Georgia: Amoklauf an High School - Darum wird auch der Vater des Schützen angeklagt - DER SPIEGEL
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Amoklauf an Highschool Darum wird in Georgia auch der Vater des Schützen angeklagt

Wieder ein Amoklauf an einer Schule, wieder ist der Aufschrei groß. Diesmal aber muss auch der Vater des 14-jährigen Schützen vor Gericht – ein Vorgehen, das Wirkung zeigen könnte.
Vor Gericht: Der 54 Jahre alte Vater des Amokschützen
Vor Gericht: Der 54 Jahre alte Vater des Amokschützen

Vor Gericht: Der 54 Jahre alte Vater des Amokschützen

Foto: Brynn Anderson / REUTERS

Die Apalachee High School in Winder im US-Bundesstaat Georgia: Es ist Mittwochmorgen, die zweite Stunde ist gerade im Gange, als ein 14-jähriger Schüler aus dem Matheunterricht verschwindet. So weit, so ungewöhnlich. Zumindest für diesen Jungen, wie es Mitschüler berichteten. Dann kehrt er mit einem Sturmgewehr zurück, tötet zwei gleichaltrige Mitschüler, eine Lehrerin und einen Lehrer. Neun weitere Menschen werden bei der Attacke verletzt. Der Täter ergibt sich wenig später der Polizei.

Amokläufe und Massenschießereien sind trauriger Alltag in den USA. Allein an Schulen wurden seit 1989 statistischen Erhebungen zufolge  142 Menschen ermordet. Schaut man auf Massenschießereien mit vier oder mehr Todesopfern, waren es der Nachrichtenagentur AP zufolge allein in diesem Jahr 30 Angriffe, bei denen insgesamt 131 Menschen gestorben sind.

Amoklauf als »Teil des Lebens«

Auch nach der jüngsten Tragödie waren Rufe nach schärferen Waffengesetzen wieder laut. Allein im Jahr 2023 starben in den USA fast 19.000 Menschen  durch Schusswaffen. Doch obwohl es in den USA laut Umfragen seit Jahren eine Mehrheit für bessere Kontrollen gibt , konnte die mächtige Waffenlobby dies bisher in vielen Fällen verhindern, tatkräftig unterstützt von den Republikanern.

Von Einzelfällen ist dann die Rede, von schrecklichen Tragödien zwar, die aber durch Waffengesetze nicht zu verhindern seien. J.D. Vance, republikanischer Anwärter auf den Posten des Vizepräsidenten, tat das Massaker in Winder gar als »Teil des Lebens« ab.

Trauer in Winder, Georgia

Trauer in Winder, Georgia

Foto: Elijah Nouvelage / REUTERS

Wenn man also bisher nicht an die Waffen herankommt, dann vielleicht an ihre Käufer, genauer gesagt an jene, die Todesschüsse wie jene in Winder erst ermöglichen? So wie mutmaßlich der Vater des 14 Jahre alten Schützen. Er soll seinem Jungen das Sturmgewehr vom Typ AR-15 Medienberichten zufolge unter den Weihnachtsbaum gelegt haben.

Ermittler jedenfalls halten den Mann für mitschuldig. Der 54-Jährige soll seinem Sohn den Besitz der Tatwaffe erlaubt haben, obwohl er gewusst habe, dass dieser eine Bedrohung für sich selbst und andere darstelle.

Eltern haften für ihre Kinder

Es ist nicht das erste Mal, dass ein Elternteil bei einem Schulamoklauf zur Verantwortung gezogen wird. Im Februar hatte ein Gericht in Pontiac im US-Bundesstaat Michigan eine 45-Jährige wegen fahrlässiger Tötung in vier Fällen verurteilt. Ihr Sohn hatte im November 2021 an der Oxford High School vier Schüler getötet. Er wurde im Dezember 2023 zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe verurteilt.

Die Eltern des Jugendlichen sollen ihm die Tatwaffe geschenkt haben. Außerdem sollen auch sie Warnungen aus dem schulischen Umfeld des Jungen ignoriert haben.

Zwar wurden Elternteile in der Vergangenheit mitunter für fahrlässiges Verhalten zur Verantwortung gezogen, eine Verurteilung wegen »fahrlässiger Tötung« aber war neu. Wenige Wochen später konnten Ankläger auch die Geschworenen im Verfahren gegen den Vater von dessen Mitschuld überzeugen.

In beiden Fällen war es also gelungen, den notwendigen kausalen Zusammenhang darzustellen – zwischen den Taten der Eltern (Geschenk und Ermunterung), der folgenden Untätigkeit (Ignorieren von Warnungen) und dem Amoklauf des damals 15 Jahre alten Sohns. Mutter und Vater stehen jeweils 10 bis 15 Jahre Haft bevor.

»Präzedenzfall in Bezug auf die elterliche Verantwortung«

Nun also Georgia. Am Freitag ist der Vater des Schützen aus Georgia erstmals vor Gericht erschienen. Er soll nicht nur die Tatwaffe für seinen Sohn gekauft haben. Laut Bundespolizei FBI gab es zudem bereits im vergangenen Jahr mehrere anonyme Hinweise auf einen möglichen Angriff, von denen auch der Vater gewusst hatte. Vater und Sohn seien vernommen worden, der damals 13-Jährige habe jedoch bestritten, mit einer Attacke auf die Schule gedroht zu haben.

Erinnerung an die Opfer von Winder

Erinnerung an die Opfer von Winder

Foto: Elijah Nouvelage / REUTERS

Bereits nach den beiden Verurteilungen in Michigan kam die Frage auf: Werden sie Auswirkungen auf die Rechtslage in den gesamten USA haben? Oder zumindest auf andere waffenbegeisterte Eltern? Eine Auswertung des US-Heimatschutzministeriums jedenfalls hat gezeigt, dass etwa 75 Prozent aller Schützen von Schulamokläufen ihre Waffen zu Hause gefunden haben.

Für Hinterbliebene ist die Diskussion über die elterliche Verantwortung ohnehin längst überfällig. »Ich bin kein großer Fan von Schuldzuweisungen nach Tragödien, aber wir haben in diesem Land ein Problem mit der Rechenschaftspflicht«, sagte Michele Gay, Mutter der beim Sandy-Hook-Massaker 2012 getöteten Josephine Grace der »New York Times«. »Diese ganze Diskussion über die Rechenschaftspflicht ist schon viel, viel zu lange nicht mehr geführt worden.« Nicole Hockley, Mutter des getöteten Dylan, sagte: »Es schafft einen Präzedenzfall in Bezug auf die elterliche Verantwortung – wenn ein Kind Anzeichen zeigt, muss man sie ernst nehmen, wenn man Schusswaffen im Haus hat, muss man sie sicher aufbewahren.«

Cynthia Godsoe, Juraprofessorin an der Brooklyn Law School, sagte der Nachrichtenagentur Reuters, sie gehe zwar davon aus, dass die Anklage der Eltern in der Öffentlichkeit sowie bei Polizei und Staatsanwaltschaft beliebt sein werde – weil sie den Anschein erwecke, dass man das Problem jetzt anpacke. »Aber das bringt nichts. Es wird Schießereien an Schulen nicht verhindern, so ungeheuerlich sie auch sind. Es ist einfach eine Möglichkeit für die Polizei zu sagen, dass sie etwas tut.«