Einer der meistgesuchten Männer Europas wirkt entspannt, als er am Nachmittag des 1. Juli über den Moskauer Trubnaja-Platz schlendert. Am Kragen seines weißen T-Shirts klemmt eine Sonnenbrille. An der Hand hält er seine Freundin. Ein nettes Paar, so scheint es. Tatjana und Jan.
Deckname »Nelidow«
Jan Marsalek, mutmaßlicher Milliardenbetrüger und russischer Agent, wird seit Jahren weltweit gesucht. Doch die Behörden tappen im Dunkeln. Nun hat der SPIEGEL ihn in Moskau enttarnt.
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Die beiden haben sich über die Arbeit kennengelernt. Ein neues Leben begonnen. Das verbindet. Jan war früher Vorstand des deutschen Dax-Unternehmens Wirecard. Tatjana Übersetzerin für Türkisch. Nun sind sie wohl beide unterwegs im Dienst des FSB, des russischen Inlandsgeheimdiensts. Agenten im Auftrag Moskaus.
Eine wildromantische Geschichte auf den ersten Blick und ein Krimi. Netflix-Material. Auch die Sache mit den Attentatsplänen. Den Kidnappingversuchen.
Jan Marsalek, flüchtig seit 2020, dringend gesucht mit internationalem Haftbefehl, ist kein Held in dieser Geschichte, sondern der Schurke. Ein Mann, der erst als Wirtschaftsboss systematisch betrogen und gelogen haben soll, aufgestiegen vom Schulabbrecher zum Starmanager, Vorstand des Finanzkonzerns Wirecard, einst größte Hoffnung des Dax seit Jahrzehnten. Alles ein Schwindel, Milliarden Euro verschwanden, fast 6000 Mitarbeiter verloren ihre Jobs. Eine der größten Betrugsgeschichten der Bundesrepublik. Jetzt aber, nachdem er untergetaucht ist, steigert Marsalek seine Superkriminellenkarriere noch. Sogar Mord ist nun offenbar eine Option.
Jan Marsalek ist ein gut getarnter Mann, mit zahlreichen Identitäten, echten und falschen Pässen. Einer, der von höchsten Stellen geschützt wird. Unantastbar, so scheint es, für die europäischen Ermittler, Strafverfolger und Nachrichtendienste, die ihn suchen.
Flüchtiger Marsalek, Freundin Spiridonowa im Juli 2025 in Moskau: Unantastbar für westliche Ermittler und Agenten
[M] Sarah Dillon / DER SPIEGEL; Fotos: ITAR-TASS / IMAGO, Bloomberg / Getty Images, DER SPIEGEL
Und doch hat ihn ein Rechercheteam von SPIEGEL und ZDF, dem österreichischen »Standard«, der US-amerikanischen TV-Redaktion PBS »Frontline« und der russischen Investigativplattform »The Insider« in Moskau aufgespürt und sich mehr als ein Jahr lang an seine Fersen geheftet. Dabei offenbarte sich das Leben eines getriebenen Mannes, in der Schuld seiner Beschützer stehend, sich russischen Agenten immer wieder andienend mit Auftragsarbeiten.
Oft passiert Marsalek schon morgens die Schranken der Moskauer U-Bahn-Station Lubjanka. Von dort sind es nur ein paar Schritte zum festungsähnlichen Hauptsitz des Geheimdiensts FSB. Kamerabilder zeigen Marsalek immer wieder dort, zum Beispiel im März, mit dunkelblauem Anzug, dunkelblauer Krawatte, schwarzer Brille, die Haare kurz geschoren.
Andere Aufnahmen zeigen ihn beim sommerlichen Schaufensterbummel durch Moskauer Einkaufsstraßen, wie er auf einem E-Scooter über volle Gehsteige kurvt.
Mehrfach reiste Marsalek auch auf die Krim. Und noch weiter, so heißt es aus Moskauer Sicherheitskreisen: an die russisch-ukrainische Front, zum Kampfeinsatz.
FSB-Zentrale, Marsalek mit Handy in Moskau, Überwachungskameras: Zum Kampfeinsatz in die Ukraine
[M] Sarah Dillon / DER SPIEGEL; Fotos: Alexander Nemenov / AFP, Artyom Geodakyan / TASS / picture alliance, Komsomolskaya Pravda / Picvario / picture alliance, Andrey Rudakov / Bloomberg / Getty Images, DER SPIEGEL
Wer sich Marsalek nähern will, tut dies am besten über seine Freundin. Ihr Name lautet Tatjana Spiridonowa, geboren am 24. Januar 1984. Offizielle Berufsbezeichnung: Übersetzerin.
Spiridonowa ist studierte Orientalistin, schlank und sportlich, mit rotblonden Haaren und einem interessanten Netzwerk. Sie ist zum Beispiel aktiv in der Imperialen Orthodoxen Palästina-Gesellschaft. 1882 in Moskau gegründet, um die Beziehungen zwischen Russland und dem Nahen Osten zu pflegen. Aber, so sagen westliche Experten, vor allem ein Instrument der russischen Geheimdienste. Der Chef der Gesellschaft war einst Direktor des FSB.
Spiridonowas Verbindungen zum russischen Staat belegen auch geleakte Daten einer Moskauer Verwaltungsdatenbank. Darin sammeln russische Behörden Informationen zu Staatsbürgern, die sich um einen elektronischen Reisepass bemühen. In ihrem Profil ist vermerkt, dass sie mehrere Jahre lang einen Diplomatenpass und damit eine Sicherheitsfreigabe für vertrauliche Informationen bis zur Einstufung »streng geheim« hatte.
Tatjana und Jan, das Agenten-Duo
Marsalek lernte sie spätestens 2021 kennen. Beide haben einen gemeinsamen Bekannten. Er ist eine zentrale Figur im Netz russischer Geheimdienste, ein Schattenmann, der im Hintergrund viele Fäden spinnt für Moskau. Sein Name ist Stanislaw Petlinski. Wie der SPIEGEL im vergangenen Jahr enthüllt hat , soll er Marsalek vor elf Jahren als Agenten angeworben haben.
Seit dem Zusammenbruch von Wirecard verfolgt das Rechercheteam die Spuren des geflohenen Marsalek. Der Ex-Manager hatte sein Verschwinden wohl lange vorbereitet. Ein ehemaliger österreichischer Verfassungsschützer eilte ihm zu Hilfe, noch bevor die Münchner Staatsanwaltschaft einen Haftbefehl erwirkte.
Der Ex-Agent organisierte einen Privatjet, der Marsalek zunächst nach Belarus flog. Nach kurzem Aufenthalt brachten ihn russische Agenten weiter nach Moskau, wie der SPIEGEL rekonstruierte . Dort wurde er mit einem verfälschten Pass eines russisch-orthodoxen Priesters versorgt und auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim versteckt.
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Russische Agenten, Nacktmodelle, Söldnerarmee: Das Doppelleben von Ex-Wirecard-Manager Marsalek38 Min
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Während die deutschen Behörden hofften, dass Marsalek vielleicht nur irgendwo auf der Welt nach fehlenden Wirecard-Milliarden suchte und doch zurückkommen würde, baute sich der Ex-Manager mit Unterstützung seiner Agentenfreunde ein neues Leben in Russland auf. Sein wichtigster Kontakt, so zeigen die Recherchen: Stanislaw Petlinski. Der Mann, der Marsalek wohl bereits vor Jahren für russische Dienste anwarb.
Im Februar 2024 gelang es SPIEGEL-Reportern, Petlinski in Dubai zu treffen. Dabei bestritt er, dass Marsalek jemals als Spion für russische Geheimdienste rekrutiert worden sei. Aber Petlinski redete gern über den früheren Manager und ihre enge Beziehung, beschrieb ihn als »superpräzise, ein bisschen autistisch sogar«. Und weiter: »Menschliche Beziehungen sind nicht Jans größte Stärke. Ihm fehlt es an Empathie.«
Petlinski kannte Spiridonowa schon lange, als er sie wohl mit Marsalek zusammenbrachte, wie geleakte Telefon- und Reisedaten zeigen. In Moskau heißt es, der gebürtige Österreicher Marsalek sollte besser Russisch lernen. Spiridonowa ist ein Sprachtalent. Das passte. Noch besser als erhofft.
Geheimdienstkontakt Petlinski beim Essen mit Flüchtigem Marsalek, Übersetzerin Spiridonowa, bulgarischer Agentenchef Roussev: Stets bemüht
Foto: [M] Sarah Dillon / DER SPIEGEL; Fotos: Metropolitan Police / AP, DER SPIEGEL (2)Schnell zeigte sich, wie gut die beiden als Team arbeiten. Etwa in einer Operation im Juni 2022. Marsalek, stets bemüht, sich seinen russischen Förderern erkenntlich zu zeigen, nahm einflussreiche Österreicher ins Visier, mittels eines Spionagenetzwerks, das er sich in Wien aufgebaut hatte. Das fanden europäische Beamte später heraus.
Über einen Kontaktmann besorgten sich Marsaleks Helfer die Smartphones dreier hochrangiger Mitarbeiter des österreichischen Innenministeriums. Nach einem Bootsunfall hatten die Beamten die Geräte einem Verfassungsschützer zur Reparatur übergeben. Jahre später fanden die Telefone ihren Weg zu Marsaleks Spionen und schließlich zur Auswertung nach Moskau.
Am 10. Juni 2022 nahm ein Kurier die drei Handys in Wien in Empfang. Von dort schleuste er sie zunächst nach Istanbul, wo er sie wiederum übergab. So zeigen es sichergestellte Chats sowie abgeflossene Flug- und Handydaten aus Russland.
Am 11. Juni, nur einen Tag nach der Übergabe der Geräte an den Kurier in Wien, reiste Spiridonowa demnach von Moskau ebenfalls nach Istanbul. »Das Mädchen ist gerade gelandet«, schrieb Marsalek am selben Tag in einem dem SPIEGEL vorliegenden Chat an den Kurier. Einen Tag später und wohl in Besitz der Telefone flog Spiridonowa schon wieder zurück, Mission erfüllt.
Wenige Monate später wiederholte sich die Aktion, wie Ermittlungen ergaben. Am 13. Dezember nahm Spiridonowa in Istanbul offenbar einen über Marsaleks Helfer in Wien beschafften Laptop entgegen. Dessen deutsche Sicherheitstechnik schien interessant.
Einen Tag zuvor hatte Marsalek die Ankunft seiner Freundin einem Kontaktmann der Agententruppe angekündigt: »Wo soll mein Mädchen hingehen, wenn sie gelandet ist?«, fragte der Ex-Manager. Anschließend vermeldete Marsalek im Chat den Erfolg der Operation. Der Laptop sei »in einem Auto auf dem Weg zur Lubjanka«, zum FSB. Die belastenden Nachrichten machten die britischen Behörden später öffentlich. Weitere Daten, die das Rechercheteam auswerten konnte, bestätigen die Tour in die Geheimdienstzentrale.
Zwischenzeitlich kommt sich das neue Agenten-Dreamteam Jan und Tatjana wohl näher, sehr viel näher. Arbeitskollegen, die viel Zeit miteinander verbringen: kein seltenes Muster. Spiridonowa ist verheiratet, als sie Marsalek kennenlernt, trennt sich aber. Anfang April 2022 wird ihre Ehe geschieden. So geht es aus Gerichtsunterlagen hervor.
Spiridonowa behält ihr Apartment. 73 Quadratmeter im Süden des Moskauer Stadtzentrums, ein belangloses Viertel, eine kleine Straße, Stremjannyj Pereulok, Hausnummer 37. Im Hinterhof ein Yogastudio, schräg gegenüber eine Wirtschaftsuniversität. Von der weißgelben Fassade des dreistöckigen Altbaus blättert der Putz.
Marsalek ist oft hier. Zum Beispiel am 13. Juni und schon zwei Tage später wieder am 15. Juni. Aufnahmen einer Überwachungskamera zeigen ihn vor der Haustür. Die Linse ist in die stählerne Eingangspforte des Hauses eingebaut und liefert teils gestochen scharfe Bilder: Marsalek im Herbst vergangenen Jahres an der Tür, grimmig mit Wollmütze und Schal. Im Sommer mit gestutztem Bart, lächelnd, sein Blick geht schräg nach oben. Vielleicht begrüßt ihn Tatjana gerade am Fenster.
Marsalek vor der Wohnung von Tatjana Spiridonowa, Funkmast: Es lässt sich erstaunlich viel herausfinden
[M] Sarah Dillon / DER SPIEGEL; Fotos: ZDF (3), DER SPIEGEL
Gern würde man ihn persönlich treffen dort in der Stremjannyj Pereulok 37, zusammen mit Tatjana. Vor dem Krieg hätte das wohl geklappt. Inzwischen kann es für Journalisten in Moskau lebensgefährlich werden, insbesondere wenn sie zu einem Spion recherchieren. Doch selbst aus der Ferne lässt sich erstaunlich viel über das neue Leben des Jan Marsalek herausfinden.
Etwa, dass er oft mit Spiridonowa reist. Wühlt man sich durch ihre Fluginformationen und Ticketbuchungen, einzusehen in abgeflossenen Reisedatenbanken, findet sich bisweilen ein männlicher Begleiter. Sein Name lautet Alexander Nelidow.
Gefälschte Identitäten
Am 3. Juli 2023 zum Beispiel fliegt Spiridonowa gemeinsam mit ihrem damals 15-jährigen Sohn aus dem russischen Urlaubsort Mineralnye Wody im Kaukasus zurück nach Moskau. Mit dabei: Nelidow. Laut Passdaten geboren am 22. Februar 1978 im sowjetischen Riga. Wohnhaft in Moskau, Tolbuchin-Straße, Haus 7, Wohnung 54. Doch unter dieser Adresse lebt eine ältere Frau.
Bohrt man tiefer in öffentlich zugänglichen Passdatenbanken, zeigen sich weitere Ungereimtheiten. Der Passeintrag ist neu, erstellt am 5. Juni 2023. Alexander Nelidow, angeblich ursprünglich Ukrainer, soll frisch eingebürgert worden sein. In der Ukraine gab es aber nie einen Alexander Nelidow, wie Recherchen ergeben.
Kein Wunder. Auf einem Scan des Ausweises, der dem SPIEGEL vorliegt, zeigt das Passbild: Jan Marsalek.
Nelidow, so belegen die Recherchen, ist eine von insgesamt mindestens sechs Identitäten, die Marsalek nutzt, um sein Leben in Russland zu tarnen. Gleich zweimal übernahm er die Dokumente russischer Priester, die ihm ähneln.
Hinzu kommt ein gefälschter belgischer Pass, ausgestellt auf den Namen Alexandre Schmidt. Das Foto zeigt aber keinen Belgier, sondern wieder Marsalek.
Der Flüchtige rotiert seine Identitäten, wenn er reist. Offenbar will er seine Bewegungen verschleiern. Deutlich wird das, wenn man den Spuren seiner Freundin Tatjana folgt. Am 28. Dezember 2024 fährt sie um 8 Uhr morgens mit dem Zug von Moskau nach Sankt Petersburg. Ebenfalls mit an Bord: Alexandre Schmidt. Das zeigen Passagierdaten aus einem geleakten Buchungssystem.
Verfälschter Priester-Pass, echter Nelidow-Pass, Passfotos des Priesters und Marsaleks: Identitäten rotiert
[M] Sarah Dillon / DER SPIEGEL; Fotos: DER SPIEGEL
Russland ist ein Überwachungsstaat. Ein autoritäres System, das pausenlos Informationen über seine Bürger sammelt, aber dadurch auch verwundbar wird. Ob Lieferdienste, Videoüberwachungssysteme oder Ausweisbehörden – es gibt kaum einen Bereich in Russland, aus dem nicht massenhaft Informationen abfließen. Die Datensätze stammen von frustrierten Angehörigen des Behördenapparats und demotivierten Unternehmensmitarbeitern. Auch Hacker stellen fast täglich erbeutetes Material ins Netz. Für Reporterinnen und Reporter sind die Daten ein Schatz.
So war es nur noch ein kleiner Schritt nach der Enttarnung von Marsaleks geheimer Nelidow-Identität zu einer wohl von ihm genutzten Handynummer. Sie findet sich in gleich mehreren Datenbanken, zu denen das Rechercheteam Zugang erhielt – etwa als Kontaktmöglichkeit in einer Flugbuchung im Sommer 2023. Ebenso ist sie in einer Versicherungsdatenbank gespeichert.
Anruf bei Marsalek
Es ist die entscheidende Spur, auf die das Rechercheteam über Jahre hingearbeitet hat, die Chance, Marsalek direkt zu kontaktieren. Anfang September rufen SPIEGEL- und ZDF-Reporter die Nummer an, über den Messengerdienst Telegram. Das Profilfoto des Kontos zeigt einen Cartoon, den Kopf eines Bären mit lässiger Sonnenbrille. Über die Lautsprecherfunktion ist das Klingeln zu hören. Dann drückt jemand am anderen Ende der Leitung den Anruf weg.
Die Reporter versuchen es mit einer Textnachricht. Die Antwort kommt nach fünf Minuten, auf Russisch: »Mit wem spreche ich?« Ein Journalist stellt sich vor, fragt nach Jan Marsalek alias Alexander Nelidow. Die Antwort: »Sie haben sich verwählt.«
Doch der Chat endet damit nicht. Weitere Nachrichten kommen von der Telegram-Nummer des angeblichen Alexander Nelidow. Worüber man denn genau sprechen wolle? Zum Beispiel über zwei Journalistenkollegen, schreiben die Reporter zurück, die Marsalek für den FSB ausspioniert hat. Nach einiger Zeit kommt lapidar zurück: »Sehr interessante Gestalten.«
Mutmaßlicher Marsalek-Chat mit Reportern: »Sehr interessant«
[M] Sarah Dillon / DER SPIEGEL; Foto: ZDF
Es geht noch einige Male hin und her, die Reporter fragen, ob der mutmaßliche Marsalek nicht doch telefonieren wolle. Die Antwort: »Sehr interessant.« Dann bricht der Austausch ab.
Sehr interessant ist auch, was Reporter alles in Russland herausfinden können, wenn sie erst einmal über eine Handynummer einer gesuchten Person verfügen. Insbesondere mit geleakten Standortinformationen. Damit lässt sich ein dichtes Bewegungsprofil des Nutzers erstellen. Jedes Mal, wenn das Telefon eine Funkzelle nutzt, wird die Lage des dazugehörigen Funkmasts erfasst.
Das Ergebnis sind nicht enden wollende Tabellen mit Uhrzeiten, Zahlen und Positionsdaten. Überträgt man die Informationen auf eine Karte, sieht man, wo sich Jan Marsalek augenscheinlich aufhält, wenn er das Nelidow-Telefon eingeschaltet hat.
Unschärfen bleiben, die Informationen sind lückenhaft. Marsalek scheint das Handy nicht täglich zu nutzen. Manchmal vergehen Tage, manchmal Wochen, in denen er keine Spuren hinterlässt.
Trotzdem offenbaren die vorliegenden Informationen wegen des langen Analysezeitraums und in Kombination mit weiteren Quellen Routinen und Gewohnheiten des Nutzers.
Nicht jedes einzelne Signal des Telefons an der Lubjanka entspricht einem Besuch des FSB. Verharrt Marsalek nicht bewegungslos, springt das Telefon zwischen verschiedenen Funkzellen hin und her. So kann es an einem Tag vielfach an einem Ort erfasst werden. Dennoch scheint Marsalek beim FSB ein und aus zu gehen.
Fotos untermauern diese Erkenntnis. Um die Urheber der Bilder zu schützen, können einige dem SPIEGEL vorliegende Aufnahmen nur beschrieben, aber nicht veröffentlicht werden. Sie zeigen Marsalek an verschiedenen Tagen in diesem Jahr zu den normalen Bürozeiten nahe der FSB-Zentrale, gut gekleidet, offensichtlich auf dem Weg zu seinem Agenten-Job.
Wo wohnt Marsalek?
Doch wo wohnt er? Eine genaue Adresse lässt sich aus den Daten nicht herausfiltern. Die in den Nelidow-Passunterlagen eingetragene Meldeanschrift am westlichen Rand Moskaus ist wohl eine Finte.
Marsaleks Agentenexil ist kein glamouröses Leben, sondern das einer Arbeitsbiene. Wenn auch einer höchst gefährlichen. Vielleicht vermisst er den früheren Topmanager-Luxus. Häufiger scheint es Marsalek in ein Hotel zu ziehen, das eher seinen früheren Gewohnheiten entspricht.
Im Kriegsgebiet
Brisanter als solche ästhetischen Probleme scheint jedoch eine Reise ins ukrainische Kriegsgebiet gewesen zu sein.
Darauf deutet auch ein Foto hin, das den Ex-Manager in voller Militär-Kampfmontur zeigt, samt Gefechtshelm und auf die Schutzweste genähtem »Z«, dem russischen Kriegssymbol.
Und es gibt geleakte Informationen der russischen Grenzüberwachung, die auf weitere Reisen Marsaleks an die Front hinweisen. Ein System hält Grenzübertritte fest. Am 22. November 2023 reist demnach ein gewisser Alexander Nelidow vom ukrainischen, derzeit von Russland besetzten Mariupol aus nach Russland. Auf dem im System hinterlegten Bild: Jan Marsalek.
Offenbar begibt er sich häufig von Moskau aus auf die Krim. Mindestens fünf Zugfahrten lassen sich identifizieren, beschwerliche Reisen, jede 28 Stunden lang, eine Strecke.
Steigt man tiefer in die Passagierdaten ein, fallen Marsaleks Mitreisende auf, gebucht in der Nebenkabine. Zum Beispiel Leutnant Kirill D., Angehöriger der Spetsnaz, der russischen Spezialkräfte. Sind die Männer Kameraden auf dem Weg ins Kriegsgebiet? Unwahrscheinlich ist es nicht. Zumal auch russische Sicherheitsquellen betonen, dass Marsalek im Krieg gedient habe.
Marsalek in russischer Kampfmontur: Im Krieg gedient
[M] Sarah Dillon / DER SPIEGEL; Fotos: DER SPIEGEL
Gerichtsfest zu beantworten sind solche Fragen aus der Ferne nicht. Schon gar nicht von deutschen Strafverfolgern und Nachrichtendiensten. Der Generalbundesanwalt ermittelt zwar offiziell gegen Marsalek wegen geheimdienstlicher Agententätigkeit. Und die Münchner Kripo und das Bundeskriminalamt versuchen seit Jahren, seiner habhaft zu werden. Aber Polizisten wie Nachrichtendienstler tappen, was Marsaleks Umtriebe in Russland angeht, ziemlich im Dunkeln.
Zu begrenzt sind ihre Möglichkeiten. Die Zielfahnder der Polizei gehören zwar zur Speerspitze der bundesdeutschen Verbrechensbekämpfung, sie suchen Mörder und andere Schwerverbrecher, nur etwa 500 Fälle übernehmen sie jährlich. Der Fall der über Jahrzehnte gesuchten RAF-Terroristin Daniela Klette offenbarte aber, mit welchen Mitteln selbst diese Spezialisten arbeiten müssen. Journalisten fanden die Untergetauchte wohl mit dem Gesichtserkennungsprogramm PimEyes auf Facebook. Polizisten dürfen diese Software aus Datenschutzgründen noch immer nicht nutzen.
Was ihnen zur Verfügung steht, sind die klassischen Methoden der Polizeiarbeit: Sie können unverschlüsselte Telefonate abhören, die Marsalek kaum je führt. Sie dürfen Verwandte und Freunde von Gesuchten observieren, die Marsalek wohl nicht besucht. Sie sind in der Lage, soziale Medien durchzusehen, die Marsalek nicht nutzt. Kurzum: Sie sind in seinem Fall ziemlich aufgeschmissen.
Ahnungslose Agenten
Auch die Zusammenarbeit mit den Nachrichtendiensten soll sich nach SPIEGEL-Informationen schwierig gestalten. »Die interessieren sich nicht sehr für den Fall«, sagt ein bayerischer Ermittler in einem vertraulichen Gespräch.
Dass Marsalek sich im Sommer 2020 nach Belarus und von da aus möglicherweise nach Russland abgesetzt hat, erfahren deutsche Sicherheitsbehörden aus dem SPIEGEL. In einer gemeinsamen Recherche mit den Investigativplattformen Bellingcat und dem »Insider« erhält die Redaktion damals Daten aus dem Einreiseregister von Belarus, die den Grenzübertritt Marsaleks belegen. Deutsche Dienste haben keinen Zugriff auf die Daten.
Sie scheinen aber auch nicht sonderlich bemüht: Marsalek, so hieß es lange Zeit hinter vorgehaltener Hand, sei ein Wirtschaftskrimineller. Keine Zielperson für die Nachrichtendienste, im Prinzip.
Dennoch richten die deutschen Behörden schließlich ein Rechtshilfeersuchen an Moskau. Die Antwort kommt prompt: Man habe keinerlei Kenntnis von einem Russlandaufenthalt Marsaleks. Berlin solle doch in Kasachstan nachfragen, da sei er womöglich gesehen worden. Inzwischen ist der Rechtsverkehr mit dem Reich des Despoten Wladimir Putin zum Erliegen gekommen.
Der damalige Kanzleramtsminister Wolfgang Schmidt (SPD) versucht noch, Marsaleks Namen auf eine geheime Liste zu setzen. Berlin will ihn in dem Moment ausgeliefert bekommen, in dem der Tiergartenmörder Vadim Krasikov nach Moskau überstellt wird und Oppositionelle, ein ehemaliger US-Soldat sowie der Reporter Evan Gershkovich Russland verlassen dürfen. Doch der Kreml ignoriert den Vorstoß.
Die Hoffnungen der deutschen Behörden richten sich nun darauf, dass Marsalek sich irgendwann freiwillig stellt, weil er das Leben auf der Flucht nicht mehr erträgt. Oder dass eine weltweit verbreitete Fahndungsnotiz von Interpol zum Erfolg führt. »Vielleicht macht er eines Tages eine Reise, auf der er erkannt wird«, so der Beamte. »Wir können warten.«
Sonderlichen Jagdinstinkt offenbart das nicht. Dabei sollten die europäischen Behörden hinreichend motiviert sein, Marsalek das Handwerk zu legen. Wie gefährlich sein Treiben ist, hat nicht zuletzt ein Spionageprozess in Großbritannien gezeigt.
Im März sprach der Londoner Central Criminal Court eine sechsköpfige Gruppe von Bulgaren schuldig, zwischen Sommer 2020 und Februar 2023 in Europa für Russland spioniert zu haben. Hintermann und Anleiter der Truppe ist laut den von Scotland Yard gesammelten Erkenntnissen Jan Marsalek. Demnach arbeitet er für den FSB, je nach Auftragslage aber auch für den russischen Militärgeheimdienst GRU.
Wohl noch nie ließ sich das Treiben von Geheimagenten so gut belegen wie in diesem Fall. Haupttäter ist ein Bulgare namens Orlin Roussev. Ein alter Geschäftskontakt von Marsalek noch aus Wirecard-Zeiten. Roussev stellte in Marsaleks Auftrag mit weiteren bulgarischen Vertrauten eine Truppe von mindestens sechs Agenten mit Basis in London zusammen. Auf dem beschlagnahmten Handy des Bulgaren finden sich später rund 100.000 entlarvende Chatnachrichten zwischen ihm und Marsalek. Zusammen mit weiteren Ermittlungen lassen sich daraus zahlreiche Operationen der Agententruppe rekonstruieren.
Im Herbst 2022 spionierte die Gruppe eine US-Militärbasis in Stuttgart aus. Kurz bevor dabei teure Technik zum Einsatz kommt, mit der sogar Handys überwacht werden können, riss der Draht der Agenten nach Moskau ab. Die britische Spionageabwehr war ihnen auf den Fersen. Im Februar 2023 stürmten Polizisten mehrere Wohnungen in England und nahmen mehrere Bulgaren fest.
Laut Gericht wurden bei der Razzia im Haus des bulgarischen Rädelsführers unter anderem 495 SIM-Karten gefunden, dazu mehr als 200 Telefone, 258 Festplatten, 11 Drohnen, 75 verschiedene Pässe sowie Abhörgeräte, teils versteckt in Alltagsgegenständen wie Spielzeug oder Krawatten.
Entdeckt wurden auch mehrere digitale Kopien gefälschter Ausweisdokumente. Darunter der belgische Pass auf den Namen »Alexandre Schmidt« mit Marsaleks Foto.
Tarnname »Roter Sperling«
Wie die Chats zeigten, schien Marsalek im russischen Exil besessen davon, sich für seine Moskauer Beschützer die Hände schmutzig zu machen. »Wir müssen jemanden kidnappen und nach Russland bringen«, schrieb er an seinen bulgarischen Helfer im September 2021. Im Visier hatte er einen nach Montenegro geflohenen ehemaligen russischen Sicherheitsbeamten. »Es ist egal, ob der dabei aus Versehen stirbt«, so Marsalek weiter, »aber besser wäre es, wenn er es bis nach Moskau schafft.«
Die Entführung nach Russland misslang, der Ex-Beamte versteckt sich heute an einem unbekannten Ort. Wie gewünscht waren Marsaleks bulgarische Agenten im Herbst 2021 nach Montenegro gereist, observierten dort wochenlang den Abtrünnigen. Für die heikle Mission brauchte es jedoch direkte Unterstützung aus Moskau.
Vor Ort traf Marsaleks Truppe den Chats zufolge ein zweites, bewaffnetes Agententeam. Angeführt von einer geheimnisvollen FSB-Spionin, die in den Nachrichten bloß »Roter Sperling« heißt. Höchstwahrscheinlich ist Marsalek mit ihr bestens vertraut.
Im Sommer 2020 half eine FSB-Expertin dem damals gerade geflohenen Wirecard-Vorstand unterzutauchen. Zunächst mit einer neuen Identität: der eines russischen Priesters. Marsalek bekam dafür einen neu ausgestellten russischen Pass. Darüber hatte der SPIEGEL bereits im vergangenen Jahr berichtet .
Die Passakte, einzusehen dank eines Leaks, trug auch einen Vermerk, wer den Pass stellvertretend beantragt hatte und abholen durfte. Eingetragen war dort, inklusive Telefonnummer, der Name Jewgenija Kurotschkina. Laut zugespielten Daten telefonierte und reiste Kurotschkina regelmäßig mit einem Moskauer Agenten des FSB.
FSB-Helferin Jewgenija Kurotschkina: Im Minibus auf die Krim
[M] Sarah Dillon / DER SPIEGEL; Fotos: DER SPIEGEL
Aus den Daten wird auch ersichtlich, dass Kurotschkina offenbar den mit neuem Pass versorgten Marsalek kurz nach seiner Flucht aus Deutschland mit einem Minibus zu einem Versteck auf der Krim brachte.
Knapp eineinhalb Jahre später stand Kurotschkina offenbar wieder Marsalek als erfahrene Geheimdienstfachkraft zur Seite. Am 28. Dezember 2021 erwartete das mit dem Kidnapping in Montenegro betraute bulgarische Agententeam laut Chats die Ankunft von »Roter Sperling«. Für den 28. Dezember 2021 gebucht von Moskau auf den Balkan, laut russischen Flugdaten: Jewgenija Kurotschkina.
Dass ihr Trip just zu der Zeit, zu der auch eine Person mit dem Decknamen »Roter Sperling« anreiste, Zufall war, scheint schwer vorstellbar. Sie wäre die Richtige für den Job. Das geht unter anderem aus einem von ihr selbst verfassten Lebenslauf hervor.
Demnach wird die Russin seit 2006 als persönliche Fahrerin und Leibwächterin für Wirtschaftsbosse und ein ehemaliges ukrainisches Regierungsmitglied gebucht. Besondere Fähigkeiten: »Nahkampf-Techniken« und »geübt im Umgang mit Schusswaffen«. Private Fotos zeigen Kurotschkina beim Training mit einer Maschinenpistole.
Vor allem aber: Die durchtrainierte 41-Jährige arbeitet als Bodyguard, Fahrerin und Assistentin für Stanislaw Petlinski, Marsaleks wichtigsten Kontakt im Moskauer Geheimdienstmilieu.
Kurotschkina könnte auch mit dem berüchtigten Tiergartenmord in Berlin in Verbindung stehen. Am 23. August 2019 wurde am helllichten Tag der ehemalige Tschetschenienkämpfer Zelimkhan Khangoshvili mit zwei Schüssen im Kleinen Tiergarten ermordet. Der Schütze wurde gefasst. Er tötete im Auftrag des FSB und verwendete dabei eine Glock mit Schalldämpfer.
Kurotschkinas Handynummer ist in mindestens einem russischen Mobiltelefon unter dem Eintrag »Glock-Umbauerin« gespeichert, wie ein Leak zeigt. Reisedaten belegen zudem, dass Kurotschkina um die Zeit des Mordes in Berlin war. Zehn Tage vor der Tat traf sie um 18.10 Uhr in Berlin-Schönefeld ein. Für den Ticketkauf wurde offenbar ein Einweghandy benutzt.
Der russische Auftragskiller Vadim Krasikov wiederum flog am 17. August von Moskau nach Paris, reiste schließlich weiter nach Berlin. Einen Tag später, am Abend des 18. August, flog Kurotschkina zurück von Berlin nach Moskau.
Eine FSB-Waffenexpertin ist zur selben Zeit am selben Ort, an dem ein vom FSB in Auftrag gegebenes Attentat stattfindet. Gibt es hier eine Verbindung?
Marsalek, Spiridonowa, Kurotschkina und Marsaleks Anwalt ließen umfangreiche Fragenkataloge zu den Recherchen unbeantwortet.
Bedrohte Journalisten
Sicher ist jedenfalls, dass Marsalek mit seinem erprobten Bulgarenteam weitere Personen ins Visier nahm. Allen voran die Investigativreporter Christo Grozev und Roman Dobrokhotov, die an dieser Recherche beteiligt waren.
Grozev war jahrelang Chefreporter der Investigativplattform Bellingcat und arbeitet inzwischen auch für den SPIEGEL. In den vergangenen Jahren erregte er Aufsehen mit Recherchen zu Verbrechen russischer Geheimdienste.
Roman Dobrokhotov wiederum ist Chefredakteur des russischen Investigativmediums »The Insider«. Auch ihn zählt die russische Regierung zu ihren Feinden. Vor vier Jahren musste er aus seinem Heimatland nach Europa fliehen, Moskau sucht ihn mit Haftbefehl.
Immer wieder hefteten sich Marsaleks Auftragsagenten an die Fersen der Journalisten. Mit Kameras observierten sie Grozev und dessen Familie in Wien von einer gegenüberliegenden Wohnung aus, in die sich die Truppe eingemietet hatte. Berichte und Dateien mit Videoaufnahmen landeten regelmäßig bei Marsalek und seinen Moskauer Geheimdienstfreunden. Laut sichergestellten Chats überlegten Marsalek und der bulgarische Bandenchef auch, ob man Grozev kidnappen und festsetzen könnte, um an sein Handy und sein Laptop zu kommen.
Selbst über eine mögliche Ermordung des Reporters chatteten die Männer. Eine Axt dafür einzusetzen, sei von gestern, so Marsalek im Dezember 2022 in einer Nachricht an den Bulgaren. »Besser ist ein Vorschlaghammer, Wagner-Style« – eine Anspielung auf Kriegsverbrechen der russischen Söldnergruppe Wagner. Marsalek verwarf die Mordpläne aber wieder. Das führe wohl nur zu Problemen, erklärte er seinem Bandenchef. Am Ende wurde das Komplott vom britischen Inlandsgeheimdienst MI5 aufgedeckt und wichtiger Teil des Londoner Prozesses.
Die Arbeit der Bulgaren ließ sich Marsalek laut britischen Justizdokumenten einiges kosten. Allein zwischen 2021 und 2023 sollen umgerechnet mehr als 100.000 Euro von Marsalek an den Bulgaren Roussev geflossen sein – getarnt über Konten von Scheinfirmen. Zumindest ein Teil der Gelder stammte vom russischen Geheimdienst. Und der Rest?
Verschwundene Milliarden
Der Wirecard-Skandal ist in erster Linie ein Finanzskandal. Wirecard, aufgebauscht zum internationalen Wirtschaftsriesen, galt lange Zeit als Finanzdienstleister der Zukunft, zeitweise wertvoller als die Deutsche Bank. Doch das Unternehmen mit seinem Manager Marsalek baute ein System undurchsichtiger Geldflüsse auf, eine Konstruktion, wie gemacht für Geldwäsche. Milliardentransaktionen für Kunden wurden außerhalb von Wirecard abgewickelt, die Umsätze aber dem Konzern gutgeschrieben, die angeblichen Provisionseinnahmen auf Treuhandkonten verbucht.
So blieb lange unentdeckt, dass Milliarden Euro an Wirecard-Geldern gar nicht auf den Konten waren, auf denen sie angeblich liegen sollten. Bis heute sind die Reichtümer nicht gefunden. Sind sie weg oder nie da gewesen, erfunden oder versickert in dunklen Kanälen?
Es gibt Spuren. Sie führen nach Singapur. In die Schweiz. Nach Schottland. Und, natürlich, nach Russland.
In Moskau lässt sich mit den Handydatensätzen eine mögliche Hausbank von Marsalek ermitteln. Vom Hauptsitz des FSB sind es nur zehn Minuten mit dem Taxi in den Osten des Stadtzentrums, zu einer Filiale der Transkapitalbank. Das US-amerikanische Finanzministerium hat das Geldhaus als »Herz« der russischen Sanktionsumgehung bezeichnet. Mit der Verschleierung von Geldflüssen kennt man sich hier vermutlich aus.
Ein Funkmast steht keine 60 Meter von der Bank entfernt. Zwischen Ende Januar und Ende Mai 2024 wird Marsaleks Telefon dort an sieben Tagen 103-mal erfasst.
Die Geschichte von Jan Marsalek ist noch längst nicht zu Ende. Es bleibt noch eine große Frage: Wo ist das Geld?
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