Frauenhass in Indien »Viele Regierungen unterschätzen den Hass der ›Incel‹-Foren völlig«
Proteste in Indien nach der Ermordung einer Ärztin 2024: Der Hass im Internet gegen Frauen hat reale Folgen in der indischen Gesellschaft
Foto: Anupam Nath / AP
In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.
SPIEGEL: Frau Kaur, Sie forschen zu »Incels« in Indien. Warum dort?
Kaur: Alles, was man gemeinhin zu »Incels« weiß, stammt aus einer sehr westlichen Perspektive. Man guckt in die USA. Aber wenn man sich mit dem Thema befasst, fällt schnell auf: Es gibt diese Gruppen weltweit, und gerade in Asien gibt es große »Incel«-Communitys. In Korea, in Japan und vor allem in Indien. »Incels« – »Involuntary Celibates« – darunter versteht man grob gesagt frustrierte Männer, die keinen Sex haben, keine Partnerin haben und die Schuld daran den Frauen geben. Eine Gemeinschaft, die sich als Opfer sieht, selbst bemitleidet und einander darin bestärkt, dass Feminismus, die #MeToo-Bewegung und progressive Politik an ihrem Los schuld sind.
Privat
Gurpreet Kaur arbeitet zu Frauenrechten weltweit und promovierte an der University of Warwick. Derzeit forscht sie an der SOAS University in London zu Konzepten von Gewalt gegen Frauen und Terrorismus.
SPIEGEL: Diese Männer sehen sich also als weltumspannende Schicksalsgemeinschaft?
Kaur: Nicht unbedingt. Zwar vernetzen sich all diese »Incels« global, doch es gibt eine klare Hierarchisierung. Indische »Incels« werden auch »Currycels« genannt – eine rassistische, abwertende Zuschreibung, die aussagt: Ihr seid noch schlechter dran, noch unbeliebter als etwa die amerikanischen Antifeministen. Je mehr man forscht, desto unschöner wird es. Eine krasse Selbstentwertung findet da statt.
Gurpreet Kaur
SPIEGEL: Wie groß ist also der Frauenhass im indischen Internet?
Kaur: Was ich besonders auffällig finde, ist: Indische »Incels« äußern sich sehr offen und sichtbar. Sie nutzen Klarnamen und Fotos. In amerikanischen Foren ist das eher selten: Da werden gewöhnlich Fakeprofile angelegt, um die Identität zu schützen. Die Inder sind da offener. Es gibt Gruppen wie »Men Going their Own Way«, »Men’s Rights Activists«, »Gender Inequal India«, oder die FOSLA – »Frustrated One-Sided Lovers’ Association«. Gerade auf X, Reddit und Facebook bezeichnen diese Männer sich offen, fast stolz als »Incels«, schreiben über ihre Probleme, schwurbeln Verschwörungstheorien, klagen an: »Wie kannst du es wagen, mich abzulehnen, wenn ich sexuelles Interesse an dir bekunde?«
SPIEGEL: Wie erklären Sie sich diese Offenheit?
Kaur: Aus der Vorstellung, dass einem als Mann in Indien Privilegien zustehen. Jungen und Männer wachsen dort in den Familien immer noch bevorzugt auf. Die Idee, dass ihnen Dinge zustehen, wird von Kindheit an vermittelt. Eben zum Beispiel: eine Frau. Sex. Es gibt in Indien 1,5 Milliarden Menschen, mehr als 50 Prozent sind jünger als 30 Jahre. Weil männlicher Nachwuchs traditionell als besser gilt und weiblicher Nachwuchs als lebenslange Bürde, wurden lange Zeit weibliche Föten abgetrieben oder weibliche Neugeborene getötet. Es wurde und wird weiter auf grausame Weise aktiv in die Demografie eingegriffen. Mit der Folge: Es gibt heute weniger junge Frauen als junge Männer.
Männer in Mumbai: »Die Realität in Indien passt heute nicht mit dem zusammen, was jungen Männern erzählt wurde. Das frustriert viele«
Foto: Samyukta Lakshmi / DER SPIEGELSPIEGEL: Männer tun sich also schon rein statistisch schwer, eine Partnerin zu finden.
Kaur: Frauen – und eben nicht die Männer – haben dort heute die Wahl. Und die feministische Bewegung ist ja auch an Indien nicht vorbeigegangen. Junge Inderinnen Anfang 20 haben verstanden, dass sie sich Gewalt nicht gefallen lassen müssen. Dass auch sie Spaß an Sex haben können. Dass sie Ansprüche haben dürfen. Dass sie, ganz wichtig, Nein sagen können. Dass sie ohne Mann klarkommen. Diese Generation Frauen steht fest im Berufsleben, verdient Geld, ist nicht mehr abhängig.
SPIEGEL: Der Anspruch der Männer, der Größte zu sein, löst sich nicht ein?
Kaur: Die Realität in Indien passt heute nicht mit dem zusammen, was jungen Männern erzählt wurde. Das frustriert viele. Die Selbstermächtigung der Frau ist für »Incels« der Inbegriff allen Übels. Außerdem gibt es viel Armut, das heißt, viele Familien leben auf engem Raum zusammen. Männer, die dort aufwachsen, haben keine Privatsphäre, um sich im Dating, in ihrer Sexualität, ersten Beziehungen auszuprobieren. All das braut sich zu einem toxischen Gemisch zusammen, das viele Männer in Indien offen sagen lässt: »Ich bin ein Mann, ich habe ein Recht darauf, mich benachteiligt zu fühlen. Ich hasse Frauen, und es ist mir egal, wenn das alle wissen.«
SPIEGEL: Regelmäßig gibt es in Indien grausame Übergriffe auf Frauen und Femizide. Jedes Jahr werden offiziell mehr als 30.000 Menschen Opfer von Vergewaltigungen, 90 jeden Tag. Die eigentlichen Zahlen dürften viel höher liegen. Was hat der Hass im Internet damit zu tun?
Kaur: Es gibt leider keine gute Forschung darüber, was der Hass im Internet mit der Gewalt im echten Leben zu tun hat. »Incels« werden immer noch als etwas weirde Gruppe angesehen, die man nicht so recht ernst nimmt. Zu den gesellschaftlichen Veränderungen kommt einmal, dass in Indien sexuelle Aufklärung fehlt, und zweitens die mächtige Rolle des Internets. Indien ist ein Heavy-User-Land von Smartphones und sozialen Medien. Es wird enorm viel Pornografie konsumiert. Zugleich haben die Leute wenig Bildung, was Fake News und so weiter angeht. Hass und Falschnachrichten können dort lange vor sich hin köcheln. Das heißt: Eine tief konservative Gesellschaft mit kaum sexueller Aufklärung trifft auf ein Internet voller Fake News und gewaltverherrlichender Pornografie.
SPIEGEL: Sie haben die Sprache von »Incels« in Onlineforen untersucht und sagen: Die Rhetorik gleicht der von Terroristen.
Kaur: Wenn wir uns ansehen, wie dort über Frauen gesprochen wird, wo ihr Platz in der Gesellschaft angeblich sein sollte – und wo hingegen der Platz der Männer, dann gibt es klare Parallelen zur Sprache von Extremisten, etwa der des »Islamischen Staates«. Es ist eine binäre Sicht auf die Welt, in der Gewalt und die Unterdrückung der Frau legitimiert werden. Frauen werden entmenschlicht. Vergewaltigungsfantasien liest man in diesen Chats permanent. Das ist gefährlich. Leider wird die Gefahr, die aus so einer extremistischen Ideologie erwächst, im Fall der »Incels« nicht genug wahrgenommen. Ich würde sagen, diese Gruppen werden eher belächelt.
SPIEGEL: Mit welcher Konsequenz?
Kaur: Dass wir die Gefahr definitiv unterschätzen. Es gibt immer wieder Hinweise, dass sich Tötungsdelikte und Übergriffe auf Frauen aus hasserfüllten Onlinediskursen speisen. Offline und online hängen zusammen. Was online passiert, bleibt nicht online, es hat Auswirkungen auf das reale Leben. Diese Zusammenhänge besser zu erforschen, in psychologischen Studien, wäre angebracht. Gerade, um daraus Gesetze abzuleiten, wie man da vorbeugen kann, wie man junge Männer besser erreichen kann. Und da klafft eine riesige Lücke. Viele Regierungen unterschätzen den Hass der »Incel«-Foren völlig, nicht nur in Indien.
Redaktionelle Mitarbeit: Mrigakshi Shukla
Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft
Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.
Eine ausführliche FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.