Video-Ton:
»Am Samstag, den 7. Oktober, um 6:30 Uhr in der Früh, ertönte der Raketenalarm und eine Raketensalve traf unser Haus im Kibbuz Nir Oz.«
Ein animierter Kurzfilm zur Attacke der Hamas-Terroristen auf Israel wird hundertfach im Netz geteilt. »Disaster« ist die Geschichte der Entführung zweier israelischer Kinder, Yagil und Or.
Video-Ton:
»Meine Söhne, 12 und 16 Jahre alt, waren alleine zu Hause und schliefen. Sie sind in den Luftschutzraum gerannt. Sie riefen mich an, waren zu Tode erschrocken und sagten, sie hören jemanden, der bei uns einbricht. Über das Telefon hörte ich Stimmen, die auf Arabisch sprachen. Obwohl mein Sohn mit aller Kraft versuchte, die Tür des Luftschutzraums zuzuhalten, schafften sie es, in den Luftschutzraum einzubrechen. Das Letzte, was ich gehört habe, war mein Jüngster: ›Nehmt mich nicht, ich bin zu jung.‹«
Erzählt wird die Geschichte von der Mutter der beiden Jungen, Renana Gomeh.
Renana Gomeh, Mutter:
»Ich wachte morgens auf und sagte mir, dass ich diesen schlechten Traum aus meinem Kopf bekommen muss. Nun, das glingt mir nicht wirklich, weil ich ihn lebe, aber zumindest kann ich ihn in die Welt hinaustragen.«
Die Animation stammt von Yoni Goodman, einem bekannten israelischen Animationskünstler und Illustrator. Renana Gomeh kontaktierte ihn kurze Zeit nach der Entführung ihrer Söhne.
Yoni Goodman, Animationskünstler:
»Renana ist eine Kämpferin, und sie wird nicht aufgeben, sondern weiter für die Befreiung ihrer Kinder kämpfen. Dieser Film soll ihr dabei helfen, die Geschichte zu erzählen und ihre Botschaft zu verbreiten. Und ich bin mir sicher, dass sie die Kinder zurückbekommen wird. Ich glaube daran, sie glaubt daran, und hoffentlich wird diese Geschichte ein glückliches Ende nehmen. Sie sagte mir, ich habe schon mit der Animation ein Happy End geschaffen, jetzt müssen wir es wahr werden lassen.«
Renana Gomeh war in einer Nachbarsiedlung, als Terroristen das Kibbuz Nir Oz stürmten, dort mordeten und ihre Söhne entführten. Wegen der gezielten zeitgleichen Angriffe an mehreren Orten konnte sie nicht zu ihnen gelangen. Auch drei Wochen später ist noch völlig unklar, wo die beiden Jungen sind und wie es ihnen geht – ein Schicksal, das sie sich mit Dutzenden anderen Entführten teilen. Nach israelischen Angaben nahm die Hamas 239 Geiseln, darunter 30 Kinder und Jugendliche.
Video-Ton:
»70 Menschen wurden aus ihren Häusern im Kibbuz Nir Oz entführt. Ich denke an sie, alleine, in irgendeinem Loch oder Tunnel. Ohne jegliches Zeitgefühl. Ich hoffe, dass sie zusammen sind und einander unterstützen. Ich hoffe, dass sie zusammen sind mit anderen gekidnappten Kindern, bis ich sie endlich wiedersehen und in meine Arme nehmen kann. Hoffentlich bald.«
Yoni Goodman, Animationskünstler:
»Ich wollte, dass sie im Film zu hören ist. Natürlich wegen ihrer Stimme, aber auch wegen der Geschichte selbst und der Botschaft. Manchmal habe ich befürchtet, dass ich ihr vielleicht zu viel abverlange, alles war noch so frisch und emotional. Aber sie hat sich wirklich darauf konzentriert, und sie war eine große Hilfe, was ihre Gedanken und Ideen angeht, und wie sie sich auf den ganzen Prozess eingelassen hat.«
Yoni Goodman arbeitet seit vielen Jahren als Animationskünstler. Sein bekanntestes Werk: »Waltz with Bashir«, ein preisgekrönter Dokumentarfilm über den israelisch-libanesischen Krieg von 1982 und das Massaker von Sabra und Shatila. Seit »Waltz with Bashir« hat der Filmemacher sich oft die Frage gestellt, was seine Arbeit bewirken kann. Animationen schafften eine Distanz, sagt er, die viele Zuschauende bräuchten, um Gräueltaten an sich heranzulassen.
So auch im Falle von »Disaster«: Die ersten Bilder zeigen den zentralen Dorfplatz im Kibbuz Nir Oz. Die realen Aufnahmen der Zerstörung gingen nach der Attacke um die Welt. Sie lassen erahnen, mit welcher Grausamkeit die Hamas-Terroristen am 7. Oktober vorgingen.
Yoni Goodman, Animationskünstler:
»Sie haben den ganzen Kibbuz fast vollständig ausgelöscht. Es sind viele Menschen gestorben, viele wurden verschleppt, die Häuser niedergebrannt. Was so tragisch ist, ist dass viele Menschen in den Orten nahe Gaza – ich war dort – links sind.«
Renana Gomeh, Mutter:
»Ich lebe in einer Gemeinschaft, die an Freiheit, Gleichheit und Menschlichkeit glaubt. Ich sage meinen Kindern immer, dass die Kinder in Gaza ein viel schlechteres Leben führen als sie. Wir haben fließendes Wasser, wir haben Strom, wir haben Bildung. Wir sind Menschen.«
Zehn Tage lang haben Yoni Goodman und sein Team, gemeinsam mit Renana Gomeh an dem Kurzfilm gearbeitet. Goodman hofft nun, dass seine Animation dazu beiträgt, dass die beiden entführten Jungen wohlbehalten zu ihrer Mutter zurückkehren.
Yoni Goodman, Animationskünstler:
»Ich versuche immer, eine Botschaft zu vermitteln, die sich um Frieden und nicht um Gewalt dreht. Und das ist etwas, was ich mir wirklich für die Region wünsche und auch für die Palästinenser. Mir gefällt der Gedanke nicht, dass Kinder auf der anderen Seite der Grenze leiden müssen. Und ich hoffe, dass wir, wenn sich die Lage beruhigt hat und wir die Geiseln zurückbekommen, einen Weg finden können, um nach vorne zu schauen. Und irgendeine friedliche Lösung für den israelisch-palästinensischen Konflikt finden.«