Bilder einer Helmkamera: Sie sollen einen Einblick die größte Militäraktion Israels im Westjordanland seit mehr als zwanzig Jahren geben. Seit der Nacht zu Mittwoch hatten Hunderte israelische Soldaten vermutete Verstecke von palästinensischen Terroristen gestürmt. Mindestens 19 Menschen wurden dabei bisher getötet. Am Freitag meldete die israelische Armee die Tötung eines Hamas-Führers bei einem Luftangriff in der Stadt Dschenin.
Die Lage im Westjordanland hat sich seit dem Angriff der Hamas auf Israel und dem Beginn des Gazakriegs deutlich verschärft. Israel begründet sein Vorgehen dort mit einer gestiegenen Anzahl von Anschlägen gegen Israelis. Bei israelischen Militäreinsätzen und durch die Gewalt extremistischer israelischer Siedler sollen in den vergangenen Monaten nach Angaben des Gesundheitsministeriums im Westjordanland bisher mehr als 600 Palästinenser getötet worden sein.
Prof. Dr. Eckart Woertz, Direktor des GIGA Instituts für Nahost-Studien:
»Das sind schon Radikale auf beiden Seiten. Die Hamas sowieso, aber auch die israelischen Rechtsextremisten. Smotrich und Ben-Gvir, die ja in der Regierung sitzen, haben ganz klare radikale Ansichten, wollen eine Einstaatenlösung, wollen Palästinenser im Zuge dieser Einstaatenlösung vertreiben in andere arabische Staaten, nach Europa. Und insofern gibt es hier natürlich sehr berechtigte Befürchtungen auf der palästinensischen Seite. Auf der anderen Seite ist natürlich auch die Hamas, möchte auch eine Einstaatenlösung. Nur möchte sie eben die jüdischen Israelis vertreiben in diesem Zuge. Hat natürlich deutlich weniger Möglichkeiten, dies in die Realität umzusetzen.«
Das Westjordanland grenzt im Osten an Jordanien und ist im Norden, Westen und Süden von Israel umschlossen. Seit dem Sechstagekrieg von 1967 ist es durch Israel besetzt. Hier leben etwa 3 Millionen arabische Palästinenser und mehr als 500.000 israelische Siedler. Das Land ist in verschiedene Zonen unterteilt. In einigen Gebieten übt Israel die zivile und militärische Kontrolle aus. Andere stehen unter der Verwaltung der Palästinensischen Autonomiebehörde.
Israelische Sicherheitskräfte hatten zwischenzeitlich den Zugang zu einigen Krankenhäusern abgeriegelt, wohl aus der Befürchtung heraus, Terroristen könnten sich dort verschanzen. Mit schwerem Gerät haben israelische Kräfte zudem Straßen aufgerissen und Infrastruktur zerstört.
Prof. Dr. Eckart Woertz, Direktor des GIGA Instituts für Nahost-Studien:
»Offensichtlich, wie im Gazastreifen auch, wird dieser Konflikt im urbanen, dicht bebauten urbanen Territorium ausgetragen, wo, selbst wenn man es wollte, eine Unterscheidung zwischen ziviler Infrastruktur und militärischer Infrastruktur schwer wäre. Diese Grenzen werden von der Hamas auch willentlich, sage ich mal, vage gehalten. Und es wird durchaus auch zivile Infrastruktur benutzt militärisch. Umgekehrt gibt es auch Beispiele, wie das israelische Militär zivile Infrastruktur zerstört, ohne dass ein direkter militärischer Anlass erkennbar wäre.«
Die Flüchtlingslager, unter anderem in Dschenin und Tulkarm, gelten als Hochburgen militanter Palästinenser. Nach israelischer Darstellung geht es bei ihrem Militäreinsatz vor allem darum, ein vom Iran unterstütztes Terrornetzwerk unschädlich zu machen. Seit Beginn des Gazakriegs sollen nach Militärangaben allein von hier aus rund 150 Anschläge mit Schusswaffen und Sprengsätzen auf Israelis verübt worden sein.
Prof. Dr. Eckart Woertz, Direktor des GIGA Instituts für Nahost-Studien:
»Der Konflikt an sich wird erst mal weitergehen. Wir haben einfach das Problem: Sie haben zwei Nationalbewegungen, die das gleiche Land beanspruchen. Und beide wollen eine Einstaatenlösung und auf dem Weg der Einstaatenlösung die andere Seite vertreiben. Und die Extremen auf beiden Seiten haben leider über die letzten drei Jahrzehnte an Gewicht gewonnen. Also während es noch vorstellbar war in den Neunzigerjahren, dass da vielleicht auf beiden Seiten eine kritische Masse ist, die einen Friedensprozess befürwortet und hin zu einer Zweistaatenlösung zu arbeiten bereit wäre, ist das momentan nicht der Fall, muss man einfach feststellen.«
Sollte die Situation im Westjordanland weiter eskalieren, droht Israel ein Dreifrontenkrieg: ein Krieg in Gaza, ein Krieg im Westjordanland und eine Eskalation im Norden an der Grenze zum Libanon.