Indien: Warum die Menschen immer dicker werden – »Ozempic ist das neue Buzzword« - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 47 / 79
Fast-Food-Stand am Juhu Beach in Mumbai: Immer mehr Dicke

Fast-Food-Stand am Juhu Beach in Mumbai: Immer mehr Dicke

Foto: Samyukta Lakshmi / DER SPIEGEL

Übergewicht in Südasien »Ozempic ist das neue Buzzword in Indien«

Der Wohlstand in Indien wächst und mit ihm das Übergewicht. Im bevölkerungsreichsten Land der Welt sind viele zu dick, vor allem Kinder, auch Diabetesraten steigen. Um abzunehmen, greifen manche zu drastischen Maßnahmen.
Aus Mumbai berichten Maria Stöhr und Samyukta Lakshmi (Fotos)
• aus DER SPIEGEL 3/2025
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

Sohini Sonawane trägt noch dieselbe Jeans wie vor elf Monaten, aber sie hat eine Menge Stoff rausgeschnitten. Seit Februar 2024 hat sie ihr Gewicht fast halbiert. Die Hose ist mitgeschrumpft.

Sonawane, 28 Jahre alt, lebt in Mumbai, sie hat ihren Master in Data Science abgeschlossen, macht gerade ein Praktikum. Sie ist etwa 1,65 Meter groß und wog mal 96 Kilo. Nun sind es noch 61. Körpermaße, die eigentlich niemanden außer Sonawane selbst etwas angehen. Aber sie sagt, es sei ihr doch wichtig, dass andere Menschen von ihrem Gewicht und ihrer Geschichte erfahren.

Es gehe ihr nicht darum, sagt sie, »Fat Shaming« zu betreiben, also Leute zu stigmatisieren, weil sie mehr wiegen. Sie will, dass junge Menschen in Indien und anderswo lernen, wie gesund leben geht. Sonawane nimmt ihr Handy, zeigt Fotos von ihrem alten Ich. »Ich hatte keine Ahnung, wie gefährlich mein Gewicht für meinen Körper war«, sagt sie. »Und ich hatte aufgegeben, weil ich dachte, ich schaffe es sowieso nicht abzunehmen.«

Sohini Sonawane, 28, war übergewichtig und litt an Diabetes. Durch eine Magenverkleinerung nahm sie stark ab

Sohini Sonawane, 28, war übergewichtig und litt an Diabetes. Durch eine Magenverkleinerung nahm sie stark ab

Foto: Samyukta Lakshmi / DER SPIEGEL
Sohini Sonawane wog im Februar 2024 noch knapp 100 Kilo

Sohini Sonawane wog im Februar 2024 noch knapp 100 Kilo

Foto: Samyukta Lakshmi / DER SPIEGEL

Lange hat Indien, heute die Heimat von 1,4 Milliarden Menschen, die Statistiken unter- und mangelernährter Menschen angeführt. Zu verhindern, dass Kinder wegen Hungers sterben oder lebenslange Schäden davontragen, das war das Ziel. Und so ist es noch heute – an vielen Orten, die weiter von Armut geprägt sind. Doch mit steigenden Einkommen ging der Hunger insgesamt zurück, vor allem in den Städten. An seine Stelle traten Wohlstandskrankheiten.

Übergewicht wird zu einem Problem, gerade unter Kindern und Jugendlichen. Indische Zeitungen schreiben von einer »Übergewichtskrise«, von einer »Epidemie«. Eine umfassende Gesundheitsstudie der indischen Regierung kam vor vier Jahren zum Ergebnis , dass die Zahl übergewichtiger Kleinkinder wachse. Der World Obesity Atlas rechnet damit, dass bis zum Jahr 2030 mehr als 27 Millionen Kinder in Indien zu dick sein werden. Indien sei, was die Gesundheitsversorgung und Prävention angeht, auf die steigende Zahl Übergewichtiger nicht vorbereitet.

DER SPIEGEL 3/2025

Zirkus im Kopf

Unaufmerksam, leicht abzulenken, motorisch unruhig, mitteilungsbedürftig – Menschen wie Influencerin Vanessa Ebert und Schauspieler Simon Schwarz haben ADHS. Besonders in sozialen Medien ist das Interesse an dem Thema groß. Hat das ausschließlich medizinische Gründe, oder liegt es auch am Zeitgeist?

Lesen Sie unsere Titelgeschichte, weitere Hintergründe und Analysen im digitalen SPIEGEL.

Dicke Kinder werden häufig zu dicken Erwachsenen. Bis zu 70 Prozent der urbanen Bevölkerung galten laut einer aktuellen »Lancet«-Studie schon 2022 als übergewichtig. Dazu kommen Millionen Menschen, die fettleibig sind; Fettleibigkeit beziehungsweise Adipositas beginnt ab einem Body-Mass-Index von 30. Und zieht viele Folgebeschwerden nach sich, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus Typ 2.

»Lasst mich alle in Ruhe«

Auch Sohini Sonawane hatte Diabetes, jahrelang. Es begann, als sie ein Teenager war. Sie sagt, sie habe während ihres Studiums besonders stark zugenommen. Sie habe, als sie sich in ihrem Uni-Apartment plötzlich selbst ums Einkaufen und Kochen kümmern musste, gar nicht gewusst, was gesundes Essen sei. Und vor allem Toast verspeist und viel Eis. »Es musste billig sein und schnell gehen«, sagt Sonawane. »Je dicker ich wurde, desto mehr habe ich mich von den anderen abgegrenzt.« Sie habe sich stark zurückgezogen, viel Zeit allein verbracht.

»Meine Eltern haben mir gesagt, ich soll auf meine Figur achten, weil ich sonst keinen Mann finden würde. Das ist alles an mir abgeprallt. Ich glaube, es war Trotz: Lasst mich alle in Ruhe!«, erinnert sie sich.

Dann wird Sonawane bei einem Autounfall schwer verletzt. Ihr Fuß wird gequetscht, es sind Steine unter der Haut. Diabetes verlangsamt die Wundheilung. Sie muss fast einen Monat ins Krankenhaus. Zwischenzeitlich diskutieren die Ärzte, ob der Fuß amputiert werden muss.

Als Sonawane dann doch entlassen wird, mit zwei Füßen, habe einer der Ärzte sie an einen befreundeten Kollegen verwiesen: Doktor Abhay Agrawal, ein bariatrischer Chirurg.

Er behandelt Menschen mit Übergewicht. Und greift zu einer Methode, die in Indien inzwischen oft angewandt und in einigen Fällen sogar von der Krankenkasse bezahlt wird: der Magenverkleinerung. Zehntausende solcher Eingriffe werden pro Jahr durchgeführt, der indische Staat übernimmt für seine Beamten teilweise die Operationskosten. Eine Magenverkleinerung kostet mindestens 5000 US-Dollar.

Dr. Abhay Agrawal, bariatrischer Chirurg, operierte den Magen von Sohini Sonawane (l.)

Dr. Abhay Agrawal, bariatrischer Chirurg, operierte den Magen von Sohini Sonawane (l.)

Foto: Samyukta Lakshmi / DER SPIEGEL
Auszeichungen in Agrawals Mumbaier Praxis: »Tausenden das Leben gerettet«

Auszeichungen in Agrawals Mumbaier Praxis: »Tausenden das Leben gerettet«

Foto: Samyukta Lakshmi / DER SPIEGEL

Chirurg Agrawal sitzt hinter dem Schreibtisch seines Sprechzimmers mitten in Mumbai. Seine Patientin Sonawane ist auch da, zur Nachbesprechung. An der Wand hängen Auszeichnungen des Arztes, von der »Indian Association of Gastrointestinal Endo-Surgeons«, von der »Obesity & Metabolic Surgery Society of India«. Agrawal ist nicht gerade ein bescheidener Arzt. Tausende erfolgreiche Eingriffe habe er in den vergangenen Jahren durchgeführt, sagt er, sehr vielen Menschen damit das Leben gerettet.

Warum aber werden die Inder überhaupt immer dicker?

»Das Essen in Indien ist hochkalorisch, also voll mit Energie, und enthält leider wenig Eiweiß«, erklärt er, »und es ist hier traditionell üblich, viel auf den Tisch zu stellen.«

Die Menschen, die heute zur Mittelschicht gehören, hätten zwar mehr Einkommen als ihre Eltern, aber sie verdienten ihr Geld vor Laptops und Computern: kaum Pausen für Bewegung, viel Stress. Zeit, selbst zu kochen, habe kaum einer. Man laufe nicht zu Fuß, sondern nehme das Auto oder bestelle die Dinge nach Hause.

»Gerade Kinder haben heute wenig Freiraum, sich zu bewegen«, sagt Agrawal. Die Schultage seien lang, und in den Städten gebe es wenig Angebote an günstigen sportlichen Aktivitäten oder öffentlichen Sportplätzen. »Draußen können sich Kinder kaum aufhalten, weil die Luft verschmutzt ist oder die Temperaturen zu hoch«, so der Arzt.

Hinzu kämen kulturelle Faktoren: »Die Leute lieben Fast Food und Burger, sie lieben Essen in Shoppingmalls«, sagt er. »Man will zeigen, dass man sich diese Dinge leisten kann. Dazu gehört oft auch ein Wohlstandsbauch.«

Chirurg Agrawal verkleinert Mägen: »Drastischere Eingriffe«

Chirurg Agrawal verkleinert Mägen: »Drastischere Eingriffe«

Foto: Samyukta Lakshmi / DER SPIEGEL

»Ozempic ist das neue Buzzword in Indien«

Agrawal sagt, ab einem BMI von 32 werde es kritisch. Der Körper merke sich das Gewicht und versuche, nach einer Diät immer wieder dorthin zurückzuspringen. »Und da müssen dann drastischere Eingriffe her, etwa eine Verkleinerung des Magens.« So eine OP wird meist ab einem BMI von 40 empfohlen, wenn andere Maßnahmen ausgeschöpft worden sind.

Er zeichnet auf einem Blatt Papier einen Magen auf – und um wie viel er ihn verringern würde. Bei einer normalen Magenverkleinerung sind es zwischen 70 und 95 Prozent. Er spricht darüber, wie man dadurch das Ghrelin in Schach halten kann, das Hungerhormon, das den Menschen antreibt, zu essen. Und darüber, wie viel unkomplizierter die OP ist, seit man sie laparoskopisch durchführen kann, also mit nur kleinen, über den Bauch verteilten Schnitten.

»Die Menschen, die ich operiere, haben danach kaum mehr Appetit, sie können nur noch fünf kleine Mahlzeiten über den Tag essen«, so Agrawal. Sie verlieren schnell viel Gewicht und nähmen selten wieder zu. Oft, wie im Fall seiner Patientin Sonawane, verschwinde auch der Diabetes.

»Die Leute lieben Fast Food und Burger, sie lieben Essen in Shoppingmalls«

»Die Leute lieben Fast Food und Burger, sie lieben Essen in Shoppingmalls«

Foto: Samyukta Lakshmi / DER SPIEGEL
Die Essensstände am Juhu Beach in Mumbai füllen sich am Feierabend

Die Essensstände am Juhu Beach in Mumbai füllen sich am Feierabend

Foto: Samyukta Lakshmi / DER SPIEGEL
Samosas – frittierte Teigtaschen mit Kartoffelfüllung – werden am Strand verkauft

Samosas – frittierte Teigtaschen mit Kartoffelfüllung – werden am Strand verkauft

Foto: Samyukta Lakshmi / DER SPIEGEL

Immer häufiger fragten seine Patientinnen und Patienten inzwischen auch nach der Abnehmspritze Ozempic. Solche Diätspritzen sind inzwischen ein Milliardengeschäft; weltweit erhoffen sich Menschen davon einen einfachen, schnellen Gewichtsverlust. Doch Fachleute warnen vor den Nebenwirkungen, etwa schwerer Übelkeit.

»Ozempic ist das neue Buzzword in Indien«, sagt Agrawal. Es sei zwar bisher nicht im Land zugelassen, er rechne aber damit, dass sich das bald ändere.

Juhu Beach in Mumbai: Treffpunkt nach Feierabend

Juhu Beach in Mumbai: Treffpunkt nach Feierabend

Foto: Samyukta Lakshmi / DER SPIEGEL

Wenn Übergewicht in Indien zu einer nationalen Krise wird – muss man dann im Kampf dagegen nicht auch Ideen entwickeln, die weniger invasiv sind? Die sich mehr Menschen leisten können als eine OP oder eine Spritze mit vielen Nebenwirkungen?

Es geht vor allem auch darum, das Bewusstsein zu verändern. Dabei hilft das Internet. Millionen Inderinnen und Inder erhalten so, auch in abgelegenen Gebieten, Zugang zu kostenlosen Informationen über ihre Gesundheit. In zahlreichen Accounts klären Ärztinnen und Influencer ihr Publikum über Fett und Zucker, Übergewicht und Risiken auf.

Da ist zum Beispiel die Ernährungsberaterin  Rujuta Diwekar, die sich vor allem an Frauen wendet. Es geht in ihren Videos viel um die Bedeutung von lokalem, saisonalem Essen. Oder Revant Himatsingka, der seine Erziehung über Lebensmittel in Comedy  verpackt und damit Millionen erreicht. »Ich nutze den Humor, um euch Sachen beizubringen, die wir nicht in der Schule gelernt haben«, schreibt er in seinem Instagram-Account.

»That’s it, ich muss was ändern«

Für breite Bevölkerungsschichten dürfte doch hauptsächlich eine altbewährte Methode infrage kommen: weniger essen, mehr bewegen. Am Juhu Beach in Mumbai treffen sich nach Feierabend Familien und Freunde, breiten Picknickdecken aus oder lassen Drachen steigen. Und sie bekämpfen ihr Übergewicht.

Bewährte Methode am Juhu Beach: Weniger essen, mehr bewegen

Bewährte Methode am Juhu Beach: Weniger essen, mehr bewegen

Foto: Samyukta Lakshmi / DER SPIEGEL
Jatan Sawlani, 33, am Juhu Beach: »That’s it, ich muss was ändern«

Jatan Sawlani, 33, am Juhu Beach: »That’s it, ich muss was ändern«

Foto: Samyukta Lakshmi / DER SPIEGEL

Man kann dort Jatan Sawlani treffen, 33, verschwitzt, in einem blauen Schlabbershirt, der sagt, »ich habe bisher ungesund gelebt, viel Alkohol getrunken, viel gegessen«. An einem Morgen vor einem halben Jahr habe er verkatert in den Spiegel geschaut und sich gesagt: »That’s it. Ich muss was ändern.« Seitdem komme er jeden Abend zum Strand, jogge eine Runde. Er habe mal 117 Kilo gewogen, jetzt noch 93.

Und Schwaizer Creado, 36, der einen Fast-Food-Stand in der Stadt betreibt und besser aussehen wollte, um eine Frau zu finden. Joggen helfe ihm dabei, dass er sich selbst wieder besser akzeptieren könne.

Und Vasanta Asampeli, 55, die Diabetes hat und deren Arzt ihr gesagt habe, sie müsse unbedingt abnehmen. Jeder Schritt zu Fuß täte ihr gut. »Seit ich spazieren gehe, benötige ich weniger Medikamente«, sagt sie.

Sohini Sonawane, die 28-Jährige, die ihr Gewicht durch eine Magenverkleinerung fast halbierte, sagt, sie kaue zum ersten Mal bewusst ihr Essen. Sie koche. Sie überlege sich, was sie am nächsten Tag essen möchte, oft gedämpftes Gemüse. Sie wiegt jetzt weniger, aber es ist nicht alles leicht geworden durch die OP. Wenn sie mit Freunden abends zu einem Dinner geht, muss sie jetzt ihr eigenes Essen mitnehmen. Die großen Portionen in den Restaurants schaffe sie nicht mehr.

Mitarbeit: Varsha Garg, Mrigakshi Shukla

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Eine ausführliche FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

mst
Zur Ausgabe
Artikel 47 / 79