Christina Hebel, SPIEGEL-Korrespondentin in Moskau
»Ich stehe hier vor dem Außenministerium im Moskauer Zentrum. Außenminister Sergej Lawrow hat heute erklärt, das Ziel der Militäroperation in der Ukraine sei, die Ukrainer von der Unterdrückung zu befreien. Das alles deutet darauf hin und zeigt das Ziel der Militäroperation, die auf Putin begonnen hat. Man will, danach sieht es aus, die Regierung entfernen, also einen Regimewechsel herbeiführen. Dazu muss gesagt werden, dass die Ukrainerin und Ukrainer ihre Regierung in demokratischen Wahlen gewählt haben.
In den Staatsmedien wird vor allen Dingen ein Bild gezeichnet, dass wenig von dem Krieg in der Ukraine zeigt. Wir sehen hier keine Bilder von Luftschlägen in der Ukraine. Wir sehen auch keine Bilder von zerstörten Wohnhäusern, die es durchaus gibt. Es gibt erste Todesopfer und Verletzte in der Ukraine. All das wird hier nicht in den Staatsmedien gezeigt. Dafür werden immer wieder Bilder aus den sogenannten Volksrepubliken Luhansk und Donezk gezeigt. Darüber gesprochen, dass es eine Sonderoperation sei, um zum Schutz dieser Gebiete, die von prorussischen Kämpfern, die von Moskau unterstützt werden, kontrolliert werden.
Viele Moskauer hier sind schockiert über diesen Krieg, den Moskau jetzt führt, den Putin jetzt gegen das Nachbarland Ukraine führt. Viele haben dort Verwandte, Freunde, Bekannte. Doch laut und offen das auszusprechen, auf die Straße zu gehen, das trauen sich nur wenige. Wir haben hier gestern Demonstrationen, Proteste gesehen. Wir haben Leute gesehen, die gerufen haben »Kein Krieg«. Aber das waren ja mehrere Hunderte, vielleicht 1000 Menschen. Dazu muss man wissen, dass die Repression hier in den letzten Monaten massiv zugenommen haben und dass jeder, der auf die Straße geht, riskiert, festgenommen zu werden. Aber es gibt Stimmen der Kritik. Vor allen Dingen in sozialen Medien. Das sind Künstler. Es sind Journalisten, es sind Sänger, die sich äußern und ein Ende dieses Krieges fordern. Und es gibt unabhängige Medien, die versuchen zu berichten, was in der Ukraine passiert, wie Russland dort angreift und auch diese Bilder dort zeigt. Und es gibt auch kritische Medien wie die Kremlkritische Nowaja Gaseta, die heute ein Zeichen gesetzt hat. Sie ist in zwei Sprachen erschienen, auf Russisch und Ukrainisch. Und auf dem Titel steht: Russland bombardiert die Ukraine. Und darunter erklärt die Redaktion in beiden Sprachen, dass sie sich gegen diesen Krieg ausspricht und die Ukrainer und Ukrainer nicht als ihre Feinde ansehen.«