Frauen in Finnland Bereit für den Ernstfall
Einsatzübung für Zivilisten – Frauen vor. Wenn in Deutschland von »Kriegstüchtigkeit« die Rede ist, schauen wir gern in den hohen Norden. Auf das junge NATO-Land mit den berüchtigten 900.000 Reservisten und der mehr als 1300 Kilometer langen Grenze zu Russland.
Wie bereitet sich Finnland vor – für den Ernstfall?
An diesem Morgen stehen etwa vierzig Frauen an, um ausgerüstet zu werden. Ihr Ziel für dieses Wochenende: militärische Grundkenntnisse zu lernen.
Doch zuallererst muss der Helm passen.
Das Alter und die Motivation – in der Gruppe – durchaus vielfältig
Teilnehmerin:
»Ich bin zugegebenermaßen großer Fan der Realityshow ›Spezialeinheit‹. Das hat mir Mut gemacht: Wenn da ganz normale Menschen in der Einheit zurechtkommen, dann schaffe ich es hier wohl auch.«
Milla Pennanen, Teilnehmerin
»Mich interessiert der Militärdienst, vielleicht auch als Beruf. Und sollte ein Krieg ausbrechen, dann möchte man ja nicht ganz untätig sein.
Satu Kivilinna, Teilnehmerin
»Ich bin natürlich zu alt, um zu dienen, aber mein Sohn hat gerade Wehrdienst geleistet, und ich fand's interessant – und die Landesverteidigung sowieso.«
Eine Wehrpflicht für Frauen gibt es in Finnland nicht. Aber die Zahl der Freiwilligen steigt stetig. Hier lässt sich ein erster Eindruck vom Militärdienst gewinnen – ein Schnupperkurs, sozusagen.
Oberleutnant Axi Holmström leitet den Grundwehrdienstkurs für Frauen und Jugendliche. Das Pensum: stramm. Hier soll das, was in den ersten sechs Wochen bei den Streitkräften gelernt wird, auf ganze zwei Tage verdichtet werden
Axi Holmström, Kursleiterin
»Ja, wir gehen hier all das durch, was die Rekruten lernen, also Verwundetenversorgung, den Umgang mit Handgranaten, Panzerfäusten, Panzerabwehrminen, den Feldfunk und das Bewegen im Feld.«
Erste Würfe mit den Übungshandgranaten: schwierig wird es vor allem im Liegen. Nebenan versucht eine weitere Gruppe Panzerabwehrminen auf einem öffentlichen Parkplatz zu verbuddeln. Der Wochenend-Lehrgang ist nur einer von mehr als 3000 Kursen, die jährlich von der sogenannten nationalen Vereinigung für Verteidigungsausbildung angeboten werden.
Schulungsleiter Aki Mäkirinta ist einer der vielen freiwilligen Mitarbeiter – und das seit mehr als 20 Jahren. Seit 1993 bildet die Organisation nicht nur Reservisten weiter – sondern bietet auch Zivilisten ein freiwilliges Militärtraining an, in enger Zusammenarbeit mit den finnischen Streitkräften. Der Angriff Russlands auf die Ukraine hat einiges verändert:
Aki Mäkirinta, Schulungsleiter MPK
»Es gab einen steten Anstieg. Aber das Jahr 22 – da ging es raketenhaft hoch. Die Anzahl der Schulungstage stieg um ein Drittel. Die Reservisten machen natürlich eine große Gruppe aus. Aber prozentual sehen wir den größten Anstieg bei Frauen – da ist es richtig explodiert.«
Erste Versuche im Umgang mit einer Panzerfaust vom Typ APILAS. Damit können Panzer frontal bekämpft werden – theoretisch. Der Gesichtsschutz am Rohr ist gewöhnungsbedürftig – das Ziel nur schwer ins Visier zu nehmen.
Ausbilder:
»Ein Wagen in 200 Metern – Befehl wiederholen! «
Teilnehmerinnen:
»Ein Wagen in 200 Metern!«
Heute ist die Panzerfaust gelb markiert, als Zeichen dafür, dass die Sprengladung fehlt. Das Gesamtgewicht von knapp zehn Kilogramm wird für die Übung aber beibehalten.
Susanne Mäenpää, Teilnehmerin
»Ja, das ging ja eigentlich ganz gut. Mein Interesse an der Landesverteidigung ist definitiv geweckt – nicht als Beruf, eher um nebenher aktiv zu sein.«
Teilnehmerin
»In Finnland haben wir ja dieses Prinzip, dass alle für die Landesverteidigung zuständig sind. Man weiß ja nie, wann es zu einer Krise kommt. Dann steht man nicht untätig da.«
Diese Frauen demonstrieren es: Es herrscht traditionell Wachsamkeit, was den mächtigen Nachbarn im Osten angeht. Wie unberechenbar ist – und bleibt – Russland?
Militäranalysten der finnischen Black Bird Group beobachten vermehrt russische Aktivität entlang der gesamten Grenze: Im hohen Norden werden alte Militärflughäfen aus Sowjetzeiten zu Stützpunkten ausgebaut, weiter im Süden soll ein komplett neues Armeehauptquartier entstehen– und in Kamenka lässt Putin neue Militärunterkünfte für Truppen bauen. Das legen Satellitenbilder nahe, hier ist die Entwicklung der vergangenen drei Jahre deutlich zu sehen.
Kamenka ist nur knapp 60 Kilometer von hier entfernt: Wir fahren nach Süd-Karelien in die Nähe der Grenze.
Auf dem Flughafen von Lappeenranta treffen wir Tommi Kasanen, er ist Gründer eines Start-ups für die Rüstungsindustrie und zeigt uns seine Innovation.
Tommi Kasanen, Geschäftsführer KT Shelter
»Wir haben dieses Produkt mit dem Hintergedanken entwickelt, dass wir schnell und mobil sind – vielleicht nur wenige Tage an einem Ort.«
Der mobile Hangar bietet Unterschlupf zum Beispiel für einen Kampfjet oder einen militärischen Transporthubschrauber.
Tommi Kasanen, Geschäftsführer KT Shelter
»Wir brauchen keine Gerätschaft – und kriegen dieses Riesending in 24 Stunden aufgebaut – mit nur acht Personen.«
Ein 8 mal 21 mal 34 Meter großer Hangar – aufgebaut ohne Gerüste und Kräne. Der Firmenchef ist sichtlich stolz auf die Innovation, die in Zusammenarbeit mit den finnischen Streitkräften entstand.
Tommi Kasanen, Geschäftsführer KT Shelter
»Finnland ist da Vorreiter. Wir haben die sogenannte dezentrale mobile Militärdoktrin immer aufrechterhalten. Das heißt, wir können schnell und flexibel reagieren. Und bei der jetzigen geopolitischen Lage wird auch anderswo mehr und mehr auf diese Doktrin gesetzt.«
Entsprechend groß ist das Interesse aus anderen europäischen Nato-Ländern an der beweglichen Infrastruktur. Heute wird hier in Lappeenranta eine Lieferung vorbereitet – wohin sie geht, bleibt Verschlusssache.
Ein gewisser Pragmatismus – den finden wir bei Begegnungen in Grenznähe häufig vor. Sind die Leute hier einfach grundsätzlich unerschrocken?
Wir treffen Marja-Sisko Pitkämeri und Päivi Latvala. Die beiden sind ehrenamtlich aktiv in einer besonderen Vereinigung. Sie bildet Frauen in der Landesverteidigung aus - allerdings im Bereich der zivilen Schutz- und Vorbereitungsmaßnahmen.
Marja-Sisko zeigt uns zuerst, was jeder im Haushalt parat haben sollte: Eine ganze Palette an Essen – und Wasser. Das wird hier durchaus ernst genommen:
Marja-Sisko Pitkämeri, Ehrenamtliche
»Die Menschen haben verstanden, dass es irgendwann vielleicht keine Waren in den Regalen gibt, es macht also Sinn vorzusorgen. Wasser kann in solchen Behältern zwei Jahre lang gelagert werden. Das kann man einfach liegen lassen.«
Außerdem hat Marja-Sisko ihre alte Tasche zum Notfallrucksack umgewidmet.
Marja-Sisko Pitkämeri, Ehrenamtliche
»Den habe ich immer griffbereit. Da sind die wirklichen Basisdinge drin: Kerzen und Streichhölzer, ein Erste-Hilfe-Set, das ist wichtig. Und Feuchttücher, weil das Wasser ja nicht verschwendet werden darf, die sind richtig gut. Und dann habe ich in einer Tüte Notizblöcke und Stifte, die hat man vielleicht ehe zu Hause. Was wichtig ist: eine Powerbank für das Handy, und natürlich Medikamente.«
Die Behörden nennen es eine "72-Stunden-Notfallvorsorge" – Jeder Anwohner soll sich in Krisensituationen drei Tage lang autonom versorgen können.
Mari Rantanen, Innenministerin Finnland:
»Hallo! Lasst uns mal schauen, was in den Notvorrat gehört.«
Sogar die Innenministerin geht in einem Werbevideo mit gutem Beispiel voran:
Mari Rantanen, Innenministerin:
»Ich merke, dass auch mein Notvorrat nicht ganz vollständig ist. Da muss noch nachgebessert werden. Lasst uns das in Ordnung bringen, ich zumindest werde es tun.«
Dass sogenannte »Prepper« mancherorts einen schlechten Ruf haben, kann Marja-Sisko nicht nachvollziehen.
Marja-Sisko Pitkämeri, Verein Maanpuolustusnaiset
»Man fragt sich schon, warum nicht jeder vorsorgt? Es ist so wichtig. Allein Stromausfälle, irgendwelche Störungen, können jederzeit und überall stattfinden. Dann herrscht Chaos – und man steckt in einer Krise. Wie es vor Kurzem in Spanien war. (...) Ich glaube, bei uns weiß man, wie man damit umgeht. Das hat man einfach im Gedächtnis – vielleicht seit den Kriegsjahren. Wir sind es einfach gewohnt, dass man vorsorgen muss und sich um sich selbst und seine Nächsten kümmert. Das ist der Punkt.«
Und auch der nächste Punkt gehört zum »Alltags-Preppen«: Wir folgen den Frauen in den Keller des Mehrfamilien-Wohnhauses. Jedes größere Gebäude hat so einen Schutzraum
Wir gehen durch eine doppelte Panzer- und Drucktür.
Päivi Latvala, Ehrenamtliche
»Sollte das Haus zusammenbrechen, bleibt der Schutzkeller intakt. Und auch eine Druckwelle hält er aus. Und mit einer zusätzlichen Schleuse können auch chemische Kampfstoffe, elektromagnetische Strahlung und sogar Feuer herausgehalten werden. Bei einem Alarm müsste ich dann organisieren, dass diese Holzverschläge abgebaut werden.«
Das muss binnen 72 Stunden passieren. Jede Hausverwaltung wählt eine Person, die für den Schutzkeller zuständig ist. In diesem Fall ist es Päivi.
Päivi Latvala, Ehrenamtliche
»Und dann schauen wir, dass alles betriebsbereit ist.«
Dafür ist alles parat: Von einer Zusatzlüftung bis zum Trockenklo ist alles da.
Und sollte der Ausgang doch verschüttet sein – dann gibt es im Schutzkeller noch immer einen Notausgang, hinter diesem Verschlag.
Wie man da herauskommt - auch dazu hat das Innenministerium ein Video produziert:
Der Fluchtweg im Notfall bedarf allerdings etwas Kraftaufwand.
Wir nehmen lieber den regulären Weg. Und hoffen, dass Päivi ihren Keller niemals umfunktionieren muss.
Zurück auf dem Trainingsgelände in Tuusula: Die jungen Frauen im Alter von 18 und 19 Jahren haben ihre ersten Kurseinheiten im Feld durchgemacht – es bleibt herausfordernd.
Milla Pennanen, Teilnehmerin
»Dass man sich überhaupt traut, auch wenn alles etwas chaotisch ist. Wir hatten nur ein kurzes Briefing und man muss sich alles merken – und dann hoffentlich richtig machen.«
Die Übung im Wald schreckt die jungen Frauen offenbar nicht ab.
Erin Aavakoski, Teilnehmerin
»Ich interessiere mich schon für den Militärdienst und überlege es mir ernsthaft. Deswegen bin ich ja da – zum Schnuppern.«
Der Ukrainekrieg ist bei den Teilnehmern hier besonders präsent. Schließlich hat Finnland 1939 auch die Erfahrung eines russischen Angriffskrieges machen müssen – und verlor in Folge etwa ein Zehntel seines Staatsgebiets.
Und so hat der Angriff auf die Ukraine nicht nur die Teilnehmerzahlen für die Kurse explodieren lassen – auch die Kursinhalte müssen immer wieder angepasst werden, wie hier beim Modul »Kalte Waffen«:
Aki Mäkirinta, Schulungsleiter MPK
»Aus der Ukraine haben wir gelernt, wie in Schützengräben gekämpft wird: Da ist der Feind direkt an dir dran, es wird nicht aus der Ferne geschossen. Da muss man Dinge können, die nicht in der menschlichen Natur liegen. Das wird hier gelernt, wie man sich schützt – und angreift.«
Dieser Kurs ist nur für Reservisten mit einem Background-Check gedacht. Für die reinen Zivilisten geht es aber auch zur Sache.
Kursleiterin Axi Holmström kündigt inzwischen die nächste Herausforderung an:
Axi Holmströn, Kursleiterin
»Der Kurs militärische Grundkenntnisse geht jetzt ins Feld und überwacht sein Gebiet. Die Gruppen werden den Feind daran hindern, in ihr Gebiet einzudringen. Und hiermit erteile ich den Marschbefehl.«
Die Einheiten müssen die Nacht in Gruppen im Wald verbringen. Die Ausrüstung wird verteilt, die gesamte Logistik muss stimmen. Und dann geht es ans Eingemachte: Die Gruppe muss das Zelt für die Nacht aufrichten. Und vor dem Feind tarnen. Immerhin dürfte es in der Nacht nicht frieren.
Axi Holmström, Kursleiterin:
»Da ist bei vielen schon eine gewisse Anspannung spürbar. Allein die Tatsache, dass man in einem Zelt schläft, auf das Feuer im Ofen aufpassen muss, und dann in der Nacht noch auf Patrouille geht – das bringt schon eine gewisse Spannung mit sich und beeinträchtigt meist auch den Schlaf. Aber Müdigkeit gehört ja dazu!«
Diese Gruppe von Frauen hat das Wehrdienstalter weit überschritten. Ihre Motivation liegt woanders: Einige wollen als Mütter mit gutem Beispiel vorangehen.
Satu Lingwood, Teilnehmerin
»Ich habe selbst Töchter, und sollten wir Frauen hier in einer Situation wie in der Ukraine sein, dann bin ich lieber dabei, sie zu verteidigen – als es geschehen zu lassen.«
Satu Kivilinna, Teilnehmerin
»Meine betagte Mutter kommt selbst ursprünglich aus der Grenzregion Karelien. Und als ich erzählte, dass ich herkomme, sagte sie nur: unbedingt! Das sollten alle tun! Also für sie gab es da keinerlei Bedenken.«
Pia Casagrande, Teilnehmerin
»So etwas ist ja hilfreich, auch wenn wir jetzt nicht direkt mit Waffen an die Front gehen würden. Aber man bekommt ein Verständnis dafür, wie das Ganze hier funktioniert. Und dann kann man auch besser helfen, wenn nötig – das tun, was man eben tun kann.«
Die generationenübergreifende Mission im Wald erreicht ihr Etappenziel: Das Zelt steht, immerhin.
Teilnehmerinnen
»Es ist allerdings schon etwas schief geworden.«
»Von oben sieht es bestimmt ziemlich gut aus.«
Der Erstversuch dient zumindest seinem Zweck. Die Kursteilnehmerinnen können nun auf eine ruhige Nacht hoffen. Und im Zweifel weiter üben.