Journalismus in Myanmar Schlimmer ist es nur in China
Rauch und Zerstörung nach Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften der Junta in Myanmars Hauptstadt Yangon Mitte März 2021
Foto: Getty Images
In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.
Als das Militär am 1. Februar 2021 in Myanmar die Macht ergreift, steht Aye Min Thant vor einer Lebensentscheidung: für oder gegen den Journalismus. »Ich wusste, wenn ich wieder anfange, zu berichten, würde es irgendwann so gefährlich werden, dass ich mein Land verlassen muss.«
Aye Min Thant ist 29, nichtbinär und in Yangon aufgewachsen, der ehemaligen Hauptstadt Myanmars. »Was dort gerade passiert, ist nicht normal«, sagt Aye Min Thant, »das ist nirgendwo normal, und es ist wichtig, dagegen anzukämpfen.«
Aye Min Thant: »Myanmar ist zu einem der gefährlichsten Länder für Journalisten geworden«
Foto: PrivatKämpfen, das heißt in Ayes Fall vor allem: recherchieren und schreiben. 2020 war Aye Min Thant Teil eines Reporterteams, das für die Berichterstattung über den Genozid an den Rohingya mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde. Auch 2022, als die Generäle hinter dem Völkermord die Macht ergreifen , zögert Aye Min Thant nicht lange, schreibt alles auf: über die Straßenproteste im ganzen Land, die Granaten des Militärs , die Hoffnungen und den Schmerz.
Die meisten der Artikel erscheinen im »Frontier Myanmar« , hinzu kommen Einschätzungen und Interviews für internationale Medienhäuser und ein detaillierter Twitter-Thread: »Guten Morgen. Es ist Tag drei des Coups. Ich habe vergangene Nacht drei Stunden geschlafen, aber wer benötigt schon Schlaf, wenn man auch schreiben kann.« Vergessen werde man diese ersten Tage nie, sagt Aye Min Thant.
I guess I'll be live tweeting a coup now. Things are still pretty quiet for now, though people are awake and scared. I've been fielding calls since 6 am from friends and relatives. The internet is in and out and my sim card no longer works.
— Aye Min Thant (@the_ayeminthant) February 1, 2021
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Kurz nach dem Militärputsch verschwinden immer mehr Medienschaffende. Wer über die Menschenrechtsverletzungen des Militärs berichtet, wird selbst zur Zielscheibe. Inzwischen verzeichnet das Komitee zum Schutz von Journalisten (CPJ) in Myanmar die zweitmeisten inhaftierten Journalisten und Journalistinnen weltweit – nach China. »Myanmar ist zu einem der gefährlichsten Länder für Journalisten geworden«, sagt Aye Min Thant.
Myanmar hat eine komplexe Vergangenheit hinter sich. Auf jahrzehntelange Abschottung durch Diktatur und Militärregime folgten demokratische Reformen. Das Land schien voller neuer Hoffnung. Doch die Hand der Generäle schwebte weiter über der vermeintlichen Demokratisierung und der Regierung von Aung San Suu Kyi. Anfang 2021 schlug sie schließlich zu: Am 1. Februar putschten die Streitkräfte unter Führung des Generals Min Aung Hlaing. Sie verhängten einen Ausnahmezustand und lösten das Parlament auf.
Aye Min Thant selbst musste mehrfach den Wohnort wechseln, etwa nachdem ein Nachbar erzählt hatte, dass Männer gekommen seien und nach Aye gesucht hätten. Im März 2021 beginnt die Militärjunta mehrere unabhängige Zeitungen und Fernsehsender zu verbieten. Das Büro der Nachrichtenseite »Myanmar Now« wird geplündert. Im Mai landet Aye Min Thants Chef beim »Frontier«, der US-amerikanische Journalist Danny Fenster, im Insein-Gefängnis. Einige Reporter berichten davon, gefoltert worden zu sein, während ihrer Berichterstattung Schüsse und Verletzungen davongetragen zu haben.
Wie viele andere muss auch Aye Min Thant wenige Monate nach dem Putsch das Land verlassen – um am Leben zu bleiben, aber auch, um ohne technische Einschränkungen wie Internetblockaden berichten zu können. Emotional wiege die Entscheidung noch heute schwer: »Es fühlt sich an wie Betrug.«
Von Chiang Mai im Norden Thailands recherchiert und schreibt Aye Min Thant weiter für den »Frontier Myanmar«. Um an Informationen und Bilder zu kommen, sind der »Frontier« und andere Nachrichtenseiten auf Menschen vor Ort angewiesen. Viele von ihnen sind gewissermaßen über Nacht zu sogenannten Bürgerjournalisten geworden. Der Glaube an eine bessere Zukunft für Myanmar treibe viele der häufig noch jungen Menschen an, sagt Aye Min Thant. »Wenn die Menschen keine Ideale und Hoffnungen hätten, gäbe es längst keinen Journalismus mehr in Myanmar.«
Mehr als 2150 Menschen sind seit dem Putsch der Gewalt des Militärs bereits zum Opfer gefallen. Die Assistance Association for Political Prisoners in Burma (AAPPB) zählt zudem mehr als 11.000 Inhaftierte. Da die Demonstrationen immer blutiger niedergeschlagen werden, trauen sich inzwischen kaum noch Demonstrierende auf die Straßen. »Die Situation ist deutlich schlimmer als noch vor einem Jahr, als Myanmar überall in den Schlagzeilen war«, sagt Aye Min Thant. Die Kämpfe haben sich im ganzen Land ausgebreitet, sind brutaler geworden. Im Juli kam es zum ersten Vollzug der Todesstrafe in Myanmar seit mehr als 30 Jahren.
Und die Einschüchterungstaktik des Militärs zeigt Wirkung: Viele mögliche Quellen trauen sich nicht mehr, Reportern zu antworten, wollen bloß kein Risiko eingehen. Zu groß ist die Angst, ausspioniert zu werden, Familie und Freunde zu gefährden. Für Medienschaffende wie Aye Min Thant sind Kreativität und Durchhaltevermögen gefragt, wenn es um das Nachrecherchieren von Informationen geht. Das kostet Zeit.
Und häufig sind Fake News schneller. Zwar wirke die Propaganda des Militärs manchmal ungeschickt, dessen Art, Desinformation zu verbreiten, sei aber durchdacht. »Sie verstehen genau, welche Emotionen es braucht, um viral zu gehen«, sagt Aye Min Thant. Über soziale Medien verbreitete »Geschichten« richten sich gegen Widerstandskämpfer der sogenannten People’s Defense Forces (PDFs), aber auch gegen Mitglieder der ehemaligen Regierungspartei oder ethnische Minderheiten.
Reporter am Leben halten
Die Aktivistin und Frauenrechtlerin Tin Tin Nyo erzählt von einem Reporter im Chin-Staat, der gerade festgehalten wird. Das Militär habe ihn als »Terroristen« dargestellt und manipulierte Bilder von ihm verbreitet. Ein Nachbar lieferte ihn aus. »Wir versuchen gerade, ihm mit allen Mitteln zu helfen, wir wollen nicht, dass er zu Tode geprügelt wird«, sagt Tin Tin Nyo. Sie ist Direktorin von Burma News International (BNI), einem Mediennetzwerk ethnischer Gruppen.
Offiziell gibt es 135 Bevölkerungsgruppen in Myanmar. Neben der größten, den »Bamar«, machen ethnische Minderheiten mindestens ein Drittel der Gesellschaft aus; viele von ihnen haben ihre eigene Kultur, Sprache und Religion. Sie haben zudem eine jahrzehntelange Geschichte der Unterdrückung hinter sich: Schon seit der Kolonialzeit müssen sie um Rechte und Anerkennung kämpfen. Die spätere Militärdiktatur verbot den Unterricht ethnischer Sprachen und Kulturen. Immer wieder kam es zu bewaffneten Konflikten zwischen dem Militär und ethnischen Milizen.
Die vom Militär 2008 geschriebene Verfassung teilte die Minderheiten in sieben ethnische Regionen ein. Ressourcen und Rohstoffe dieser Regionen werden von Großprojekten des Militärs oder ausländischer Firmen ausgebeutet. Eine der bekanntesten ethnischen Gruppen in Myanmar sind die Rohingya, eine muslimische Minderheit im Westen des Landes, deren Unterdrückung und Tötung durch das Militär 2017 inzwischen als Völkermord anerkannt wird.
Auch sie arbeitet aktuell aus Thailand. Ihre Hauptaufgabe ist es, Reporter in den ethnischen Regionen am Leben zu halten. Wortwörtlich. »Wir haben kein Vertrauen in das Rechtssystem, aber mit einem Anwalt bekommen wir zumindest Informationen darüber, wie es für den Reporter weitergeht.« Fälle wie diesen gebe es aktuell viele.
Tin Tin Nyo: Die drei Finger sind das Zeichen des Civil Disobedience Movement (CDM) geworden, der Protestbewegung nach dem Putsch
Foto: PrivatNeben rechtlichem Beistand versucht BNI, finanzielle Ressourcen und technisches Equipment zu organisieren. Bei beidem sind die Organisationen auf internationale Hilfe angewiesen. Mit Satellitentelefonen und Powerbanks sollen Internetblockaden umgangen, Überwachung und damit auch Inhaftierung verhindert werden. Sicherheit sei die allergrößte Herausforderung, sagt ein Reporter, der im Westen des Landes für BNI arbeitet. »Oft können wir nicht einmal das Nötigste mitnehmen, wenn wir von vor Ort berichten: kein Telefon, keine Kameras oder Aufnahmegeräte. Überall gibt es Kontrollen, und häufig kommen wir gar nicht nahe genug an die bewaffneten Konflikte heran.«
Was ist schlimmer – Internet oder kein Internet?
Erschwert wird der Zugang zu Informationen nicht nur physisch, sondern auch digital. Seit dem Putsch beobachtet die NGO Access Now die Internetabschaltungen im ganzen Land. Allein in Sagaing, einer der am stärksten von bewaffneten Konflikten betroffenen Regionen, ist das Internet in 26 Gebieten blockiert. Das wirke sich direkt auf die Menschenrechtsverletzungen aus, sagt Wai Phyo Myint, Politikanalystin für Access Now . Die Grausamkeiten des Militärs blieben ohne Internet ungesehen, wichtige Informationen könnten nicht weitergeleitet werden: Wo finden Kämpfe statt, wo Kontrollen? Wo gibt es medizinische Versorgung?
Hinzu kommt der psychologische Effekt solcher Blockaden. Keinen Zugang zu Informationen zu haben, verunsichert und isoliert. »Mit den Internetblockaden zerstören das Militär ein Gefühl der Verbundenheit und Hoffnung«, sagt Wai Phyo Myint.
In Gebieten mit funktionierendem Internet wiederum nutzt das Militär soziale Plattformen, um mit Gewalt zu drohen, Desinformation zu streuen und herauszufinden, wo sich vermeintliche Widersacher aufhalten. »Wenn du online bist, werden sie dich überwachen und verfolgen. Wenn du offline bist, bist du von allem abgeschnitten, was du benötigst, um Widerstand zu leisten«, so Wai Phyo Myint.
85 bis 90 Prozent des Telekommunikationssektors gehören demnach Firmen des Militärs oder Kooperationspartnern. Einem Bericht von Reuters zufolge installiert das Militär derzeit zudem in China hergestellte Überwachungskameras mit Gesichtserkennungssoftware.
Die Bilder der Proteste in Myanmar gingen im März 2021 um die Welt: Inzwischen sind die Straßen ruhiger, die Demonstrationen kürzer geworden – nur noch wenige trauen sich, offen zu protestieren
Foto: Hkun Lat / Getty ImagesDeshalb sei es wichtig, Aktivistinnen, Journalisten und sozial schwache Gruppen auch digital zu wappnen, sagt Htaike Htaike Aung, Mitgründerin von MIDO, einer der führenden Digital-Rights-Organisationen in Myanmar. Mit Wegwerfhandys und Verschlüsselungssoftware, wie den inzwischen illegalen VPN-Servern, sollen Namen und Aufenthaltsorte geschützt werden. »Unmittelbar nach dem Putsch wussten wir, dass wir nicht nur eine Bewegung auf der Straße benötigen, sondern auch im digitalen Raum«, so Htaike Htaike Aung.
Es ist ein gefährliches Paradox: Desinformation und digitale Sicherheitslücken im Netz können in Myanmar Menschenleben kosten. Doch ohne Internet kein Widerstand. Mit schwindender Aufmerksamkeit nehmen die Menschenrechtsverletzungen des Militärs zu, der Bürgerkrieg wird blutiger, die humanitäre Lage verschlechtert sich. Der Journalismus ist in Myanmar keine reine Frage der Hoffnung. Er ist eine Frage von Leben und Tod.
Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft
Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.
Eine ausführliche FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.