Hamas-Geiseln: Ihre Liebe überstand den Horror - aus dem Gazastreifen befreites Paar heiratet - DER SPIEGEL
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Yo Natthawaree Moonkan und Boonthom Phankhong an ihrem Hochzeitstag: Die beiden überlebten die Geiselhaft im Gazastreifen und sind zurück in Thailand

Yo Natthawaree Moonkan und Boonthom Phankhong an ihrem Hochzeitstag: Die beiden überlebten die Geiselhaft im Gazastreifen und sind zurück in Thailand

Foto: Lauren DeCiccia / DER SPIEGEL

Befreite Hamas-Geiseln in Thailand Ihre Liebe überstand den Horror

Yo und Boonthom waren in Geiselhaft der Hamas. Nun heiratet das thailändische Paar. Wie geht es den beiden ein Jahr nach der Befreiung? Ein Hochzeitsbesuch.
Aus Khon Kaen berichten Maria Stöhr und Lauren DeCicca (Fotos)

Um 9.27 Uhr küssen sie sich endlich. Der Zeremonienmeister spricht und singt seine Verse, die Familie sitzt mit am Tisch, Mütter, Väter, viele Tanten, und alle kreischen vor Freude, ein Mädchen streamt die Szene live für Facebook. Mittendrin Yo und Bonthoom, das thailändische Paar, dessen Geschichte vor einem Jahr um die Welt ging, weil ihre Liebe dem Terror und einer gewaltsamen Trennung standhielt: 49 Tage lang waren die beiden Gastarbeiter als Geiseln der Hamas im Gazastreifen.

Und nun, am 3. November 2024, heiraten sie. Nichts und niemand, sagt Yo, solle sie je mehr auseinanderreißen können.

Es ist ein angenehm kühler Morgen im Dörflein Kok Samran im Isaan, einer bäuerlichen Region im Nordosten von Thailand. Bei Sonnenaufgang sind schon die Mönche da gewesen, haben das Haus gesegnet, es kamen, nach und nach, die Gäste. Das Festzelt im Vorgarten hat die Familie von der Gemeinde geliehen. Leute vom Catering haben Dutzende Tische mit pinken Decken überzogen und Plastikstühle mit weißen Hussen.

Hinter dem Haus wird über offenem Feuer Reis gekocht, werden Kürbisse klein geschnitten, um sie später als Dessert in Kokosmilch einzulegen. Hungrig soll heute keiner bleiben. Heute soll ein glücklicher Tag sein.


Opfer eines Konflikts am anderen Ende der Welt

Yo Natthawaree Moonkan und Boonthom Phankhong, 36 und 46 Jahre, beide aus ärmlichen thailändischen Familien, wurden im vergangenen Jahr Opfer eines Konflikts am anderen Ende der Welt. Sie verliebten sich als Saisonarbeiter in einer Kartoffelfabrik in Israel, wenige Kilometer vom Gazastreifen entfernt. Am Morgen des 7. Oktober 2023 wurde das Paar von Hamas-Terroristen und weiteren Extremisten gewaltsam getrennt – und in den Gazastreifen entführt. Die Liebenden wussten über Wochen nichts voneinander. Ob der andere noch lebte, wie es ihm erging, ob sie sich jemals wiedersehen würden. Zu Hause weinten Yos Kinder.

Das Paar lebt im Isaan, einer ländlichen Provinz im Nordosten Thailands

Das Paar lebt im Isaan, einer ländlichen Provinz im Nordosten Thailands

Foto: Lauren DeCiccia / DER SPIEGEL

Die beiden waren damals nicht die einzigen Gastarbeiter aus Thailand, die getötet oder entführt wurden, als Terroristen in Israel einfielen, etwa 1200 Menschen ermordeten und mehr als 200 als Geiseln nahmen. 32 Thailänderinnen und Thailänder sind verschleppt worden.

Traditionell brechen viele Frauen und Männer aus dem südostasiatischen Land Richtung Israel auf, um als Vertragsarbeiter auf den Feldern zu helfen. Das Geld, das sie verdienen, schicken sie ihren Familien. 30.000 Thais arbeiteten dort bis zum Ausbruch des Krieges.

Yo und Boonthom gehören zu denen, die großes Glück hatten. Sie wurden zeitgleich befreit und nach einem Krankenhausaufenthalt in Israel zurück in ihre Heimat geflogen. Anfang Dezember 2023 besuchten  wir sie zum ersten Mal in ihrem Zuhause in Thailand.


»Wir sind aus Thailand, was haben wir damit zu tun?«

Damals öffnete uns ein Paar die Türen, das unter Schock stand, abgemagert und still. Sie erzählten vom Horror, den sie durchgemacht hatten. Von den Sorgen um die, die weiter gefangen waren. Am Tag des Interviews kam bei Yo und Boonthom eine Großpackung Beruhigungsmittel per Post an: Lorazepam, zum Schlafen, zum wenigstens ab und an Vergessen. Mit dem Bewältigen des Traumas ließ man die beiden ziemlich allein. Wir fanden zwei Menschen vor, die den Konflikt, in den sie geraten waren, nur zum Teil verstanden. »Wir sind aus Thailand, was haben wir damit zu tun?«, fragte Yo damals. Das Paar hatte Geldprobleme, weil die Einnahmen aus Israel plötzlich fehlten: etwa 1000 Euro pro Monat.

Fast ein Jahr später laden uns die beiden zu ihrer Hochzeit ein. Wie geht es Yo und Boonthom heute?

Yo berührt Boonthoms Rücken am Tag vor der Trauung

Yo berührt Boonthoms Rücken am Tag vor der Trauung

Foto: Lauren DeCiccia / DER SPIEGEL
Verwandte bereiten Desserts für die Hochzeitsgäste vor

Verwandte bereiten Desserts für die Hochzeitsgäste vor

Foto: Lauren DeCiccia / DER SPIEGEL
Boonthom am Hochzeitsmorgen: Spendengaben für die Mönche

Boonthom am Hochzeitsmorgen: Spendengaben für die Mönche

Foto: Lauren DeCiccia / DER SPIEGEL
Yo und Boonthom haben am 3. November 2024 geheiratet, fast ein Jahr nach ihrer Freilassung

Yo und Boonthom haben am 3. November 2024 geheiratet, fast ein Jahr nach ihrer Freilassung

Foto: Lauren DeCiccia / DER SPIEGEL

Yo begrüßt uns mit einer Umarmung. »Ich versuche, mit dem zu leben, was passiert ist«, sagt sie und setzt sich neben Boonthom, und wie vor einem Jahr übernimmt sie den Hauptanteil des Gesprächs. Immer wieder streicht sie ihrem Partner mit der Hand über den Rücken.

Sie sagt, was sie erlebt hätten, sei etwas, das sie nicht vergessen könne, »aber es geht mir ganz okay«.

Beide sind vor der Hochzeit ein paar Wochen in den Tempel gegangen zum Meditieren. Ruhe im Kopf. Yo sagt, das helfe ihr. Sie findet Ablenkung, wenn sie sich um das Haus der Großfamilie kümmert. Sie sammelt und trocknet Heil- und Küchenkräuter, um sie zu verkaufen.

Boonthom sagt, es helfe, dass sie sich gegenseitig hätten. Man müsse nicht viel reden, um zu verstehen. Man müsse sich nichts erklären. Die Verwandtschaft helfe auch. Die beiden leben bei Yos Familie, alle haben Boonthom in ihr Herz geschlossen, sagt Yo. Eine Nichte setzt sich auf ihren Schoss. Yo streicht ihr über die Haare.


Flashbacks bei Gewitter

»Ich nehme weiter Antidepressiva gegen den Stress, damit ich schlafen kann«, sagt Yo. Die Medikamente hätten Nebenwirkungen, aber ohne gehe es noch nicht. Beide gehen alle drei Monate zu einer Sitzung mit einer Psychologin, sie kostet 3000 Baht, etwa 80 Euro. Sie zahlen aus eigener Tasche.

Die israelische Flagge, die man Yo und Boonthom nach der Befreiung in die Hand drückte, hängt noch immer an der Säule vor dem Hauseingang. Fragt man das Paar, ob sie zufrieden sind mit der Unterstützung, die sie von israelischer und thailändischer Seite erfuhren, blocken sie ab.

Sie wollen nicht über mögliche Versäumnisse der Regierungen sprechen. Sie wollen nicht einsteigen in den Kanon von Beschuldigungen und Hass, der in dem Konflikt existiere.

Bis heute werden 101 Geiseln im Gazastreifen festgehalten. Wie viele davon noch leben, ist allerdings unklar. Mehr als ein Jahr später gibt es weiter keinen Deal zwischen Israel und der Hamas, die Geiseln freizulassen im Gegenzug für einen Waffenstillstand und palästinensische Häftlinge aus israelischen Gefängnissen. Die Verhandlungen scheitern immer wieder. Die meisten Thais kamen zwar nach einigen Monaten frei, aber noch immer sind sechs Landsleute im Gazastreifen.

Es gibt Traumaexperten, die sagen, um den Horror zu vergessen, reiche es nicht, selbst in Sicherheit zu sein. Solange man weiter Nachrichten aus den Kriegsgebieten empfange, könne man sich nie ganz sicher fühlen. Könnten Menschen nicht heilen. Yo sagt: »Ich bin zurück in meinem normalen Leben, aber mental bin ich nicht zurück.«

Ihr wurde geraten, keine Nachrichten aus dem Nahen Osten mehr zu lesen. Wenige Tage vor unserem Treffen sterben  in Israel nahe der Grenze zum Libanon vier thailändische Gastarbeiter bei einem Raketenangriff. Die Nachricht hat Yo und Boonthom erreicht. Yo sagt, man könne den News kaum entkommen. Sie seien überall, bei Facebook, bei TikTok, im Fernsehen.

Sie sagt: »Die Situation ist weiter furchtbar in Israel. Ich frage mich oft: Wie geht es denen, die noch in den Tunneln der Hamas sitzen?«


Dem Horror die Liebe entgegensetzen

Wenn es gewittert, bekommt Yo Flashbacks vom Geräusch des Donners. Sie hat aufgehört, Auto zu fahren. Wenn sie am Steuer sitzt, kriegt sie Panikattacken, weil der Verkehr zu laut ist. Das einzige, was dann ein bisschen helfe, sei eine Umarmung von Boonthom.

Wenn die Welt beschissen läuft, muss man ihr die Liebe entgegensetzen. Das klingt so kitschig und überheblich, wie eine viel zu einfache Antwort angesichts der vielen aktuellen Krisen, die Menschenleben kosten, die Lebensläufe für immer verändern. Aber hier in Thailand, an diesem frühen Novembersonntag, scheint an dem Satz dennoch etwas zu stimmen.

Nichts und niemand, sagt Yo, solle sie und Boonthom je mehr auseinanderreißen können

Nichts und niemand, sagt Yo, solle sie und Boonthom je mehr auseinanderreißen können

Foto: Lauren DeCiccia / DER SPIEGEL
»Bai Sri« nennt sich die buddhistische Zeremonie, die die beiden bei ihrer Hochzeit mitmachten. Danach banden Gäste Glücksbringer um die Handgelenke der Frischvermählten

»Bai Sri« nennt sich die buddhistische Zeremonie, die die beiden bei ihrer Hochzeit mitmachten. Danach banden Gäste Glücksbringer um die Handgelenke der Frischvermählten

Foto: Lauren DeCiccia / DER SPIEGEL
Auch einige weitere thailändische Ex-Geiseln der Hamas waren zur Hochzeit eingeladen

Auch einige weitere thailändische Ex-Geiseln der Hamas waren zur Hochzeit eingeladen

Foto: Lauren DeCiccia / DER SPIEGEL

So sehr Yo und Boonthom unter ihrer Zeit in Geiselhaft weiter leiden, so sehr haben sie sich in den vergangenen zwölf Monaten auch verändert. Aus den Menschen mit den eingefallenen Wangen sind zwei geworden, die strahlend jeden Hochzeitsgast begrüßen, von Tisch zu Tisch gehen und den Leuten Bier und Cola nachschenken. Sie tanzen, während ihre Freunde Karaoke singen. Sie haben sich zwei Monate lang auf diesen Tag vorbereitet. Sie haben im Norden von Thailand traditionelle Tracht gekauft, seine in Braun, ihre in Beige.

Yo und Boonthom wollen ein Kind zusammen bekommen. In den nächsten ein oder zwei Jahren, hoffen sie, dass es klappt. Wenn nicht, erwägen sie, noch mal als Gastarbeiter ins Ausland zu gehen. Das Geld, das sich außerhalb Thailands verdienen lasse, sagt Yo, würde die Schulden tilgen, die sie immer noch zurückzahlen müssen. Finanziell kommen sie im Moment gerade so über die Runden. Nach Israel, sagt sie, wollen sie nur, wenn der Krieg bis dahin vorbei ist.

Yo und Boonthom: Ihre Liebe überstand den Horror

Yo und Boonthom: Ihre Liebe überstand den Horror

Foto: Lauren DeCiccia / DER SPIEGEL

Am Ende der buddhistischen Trauzeremonie, in Thailand »Bai Sri« genannt, und bevor die ersten Bierflaschen geöffnet werden, stellen sich die Hochzeitsgäste in einer Reihe vor den Frischvermählten auf. Alle knoten Yo und Boonthom kleine Bändchen um die Armgelenke, verneigen sich. Sie wünschen den beiden Glück.

Mitarbeit: Wisanee Wattanavichien

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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