Die Lage am Morgen Amerika baute nach 9/11 einen Überwachungsstaat auf – Trump benutzt ihn jetzt
Heute geht es um die Terroranschläge des 11. September, die ein Vierteljahrhundert her sind. Um westliche Nationen, die ihre Israelpolitik verschärfen. Und um die Frage: Kann KI die Menschheit auslöschen?
Wie 9/11 den Staat schuf, den Trump heute nutzt
Zusammen mit der ganzen Redaktion der »Basler Zeitung« stand ich an jenem Tag vor einer Wand mit lauter Fernsehern – und gemeinsam sahen wir ungläubig zu, wie ein Flugzeug in den Südturm des World Trade Center in New York flog. Später sahen wir den Türmen beim Einsturz zu. Und ahnten, dass sich die Welt verändert hatte.
Es gibt Tage, bei denen fast jeder, der sie bewusst erlebt hat, noch weiß, wo er war. Als am 11. September 2001 die Türme des World Trade Center einstürzten, wurde die Menschheit Zeuge eines historischen Schocks. Auch 25 Jahre später prägen die Folgen dieses Tages die Vereinigten Staaten und die Welt.
Brennendes World Trade Center am 11. September 2001
Foto: Sean Adair / REUTERS19 Attentäter entführten vier Flugzeuge. Zwei steuerten sie in die Twin Towers, eines ins Pentagon. Das vierte stürzte in Pennsylvania auf ein Feld, nachdem Passagiere versucht hatten, die Kontrolle über die Maschine zurückzugewinnen. Der 11. September war ein geschichtlicher Wendepunkt – vor allem wegen der amerikanischen Antwort auf diese Verletzung im Herzen des eigenen Landes. Sie führte die USA in den Krieg in Afghanistan und schließlich in den Irakkrieg. Amerika überdehnte seine Macht, der Nahe Osten wurde weiter destabilisiert. Mit dem optimistischen Liberalismus der Neunzigerjahre war es vorbei.
Hat der 11. September auch zu Donald Trump geführt? So einfach ist es nicht. Aber die Anschläge haben den amerikanischen Staat verändert. Im Namen des Kampfes gegen den Terror entstanden neue Behörden und weitreichende staatliche Befugnisse – darunter das Heimatschutzministerium und die Abschiebebehörde ICE. Ausgerechnet auf diesen mächtigen Sicherheitsapparat greift Trump heute zurück, um seinen autoritären Umbau des Landes voranzutreiben.
Bürgermeister Mamdani bei einer Gedenkfeier der New Yorker Feuerwehr am 9. September
Foto: David Dee Delgado / REUTERSDie Gedenkfeier an diesem Freitag am Ground Zero hat deshalb eine politische Bedeutung, die weit über das Erinnern hinausgeht. New Yorks muslimischer Bürgermeister Zohran Mamdani wird teilnehmen. Sein Vorgänger Rudy Giuliani, nach den Anschlägen als »America’s Mayor« gefeiert und mittlerweile zum rechten Verschwörungstheoretiker verkommen, forderte ihn auf, fernzubleiben.
Donald Trump selbst wird nach bisheriger Planung nicht am Ground Zero stehen. Vizepräsident JD Vance soll die Regierung dort vertreten, während der Präsident den Jahrestag im Pentagon begeht. Am Ground Zero soll es keine politischen Reden geben, es geht dort nur um das Gedenken an die Toten.
Mein New Yorker SPIEGEL-Kollege Marc Pitzke und ich haben uns in einer größeren Recherche angesehen, welche Verbindungslinien von 9/11 bis in das Amerika Donald Trumps führen. Marc hat zudem seine Erinnerungen an jenen Tag aufgeschrieben . Er erlebte die Anschläge unmittelbar in New York – ein Tag, der sich ihm tief eingebrannt hat.
Die ganze Geschichte hier: Der 11. September ist nie vorbei
Außerdem: Der SPIEGEL erinnert an das historische Ereignis in Form eines 32-stündigen Liveblogs. Mit dem Wissen von heute zeichnet die Redaktion die verheerenden Geschehnisse vom 11. und 12. September 2001 nach und begleitet Menschen, die unmittelbar von den Terroranschlägen betroffen waren oder ihnen zum Opfer fielen. Verfolgen Sie ihn ab 11.30 Uhr auf SPIEGEL.de.
Deutschlands Israelpolitik wird immer schwerer zu erklären
In der westlichen Israelpolitik verschiebt sich gerade etwas. Großbritannien hat gemeinsam mit Frankreich und Kanada eine Initiative gegen Israels Siedlungspolitik gestartet, der sich neun weitere Staaten angeschlossen haben. Die britische Regierung will Importe aus israelischen Siedlungen im Westjordanland verbieten. Diese Siedlungen sind nach Völkerrecht illegal. Und sie will gegen Personen und Unternehmen vorgehen, die den Siedlungsbau ermöglichen oder von ihm profitieren.
Bemerkenswert daran: Premierminister Andy Burnham hatte Donald Trump vor der Ankündigung informiert – und der US-Präsident versuchte nicht, die Briten davon abzubringen. Nach US-Medienberichten teilten Regierungsvertreter in Washington den Briten sogar mit, man teile die Sorge über Benjamin Netanyahus Politik im Westjordanland. Auch, wenn man die konkreten Sanktionen nicht unterstütze.
Britischer Premier Burnham
Foto: Henry Nicholls / AFPAuch in Berlin bewegt sich etwas. Deutschland hat Sanktionen gegen Mitglieder der israelischen Regierung bislang gebremst. Inzwischen hält man gezielte EU-Strafmaßnahmen gegen die rechtsextremen Minister Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich aber auch in der Bundesregierung für grundsätzlich möglich.
Gleichzeitig wächst allerdings die militärische Abhängigkeit Deutschlands von Israel. Die Bundeswehr baut ihre Luftverteidigung auf dem israelischen Arrow-3-System auf; der Vertrag hat inzwischen ein Volumen von mehr als 6,5 Milliarden Dollar. Erst vergangene Woche testete die deutsche Marine die israelische ballistische Rakete LORA.
In Osnabrück soll aus einem gefährdeten VW-Werk ein Rüstungsstandort werden: Ein erstes Projekt sieht die Produktion von Luftverteidigungstechnik gemeinsam mit dem israelischen Konzern Rafael vor und könnte bis zu 1400 Arbeitsplätze sichern (mehr hier ). Die Bundesregierung genehmigte allein im zweiten Quartal Rüstungsausfuhren nach Israel im Wert von 735,76 Millionen Euro.
Die deutsche Israelpolitik ist damit äußerst widersprüchlich und immer schwerer zu erklären. Berlin möchte größeren politischen Druck auf Netanyahus Regierung ausüben – und bindet sich militärisch gleichzeitig immer enger an Israel. Man kann das Realpolitik nennen. Aber wie glaubwürdig ist das? Je brutaler Netanyahus Regierung im Westjordanland Fakten schafft, desto schwieriger wird es für Berlin, diese Gleichzeitigkeit auszuhalten.
Mehr Hintergründe hier: Früher war hier der Brotkorb Palästinas, jetzt baut Israels Armee einen weiteren Sperrwall
Wenn KI-Firmen den Staat bitten, sie zu bremsen
Was muss man von einem Wirtschaftszweig halten, dessen führende Vertreter selbst von einer fünf-, zehn- oder zwanzigprozentigen Wahrscheinlichkeit sprechen, dass ihre Arbeit zum Ende der Menschheit führen könnte – und die trotzdem einfach weitermachen?
Aber genau das geschieht derzeit in der KI-Industrie. Ein 27-Jähriger namens Jacob Coxon hat diese Woche öffentlichkeitswirksam seinen Job bei Anthropic gekündigt und auf X gewarnt: Die führenden KI-Unternehmen lieferten sich ein unverantwortliches Rennen, obwohl sie selbst nicht wüssten, wie sich eine künftige Superintelligenz zuverlässig kontrollieren ließe – und er fürchte die Auslöschung der Menschheit.
Coxon steht mit dieser Sorge keineswegs allein da. Führende Forscher, die weiter bei Anthropic arbeiten, warnen öffentlich vor katastrophalen Folgen. Wie real das Problem bereits ist, zeigte im Juli ein spektakulärer Vorfall bei OpenAI: Bei einem Test durchbrachen mehr als tausend KI-Agenten ihre abgeschottete Umgebung und fanden einen Weg, untereinander zu kommunizieren. Sie verschafften sich Zugang zum Internet – und hackten Systeme der KI-Plattform Hugging Face, obwohl das überhaupt nicht ihre Aufgabe gewesen war.
Der Vorfall hat die Debatte über die Kontrollierbarkeit autonomer KI-Systeme massiv verschärft (mehr hier ). Anthropic teilte zudem am Donnerstag mit, mehrere Fälle gestoppt zu haben, in denen Wissenschaftler versucht haben sollen, Claude zur Entwicklung biologischer Waffen zu nutzen.
Zwar halten viele Experten die Weltuntergangsszenarien für übertrieben. Trotzdem bleibt ein Paradox: Ausgerechnet diejenigen, die künstliche Intelligenz entwickeln und am besten kennen, warnen vor katastrophalen Folgen – und treiben ihre Entwicklung gleichzeitig immer schneller voran. Der Grund dafür ist eine klassische Wettrüstungslogik, wie man sie aus dem Kalten Krieg kennt. Für jeden einzelnen Akteur kann es also rational erscheinen weiterzumachen, weil es immerhin besser sei, selbst als Erster die Superintelligenz zu programmieren. So könnten alle gemeinsam etwas erschaffen, das niemand mehr kontrollieren kann.
Genau deshalb fordern plötzlich nicht mehr nur KI-Kritiker mehr Regulierung. Der demokratische Gouverneur von Illinois, J. B. Pritzker, verlangt, dass der Kongress bundesweite Regeln erlässt. Ähnliche Forderungen erhebt New Yorks Gouverneurin Kathy Hochul. Der linke Senator Bernie Sanders will die Entwicklung künstlicher Superintelligenz grundsätzlich verbieten. Und sogar die Industrie selbst ruft inzwischen nach dem Staat: OpenAI erklärte diese Woche, freiwillige Selbstverpflichtungen reichten nicht mehr aus – das Unternehmen wünscht sich nun verbindliche nationale Sicherheitsregeln.
Die Welt sollte der KI-Industrie geben, was sie sich so dringend wünscht: Regulierung. Das wird aber wohl nur funktionieren, wenn die Anführer der führenden KI-Nationen, Donald Trump und Xi Jinping, sich auf ein internationales Abkommen einigen, das auch überprüfbar ist.
Mehr Hintergründe hier: Was eine entfesselte KI mit Daten aus dem Berlin-Hack anstellen könnte
Lesen Sie dazu auch den aktuellen SPIEGEL-Leitartikel
Die Welt rast auf den Abgrund zu – und alle geben noch mal richtig Gas: Die KI-Branche warnt immer eindringlicher vor ihren eigenen Produkten. Aufs Geschäft verzichten will sie aber nicht. Da hilft nur eins: Wir müssen die Firmen zu mehr Vorsicht zwingen .
11. September – Geschichte eines Terrorangriffs
Zum 25. Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001 legen wir einen SPIEGEL-Klassiker in Buchform wieder auf: Die große Erzählung dieses Tages, dessen Hintergründe die Reporter des SPIEGEL damals in der ganzen Welt recherchierten, herausgegeben von Cordt Schnibben und Stefan Aust. Sie haben die Ereignisse dieses Tages, die Vorgeschichte, die persönlichen Schicksale der Täter und der Opfer recherchiert und minutiös rekonstruiert. Es ist eine eindringliche, anschauliche und zugleich bis ins Detail nacherzählte Geschichte der Ereignisse und ihrer Akteure. SPIEGEL-Chefredakteur Dirk Kurbjuweit hat anlässlich der Neuauflage ein persönliches Vorwort geschrieben, das Sie hier lesen können .
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Verlierer des Tages…
Bundeskanzler Merz
Foto: Fabrizio Bensch / REUTERS…ist die Union, zumindest wenn man ihre großen Ankündigungen zum Sozialstaat zum Maßstab nimmt.
Der Bundestag debattiert heute Morgen über einen Sozialetat von 201,46 Milliarden Euro, gut vier Milliarden Euro mehr als im laufenden Jahr. Das bedeutet: Mehr als 36 Prozent des gesamten Bundeshaushalts fließen in Arbeit und Soziales. Im Wahlkampf hatte die Union den Eindruck erweckt, beim Bürgergeld ließen sich Milliarden einsparen. Die Reform brachte am Ende sehr viel weniger.
Das Problem der Union sind längst nicht nur diese Zahlen. Nach dem massiven Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt steht die Frage nach der Leistungsfähigkeit des Staats noch viel drängender im Raum. Viele Menschen erleben einen Sozialstaat, der auf dem Papier immer teurer wird, ohne dass sie selbst das Gefühl haben, dass er für sie wirklich funktioniert.
Und damit ist noch gar nichts über das größere strategische Dilemma der Union gesagt. Sie muss fürchten, von der AfD politisch überrollt zu werden. Gleichzeitig zeigt die Erfahrung konservativer Parteien in anderen europäischen Ländern, dass es die Rechtsextremen nicht schwächt, wenn man ihre Themen, Begriffe oder gar Forderungen übernimmt. Im Gegenteil: Wer die politische Agenda der Populisten übernimmt, stärkt sie – und am Ende wählen die Menschen das Original.
Wie nervös die Union ist, zeigt sich bereits beim nächsten Konflikt. Finanzpolitiker von CDU und CSU verlangen zusätzliche Entlastungen bei der Einkommensteuer, laut »Bild« könnten rund 20 Unionsabgeordnete gegen das bereits vereinbarte Reformpaket stimmen.
Mehr zum Thema: Jetzt droht Merz auch noch ein neuer Steuerstreit
Die jüngsten Meldungen aus der Nacht
Trump erleidet nächste juristische Schlappe im Streit über Briefwahl: Der US-Präsident will die Wahl per Brief in den USA strenger regulieren. Kritiker dagegen wittern Einflussnahme. Vor Gericht gab es nun schon wieder einen Rückschlag für Donald Trump.
Tote und viele Verletzte nach russischem Angriff auf Einkaufszentrum: Mindestens fünf Menschen sind laut ukrainischen Angaben bei einer Attacke Russlands auf ein Einkaufszentrum gestorben. Hinzu kommen Dutzende Verletzte. Moskau meldet einen Toten nach einem ukrainischen Drohnenangriff.
Ehemaliger Söhne-Mannheims-Rapper Marlon B. offenbar auf Jamaika erschossen: Er war lange in der Rhein-Main-Neckar-Region musikalisch aktiv, brachte Reggae-Anklänge in den Sound der Söhne Mannheims. Nun gibt es Berichte, laut denen Marlon B. James Opfer eines Verbrechens wurde.
Heute bei SPIEGEL Extra: Fünf Tricks, mit denen Sie täglich gern Gemüse essen
Stefanie Hiekmann
Sie wollen Abwechslung auf dem Teller? Wir zeigen Ihnen, wie Sie Gemüse neu kombinieren. Zum Beispiel in dieser Mangold-Aprikosen-Quiche .
Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.
Ihr Mathieu von Rohr, Leiter des SPIEGEL-Auslandsressorts