Indien: Deshalb hat Poonam Pandey ihren eigenen Tod vorgetäuscht - DER SPIEGEL
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Poonam Pandey: Will es schaffen in Bollywood

Poonam Pandey: Will es schaffen in Bollywood

Foto: Samyukta Lakshmi / DER SPIEGEL

Bollywood-Schauspielerin Deshalb hat Poonam Pandey ihren eigenen Tod vorgetäuscht

Die indische Influencerin Poonam Pandey hatte die Nachricht verbreiten lassen, sie sei gestorben. Mit ihrer Aktion wollte sie auf Gebärmutterhalskrebs aufmerksam machen – und auf sich. Wie geht es ihr ein Jahr später?
Aus Mumbai berichten Maria Stöhr und Samyukta Lakshmi (Fotos)

Die Frau, die mal zwei Tage tot war, lebt in einem Hochhaus im Norden Mumbais, in dem alles vom Was-sein-Wollen erzählt. Der Eingang voll mit Kronleuchtern, verspiegelten Fliesen und der Aufschrift »Park Luxury Residences«, die Aufzüge breit. Doch oben, in Poonam Pandeys Wohnung, sind die Zimmer klein und schlecht geschnitten.

Poonam Pandey, 34 Jahre alt, ist eine indische Schauspielerin. Sie hat ein paar Bollywood-Filme und Pornos gedreht und war Teilnehmerin von ein paar Reality-TV-Shows, zum Beispiel einer, in der die Leute in ein Gefängnis eingesperrt werden. Bekannt wurde Pandey 2011, als sie versprach, sich für das indische Cricket-Team auszuziehen, sollte es die Weltmeisterschaft gewinnen.

Und dann sorgte sie noch mal für Aufsehen, als es kurz so schien, als sei sie nicht mehr am Leben. Das kam so: In einem Post auf ihrem Instagram-Account , dem 3,7 Millionen Menschen folgen, hieß es Anfang Februar 2024, vor einem Jahr: »Wir sind zutiefst traurig, Ihnen mitteilen zu müssen, dass wir unsere geliebte Poonam an Gebärmutterhalskrebs verloren haben.«

Pandeys Presseteam gab eine Mitteilung raus, in der es hieß: Pandey habe »tapfer gegen die Krankheit gekämpft«, sei aber »tragisch gestorben«. »Ihr unerschütterlicher Geist inmitten ihrer gesundheitlichen Probleme war wirklich bemerkenswert«.

Indische Medien veröffentlichten Nachrufe und Rückblicke auf Pandeys Karriere. Kolleginnen äußerten sich. Follower kommentierten. So eine junge Frau, so voller Energie, und schon nicht mehr am Leben! Doch es gab auch Zweifler. Weil Pandey nur wenige Tage vorher noch Selfies gepostet hatte, auf denen sie sehr gesund aussah. Wie konnte das sein?

Schauspielerin, Model Poonam Pandey: Täuschte bei Instagram ihren Tod vor

Schauspielerin, Model Poonam Pandey: Täuschte bei Instagram ihren Tod vor

Foto: Samyukta Lakshmi / DER SPIEGEL

Tags darauf veröffentlichte Poonam Pandey ein Video. Darin entschuldigte sie sich bei ihren Fans. Sie habe sie nicht erschrecken wollen. Sie sei nicht gestorben. Sondern habe Aufmerksamkeit lenken wollen auf ein Thema, das in Indien viel zu oft vergessen werde: Gebärmutterhalskrebs. »Im Gegensatz zu einigen anderen Krebsarten ist Gebärmutterhalskrebs vollständig vermeidbar«, sagte Pandey. Sie wolle, dass Frauen und Mädchen sich impfen lassen und Termine für Früherkennungstests vereinbaren.

»Ich bin nicht an Gebärmutterhalskrebs gestorben. Leider kann ich das Gleiche nicht über Tausende Frauen sagen, die ihr Leben verloren haben.«

Es folgten ein gigantischer Shitstorm und weltweite Nachrichten über Pandeys Betrug. Was an den Fall der australischen Bloggerin Belle Gibson erinnert. Die hatte vor einigen Jahren eine Krebserkrankung erfunden – und behauptet, sie mit ayurvedischer Medizin, Sauerstofftherapie sowie dem Verzicht auf Gluten und Zucker überwunden zu haben. Nichts daran stimmte.

Das alles ist ein Jahr her. Doch die Fragen, die Pandey mit ihrer großen Täuschung anstieß, sind aktuell. Was treibt jemanden, seinen eigenen Tod vorzutäuschen? Heiligt der Zweck die Mittel? Oder war die Aktion, bei der eine Influencerin Millionen Followern ins Gesicht log, fahrlässig in einer Zeit, in der Menschen weltweit nicht mehr wissen, was im Internet noch stimmt? Wie sie richtig und falsch unterscheiden sollen?

Es schaffen in Bollywood

Poonam Pandey im Internet ist eine Frau mit immer gleichem Gesichtsausdruck, zusammengezogene Lippen, nach oben guckende Augen. Meistens hat sie auf den Fotos nur wenig an. Es geht um Luxus und Looks.

Poonam Pandey in echt ist eine Frau, die versucht, alles richtigzumachen. Die auffallen will, und es schaffen in Bollywood, wo die Geschichten opernhaft verlaufen, wo die Stars Shah Rukh Khan heißen, Kajol, Sridevi Kapoor. In einer gnadenlosen Filmindustrie.

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Im Dezember treffen wir sie in ihrer Wohnung. Sie streift sich das dunkle Haar von der einen Schulter über die andere und sagt: »Ich bin aufgewachsen wie viele Kinder in Indien. Ich habe diese unfassbar schönen Frauen im Fernsehen und auf Plakaten gesehen. Wie sie tanzen, sich bewegen. Sie sind so schön wie Göttinnen. Ich wollte auch so werden.«

Pandey erzählt, wie sie in einem Vorort von Mumbai aufgewachsen sei, der Vater habe für eine Sicherheitsfirma gearbeitet. »Wir hatten nicht viel Geld«, sagt Pandey. Sie machte erstmal eine Schneiderlehre. Mit 16 ging sie zu Castings, posierte für einen Unterwäschekalender vor der Kamera.

»Ich warte auf meine eine große Chance«, sagt sie. »Bollywood ist eine Industrie, für die ich immer noch sterben würde.«

Sterben, um gesehen zu werden

Und so hat sich Poonam Pandey, der ewige indische C-Promi, öffentlich sterben lassen.

Die Idee hatte sie nicht selbst. Eine Agentur aus Mumbai kam auf Pandey zu. Ob sie ihren Tod in den sozialen Medien inszenieren würde, um Aufmerksamkeit für die Gebärmutterhalsimpfung zu erregen? Die Agentur – »Schbang« – hat auf eine SPIEGEL-Anfrage nicht geantwortet.

Pandey sagt, ihr sei nicht bewusst gewesen, wie stark ihr »kleiner Schwindel« kritisiert werden würde, sobald er auffliegt. Sie habe zu Hause gesessen, habe die Beschimpfungen im Internet gelesen, und verfolgt, wie sich ein Follower nach dem anderen von ihrem Account trennte. Die Agentur habe sie während des Shitstorms nicht unterstützt.

»Meine Mutter hatte Krebs. Viele normale Leute in Indien wissen nur wenig darüber, wo sie medizinische Hilfe bekommen«, sagt Pandey. Sie habe sich nicht viel gedacht, außer, dass so eine Kampagne nicht schaden könne. Sie sagte zu.

Pandey und ihr Hund Cesar in ihrer Mumbaier Wohnung: »Tue alles, damit die Menschen anfangen, mich zu lieben«

Pandey und ihr Hund Cesar in ihrer Mumbaier Wohnung: »Tue alles, damit die Menschen anfangen, mich zu lieben«

Foto: Samyukta Lakshmi / DER SPIEGEL

Gebärmutterhalskrebs zählt zu den vier häufigsten Krebserkrankungen unter Frauen weltweit. 94 Prozent der Frauen, die daran sterben, kommen aus Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen, besagt eine Studie der Weltgesundheitsorganisation . Auf Indien entfällt fast ein Viertel aller Fälle, und jeden Tag verlieren dort mehr als 200 Frauen durch die Krankheit ihr Leben. Viele Mädchen und Frauen, gerade auf dem Land, wissen nicht, dass man diesen Krebs durch eine Impfung verhindern kann, sie haben kaum Zugang zu guter Gesundheitsvorsorge.

80 Prozent der Ärzte praktizieren in den Städten, wo weniger als 30 Prozent der Bevölkerung leben, sagt der indische Gesundheitsexperte Sudipta Sengupta. Er ist überzeugt, dass man diese Menschen mit Videos und Posts in den sozialen Medien besser erreichen kann. Doch im Internet liege nicht nur eine Chance, sondern auch eine Gefahr. Noch immer erhielten jeden Monat Hunderttausende Inderinnen und Inder zum ersten Mal Zugang. Diese neuen Nutzerinnen wissen selten, wie sie mit den Quellen umgehen, die sie bei Facebook, Google und Instagram finden. Jeden, der im Internet den Experten mimt, halten sie für einen Experten.

Wusste Poonam Pandey das nicht?

Vielleicht ist es so, dass Poonam Pandey, die gern die nächste große Bollywood-Schauspielerin wäre, und viele Menschen im Internet, in Indien und anderswo, sogar das gleiche Problem haben. Sie sitzen einsam vor der Frage: Wem kann ich noch trauen?

Pandey hofft jedenfalls, dass sich ein paar Frauen auf dem Land ihretwegen impfen ließen.

Sie sagt: »Hätte ich einfach ein normales Video aufgenommen und über Krebsvorsorge gesprochen, hätte mir niemand zugehört. Die Leute schauen mir entweder ins Gesicht oder auf meine Titten.«

Redaktionelle Mitarbeit: Varsha Garg, Mrigakshi Shukla

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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