrichtung. Immer wieder hilft das Team Eltern, abhängige Jugendliche in Entzugsprogramme zu vermitteln – auch gegen deren Willen. »Wir schützen die Leute vor sich selbst«, sagt Rivera.
Seine Freiwilligen spricht Rivera mit Nachnamen an, den Drill lernte er als Jugendlicher beim Militär. »Jetzt habe ich meine eigenen Soldaten«, lacht er. Er weiß, dass der Look, der an ein Sondereinsatzkommando oder an eine Narco-Truppe erinnert, bei Jugendlichen ankommt. »Es ist doch gut, wenn sie das ausleben und dabei Gutes tun.« Auf dem TikTok-Kanal @grupo.m.a.r.t.e mit mehr als 52.000 Followern und in anderen sozialen Netzwerken postet die Gruppe Videos und Fotos von ihren Einsätzen – so wurde auch Solis auf die Gruppe aufmerksam. Er will Polizist werden, Erfahrungen sammeln und in seiner Freizeit »etwas Nützliches« tun.
Grupo M.A.R.T.E. finanziert sich über Spenden von Firmen und Einzelpersonen. Rivera würde gern eine Herberge mit einem Drogenentzugsprogramm aufbauen, doch bisher fehlen ihm die Mittel. »Von der Regierung bekomme ich nicht mal ein Dankeschön«, sagt er.
Zivilgesellschaftliche Initiativen wie diese federn die Folgen der Fentanyl-Krise ab, während die mexikanische Regierung sie größtenteils ignoriert. Ex-Präsident Andrés Manuel López Obrador, der bis Herbst 2024 im Amt war, leugnete jahrelang, dass Fentanyl in Mexiko produziert und konsumiert wird – während Sicherheitskräfte bereits Hunderte von Fentanyl-Laboren beschlagnahmt hatten. Die aktuelle Präsidentin Claudia Sheinbaum geht auf Druck der US-Regierung verstärkt gegen die Kartelle vor, die Fentanyl herstellen. Eine Aufklärungskampagne warnt vor den tödlichen Gefahren des Konsums.
Experimentierlabor für alternative Drogenpolitik
Alfonso Chávez Rivera, Programmkoordinator bei Prevencasa, geht das alles nicht weit genug. »Mexiko braucht eine völlig neue Politik, die Gesundheitsdienstleistungen und Medikamente bereitstellt«, glaubt er, »sonst geht das mit den Überdosen immer so weiter.«
Hinter einem unscheinbaren Tor, ein paar Straßen von Tijuanas Party- und Rotlichtviertel entfernt, liegt sein Experimentierlabor für eine neue Drogenpolitik. Ein Mann liegt mit verdrehten Gliedern auf der Straße; Menschen schieben ihr Hab und Gut in Einkaufswagen herum. Das Team von Prevencasa will die Gesundheit von Drogennutzern verbessern, statt sie zu kriminalisieren – ein Konzept, das international als »harm reduction« bekannt ist, Schadensminderung.
Im Hof von Prevencasa prangt das Graffiti »Helfen, nicht bestrafen« an einer Wand, zwei schwarze Katzen streifen umher. Bunte Stühle warten auf Menschen, die Untersuchungen brauchen. An einer Rezeption geben junge Frauen Medikamente, Kondome oder Spritzen-Kits aus, benutzte Nadeln werden in einer roten Plastikbox entsorgt. Frauen können in einem sicheren Raum sogar Drogen nehmen – es ist das erste Angebot dieser Art in Mexiko. Den Raum haben sie mit Kunstwerken, Schlumpffiguren und Kuscheltieren in einen gemütlichen Treffpunkt verwandelt. Eine junge Frau mit zerzausten Haaren kommt herein und lässt sich auf die Couch fallen. Sie will sich »erst mal nur ausruhen«.
Prevencasa hält auch Teststreifen bereit, mit denen Konsumierende ihre Droge auf Fentanyl prüfen können – mittlerweile sind fast alle dieser Tests positiv. »Manchmal gibt es eine Welle von Überdosen, dann ist wohl eine Ladung mit einem stärkeren Fentanyl-Gehalt in Tijuana angekommen«, sagt Chávez. Der Markt verändere sich ständig. Ihn besorge, dass zunehmend Xylazin in Kombination mit Heroin oder Fentanyl auftaucht. Das starke Tierberuhigungsmittel ist auch als »Zombiedroge« bekannt und kann unter anderem tiefe Hautwunden verursachen.
Das Lebensretterteam Grupo M.A.R.T.E. im Einsatz: »Falsches Verhalten kann hier tödlich sein«
Foto: Sonja Peteranderl / DER SPIEGELKaum Zugang zu Opioid-Blockierern
Eine zu hohe Dosis Fentanyl muss nicht tödlich enden. Prevencasa verteilt das Notfallmedikament Naloxon. Es blockiert Opioid-Effekte und hilft bei Heroin- oder Fentanyl-Überdosen – als Nasenspray oder injiziert. Doch in Mexiko ist Naloxon bisher als Psychopharmakon eingestuft und nicht rezeptfrei verfügbar. Zwei Gesetzesinitiativen wollten den Zugang vereinfachen. Beide wurden gestoppt. Ex-Präsident López Obrador behauptete sogar, Naloxon sei kein Mittel gegen Drogensucht, sondern »verlängere nur die Qualen«. Rivera macht das wütend, er hat selbst ein Familienmitglied durch eine Überdosis verloren.
Prevencasa erhält Naloxon bisher als Spende von US-Partnerorganisationen. Unterstützer schmuggeln die Medikamente über die Grenze nach Mexiko. In den USA verbesserte die Biden-Regierung mit einer »Harm-Reduction«-Strategie den Zugang zu Gesundheitsangeboten für süchtige Menschen; Naloxon ist in US-Apotheken seit 2023 rezeptfrei erhältlich. Die Zahl der tödlichen Überdosen in den USA ging daraufhin erstmals seit 2018 zurück. Doch Gretchen Bergman, die die Organisation »A New Path« in San Diego leitet und vom Staat und vom Bezirk San Diego Naloxon erhält, das sie kostenlos weiterverteilt, befürchtet, dass dies unter der Trump-Regierung gestoppt werden könnte.
Rund 150 Opioid-Blockierer verteilt Prevencasa wöchentlich in Tijuana. »Aber das reicht nicht, es geht schnell aus«, sagt Chávez. Prevencasa versorgt auch das Rote Kreuz oder die Feuerwehr mit Naloxon, vor allem aber rüstet die NGO Sozialarbeiter und Menschen, die auf der Straße leben, mit dem Notfallmedikament aus. »Die meisten Rettungsdienste brauchen 20 oder 30 Minuten, bis sie kommen, während die betroffene Person zwischen Leben und Tod schwebt«, sagt Chávez. Menschen vor Ort könnten sofort eingreifen – wie Irma, die mit Luis im Straßencamp lebt.
Für die 56-Jährige ist es »ein Segen«, wenn sie Naloxon hat. Sie hütet ihren Vorrat in ihrem grünen Zelt, in dem auch ein kleiner Altar mit einer Bibel steht. Irma sagt, sie habe 38 Menschen geholfen, die beinahe an einer Überdosis gestorben wären. »Eine Zeit lang war es richtig heftig, bis zu fünf Leute pro Woche«, sagt sie. »Ich bin alt, aber ich mache weiter, solange ich kann.« Wenn sie zusehen muss, wie Menschen sterben, ist das schmerzhaft für sie. Die oft jungen Gesichter erinnern sie an ihren Sohn Juan Manuel, der vor sieben Jahren, mit nur 23, ermordet wurde. Auf Irmas Handgelenk prangt sein Name.
Beschlagnahmte Drogen in Tijuana, Mexiko
Foto: The Washington Post / Getty ImagesIn letzter Zeit habe sie beobachtet, dass die Überdosen etwas abgenommen haben. Irma glaubt, es könnte daran liegen, dass viele sich nun etwas besser schützen – wie Luis, der zu ihr ins Zelt kommt, um sich seine Spritzen zu setzen. Einmal hat Irma einem Polizisten mit Naloxon ausgeholfen, dessen Kollege eine Überdosis hatte, obwohl die Polizei immer wieder Menschen im Camp schikaniert und ihr Zelt durchwühlt und verwüstet. Auf den Straßen von Tijuana ist sie mittlerweile als »Amá«, Mutti, bekannt – und als »Königin des Naloxon«.