Dienstagmorgen im Luftraum über Gaza: 22 Paletten mit Hilfsgütern rollen aus einem Flugzeug der Bundeswehr. Fast alle Menschen am Boden leiden unter den Folgen von akuter Nahrungsknappheit. Israel hat das Gebiet fast drei Monate ganz von der Nahrungsversorgung abgeschnitten und danach viel zu wenig hineingelassen. Deutschland und andere Länder leisten darum Nothilfe aus der Luft.
Der SPIEGEL war bei dem Bundeswehreinsatz über Gaza dabei und konnte anschließend verfolgen, wer etwas von den Hilfsgütern abbekommen hat.
Nabil Qadas, Palästinenser:
»Ich habe das Flugzeug gesehen. Aus lauter Hunger bin ich losgerannt, um etwas zu essen für meine Kinder zu besorgen. Ich habe verletzte Kinder. Ich habe kein Mehl, kein Essen, kein Wasser. Die Lage ist katastrophal. Das Wenige, das wir retten konnten – Gott sei Dank – geben wir den Kindern, auch ohne Brot. Das ganze Leben hier im Gazastreifen ist hart.«
Drei Konservendosen hat Nabil Qadas ergattert. Er berichtet, dass eine der Paletten auf einem Haus gelandet sei. Im Gedränge sei er fast vom Dach gestürzt. Auch andere Männer berichten, wie gefährlich die Hilfslieferungen aus der Luft seien.
Qasem Ahmad Zaker Musleh, Palästinenser:
»Alles ist voller Schutt, Gebäude sind zerstört, wir klettern hoch, verletzen uns, fallen runter. Das ist falsch. Es gibt freie Flächen, dort sollen sie es abwerfen, damit alle etwas bekommen. Aber so bekommt die Hilfen doch niemand.
Interviewer:
»Was möchten Sie dem deutschen Volk sagen?«
Qasem Ahmad Zaker Musleh, Palästinenser:
»Wir danken euch für das, was ihr für uns getan habt, aber die Art und Weise ist ein Fehler.«
Immer wieder soll es bei den Abwürfen zu lebensgefährlichen Situationen kommen, wie in diesem Video der Nachrichtenagentur Anadolu zu sehen ist. Menschen rennen verzweifelt zu den Hilfslieferungen. Viele hätten Messer oder Stöcke dabei, sie kämpften regelrecht um die Hilfsgüter, berichtet Nabil Qadas. Sein Sohn hatte deshalb bereits mehrere Stichwunden am Kopf. Qaddas nennt die Hilfslieferungen aus der Luft entwürdigend. Auch andere äußern vor Ort Kritik:
Name unbekannt, Palästinenser:
»Wir bitten alle Länder, die Hilfsgüter mit Fallschirmen über Gaza abwerfen, dies zu unterlassen. Jedes Mal gibt es dabei Verletzte und Tote, sogar Familienkonflikte – alles wegen dieser abgeworfenen Hilfslieferungen. Wir flehen euch an: Bringt uns die Hilfe auf einem anderen Weg, mit einem anderen Mittel, aber nicht durch diese Fallschirme.«
In Gaza steht laut Experten eine Hungersnot unmittelbar bevor. Die Menge der Hilfsgüter, die Israel nach Gaza lässt, ist in den vergangenen Tagen zwar gestiegen. Aber es sind immer noch zu wenige.