Gaza: Benjamin Netanyahus Werk und Donald Trumps Beitrag - DER SPIEGEL
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Gaza Netanyahus Werk und Trumps Beitrag

Während Israels Premier voll auf Krieg setzt, treibt der US-Präsident eine Waffenruhe voran und holt die letzten lebenden Geiseln aus Gaza zurück. Doch wesentliche Fragen sind noch ungeklärt – und ein anderer Konflikt könnte schon bald von Neuem beginnen.
Von Thore Schröder, Kirjat Gat und Tel Aviv
• aus SPIEGEL Chronik 1/2025
Netanyahu bei Trump im Weißen Haus: Am Ende gezwungen
Netanyahu bei Trump im Weißen Haus: Am Ende gezwungen

Netanyahu bei Trump im Weißen Haus: Am Ende gezwungen

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Kevin Dietsch / Getty Images

Zwischen einem Schrotthandel und einem Sägewerk wird die Zukunft des Gazastreifens verhandelt, vielleicht sogar der Beginn eines neuen Nahen Ostens. Am Stadtrand von Kirjat Gat, einer gesichtslosen Gemeinde im Süden Israels, rund 20 Kilometer entfernt von der palästinensischen Küstenenklave, haben die US-Streitkräfte Mitte Oktober das Civil Military Coordination Center  (CMCC) eingerichtet. Untergebracht ist es in der mehrstöckigen Lagerhalle eines Logistikunternehmens. »Weil er verfügbar war«, habe man den Standort ausgewählt, sagt ein US-Major bei einer Pressetour Ende November. Den Eingang bewachen israelische und US-amerikanische Soldaten gemeinsam, beide Länder haben je eine Etage besetzt. »Mindestens 600 Personen zu jeder Tages- und Nachtzeit« seien hier mit der Umsetzung des Trump-Plans beschäftigt, »Menschen aus 40 Partnernationen«, erklärt der Major. Etwa zehn Minuten haben die Journalisten, um sich im zweiten Stock, dem Versammlungsort »für alle Interessenvertreter«, ein Bild zu verschaffen. Länger dürfe man »die großartige Arbeit hier nicht stören«.

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2025
Präsident Wüterich

Er versetzt Aidshelfer in Angst, Uni­versitäten in Schrecken und Unternehmer in Fassungslosigkeit: Das Jahr ist beherrscht von Donald Trump.

Die riesige Halle, rund zehn Meter Deckenhöhe, ist mit Kunstrasen ausgelegt, um den Schall zu dämpfen. Laut ist es trotzdem. Rechts und links sind Bereiche mit mobilen schwarzen Wänden abgetrennt. Dahinter beraten Militärs mit Diplomaten, Vertretern von Hilfsorganisationen, Akademikern und Privatunternehmen das Vorgehen in verschiedenen Arbeitsgruppen. Auf einer großen Leinwand sind Diagramme, Karten und Luftaufnahmen zu sehen. Auf übermannsgroßen Aufstellern ist »Präsident Donald J. Trumps umfassender Plan zur Beendigung des Gazakonflikts« nachzulesen. Dieser Plan, das sind die 20 Gebote des CMCC.

US-Gesandte und Militärs im CMCC: Meiste Punkte völlig ungeklärt

US-Gesandte und Militärs im CMCC: Meiste Punkte völlig ungeklärt

Foto: Getty Images

Wenige Tage zuvor hat der Uno-Sicherheitsrat in New York den 20 Punkten eine völkerrechtliche Grundlage verliehen. Resolution 2803 legitimiert einen Friedensrat unter Trumps Vorsitz und eine Internationale Stabilisierungstruppe (ISF), um die Hamas zu entwaffnen und den Küstenstreifen unter Kontrolle zu bringen. Die Weltbank soll die Gelder für den Wiederaufbau verwalten.

Zuletzt sei »die Start-up-Atmosphäre« im CMCC etwas verloren gegangen, sagt ein Diplomat, als die Journalisten schon wieder herausgeführt werden. Durch die Uno-Resolution stellten sich Fragen, »wie es hier jetzt überhaupt weitergeht«. Tatsächlich sind die meisten Punkte noch völlig ungeklärt: Welche Länder werden Kontingente für die ISF stellen? Wie soll diese Truppe ihr Mandat durchsetzen? Wie soll sie mit palästinensischer Polizei und israelischer Armee kooperieren? Wer soll für den Wiederaufbau bezahlen? Wie sollen mehr als zwei Millionen Menschen im zerstörten Gazastreifen in Zukunft versorgt werden?

»Und über allem schwebt die Frage der Entwaffnung«, sagt ein anderer Diplomat, der ebenfalls nicht namentlich genannt werden will. Die Hamas, die am 7. Oktober 2023 mit ihrem Überfall auf Südisrael den Krieg begonnen hatte, wies die Uno-Resolution wegen der postulierten internationalen Vormundschaft zurück. Und der israelische Premier Benjamin Netanyahu betonte zuvor, dass sich an Israels Ablehnung eines palästinensischen Staats, den der Beschluss zumindest grundsätzlich vorsieht, »nichts geändert« habe.

Entwaffnung der Hamas steht noch aus

Zum Ende eines Jahres, das erneut von Gewalt geprägt war, hat die Trump-Initiative trotz aller ungeklärten Fragen wenigstens etwas Erleichterung gebracht und ein kleines bisschen Hoffnung geweckt. Die letzten lebenden israelischen Geiseln sind im Oktober im Austausch für palästinensische Gefangene zurückgekehrt. Die USA garantieren dafür, dass die Waffenruhe im Gazastreifen zumindest weitgehend hält. Partnerländer und Hilfsorganisationen sind erklärtermaßen in den Prozess involviert. In einem kurzen Sommerkrieg hat Israel, zusammen mit den USA, die Gefahr durch das iranische Atomprogramm dezimiert. Ob das als Grundlage für einen großen Frieden, einen neuen Nahen Osten, dienen kann, hängt vor allem davon ab, wie sehr sich der US-Präsident in Zukunft auf die Region konzentriert.

Schon im Januar hatte er einen Gazadeal vorgestellt. Er wolle ein »Friedensstifter« sein und »alle Kriege beenden«, sagte Trump zu Beginn seiner zweiten Amtszeit in Washington. Während einer mehrwöchigen Feuerpause übergab die Hamas insgesamt 38 Geiseln, Hunderttausende Bewohner konnten in den Norden Gazas zurückkehren. Doch in Israel mischte sich die Erleichterung über die Heimkehr der Verschleppten mit Entsetzen über die Zeremonien, mit denen die Terrororganisation ihre Übergaben zelebrierte. Vermummte Kämpfer ließen die Geiseln »Freilassungsentscheidungen« unterzeichnen, sie mussten vor waffenstarrenden Truppen und jubelnden Massen paradieren. Besonders betroffen waren die Israelis, als die Leichen von Shiri Bibas und ihren beiden kleinen Kindern Kfir und Ariel übergeben wurden. Einzig Vater Yarden, der separat aus ihrem Kibbuz Nir Oz verschleppt worden war, konnte lebend aus der Geiselhaft zurückkehren. Das Schicksal der Mutter und ihrer beiden rothaarigen Söhne steht wie kein anderes für das Trauma des 7. Oktobers in Israel.

Israelische Soldaten im Gazastreifen: Reservearmee enorm unter Druck

Israelische Soldaten im Gazastreifen: Reservearmee enorm unter Druck

Foto: Jack Guez / AFP

Anfang März, nach Ablauf der ersten Phase des Deals, wurde klar, dass die Netanyahu-Regierung an einer zweiten Phase, also einem vollständigen Truppenabzug im Gegenzug für die Freilassung der verbliebenen Geiseln, nicht interessiert war. Und Trump, der in der Zwischenzeit angekündigt hatte, die USA wollten den Gazastreifen »übernehmen«, um die Bevölkerung zu vertreiben und dort eine »Riviera des Nahen Ostens« einzurichten, ließ sie gewähren. Um den Druck auf die Hamas zu erhöhen, blockierte Israel humanitäre Lieferungen und schnitt die Stromversorgung ab. Am 18. März brach die Armee, nun unter Leitung des neuen Generalstabschefs Eyal Zamir, die Waffenruhe und führte den Krieg in der Folge mit großer Brutalität fort. Allein am ersten Tag tötete sie mehr als 400 Menschen, unter ihnen besonders viele Frauen und Kinder. Mutmaßliche Kriegsverbrechen waren an der Tagesordnung. Besonders deutlich wurde das, als israelische Soldaten 15 Sanitäter des Palästinensischen Roten Halbmonds  und andere Helfer in Rafah regelrecht exekutierten. Durch ein später veröffentlichtes Video wurde klar, dass das Militär versucht hatte, die Tat zu verschleiern. Ernsthafte Konsequenzen gab es nicht. Auch das ein Muster in diesem Krieg.

Angeblich, um den Hamas-Zugriff auf Hilfslieferungen zu verhindern, starteten die USA im Mai die Gaza Humanitarian Foundation (GHF). Schnell wurde deutlich, dass sich hinter dem Unternehmen, das wenige Verteilzentren vor allem im Süden des Gebiets einrichtete, eine israelische Initiative verbarg. Überlebende und Ärzte im Gazastreifen berichteten von gezielten Schüssen auf hungrige Hilfesuchende im Umfeld der Verteilzentren; für mehr als 2000 Menschen wurden die GHF-Anlagen nach Auskunft der Gesundheitsbehörde in Gaza zur tödlichen Falle.

Hilfesuchende Palästinenser nahe GHF-Ausgabestelle: Tödliche Fallen

Hilfesuchende Palästinenser nahe GHF-Ausgabestelle: Tödliche Fallen

Foto: Mariam Dagga / AP

In Israel machte sich Kriegsmüdigkeit  breit. Bereits im März berichteten israelische Medien, dass die Hälfte der Reservisten nicht zum Dienst bei ihren Einheiten erschienen sei. Das Modell der Reserve-Armee, Kern von Israels Militärdoktrin, stand unter Druck wie noch nie. Parallel veröffentlichten ehemalige und aktive Angehörige der israelischen Luftwaffe einen offenen Brief, in dem sie die »Rückkehr aller Geiseln« forderten und Netanyahu für einen Feldzug aus persönlichen Gründen verantwortlich machten. Er wolle von seinem Prozess wegen Korruptionsvorwürfen ablenken. Weitere Gruppen aus dem Militär und der Gesellschaft schlossen sich an. Dass die jemenitische Huthi-Miliz Israel immer wieder mit Drohnen und Raketen attackierte, steigerte die Erschöpfung im Land.

Israels Lufthoheit in 2000 Kilometern Entfernung

Ausgerechnet in dieser Lage startete Israel am 13. Juni eine Kampagne, die seit Jahren geplant und seit Monaten vorbereitet worden war: Operation »Rising Lion«, den großen Angriff auf Iran. Mithilfe von Geheimdienstkommandos gelang es, etwa 1000 ballistische Raketen noch vor dem Abschuss zu zerstören. Israelische Angriffe töteten hochrangige Revolutionswächter und Militärführer sowie mindestens 15 bedeutende Nuklearwissenschaftler. Trotz dieser Enthauptungsschläge und obwohl israelische Jets sich zu Beginn die Lufthoheit in 2000 Kilometer Entfernung gesichert hatten, konnte Iran zurückschlagen. Raketen des islamistischen Regimes trafen unter anderem das israelische Verteidigungsministerium und Geheimdienstanlagen bei Tel Aviv. Schließlich entschloss sich Trump, in den Krieg einzutreten. US-Marschflugkörper und Bomben von US-Tarnkappenbombern trafen tief eingebunkerte iranische Nuklearanlagen, etwa im zentraliranischen Fordo. Nach der Operation »Midnight Hammer« und einem symbolischen Gegenangriff Irans auf eine US-Basis in Katar setzte das Weiße Haus eine Waffenruhe durch. Trump, der im Wahlkampf versprochen hatte, sein Land aus neuen Feldzügen herauszuhalten, ließ sich als Kriegsheld feiern. Für den Moment hatten Netanyahus Werk und Trumps Beitrag einen Triumph herbeigeführt.

Raketenabwehr über Tel Aviv: Nicht unverwundbar

Raketenabwehr über Tel Aviv: Nicht unverwundbar

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Leo Correa / AP

Atomanlage Fordo: Operation »Midnight Hammer« als Schlusspunkt, vorerst

Atomanlage Fordo: Operation »Midnight Hammer« als Schlusspunkt, vorerst

Foto: Maxar Technologies / EPA

Laut dem israelischen Geheimdienstexperten Ronen Bergman  hatten sich Israels Sicherheitsbehörden bereits 2022 entschlossen, das iranische Atomprogramm militärisch zu zerstören. Konkrete Planungen hatte Netanyahu Ende 2024, nach dem erfolgreichen Krieg gegen die libanesische Hisbollah-Miliz, in Auftrag gegeben. Viele Beobachter sahen mit der Demütigung des Erzfeinds den Moment gekommen, in dem der Premier einer Lösung in Gaza zustimmen und mit Rückenwind in Neuwahlen ziehen würde. Doch weit gefehlt: Stattdessen überzeugte Netanyahu Trump, seine Kriegsführung weiter zu unterstützen.

Die Lage im Gazastreifen verschlechterte sich nun mit jedem Tag. Davon unbeeindruckt kündigte Israels Verteidigungsminister Israel Katz an, Hunderttausende Bewohner im äußersten Süden des Gebiets in einer »humanitären Stadt« zu konzentrieren. Auch andere Regierungsmitglieder sprachen offen davon, die Palästinenser zur Ausreise zu drängen und neue jüdische Siedlungen errichten zu wollen. Amnesty International warnte im Juli, Israel setze »Hunger als Waffe« ein. Anfang August gab Bundeskanzler Friedrich Merz bekannt, Deutschland werde Teile seiner Rüstungsexporte nach Israel bis auf Weiteres einstellen. Ende des Monats erklärte die Uno für Teile des Gebiets erstmals eine Hungersnot .

»Er muss damit einverstanden sein. Er hat keine Wahl.«

US-Präsident Donald Trump über die Zustimmung von Israels Premier Benjamin Netanyahu zu seinem Gaza-Plan

Netanyahu gab sich von all dem unbeirrt. Dass die israelische Luftwaffe nun auch im Jemen sowie in Syrien bombardierte und das Kabinett eine Offensive auf Gaza-Stadt ankündigte, verstärkte den Eindruck, dass militärische Macht für den Premier zum alleinigen Lösungsansatz geworden ist. Mit dem nächsten Schritt aber ging er zu weit: Am 9. September schlugen israelische Raketen in einem Stadtviertel von Doha ein, wo sich hochrangige Hamas-Vertreter zu einem Treffen zusammengefunden hatten. Mindestens fünf Hamas-Mitglieder niedrigen Ranges, ein katarischer Sicherheitsbeamter und mehrere Zivilisten wurden getötet; die Spitzenvertreter der Terrorgruppe aber überlebten. Nicht nur in Katar, einem wichtigen Verbündeten der USA, sorgte diese Grenzüberschreitung für Entsetzen. Erstmals hatte Israel ein nicht verfeindetes Land in der Region angegriffen. Die Herrscher am Golf fürchteten ein Übergreifen des Gazakonflikts und übten gemeinsam Druck auf Trump aus, den Verbündeten einzuhegen.

Abermals reiste Netanyahu nach Washington. In seinem Beisein stellte Trump die 20 Punkte seines Gazaplans vor. Gegenüber dem israelischen Journalisten Barak Ravid sagte der US-Präsident hinterher über Netanyahus Zustimmung: »Er muss damit einverstanden sein. Er hat keine Wahl.« Die Hamas-Führung erklärte sich mit den US-Garantien einverstanden, lehnte in ihrer Antwort aber erneut ab, ihre Waffen abzugeben. Trump fasste ihre Antwort gleichwohl als Zusage auf. »Die israelische Regierung musste das akzeptieren. Spätestens damit hatten die Amerikaner hier die Kontrolle übernommen«, sagt Michael Milshtein, früherer Leiter der Palästinenserabteilung des israelischen Militärgeheimdiensts.

Journalistin Elbaz-Phelps: »Nach zwei Jahren das erste Mal durchatmen«

Journalistin Elbaz-Phelps: »Nach zwei Jahren das erste Mal durchatmen«

Foto: Amit Elkayam / DER SPIEGEL

Während am 13. Oktober die letzten 20 lebenden Geiseln nach über zwei Jahren in Terrorhaft freikamen, landete Trump zu einem triumphalen Besuch  in Israel. In der Knesset huldigten ihm der Premier und die Abgeordneten, auf riesigen Postern an den Straßen wurde er gefeiert und gar mit dem persischen König Kyros II. verglichen, der die Juden einst aus dem babylonischen Exil hatte zurückkehren lassen. »Kaum jemand hatte geglaubt, dass die letzten Geiseln tatsächlich lebend zurückkehren würden«, sagt die israelische Fernsehjournalistin Emmanuelle Elbaz-Phelps, »es war, als könnten wir nach zwei Jahren das erste Mal durchatmen.« Trump sei der Einzige, der die Israelis nun dazu bringen könnte, Schritte für eine echte Lösung des Konflikts zu gehen. Aber an Frieden oder gar eine Zweistaatenlösung glaube eigentlich »fast niemand mehr in Israel«.

Laut Ex-Geheimdienstler Milshtein hätte Israel »dasselbe Abkommen schon Anfang des Jahres« abschließen können. Schon damals sei die Hamas-Führung bereit gewesen, alle Geiseln freizugeben. An ihrer grundsätzlichen Absage an eine Entwaffnung habe sich dagegen »substanziell nichts geändert«. Er glaubt deshalb nicht daran, dass eine wirkungsvolle internationale Stabilisierungstruppe aufgestellt und einsatzfähig werden kann. Auch beim Friedensrat und anderen Punkten des Trump-Plans sieht er »ein einziges großes Fragezeichen«. Dass die Amerikaner in der Zwischenzeit den Bau »alternativer sicherer Gemeinden« für Palästinenser auf der von Israel weiterhin besetzten Hälfte Gazas verfolgen, bewertet er als »ein weiteres Hirngespinst, ähnlich wie die Riviera des Nahen Ostens, die GHF oder die humanitäre Stadt«.

Vertriebener Palästinenser Mahmoud Ziara vor Familienzelt: »Wenn wir könnten, würden wir gehen«

Vertriebener Palästinenser Mahmoud Ziara vor Familienzelt: »Wenn wir könnten, würden wir gehen«

Foto: Ghada Alkurd / DER SPIEGEL

Die Gefahr, dass der Gazastreifen auf Dauer zweigeteilt wird, halten viele Analysten dagegen für real. In der israelischen Zeitung »Haaretz« sagt Zaha Hassan von der Denkfabrik Carnegie Endowment for International Peace, die Uno-Resolution übertrage die Macht für Gaza dem Friedensrat, um »in Absprache mit Israel einen weitgehend entvölkerten Teil des Gazastreifens, der etwa 58 Prozent des Territoriums ausmacht, neu zu entwickeln«. Währenddessen werde Israel im restlichen Gazastreifen weiter Lebensbedingungen schaffen, um die Palästinenser zur Flucht zu bewegen.

Von Baumblättern und Tierfutter ernährt

Die Situation dort hat sich seit Beginn der Waffenruhe tatsächlich kaum verbessert. Er glaube nicht daran, dass sich an ihrer Lage so bald etwas ändern werde, sagt Mahmoud Ziara. Der 66-Jährige haust mit seiner Frau Basma, ihren fünf Kindern und deren Kindern in einem Zeltlager in Gaza-Stadt, zwischen Dutzenden anderen Familien, die ebenfalls alles verloren haben. Nicht weit von ihrem Verschlag steht Abwasser, die Luft ist voller Insekten und Gestank, vom Himmel ist das Surren israelischer Drohnen zu hören, wie zur Erinnerung, dass der Krieg jederzeit wieder losgehen kann.

Ihr Wohnhaus im Westen der Stadt sei völlig zerstört worden, die Trümmer befänden sich auf dem Gebiet, das Israel weiter kontrolliert und wo jeder Eindringling ohne Vorwarnung beschossen werde. Selbst wenn eine neue Macht Gaza übernähme, »würde der Wiederaufbau so lange dauern, dass ich es nicht mehr erleben würde«, glaubt Ziara. Er leidet unter Bluthochdruck und Diabetes, seine Frau hat eine Krebserkrankung überlebt, Medikamente bekommen beide längst nicht mehr. Während der Blockade im Sommer hätten sie teilweise sogar Baumblätter, Tier- und Vogelfutter essen müssen, um nicht zu verhungern. Nun versorge sie eine Hilfsorganisation täglich zumindest mit etwas Brot, Reis und Gemüse. Ein Sohn sei bei einer Bombardierung getötet worden, die anderen seien alle ohne Job, sagt Mahmoud Ziara. Im weitgehend zerstörten Gazastreifen gebe es keine Möglichkeit, Geld zu verdienen. »Wenn wir könnten, würden wir gehen, sofort und egal wohin.«

US-Verhandlungsführer Lightstone (links) und Kushner (2.v. links) bei Netanyahu: »Nichts Gutes verheißen«

US-Verhandlungsführer Lightstone (links) und Kushner (2.v. links) bei Netanyahu: »Nichts Gutes verheißen«

Foto: Chaim Tzach / IGPO / EPA

Mit dem Netanyahu-Gesandten Michael Eisenberg und Aryeh Lightstone, einem Vertrauten von Trumps Schwiegersohn Jared Kushner, sind bei CMCC ausgerechnet Personen in einflussreichen Positionen, die eine zentrale Rolle beim Aufbau der fragwürdigen GHF spielten. Das könne »für den ganzen Prozess nichts Gutes verheißen«, sagt ein Diplomat, der nur anonym sprechen möchte. Das deutlichste Zeichen dafür, dass die Dinge im CMCC nicht gut abliefen, sei aber, »dass kein einziger Palästinenser mit am Tisch sitzt«. Die Amerikaner hätten »sehr deutlich gemacht«, dass sie die Palästinensische Autonomiebehörde, die über Teile des Westjordanlands regiert, bis auf Weiteres nicht dabeihaben wollen.

Breite Unterstützung für nächsten Irankrieg

In der Zwischenzeit ist die Siedlergewalt  im Westjordanland weiter eskaliert. Folter und Misshandlungen, immer wieder mit Todesfolge, sind in israelischen Militärlagern und Gefängnissen  an der Tagesordnung. Doch in den meisten israelischen Medien ist das genauso selten Thema wie eine Aufarbeitung von Kriegsverbrechen. Und eine staatliche Untersuchungskommission zum 7. Oktober versucht Netanyahu nach Kräften zu verhindern.

Nimrod Goren, Gründer der Denkfabrik Mitvim, geht davon aus, »dass es im ersten Halbjahr 2026 Neuwahlen in Israel geben könnte«. Die israelische Gesellschaft sei entlang verschiedener Gräben gespalten, »dabei geht es um unterschiedliche Sichtweisen des Kriegs und des 7. Oktobers, aber auch um unterschiedliche Sichtweisen der Demokratie«, sagt der Politikwissenschaftler. Die Opposition habe keinen klaren Anführer und kein gemeinsames Sachthema, um sich gegen Netanyahu zusammenzuschließen. Der Premier, der Israels Politik seit drei Jahrzehnten dominiert, gilt noch immer als talentiertester Wahlkämpfer. Bis zum Urnengang könnte er versuchen, den Justizumbau voranzutreiben und bestimmte arabische Parteien von den Wahlen auszuschließen, um seine Chancen zu steigern.

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Man dürfe auch nicht ausschließen, dass ein erneuter Iran-Angriff dem Premier nützen könnte, sagt der Iran-Analyst Danny Citrinowicz von der Denkfabrik Institute for National Security Studies in Tel Aviv. »Wenn es keinen neuen Atomdeal zwischen Teheran und Washington gibt, ist ein neuer Krieg sogar fast vorprogrammiert«, sagt er. Israel habe in seinem Zwölftagekrieg im Sommer große militärische Erfolge erzielt. »Aber an der strategischen Lage ändert das nichts«, sagt Citrinowicz, »das Teheraner Regime will erklärtermaßen weiter Uran anreichern und sein Raketenarsenal weiter ausbauen.« Die Unterstützung für einen weiteren Irankrieg sei in Israel »über alle Parteigrenzen hinweg groß«. Falls Iran beim Bau von Atomwaffen oder ballistischen Raketen Fortschritte macht, könnte sich Israel schon bald gezwungen sehen, erneut zu attackieren.

Wenn das passiert, dürfte es die Aufmerksamkeit noch mehr von Gaza ablenken. Nicht nur für die zwei Millionen Menschen vor Ort wäre das fatal. Denn spätestens seit dem 7. Oktober ist klar, dass die Konflikte im Nahen Osten durch Ignoranz nur noch größer werden.

Mitarbeit: Ghada Alkurd

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