Leben im Krieg So bewältigen die Menschen in Kiew ihren Alltag
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Ein Matcha-Tee mit Milchschaum, ein Stück Kuchen – kleine Fluchten vor dem Krieg in einem Café in Kiew, wo der Alltag vielerorts so gut es geht weiterläuft – und doch alles anders ist als zuvor.
Olga, Café-Betreiberin
»Wir haben vergangenes Jahr geöffnet. Wir haben nie erwartet, dass es Krieg geben könnte. Auf der anderen Seite musste wegen Donezk, Luhansk und der Krim alles in die Luft fliegen.«
DER SPIEGEL hat Olgas »Café Mates« im Univiertel besucht, bevor die Massaker an Zivilisten im Vorort Butscha entdeckt wurden – keine 30 Kilometer von hier entfernt. Hinter Kiew liegen Wochen der Angst – und des Zusammenhalts. Auch Olga unterstützt mit ihrem Café die Verteidigung der Stadt.
Olga, Café-Betreiberin
»Ich kann mich gar nicht richtig erinnern, wie das alles losging. Die ersten Tage verliefen wie im Nebel.«
Das Café sammelt Kleiderspenden. Den größten Beitrag für die Verteidigung Kiews aber leisten Freiwillige im Keller. Rückblick: Die ersten Tage nach dem russischen Überfall auf die Ukraine rollt ein kilometerlanger Militärkonvoi auf Kiew zu. Die befürchtete Erstürmung der Stadt durch russische Truppen bleibt zwar aus, in den folgenden Wochen aber gibt es schwere Gefechte in den Vororten, Artilleriebeschuss und Bombardements. Die russischen Truppen haben sich nun aus dem Nordwesten Kiews zurückgezogen, die Vororte Irpin und Butscha sind wieder unter der Kontrolle der ukrainischen Armee.
Thore Schröder, DER SPIEGEL
»Wir stehen hier auf der Brücke von Irpin beziehungsweise dem, was davon übrig ist. Die Brücke wurde gleich zu Beginn des Krieges gesprengt, als die Ukrainer noch davon ausgingen, dass die Russen schnell vorrücken würden in die Hauptstadt. In den Wochen darauf wurden Tausende Zivilisten über die Reste dieser Brücke und Bretter über dem Wasser evakuiert. Irpin wurde nun vor wenigen Tagen endlich befreit. Doch die Stadt gleicht einem Schlachtfeld. 50 Prozent der Häuser sind schwer beschädigt oder zerstört. In Butscha, einen Vorort weiter nördlich, konnten wir heute erleben, was die Russen angerichtet haben unter der Zivilbevölkerung. Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko sagte uns, dass man nun wisse, was der Hauptstadt gedroht hätte, wären die Russen hier nicht gestoppt worden.«
In Butscha wurden Leichen von Zivilisten gefunden. Die Ukraine macht russische Truppen für ihre Ermordung verantwortlich. Noch immer werden Menschen aus Kiew evakuiert, Zehntausende sind in den vergangenen Wochen geflohen, viele Schülerinnen und Schüler von Yulia Dzubna.
Yulia Dzuba, Lehrerin
»Andrej, Ygor, Ihor, schön, euch zu sehen.«
Die Siebtklässler sind in alle Himmelsrichtungen verstreut. Der Englischunterricht findet trotzdem statt.
Yulia Dzuba, Lehrerin
»Wie ist das Wetter in Polen, Ihor? Wolkig? Sonnig?«
Ihor, Schüler
»Sehr wolkig.«
Yulia Dzuba, Lehrerin
»Sascha, wie ist das Wetter in Italien?«
Sascha, Schüler
»In Italien ist schönes Wetter, aber es ist nicht warm.«
Yulia Dzuba, Lehrerin
»Unsere wichtigste Frage heute: Wovon träumt ihr?«
Schüler
»Dass ich nach Hause zurückkehren kann.«
Auch Lehrerinnen und Lehrer der Schule sind geflohen. Onlineunterricht gab es wegen der Pandemie schon vor dem Krieg, die Stunden vor dem Bildschirm sind jetzt jedoch mehr als Wissensvermittlung, nicht nur für die Kinder.
Yulia Dzuba, Lehrerin
»Im Krieg ist der Onlineunterricht für meine Kollegen und mich wie eine Rückkehr in unser altes Leben.«
Dzuba lebt mit ihren Eltern, fünf Hunden und drei Katzen in einem Vorort von Kiew. Eine Flucht kommt für die Familie nicht infrage. Ihr selbst gebautes Haus und die Tiere wollen sie nicht zurücklassen. Sie haben eine Geflüchtete aufgenommen – und bleiben, auch wenn der Krieg in Hörweite ist.
Yulia Dzuba, Lehrerin
»Im Unterricht benutze ich Kopfhörer, damit die Schüler nicht hören, was im Moment in der Nähe passiert. Heute ist es nicht sehr laut.«
Ruhe und Kraft findet Dzuba in diesem Wäldchen. An bestimmten Bäumen hält sie jedes Mal inne und betet für ein Ende des Krieges.
Yulia Dzuba, Lehrerin
»Manchmal fällt ein Stück Holz von einem Baum oder ein Zweig. Für mich ist das ein Zeichen: Der Krieg wird bald enden.«
Yulia Dzuba, Lehrerin
»Gute Arbeit. Damit sind wir für heute fertig.«
Seit dem 28. März findet der gesamte Unterricht der Schule online statt – es funktioniert, und doch ist die Situation alles andere als einfach: Deshalb werden Kinder und Lehrer von der Schule psychologisch betreut.
Yulia Dzuba, Lehrerin
»Bis morgen, Jungs.«
Sascha, Schüler
»Ich vermisse Sie sehr.«
Yulia Dzuba, Lehrerin
»Danke, ich euch auch. Alles Gute. Betet für die Ukraine.«
Zurück im Stadtzentrum. Kiew hat sich verbarrikadiert, Freiwillige füllen Sandsäcke. Ganz in der Nähe wohnen Vera und Fjodor. Sie haben die vergangenen Wochen in ihrer Wohnung ausgeharrt – auch bei Luftalarm.
Vera
»Wir sind einmal in den Keller gegangen, danach sind wir einfach in unserem Zimmer geblieben. Mein Fuß tut weh, deshalb bleibe ich sowieso meistens drinnen. Und wenn ich im Hof bin und die Sirenen höre, gehe ich einfach nach Hause. Nur Gott weiß, was uns passieren wird, wir bleiben in der Wohnung. Unsere Mauern werden uns retten, wir haben hier so lange gelebt.«
Das Telefonat mit ihrem Sohn, um zu sagen, dass es ihnen gut geht – eine neue Routine im Krieg. Ablenkung gibt es ansonsten kaum.
Vera
»Im Moment sehen wir nicht viel fern.«
Fjodor
»In letzter Zeit gibt es nichts Schönes im Fernsehen.«
Das Ehepaar bleibt meist drinnen, Nachbarn helfen beim Einkaufen. Die Wochen der Ungewissheit haben Vera und Fjodor mitgenommen. Besonders schlimm für sie: nächtlicher Luftalarm.
Vera
»Kein Schlaf.«
Fjodor
»Man liegt im Bett und wartet, dass eine Rakete ins Fenster einschlägt.«
Vera
»Sehr unheimlich. Tagsüber geht es, aber in der Nacht ist es schrecklich. Heute Nacht heulten die Sirenen um halb zwei. Danach findet man keinen Schlaf mehr, aber wer schläft derzeit ohnehin gut? Niemand.«
Wenn eine Rakete eingeschlagen ist, sind die Territorialen Verteidigungseinheiten oft als Erste zur Stelle. Constantine Fedichev ist Kommandeur, er befehligt rund 1000 Freiwillige. Patrouillen, die Suche nach Saboteuren, Erste Hilfe, für all das ist seine Einheit zuständig. Bis 2018 war der 33-Jährige bei der Armee, zwölf Jahre lang. Er hat die Eskalation in den Separatistengebieten im Osten der Ukraine miterlebt – kein Vergleich zur heutigen Lage, sagt er.
Constantine Fedichev, Territoriale Verteidigungskräfte
»In diesem Krieg habe ich zum ersten Mal Helikopter und Kampfflugzeuge gesehen. Es ist ein ganz anderer Krieg.«
In den vergangenen Jahren hat Fedichev als Tischler gearbeitet, hatte Zeit für seine Familie, seine zwei kleinen Kinder. Währenddessen spitzte sich der Konflikt mit Russland immer weiter zu.
Constantine Fedichev
»Deshalb habe ich Anfang des Jahres beschlossen, mich den Territorialen Verteidigungseinheiten anzuschließen, um mein Land mit der Waffe verteidigen zu können. Nur einen Tag vor Kriegsausbruch wurde ich zum Kommandeur einer Einheit ernannt. Und am 24. Februar um 5.40 Uhr, oder sogar um 5.20 Uhr, erhielt ich die Nachricht: »Kommt alle zur Militärbasis«. Danach begann der Kampfeinsatz. Das Schlimmste war bislang, dass einer meiner Männer von den Russen bei Irpin gefangengenommen wurde. Ein anderer wurde getötet, und wir konnten seinen Leichnam nicht bergen. Das habe ich vorher noch nie erlebt.«
Fedichevs Frau und die Kinder sind in die Nähe von Lwiw geflohen, einmal am Tag telefoniert er für fünf Minuten mit ihnen. Er schläft nur drei bis vier Stunden pro Nacht, hat seit Kriegsausbruch zwölf Kilo abgenommen, erzählt er – wie lange der Ausnahmezustand andauern wird, weiß niemand.
Die Freiwilligen an den Waffen sind nur ein kleiner Teil eines riesigen Verteidigungsnetzwerks – zu dem auch das »Café Matés« gehört: Im Keller kochen Helfer seit Wochen jeden Tag Essen – für die Verteidigungseinheiten, für Krankenhäuser, für Bedürftige aus der Nachbarschaft. Maria ist seit dem dritten Kriegstag dabei, sie war nach einem Aufruf auf Instagram vorbeigekommen.
Maria, Freiwillige
»Mich motiviert am meisten, dass wir Menschen helfen. Das gibt dir Energie. Ich habe kürzlich 12 Tage hintereinander gearbeitet und habe das nicht einmal bemerkt. Jeder macht eigentlich immer denselben Job, Beilagen zum Beispiel oder Fleisch. Manchmal tauschen wir ein bisschen durch. Wir helfen uns gegenseitig, und so geht alles einfach und schnell. Mir macht es sehr viel Spaß.«
Olgas Café ist inzwischen Teil einer Kochkooperation von mehr als 20 Restaurants. Zusammenhalt, der ihr Hoffnung gibt, dass für Kiew wieder bessere Zeiten kommen werden.
Olga, Café-Betreiberin
»Ich wünschte, das alles würde aufhören und alle könnten wieder hinausgehen und das Wetter genießen. Der Frühling in Kiew ist wunderschön, da möchte man so viel Zeit wie möglich draußen sein. Ich freue mich auf die Trenchcoat-Saison, denn die Pelzmantelzeit haben wir schon verpasst.«
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