Warnbrief gegen Putin Nobelpreisträger fordern erhebliche Ausweitung der Ukraine-Unterstützung
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj
Foto: Ukraine Presidency / ZUMA Wire / IMAGO»Wir rufen die Anführer der Welt auf, die Hilfe für die Ukraine drastisch zu erhöhen. Die Ukraine muss gewinnen, nicht nur ›nicht verlieren‹.« Mit einem eindringlichen Appell melden sich Dutzende Nobelpreisträgerinnen und -träger zu Wort. In einem dem SPIEGEL vorab vorliegenden Brief rufen sie die Weltgemeinschaft zu einem entschlosseneren Vorgehen gegen Russland auf.
Dabei geht es den Unterzeichnern nicht nur um das Schicksal der Ukraine. »Putins Regime hat gezeigt, dass es eine klare und unmittelbare Bedrohung für die Menschheit darstellt«, heißt es in dem Schreiben. Zu den Unterzeichnern gehören aktuell 39 Nobelpreisträgerinnen und -träger, darunter die Schriftstellerinnen Elfriede Jelinek und Herta Müller.
Aus dem Offenen Brief der Nobelpreisträger
Die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner werfen vielen Regierungen vor, die von Putin ausgehende Gefahr zu unterschätzen und stattdessen auf eine gefährliche Appeasementpolitik zu setzen – ähnlich wie zu Beginn von Adolf Hitlers Herrschaft. Politiker und Bürger überall auf der Welt sollten »jegliche Illusionen über Herrn Putin und sein verbrecherisches Regime aufgeben. Die Geschichte lehrt uns, dass die Beschwichtigung eines Aggressors weitere Verbrechen gegen die Menschheit begünstigt. Kein vorübergehender Nutzen kann dies rechtfertigen. Wir sind entschlossen, dass sich München 1938 nicht wiederholt!«
1938 hatten Großbritannien, Frankreich und Italien im »Münchner Abkommen« der Annexion des Sudentenlandes durch das nationalsozialistische Deutschland zugestimmt. Die Hoffnung, hiermit den Ausbruch eines großen Krieges zu verhindern, erfüllte sich aber nicht. Im Gegenteil: Nazideutschland griff bereits 1939 Polen an (mehr Hintergründe zur »Appeasementpolitik« finden Sie hier).
Die Nobelpreisträgerinnen und -Träger formulieren in ihrem offenen Brief fünf Punkte:
Deutliche Ausweitung der Ukrainehilfen: »Rechtzeitige Hilfe wird den Verlust von Menschenleben verringern und beitragen, den Aggressor von ukrainischem Boden zu vertreiben«. Das werde zudem den Weg bereiten für Veränderungen innerhalb Russlands: »Putins Niederlage (...) wird von Millionen Russen als moralischer Sieg betrachtet werden, der ihre Hoffnung auf eine demokratische Zukunft stärkt und eine Anti-Kriegs-Bewegung mobilisiert«.
Unterstützung der bedrängten Opposition innerhalb Russlands: Die Leben politischer Gefangener wie Ilja Jaschin, Wladimir Kara-Mursa oder Lilia Tschanyschewa schwebten nach der Ermordung von Alexej Nawalny in »unmittelbarer Gefahr«. Die Weltgemeinschaft müsse deshalb alles tun, um sie zu schützen (hier finden Sie mehr Informationen über Jaschin , Kara-Mursa und Tschanyschewa).
Eine stärkere Unterstützung russischer Bürgerinnen und Bürger, die aufgrund ihrer politischen Überzeugungen geflohen sind und im Ausland Asyl benötigen.
Ausbau der Hilfe russischer Oppositionsorganisationen und unabhängiger russischer Medien, deren Rolle bei einem möglichen »Regimewechsel« entscheidend sei.
Verweigerung der Anerkennung von Putins Präsidentschaft: Die Welt müsse eine deutliche Botschaft aussenden, Putin nicht länger als »Partner« zu betrachten.
Das Schreiben wurde inzwischen im Internet veröffentlicht .