Katrin Glatz Brubakk, Kinderpsychologin:
»Alle diese Kinder, die jetzt in Gaza zwei Jahre lang gelebt haben, sie haben alle erlebt, dass jemand, den sie entweder in der Familie hatten oder Freunde, gestorben ist. Sie haben alle den Gestank gerochen von Blut, das über die ganze Straße gespritzt worden ist.«
Was passiert mit einem Kind, das im Krieg aufwächst? Ein Kind, das seine Familie verloren hat und nicht versteht, warum?
Katrin Glatz Brubakk, Kinderpsychologin
»Die allermeisten haben gesehen, wie schwer verletzte Menschen auf der Straße lagen. Manche haben mitmachen müssen, Körperteile zusammenzusammeln, weil die Bombeneinschläge so stark waren, dass es keine heilen Körper mehr gab.«
Für »Ärzte ohne Grenzen« war die deutschsprachige Norwegerin in den vergangenen zwei Jahren zweimal im Gazastreifen, um Kinder psychologisch zu betreuen. Sie wohnte in der humanitären Zone, westlich von Chan Yunis, in einem Gebiet namens Al-Mawasi, direkt an der Küste. Hier sollten die Menschen Schutz vor Raketen und Bomben finden, doch die Einschläge waren oft in Hör- und Sichtweite.
Katrin Glatz Brubakk, Kinderpsychologin:
»Was ich nie vergessen werde, sind diese extremen Angstschreie, die sehr, sehr viele gehabt haben. Ich bin seit zehn Jahren in Kriegs- und Krisengebieten tätig, ich habe vieles gehört und vieles gesehen, aber diese Schreie drängen durch meinen professionellen Schutz direkt durch. Es ist... Ja, ich kann es jetzt schon hören, nur darüber zu sprechen…Das ist schwer, denn es sind eben diese extremen Leiden, die die Kinder durchmachen mussten.«
Mit einfachen Mitteln hilft sie Kindern, ihre Angst zu verarbeiten. Manchmal brechen Seifenblasen das Eis zwischen Therapeutin und Patienten.
Katrin Glatz Brubakk, Kinderpsychologin:
»Kinder, die stark traumatisiert sind, kann man ganz grob in zwei Gruppen einteilen: Das eine sind die, die sich total zurückziehen, die nicht mehr reden, die kaum noch essen, die nicht spielen, die sich irgendwie total vor der Welt schützen, indem sie total inaktiv werden. Die andere Gruppe ist die, die man leichter entdeckt, weil sie viel schreien, unruhig sind. Ich habe Kinder erlebt, die sich die Haare ausreißen vor lauter Unruhe.«
Deir al-Balah, Gaza 5. November
Hilfsorganisationen schätzen, dass zurzeit rund eine Million Kinder im Gazastreifen leben. Da fast alle Schulen in den letzten zwei Jahren durch Luftangriffe zerstört oder schwerbeschädigt wurden, findet momentan nur ein provisorischer Unterricht statt. Für die Kinder ist es trotzdem wichtig, wieder einen geregelten Tagesablauf zu haben.
Katrin Glatz Brubakk, Kinderpsychologin:
»Was die Kinder am meisten brauchen, ist natürlich, dass die Waffenruhe anhält. Und dann ein ganz normaler, etwas langweiliger Alltag, wo Rhythmus drin ist, wo Voraussichtbarkeit ist, wo sie zur Schule gehen können, wo sie die Aufmerksamkeit auf andere Dinge haben können, als die konstante Angst, die sie zwei Jahre gehabt haben.«
Chan Yunis, Gaza 4.11.2025
Die Waffenruhe hat Hoffnung für die Kinder und ihre Familien gebracht, doch immer noch mangelt es an Lebensmitteln, Trinkwasser und medizinischer Versorgung. Katrin Glatz Brubakk möchte für »Ärzte ohne Grenzen« so schnell wie möglich wieder zurück in den Gazastreifen.
Katrin Glatz Brubakk, Kinderpsychologin:
»Jetzt bin ich in Norwegen, ich bin zu Hause. Ich weiß nicht, ob sie etwas sehen können….Es ist wirklich nicht leicht, in diesen beiden Welten, friedliches Norwegen und Gaza gleichzeitig zu leben. Deswegen möchte ich auch gern hin, weiterzuhelfen. Nicht weil es Palästina ist oder weil es Gaza ist, sondern weil das Leiden so extrem groß ist.«