Anshu Rajput bei ihrer Arbeit in einem Café in Noida, einer Vorstadt von Indiens Hauptstadt Neu-Delhi. Es ist ein besonderes Café. Wie alle Frauen, die hier arbeiten, hat sie eine Säureattacke überlebt.
Anshu Rajput, Überlebende einer Säureattacke:
»Ich war damals in der zehnten Klasse, bin immer mit dem Fahrrad zur Schule gefahren. Der Täter wohnte in der Nachbarschaft. Wir nannten ihn Opa. Er folgte mir immer auf dem Schulweg, aber ich habe nie etwas Verdächtiges bemerkt. Irgendwann hielt er mich an und sagte, dass er sich in mich verliebt habe und eine Beziehung mit mir eingehen wolle.«
Die 25-Jährige hatte Angst, ihren Eltern davon zu berichten. Sie schwänzte die Schule, blieb zu Hause. Irgendwann erzählte sie ihrer Mutter von dem Vorfall. Ihre Eltern stellten den 55-jährigen Mann daraufhin zur Rede, es kam zum Streit. Dann, am 12. Februar 2014 griff er die Jugendliche mit Säure an.
Anshu Rajput, Überlebende einer Säureattacke:
»Bis heute ist nichts normal. Es ist sehr schwierig, einen Säureangriff zu überleben. Es ist schwieriger als tot zu sein, weil wir jeden Tag mit der Gesellschaft zu tun haben. Wir werden ständig angestarrt und sie geben uns das Gefühl, wir hätten uns das selbst angetan.«
Neben ihr sitzt Nagma Sufia. Auch sie wurde mit Säure überschüttet – von ihrem Cousin. Er wollte sie heiraten, doch Sufia hatte abgelehnt.
Nagma Sufia, Überlebende einer Säureattacke:
»Während er mich mit der Säure angriff, sagte er mir: ›Ich glaube nicht, dass dich jetzt noch jemand heiraten wird.«
Nach Angaben des indischen National Crime Records Bureau wurden zwischen 2018 und 2021 rund 800 Fälle von Säureangriffen in Indien gemeldet. Weltweit sind es pro Jahr um die 1.500 Säureattacken, schätzt die Organisation »Acid Survivors Trust International«. Die tatsächliche Zahl dürfte jedoch deutlich höher liegen, da viele Frauen aus Scham oder Angst nicht die wahre Verletzungsursache nennen. Bei den Opfern handelt es sich meistens um Frauen. Überwiegend kommt es in Entwicklungsländern zu solchen Übergriffen, wobei auch in Großbritannien die Anzahl in den vergangenen Jahren gestiegen ist.
Den schrecklichen Taten voraus gingen unter anderem enttäuschte Liebesgefühle, Streit um Mitgiften bei Heirat, Landstreitigkeiten oder familiäre Konflikte.
Den Betroffenen helfen will in Indien die gemeinnützige »Chhanv Foundation«. Sie betreibt die »Sheroes Hangout Cafés«. Mittlerweile gibt es sie in drei Städten im Land - und sie bieten mehr als nur einen Coffee to go.
Ritu Saini, Vertreterin von »Sheroes Hangout«:
»Sheroes ist eine Art Rehabilitationszentrum. Wir helfen den Überlebenden in ihrem verlorenen Glauben an die Gesellschaft. Wir bieten ihnen eine angemessene Atmosphäre, die ihnen in ihrem Zuhause fehlte.«
In den Cafés können Säureattacken-Überlebende nicht nur Geld verdienen, vielmehr bieten die Cafés sogenannte Safe Spaces mit einer Gemeinschaft und gelebter Akzeptanz. Hier werden Betroffene vor gesellschaftlicher Verachtung geschützt.
Anshu Rajput, Überlebende einer Säureattacke:
»Wir sind wie eine Familie voller Freunde. Bei ›Sheroes‹ müssen wir nicht darüber nachdenken, wie wir sitzen oder wie wir reden. Zu Hause mussten wir unsere Gesichter verhüllen, aber bei ›Sheroes‹ fühlen wir uns wirklich wohl. Wir können uns selbstbewusst zeigen. Aber es gibt so viele Überlebende, die immer noch ihr Gesicht verdecken, so wie ich damals. Weil mir die Stärke und das Selbstvertrauen fehlten.«
Bei den Attacken wird häufig Schwefelsäure verwendet. Sie ist vor allem in Putzmittel enthalten und war in Indien bis vor einigen Jahren in Haushaltsgeschäften frei verkäuflich. 2013 hat das oberste Gericht Indiens den Verkauf der ätzenden Flüssigkeit eingeschränkt. Shops müssen für den Verkauf lizenziert sein, Käufer einen Ausweis zeigen sowie Adresse und Verwendungszweck angeben.
Kritikerinnen und Kritiker bezeichnen den Ansatz jedoch als »ineffektiv« und nicht ausreichend. Nach indischem Recht drohen den Tätern mindestens zehn Jahre Gefängnis. Doch viele Täter werden nicht gefasst, Betroffene fordern härtere Strafen für die Angreifer und ein stärkeres Bewusstsein in der Gesellschaft:
Nagma Sufia, Überlebende einer Säureattacke:
»Das Entscheidende, was helfen kann, ist die Macht des Gesetzes. Es sollten strenge Gesetze erlassen werden. Es ist sehr schwierig, den bösartigen Menschen den Unterschied zwischen Recht und Unrecht klarzumachen. Sie wollen es einfach nicht verstehen.«
Anshu Rajput, Überlebende einer Säureattacke:
»Ein Krimineller wird andere Wege finden, Menschen zu verletzen, auch wenn der Kauf und Verkauf von Säure verboten ist. Wir müssen den Geist und das Bewusstsein der Menschen verändern. Nur dann werden wir in der Lage sein, Motive von Säureattentätern zu zerstören.«
Heute haben Anshu Rajput und die anderen Frauen ihre Unabhängigkeit wieder. Sie führen ein selbstständiges Leben, trotz Verbrennungen und häufig schwieriger Wundheilung.
Anshu Rajput, Überlebende einer Säureattacke:
»Das Schlimmste, was eine Gesellschaft machen kann, ist Menschen wie mich auszugrenzen. Wenn eine Gesellschaft uns mit der gleichen Liebe, Fürsorge und Unterstützung akzeptiert wie vorher, dann wird ein Täter sein Ziel, uns aus der Gesellschaft zu verdammen, nicht mehr erreichen.«
Ihr Wunsch: Ein Leben ohne Schande und Ausgrenzung führen. Akzeptiert werden, so wie sie sind. Die Cafés für Säureattacken-Überlebende sind dafür ein guter Anfang.