Israel Wie ein »Bild«-Bericht zur Staatsaffäre wurde
Premier Netanyahu: »Die Hamas will uns spalten«
Foto: Nir Elias / REUTERSAm Morgen des 8. September gab der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu vor der wöchentlichen Kabinettssitzung eine kurze Erklärung an die Presse ab: »Am Wochenende«, sagte er in die Kameras, »veröffentlichte die deutsche Zeitung »Bild« ein offizielles Dokument der Hamas, das die operativen Methoden der Organisation offenlegte«.
Das Dokument, von dem der Premier angeblich erst durch die »Bild«-Zeitung erfahren hatte, beschreibe die Strategie der Terrortruppe: »Die Hamas will uns spalten, psychologische Kriegsführung gegen die Familien der Geiseln betreiben, internen und externen Druck auf die israelische Regierung ausüben, uns von innen zerreißen und den Krieg bis zur Niederlage Israels fortsetzen.«
Dieses von Netanyahu erwähnte Dokument und die Frage, wie es zur »Bild«-Zeitung gelangte, stehen im Zentrum eines Skandals in Israel. Israelische Medien werfen dem Blatt vor, das Dokument, sowie wohl auch eine tendenziöse Einordnung aus dem Umfeld des Premiers erhalten und unkritisch veröffentlicht zu haben.
All das soll nur wenige Tage nach der Ermordung von sechs israelischen Geiseln im Gazastreifen geschehen sein. Ihr Tod hatte in Israel zu massiven Protesten für einen Geiseldeal geführt. Die Geschichte, die Netanyahu nun – mit Berufung auf ein deutsches Medium – präsentierte, sollte belegen: Die Demonstranten, die gegen ihn auf die Straße gingen, waren angeblich einer Geheimstrategie der Hamas auf den Leim gegangen.
Netanyahus Mitarbeiter stehen nun unter Verdacht, die israelische Militärzensur umgangen zu haben. Das Ziel: Sie wollten möglicherweise Verhandlungen mit der Hamas beeinflussen und die öffentliche Unterstützung für einen Geiseldeal schmälern. Vor allem sollten die Proteste gebremst werden. Dieser mutmaßliche Geheimnisverrat hat die Ermittlungen gegen Mitarbeiter von Netanyahu ausgelöst.
So wurde ein »Bild«-Bericht in Israel zu einer Staatsaffäre, die nun Netanyahus Umfeld erschüttert.
Was berichtete die »Bild«?
Am 6. September hatte »Bild« online einen Artikel über ein Dokument veröffentlicht, das angeblich auf dem Computer von Hamas-Führer Yahya Sinwar gefunden worden war. Die Überschrift lautete: »Zum Schaudern! Das plant der Hamas-Chef mit den Geiseln: Jetzt wird das geheime Kriegspapier des Terror-Bosses enthüllt«. Hauptquelle ist ein Dokument, das laut »Bild« aus dem Frühjahr 2024 »stammen« soll und die Verhandlungsstrategie der Hamas in Bezug auf die Geiseln skizziert. Im Text heißt es über das Dokument: Sinwar »soll den Inhalt persönlich abgesegnet haben«.
Im Artikel wird behauptet: »Ein schnelles Ende des Krieges, das den Menschen in Gaza helfen würde, strebt die Hamas nicht an. Ganz im Gegenteil.« Die Hamas – so stehe es angeblich im Dokument – wolle auch künftig »psychologischen Druck« auf die Familien der Geiseln ausüben, während gleichzeitig allein Netanyahu öffentlich für das Scheitern eines Deals verantwortlich gemacht werden sollte.
Der israelische Investigativjournalist Ronen Bergman schreibt in »Yedioth Ahronoth«: »Sie fütterten die »Bild«-Journalisten – die die Sprache, in der das Dokument geschrieben war, offenbar nicht beherrschten – mit einer Darstellung, die Netanyahu und ihrem Ziel dienlich war, die landesweiten Proteste gegen die Regierung zu unterdrücken. Diese Darstellung stand im völligen Gegensatz zu dem, was tatsächlich auf Arabisch im Dokument geschrieben stand.«
»Bild«-Mann Ronzheimer: »Eine Darstellung, die Netanyahu dienlich war«
Foto: Matthias Nareyek / Getty ImagesDie Vorgeschichte
Am 31. August, eine Woche bevor »Bild« ihren Artikel veröffentlichte, entdeckte die israelische Armee in Rafah die Leichen von sechs israelischen Geiseln. Sie hatten noch Tage oder Stunden vor dem Eintreffen der Soldaten gelebt und waren erschossen worden, da wohl eine Rettungsoperation befürchtet wurde.
Der Tod der Geiseln – darunter der israelisch-amerikanische Staatsbürger Hersh Goldberg-Polin und Ergotherapeutin Carmel Gat – erschütterte die israelische Gesellschaft. Sie hatten fast ein Jahr lang in Gaza überlebt; einige von ihnen hätten wohl freikommen können, wenn im Sommer die Verhandlungen mit der Hamas erfolgreich abgeschlossen worden wären. Erstmals seit dem 7. Oktober gingen Hunderttausende Israelis auf die Straßen und forderten einen sofortigen Deal zur Freilassung der Geiseln.
Ein Abkommen war bisher an den grundlegenden Differenzen zwischen der israelischen Regierung und der Hamas gescheitert. Die Terroristen forderten unter anderem ein Ende des Kriegs gegen die Freilassung der Geiseln, Netanyahu aber wollte dem nicht zustimmen.
Wie gelangte der Inhalt des Dokuments an die »Bild«?
Ein Sprecher im Büro von Premierminister Benjamin Netanyahu namens Eli Feldstein soll bereits im Juni 2024 von einem Reserveoffizier im Militärgeheimdienst den Inhalt eines geheimen Dokuments erhalten haben. Als in Israel Anfang September die Proteste begannen, soll Feldstein zunächst versucht haben, dieses Dokument an den israelischen Fernsehkanal Channel 12 weiterzugeben – doch die Militärzensur verhinderte die Veröffentlichung.
Feldstein und weitere Verdächtige sollen daraufhin die Zensur umgangen haben: Die israelische Polizei und der Inlandsgeheimdienst Schin Bet haben einem Bericht der Zeitung »Haaretz« zufolge Beweise, wonach Yonatan Urich, ein enger Berater von Netanyahu, angeordnet haben soll, die Informationen einem weiteren Netanyahu-Mann anzuvertrauen: Srulik Einhorn, der den Premier während seines Wahlkampfs beriet, soll das Material schließlich an die »Bild« weitergegeben haben. Medienberichten zufolge befindet er sich derzeit im Ausland.
Wie reagierte die israelische Justiz?
Zwei Tage nach der Onlineveröffentlichung des »Bild«-Artikels, kündigte das israelische Militär eine Untersuchung des Leaks an. Die israelische Armee erklärte, dass das Dokument während einer Bodenoperation in Gaza im April gefunden worden sei. Es stamme – anders als von »Bild« nahegelegt – nicht von Sinwar selbst, sondern es handle sich nur um Empfehlungen eines mittleren Hamas-Offiziers. Die Armee fügte hinzu, dass »die Weitergabe des Dokuments ein ernstes Vergehen darstellt und untersucht wird«. Am 3. November wurde bekannt, dass Feldstein zusammen mit drei anderen Personen verhaftet worden war. Der Vorwurf: Sie sollen rechtswidrig geheime Dokumente erhalten und an Medien weitergegeben haben.
Am Donnerstag dann klagte der Staatsanwalt Eli Feldstein und einen weiteren Verdächtigen an. Die Anklageschrift bestätigt die von den Medien beschriebenen Vorwürfe weitgehend und enthält zahlreiche Details über den vermuteten Ablauf:
Am 3. September schrieb demnach Feldstein an Urich. Er soll ihm mitgeteilt haben, dass das Dokument in Israel nicht veröffentlicht werden könne, und fragte ihn, ob er jemanden kenne, der es im Ausland veröffentlichen könne. Feldstein habe Urich gefragt: »Wen hast du, um im Ausland etwas Großes zu verbrennen?« Urich verwies ihn daraufhin an Einhorn, da dieser über »Verbindungen« zu Medien außerhalb Israels verfüge.
Später an diesem Tag soll Feldstein das Dokument per WhatsApp an Einhorn übermittelt haben – zusammen mit einer Nachricht, dass es von der Militärzensur blockiert worden sei. Feldstein habe Einhorn gebeten, das Dokument in einem Medium im Ausland zu veröffentlichen, um die Zensur zu umgehen.
Am 4. September fand laut den Ermittlern eine Telefonkonferenz zwischen Feldstein, Einhorn und dem ebenfalls angeklagten militärischen Geheimdienstoffizier statt. Der Offizier habe gesagt, es handele sich um ein Dokument aus einer Geheimdienstquelle.
Einhorn soll sich daraufhin an den »Bild«-Journalisten gewandt und ihm den Inhalt des geheimen Dokuments mit dem gewünschten Spin gegeben haben, um es dort veröffentlichen zu lassen. Feldstein habe daraufhin Urich informiert: Einhorn habe die Veröffentlichung der geheimen Informationen bei »Bild« empfohlen. Er fügte hinzu, dass »Bild« sie voraussichtlich veröffentlichen würde.
Am 5. September fragte Feldstein demnach Einhorn per WhatsApp auf Hebräisch: »Veröffentlicht?« Einhorn soll ihm eine Nachricht auf Englisch weitergeleitet haben: »Wir werden es morgen veröffentlichen.«
Am 6. September wurde der »Bild«-Artikel mit Teilzitaten aus dem Geheimdokument veröffentlicht. Nach der Veröffentlichung habe Urich an Feldstein geschrieben: »Der Chef ist zufrieden.«
Nach der Veröffentlichung in »Bild« soll Feldstein den Militärgeheimdienstler aufgefordert haben, alle WhatsApp-Nachrichten zu löschen, was dieser auch teilweise tat.
Am 7. September entwarfen Feldstein und Urich laut den Ermittlern eine Erklärung für Netanyahu, in der er auf den »Bild«-Artikel und das darin veröffentlichte Geheimdokument Bezug nehmen sollte.
Am 8. September – nachdem in den israelischen Medien Zweifel am Inhalt des »Bild«-Artikels aufgekommen waren – und um den Journalisten zu beweisen, dass er authentisch und geheim war, bat Feldstein den militärischen Geheimdienstoffizier laut dem Haftbefehl um eine Kopie des Dokuments im Original. Er erhielt sie am 9. September.
Demonstration für einen Geiseldeal in Jerusalem: Druck auf Netanyahu
Foto: Ammar Awad / REUTERSWarum gelangten die Geheiminformationen ausgerechnet an »Bild«?
Der israelische Investigativjournalist Ronen Bergman, der für die »New York Times« und »Yedioth Ahronoth« arbeitet, verweist in einem Bericht auf »langjährige und enge Beziehungen« zwischen Netanyahus Büro und »Bild«, insbesondere zu deren stellvertretendem Chefredakteur Paul Ronzheimer, einem der Co-Autoren des Berichts.
Bergman berichtet mit Bezug auf militärische Quellen, dass Netanyahus Büro bei Ronzheimers Besuchen in Israel großen Druck auf die Armeesprecher ausgeübt habe, um ihm eine bevorzugte Behandlung zukommen zu lassen. Ihm sei es ermöglicht worden, besonders wichtige Personen aus dem Militär und Sicherheitsapparat zu interviewen. Zum Beispiel mit Präsident Isaac Herzog und mit dem Nationalen Sicherheitsberater Tzachi Hanegbi. Ferner habe man Ronzheimer zugesichert, dass er zu den ersten ausländischen Journalisten gehören werde, die nach Beginn des Krieges in den Gazastreifen einreisen dürften.
Amir Oren, Militärexperte bei »Haaretz« schreibt, Ronzheimer halte sich »regelmäßig in Netanyahus Büro« auf, und habe den Premier rund ein halbes Dutzend Mal in den vergangenen Jahren interviewt: »Wenn Netanyahu eine Botschaft an die israelische Öffentlichkeit senden will, ohne harte Fragen zu riskieren, wie bei einem professionellen Interview von vor Ort, dann geht er zur ›Bild‹«.
Bergman berichtet auch über das besondere Verhältnis zwischen Ronzheimer und dem Netanyahu-Berater Srulik Einhorn. Einhorn war nie offizieller Regierungsmitarbeiter, zählte aber zu den einflussreichsten Personen im Umfeld des Premierministers. Ronzheimer und Einhorn hätten sich über ein Thema zerstritten, das nicht mit Israel zusammenhänge. Um Ronzheimer zu »besänftigen«, habe Einhorn ihn nach Israel eingeladen und ihm in den folgenden Monaten eine Reihe von »Zugeständnissen« gemacht – darunter Interviews und ein besonderer Zugang zur israelischen Armee. Als »Sahnehäubchen« seien die geheimen Hamas-Informationen geliefert worden.
Was sagt »Bild« zu den Vorwürfen?
Auf Anfrage des SPIEGEL antwortet ein »Bild«-Sprecher knapp: Die Hintergründe der Recherche unterlägen dem journalistischen Quellenschutz. Das heißt, »Bild« wird darüber keine Auskunft geben, doch habe man keinen Zweifel an der Quelle: »Die Echtheit des uns bekannten Dokumentes hatte die israelische Armee gleich nach Veröffentlichung bestätigt.« Die Informationen über Paul Ronzheimers besonderes Verhältnis zu Regierungskreisen seien »schlicht falsch«.
Terrorist Sinwar (2017): Informationen aus der Hamas-Führung
Foto: Wissam Nassar / Xinhua / IMAGOWusste Netanyahu Bescheid?
Durch die am Donnerstag erhobene Anklage, wurde bestätigt, dass Feldstein, ein Neuzugang im Büro Netanyahus, wohl auf Anweisungen gehandelt habe. Feldstein gehöre zum inneren Kreis um den Premier und begleite ihn häufig zu geheimen Besprechungen, hatte Bergman berichtet. Das Büro des Premiers dagegen unterstreicht, Feldstein habe »niemals an sicherheitsrelevanten Diskussionen teilgenommen, keinen Zugang zu klassifizierten Informationen gehabt und nicht an geheimen Besuchen teilgenommen«.
Allerdings wurde Feldstein fotografiert, wie er zusammen mit Netanyahu aus einem Militärhubschrauber ausstieg, kurz vor einer Besprechung über den Gazakrieg. Er wurde auch an der Seite Netanyahus bei Treffen mit Soldaten und während einer öffentlichen Zusammenkunft mit Offizieren gesehen. Das Büro des Premierministers wies die Behauptung, dass der Leak die Geiselverhandlungen gestört habe, als »absurd« zurück.
Wie reagiert die israelische Öffentlichkeit auf die Affäre?
Amos Harel, Militäranalyst bei »Haaretz«, schrieb, dass Personen im inneren Kreis um Netanyahu verdächtigt würden, eine »hemmungslose psychologische Kriegsführung« gegen Teile der israelischen Öffentlichkeit betrieben zu haben. Das Ziel sei gewesen, die Unterstützung für einen Geiseldeal zu verringern. Einav Zangauker, Mutter von Matan, der sich in Gefangenschaft in Gaza befindet, sagte: »Netanyahus Bande hat eine kriminelle Propaganda-Kampagne gegen den Geiseldeal und gegen uns, die Familien, geführt, die gleichzeitig dem Feind halfen und die Sicherheit des Landes gefährdeten.«
Gil Dickmann, Cousin der Geisel Carmel Gat, die am 31. August in Gaza erschossen aufgefunden wurde, sagte: »Unmittelbar nach Carmels Ermordung hat ein ganzes System, das Netanyahus Interessen dient, Verstöße gegen die Zensur begangen, dadurch die Geiseln und die Sicherheit Israels gefährdet.«