US-Helfer für Migranten Hinter Stacheldraht und Trumps Zaun
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Das ist Gilbert Ornelas, er hilft ehrenamtlich Migranten im US-Bundesstaat Texas.
Gilbert Ornelas, freiwilliger Helfer:
»Sind Sie Migrantin? Ich bin hier, um zu helfen.«
Gilbert Ornelas, freiwilliger Helfer:
»Wir können nicht jedem helfen. Wir können nicht jeden retten. Aber wir können mehr retten, als wir es gerade tun.«
Zwei Tage waren wir mit ihm unterwegs, in San Antonio und an der Grenze zu Mexiko. Und obwohl Ornelas diese Arbeit seit fünf Jahren macht, wird auch er in diesen zwei Tagen an seine emotionalen Grenzen kommen.
Gilbert Ornelas, freiwilliger Helfer:
»Jedes Mal, wenn ich dahin fahre, bringe ich Kleidung, Essen und Hygieneartikel mit. Das fühlt sich gut an. Ich gebe diese Hilfsmittel einer Organisation und die gibt sie dann an Migranten.«
Wir sind unterwegs mit Ornelas nach Eagle Pass, einer Kleinstadt direkt an der Grenze zu Mexiko im US-Bundesstaat Texas. In seinem Kofferraum stapeln sich Hilfsgüter. Der 76-Jährige will uns zeigen, wie es an der Grenze aussieht. Dort wurden die Bedingungen für Geflüchtete zuletzt drastisch verschärft. Aber Ornelas' Ziel ist mit Blick auf die Migrantinnen und Migranten nach wie vor das gleiche:
Gilbert Ornelas, freiwilliger Helfer:
»Ich möchte nicht, dass sie die Hoffnung verlieren. Sie müssen hoffnungsvoll sein. Sobald sie die Hoffnung verlieren, fangen sie an zu zweifeln und bekommen Angst – es sei denn, man hilft ihnen auf ihrem Weg.«
Nahe Eagle Pass steht ein Teil des berüchtigten Zauns, den Donald Trump weiter ausbauen will, sollte er erneut Präsident werden. Im Wahlkampf verspricht er, das Land für Geflüchtete abzuschotten. So ist diese Barriere hier direkt am Grenzfluss Rio Grande ein passendes Bild für Trumps harte Migrationspolitik.
Gilbert Ornelas, freiwilliger Helfer:
»Man hat Tausende Meilen von diesem Zaun. Wozu? Das funktioniert nicht. Menschen kommen immer noch durch. Für mich ist das reine Geldverschwendung.«
Ankunft in Eagle Pass, dem Ort, der zum Symbol im Streit um die Flüchtlingspolitik der USA geworden ist.
Hier besucht Ornelas mit uns eine Unterkunft für Migranten, betrieben von einer kirchlichen Organisation. Sie ist ein erster Zufluchtsort für Menschen, die es über die Grenze geschafft haben.
Gilbert Ornelas, freiwilliger Helfer:
»Hallo, wie geht es Ihnen?«
Gilbert Ornelas, freiwilliger Helfer:
»An die Arbeit.«
Winterkleidung, Decken, Hygieneartikel – Ornelas liefert ab, was er aus San Antonio mitgebracht hat.
Seine Familie kam einst selbst aus Mexiko in die USA – und lebt hier jetzt in dritter Generation. Er war lange Pilot bei der US Air Force und später noch Börsenmakler. Als das Thema Migration in den Medien immer präsenter wurde, entschied sich Ornelas, zu helfen und schloss sich der Interfaith Welcome Coalition an. Es sind gemeinnützige Organisationen wie diese, die Geflüchtete in der Region bei ihren ersten Schritten in den USA begleiten – und Menschen wie Ornelas, die ihnen das Gefühl geben, willkommen zu sein.
Die Migranten haben eine weite Reise hinter sich. Die meisten hier kommen aus Mittel- und Südamerika, haben über Monate mehrere Länder durchquert – weil die wirtschaftliche Lage in ihrer Heimat so schlecht ist oder sie politisch verfolgt werden. Jetzt sind sie am Ziel.
Geflüchtete:
»Es fühlt sich so gut an. Ja, ich bin so glücklich. Ich bin sehr glücklich, hier zu sein, weil meine Familie hier in den USA ist.«
Geflüchteter:
»Ich beschloss, den Rio Grande zu überqueren. Es war ehrlicherweise sehr, sehr schwer für uns, weil ich fast meinen Sohn verloren hätte. Er wäre fast im Fluss verschwunden. Ich musste mit meiner Frau gegen die Strömung des Rio Grande kämpfen. Gott sei Dank bin ich hier, um es zu erzählen.«
Die Menschen, mit denen wir sprechen, wirken erschöpft, aber auch erleichtert.
Gilbert Ornelas, freiwilliger Helfer:
»Sie haben immer noch Hoffnung. Ich sehe hier niemanden, der sagt: Ich gebe auf. Sie wollen weiter, nach San Antonio oder sonst wohin. Das ist ein gutes Gefühl.«
Gilbert Ornelas, freiwilliger Helfer:
»Hier steht: Wo sind Sie? Sie sind in Eagle Pass, Texas. Und wo ist der Flughafen? In San Antonio.«
Insgesamt ist hier aber gerade erstaunlich wenig los. Im Januar ist es kälter, da wagen weniger Migrantinnen und Migranten den Weg durch den Fluss. Aber dass die Hallen hier so leer sind, liegt auch am aktuellen Streit um die Einwanderungspolitik der USA.
Im Jahr der Präsidentschaftswahl ist Migration längst wieder eines der wichtigsten Wahlkampfthemen. US-Präsident Joe Biden hatte versprochen, Lösungen zu finden, aber unter ihm hat sich die Lage an der Grenze nicht entspannt. Im Gegenteil: Im Dezember kamen mehr als 300.000 Geflüchtete über Mexiko in die USA, mehr als je zuvor innerhalb eines Monats.
Der texanische Gouverneur Greg Abbot teilt Donald Trumps Ansicht in Sachen Migrationspolitik. Damit weniger Geflüchtete ins Land kommen, hat er die Maßnahmen an der Grenze seines Bundestaats zuletzt massiv verschärft. Dabei ist Grenzschutz eigentlich Sache der US-Regierung, also von Joe Biden. Weil die aber aus Abbotts Sicht nicht genug unternimmt, hat er vieles selbst in die Hand genommen.
So hat der Gouverneur auch diesen Natodraht mit seinen rasiermesserscharfen Schneiden eigenmächtig aufbauen lassen.
Gilbert Ornelas, freiwilliger Helfer:
»Wir müssen etwas tun, aber nicht das hier. Das ist unmenschlich.«
Der Supreme Court hat zwar bestätigt, dass die Bundesregierung für den Grenzschutz zuständig ist und Bundesbeamte den Natodraht entlang der Grenze abbauen dürfen. Bisher aber ignoriert Gouverneur Abbot dieses Urteil einfach.
Und auch um diesen Ort streiten sich die Behörden. Der Shelby Park ist eigentlich ein öffentlicher Park. Aber kürzlich hat Abbots texanische Nationalgarde hier die alleinige Kontrolle übernommen. Nicht einmal Bidens nationale Grenzschutzbehörde lassen sie hier noch rein.
Wieder einmal steht Ornelas an diesem Tag vor einem Zaun und kann kaum fassen, was in seinem Land passiert.
Gilbert Ornelas, freiwilliger Helfer:
»Einige Menschen sind so sehr gegen Immigranten, die hereinkommen, und sehen das als Invasion. Die sagen: Wir werden überfallen, wir müssen das stoppen. Und wenn Menschen an der Grenze sterben, dann sei es so.«
Auch einige Meter weiter, auf der mexikanischen Seite, gehen die örtlichen Behörden immer härter gegen Migranten vor. Um herauszufinden, was dort passiert, und wie es den Menschen geht, die in Mexiko feststecken, werden wir später über diese Brücke in das Nachbarland fahren.
Schon einen Tag vorher treffen wir Ornelas am Busbahnhof von San Antonio. Dort ist er einmal pro Woche als ehrenamtlicher Helfer im Einsatz.
Andreas Landberg, DER SPIEGEL:
»Warum ist San Antonio ein guter Ort, um über dieses Thema zu sprechen?«
Gilbert Ornelas, freiwilliger Helfer:
»Weil viele Leute hierhin kommen und dann einen Bus nehmen oder den Flughafen nutzen – wir haben einen internationalen Flughafen, es gibt einen Bahnhof. Also können sie hierherkommen und dann weiterreisen.«
San Antonio ist in Texas die erste Metropole nach der Grenze. Die meisten Geflüchteten, die über die texanische Grenze ins Land kommen, landen erst mal in dieser Großstadt. Von Eagle Pass dauert die Busfahrt zweieinhalb Stunden. Und von San Antonio reisen sie weiter – zum Beispiel an Orte in den USA, an denen sie Familie haben. Deshalb betrifft das Thema Migration längst nicht nur die Grenzregion oder Südstaaten wie Texas, sondern das ganze Land.
Die Hilfsorganisation, für die Ornelas arbeitet, unterstützt Geflüchtete in San Antonio bei der Weiterreise. Aber sie hilft auch Migranten, die in der Stadt leben.
Gilbert Ornelas, freiwilliger Helfer:
»Sprechen Sie spanisch? Sind Sie Migrantin? Ich bin hier, um zu helfen.«
Die Frau aus Venezuela ist seit einem Jahr in den USA. Ornelas holt ihr, was er im Busbahnhof auftreiben kann. Windeln, Wasser.
Gilbert Ornelas, freiwilliger Helfer:
»Und Essen, für zwei Tage.«
Migrantin:
»Vielen Dank.«
Gilbert Ornelas, freiwilliger Helfer:
»Kein Problem.«
Aber all das reicht Ornelas nicht, er will noch mehr tun.
Gilbert Ornelas, freiwilliger Helfer:
»Ich werde Ihnen ein bisschen Geld geben, das Ihnen helfen soll. Das soll dem Kind helfen. Danke Ihnen. Tschüss. Gott segne Sie.«
Andreas Landberg, DER SPIEGEL:
»Ich sehe, wie sehr Sie sich einbringen, wie emotional das für Sie ist, dass Sie sogar Ihr eigenes Geld geben. Ich nehme an, es ist Ihr Geld und nicht das der Organisation?«
Gilbert Ornelas, freiwilliger Helfer:
»Ja, das ist mein Geld.«
Andreas Landberg, DER SPIEGEL:
»Was treibt Sie an, das zu tun?«
Gilbert Ornelas, freiwilliger Helfer.
»Sie haben recht, das ist sehr emotional. Ich sehe das kleine Baby… Sie ist in einer schwierigen Lage. Das bricht einem das Herz. Ja, also gebe ich ihr mein eigenes Geld. Ich bin einfach froh, dass ich ihr ein bisschen helfen kann.«
Gilbert Ornelas, freiwilliger Helfer:
»Wir sind in Mexiko, Leute!«
Das ist der Blick von der mexikanischen Seite auf die Grenze. Um in die USA zu gelangen, haben Geflüchtete von hier aus zwei Möglichkeiten. Pro Tag gibt es 1.450 offizielle Termine bei der Einwanderungsbehörde – an acht Übergängen entlang der gesamten mehr als 3.000 Kilometer langen US-mexikanischen Grenze. Mit einem Termin können Geflüchtete einfach über eine der Brücken ins Land. Aber die meisten Menschen müssen lange auf einen dieser Termine warten – und treten aus Verzweiflung den illegalen Weg durch den Rio Grande an, mit seinen gefährlichen Strömungen und dem Natodraht am Ufer.
Gilbert Ornelas, freiwilliger Helfer:
»Man sieht den Klingendraht und die Kleidung, die darin festhängt. Man fragt sich, wer die getragen hat, ob die Menschen überlebt und es auf die andere Seite geschafft haben.«
Andreas Landberg, DER SPIEGEL:
»Was macht das mit Ihnen, dass Ihr Land Einwanderer so begrüßt?«
Gilbert Ornelas, freiwilliger Helfer:
»Das sieht nicht gut aus, oder? Das ist ein furchtbares Symbol. Unsere Politiker können offenbar einfach keinen Plan erarbeiten.«
Andreas Landberg, DER SPIEGEL:
»Wie empfinden Sie generell den Umgang der Regierung von Joe Biden mit dem Thema?«
Gilbert Ornelas, freiwilliger Helfer:
»Ich glaube, er versucht wirklich, irgendeinen Kompromiss zu finden. Ich bin sicher, er würde gern mehr für die Migranten tun, aber das wird nicht verabschiedet werden. Was er möchte, wird nicht verabschiedet werden. Also muss er sich in Richtung der Republikaner bewegen, um irgendeinen Kompromiss zu erzielen und irgendetwas durchzukriegen. Wir werden sehen, was passiert.«
Wir erreichen unsere letzte Station, eine Unterkunft in der mexikanischen Grenzstadt Piedras Negras. Ornelas liefert wieder Hilfsmittel ab, die haben ihm Helfer aus der anderen Unterkunft mitgegeben.
Gilbert Ornelas, freiwilliger Helfer.
»Desinfektionsmittel. Das ist alles, was sie mir gegeben haben.«
Helfer in der Unterkunft:
»Kein Problem, vielen Dank.«
Gilbert Ornelas, freiwilliger Helfer:
»Na klar, bitteschön.«
Dieser Ort wird auch für Ornelas der emotionalste, herausforderndste Stopp unserer Tour.
Hier sind viel mehr Menschen als in dem Camp auf der US-Seite. Die meisten warten auf einen der begehrten Termine an der Grenze. Weil aber so wenige davon zur Verfügung stehen, hängen viele hier fest, nach all den Strapazen, die sie bereits durchgemacht haben.
Geflüchteter:
»Ich komme aus Kolumbien, meine Frau und ich haben sechs Länder durchquert. Bis hierhin zu kommen, war schwer. Aber jetzt machen sie es uns ziemlich unmöglich.«
Es ist gerade auch deshalb besonders schwer, über die Grenze zu kommen, weil die texanische Regierung Druck auf die mexikanischen Behörden ausübt. Damit diese teils drastische Maßnahmen gegen Migranten ergreifen. Das erzählt uns Schwester Ursula, sie leitet das Lager hier.
Schwester Ursula, Leiterin der Unterkunft:
»Der Gouverneur der Region Coahuila und die Einwanderungsbehörde haben mehrere Busse organisiert. Sie haben eine "Rettungsoperation" gestartet, aber sie haben die Migranten nicht gerettet. Sie haben sie gefangen genommen und zurück in den Süden gebracht. Dorthin, wo sie den Weg durch Mexiko begonnen hatten.«
In die USA führt aus dem Süden nur der Weg durch Mexiko. Und der Teil der Reise durch dieses Land sei von allen am beschwerlichsten gewesen. Das erzählen uns alle Geflüchteten, mit denen wir sprechen. Auch diese Frau aus Peru berichtet von schlimmen Erfahrungen mit dem mexikanischen Kartell auf ihrer Reise.
Hier, so kurz vor der Grenze, hat sie sich ein Limit gesetzt: Wenn sie innerhalb von 20 Tagen keinen Termin bei der US-Einwanderungsbehörde bekommt, will sie versuchen, es durch den Fluss ins Land zu schaffen, obwohl bei dem Versuch immer wieder Menschen sterben.
Migrantin:
»Wer weiß, wie lange wir auf einen Termin warten müssen? Wir sind sehr verzweifelt. Hier fühlt man sich eingesperrt, zurückgezogen, unterdrückt. Ich meine, wir bekommen nur diese eine Mahlzeit, sie muss fast für den ganzen Tag reichen. Davon kann ein Mensch meiner Meinung nach nicht leben.«
Auch hier kommt Ornelas mit vielen Menschen ins Gespräch. Sie fragen ihn, ob er etwas für sie tun kann. Der Mensch, der immer nur helfen will, wirkt etwas hilflos.
Gilbert Ornelas, freiwilliger Helfer:
»Ich sehe mehr und mehr Depression und dass die Menschen die Hoffnung verlieren. Das ist schlecht. Das ist neu.«
Bei all dem Leid und der Verzweiflung, die er hier sieht: Denkt Ornelas ans Aufhören?
Gilbert Ornelas, freiwilliger Helfer:
»Man kommt hierhin und es bricht einem das Herz. Ich muss etwas tun. Ich muss helfen. Ich werde noch eine Weile weitermachen. Bis meine Frau sagt: Genug. ›Ya basta‹ auf Spanisch. Ich weiß nicht, wann es soweit ist.«
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