Trauerfeier für einen Hisbollah-Kommandeur – eine von vielen in den vergangenen Wochen. Israel hat die libanesische Miliz in die schwerste Krise ihrer Geschichte gestürzt: Pager-Explosionen, Luftangriffe auf Stellungen und Waffenlager, gezielte Tötungen hochrangiger Befehlshaber – und allem voran dieser massive Luftangriff am 27. September in Südbeirut. In den Trümmern starb Hassan Nasrallah, jahrzehntelang der Kopf und wohl die prägendste Figur der Hisbollah überhaupt. Was steht jetzt für die Region auf dem Spiel, was ist die Hisbollah – und warum ist sie so mächtig? Die wichtigsten Fakten in drei Kapiteln.
Der Libanon Ende der Siebzigerjahre: Es herrscht Bürgerkrieg, das kleine Land ist zerrüttet. In dieser instabilen Situation eskaliert die Lage zwischen der Palästinensischen Befreiungsorganisation, kurz PLO und Israel. 1982 vertreibt die israelische Armee die PLO aus dem Land und besetzt weite Teile des Südlibanon. Gegen die Besatzung formiert sich ein Zusammenschluss überwiegend schiitischer Gruppen: die Hisbollah, zu Deutsch: die »Partei Gottes«.
In den folgenden Jahrzehnten verübt die Hisbollah Entführungen, Bombenanschläge und Selbstmordattentate gegen israelische und US-amerikanische Ziele. Sie baut eine Armee auf, die heute schätzungsweise bis zu 60.000 Kämpfer zählt und ein großes Waffenarsenal hat, vor allem Raketen. Militärisch ist die Hisbollah wohl sogar stärker als das reguläre libanesische Militär. Auch wenn die Kommandostruktur der Miliz durch Israels aktuelle Angriffe geschwächt sein dürfte, bleibt ihr Einfluss im Land und ihre Bedeutung innerhalb der schiitischen Milizen bestehen.
Von Anfang an baut die Hisbollah soziale Einrichtungen auf, etwa Krankenhäuser und Schulen. Kurz nach Ende des Bürgerkriegs 1990 tritt die »Partei Gottes« in die Politik ein und erweitert ihren Einfluss. Das parlamentarische System des Libanon ist speziell – ein Proporz-Schlüssel teilt die Macht gleichmäßig unter den religiösen Gruppen wie Schiiten, Sunniten und Christen auf. Der Zentralstaat ist dadurch schwach, die mächtige Hisbollah hat de facto ein Vetorecht bei wichtigen Entscheidungen. So entstand ein »Staat im Staat«. Und er war eine Art Schattenpräsident: Hassan Nasrallah, von 1992 bis zu seiner Tötung Chef der Hisbollah.
Hassan Nasrallah, Hisbollah-Chef (2000):
»Wir müssen immer daran denken, dass Israel unser Land, unsere Sicherheit und unsere Souveränität ständig bedroht.«
Im Jahr 2000 zieht Israel sich schließlich aus dem Südlibanon zurück. Die Hisbollah verbucht das als Sieg über den Erzfeind. Bis heute speist sich daraus ein Großteil ihre Beliebtheit im Land. Finanziert wird die Hisbollah hauptsächlich durch Iran: Laut US-Schätzungen stellte das Regime in Kriegszeiten sogar bis zu 700 Millionen US-Dollar pro Jahr zur Verfügung. Die Gruppe folgt offiziell der religiösen Autorität des iranischen Revolutionsführers Ali Khamenei. Zudem ist die hochgerüstete Hisbollah der wichtigste militärische Stellvertreter Irans in der Region.
Haidar Srout, Hisbollah-Unterstützer:
»Alle unsere Siege verdanken wir den Bemühungen der Islamischen Republik Iran. Wir gehen gemeinsam mit euch durch gute und schlechte Zeiten, so wie Ihr mit uns seid, so sind wir mit euch.«
Das hat seinen Preis: Auch wenn Nasrallah in militärisch-taktischen Fragen oft eigenständig agierte: Das letzte Wort hatte Iran – etwa, als Teheran Assads Truppen in Syrien durch die Hisbollah unterstützen ließ. Auch auf den Verlauf des aktuellen Konflikts zwischen Israel und der Hisbollah hat Iran einen entscheidenden Einfluss: Tritt Iran an der Seite der Hisbollah direkt in den Konflikt mit Israel ein, droht ein regionaler Krieg. Hält sich das iranische Regime zurück, droht die Schwächung seines wichtigsten Verbündeten in der Region.