Wohnungslose in den USA Wie Kevin Adler Obdachlose wieder mit ihren Familien vereint
Vanesssa, Obdachlose:
»Es macht mir immer wieder zu schaffen, dass ich eine Versagerin bin. Dass die Leute mich anschauen und sich fragen, wie verdient sie Geld, wie lebt sie.«
Timan, Obdachloser:
»Sie haben mich aus der Gesellschaft geworfen. Man ist jetzt ein Ding, man existiert nicht, man ist ein Ding.«
Nathaniel, ehemaliger Obdachloser:
»Das Schlimmste ist: Man weiß nicht, wohin. Vor allem nachts, wenn es kalt ist.»
Obdachlose Menschen: Sie dominieren das Stadtbild in vielen amerikanischen Großstädten. Allein in San Francisco leben offiziell mehr als 8000 Menschen auf der Straße und in Notunterkünften. Wohl nirgendwo sonst ist der Riss, der sich durch die amerikanische Gesellschaft zieht, so offensichtlich: Hier Postkartenidyll und Sehnsuchtsort für Touristen, dort Elend und Armut auf offener Straße.
Eine Non-Profit-Organisation will etwas an dieser Situation ändern und versucht, obdachlose Menschen wieder mit ihren Familien zu vereinen.
Kevin Adler, Miracle Messages:
»Ich heiße Kevin. Wir helfen obdachlosen Menschen und versuchen, sie wieder in Kontakt mit ihren Familien zu bringen. Sie können uns einfach anrufen, vielleicht kennen Sie ja auch noch jemanden, der Interesse daran hat.«
Obdachloser:
»Ich behalte die Karte.«
Kevin Adler, Miracle Messages:
»Das kling gut. Tschüs, Richard. Man sieht sich.«
Familie – die ist für Kevin Adler und seine Hilfsorganisation der Schlüssel, um Menschen ohne Wohnung, nachhaltig zu helfen. Sein Konzept ist einfach: Mit ein paar Informationen oder einer Videobotschaft versuchen Adler und sein Team, Verwandte ausfindig zu machen - und im besten Fall ein Wiedersehen zu organisieren. Denkanstoß für das Projekt war seine eigene Familiengeschichte.
Kevin Adler, Miracle Messages:
»Mein Onkel lebte über 30 Jahre lang immer wieder auf der Straße und er ist am Ende im Alter von 50 Jahren in einer Übergangswohnung gestorben. Seit mehr als zehn Jahren versuche ich, was ich kann, um wohnungslose Menschen nicht als Probleme zu sehen, die es zu lösen gilt, sondern als Menschen, die Liebe verdienen. Ich versuche, sie mir vorzustellen als Sohn, Tochter, Bruder, Schwester oder eben als geliebten Onkel.«
Kevin Adler, Miracle Messages:
»Hallo, guten Morgen! Wir haben ein paar Riegel und Kekse mitgebracht.«
Heute trifft er unter anderem Vanessa, die Schauspielerin werden wollte. Doch sie landete auf der Straße, nachdem sie sich von ihrem gewalttätigen Freund trennte und kein Einkommen mehr hatte.
Vanessa, Obdachlose:
»Ich lebe seit 1984 auf der Straße. Ich war in Unterkünften, stand bei Suppenküchen an, habe in Unterkünften geschlafen. Aber dann haben die Leute zu mir gesagt, du musst dort nicht übernachten, du kannst auch auf der Straße leben, eine Ecke oder einen Hauseingang finden.«
Seit Vanessa auf der Straße lebt, hat sie keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie.
Vanessa, Obdachlose:
»Ich habe einen Sohn geboren, hier in San Francisco. Aber die Krankenhäuser hier in San Francisco wollten mich nicht zur Entbindung aufnehmen, also musste ich gehen. Das ist lange her. Meine Mutter hat mich aufgenommen und sie wollte das Baby. Also habe ich es bei ihr gelassen. Sie sagte: Dein Sohn tut mir so gut, er ist mein Engel. Mein Sohn lebt also bei meiner Mutter und er hilft ihr. Aber mit mir wollen sie nichts zu tun haben.«
Diese Situation würde Kevin Adler gerne für Vanessa ändern. Um weiter in Kontakt mit ihr zu bleiben, macht er noch ein Foto und notiert ihre E-Mail-Adresse.
Kevin Adler, Miracle Messages:
»Ich mache noch eins so herum. Bist du bereit? «
An ihre Familie will Vanessa erstmal jedoch nicht herantreten. Die Angst zurückgewiesen zu werden und ihre Scham sind zu groß.
Kevin Adler, Miracle Messages:
»Ruf uns an, wenn du deine Meinung änderst. Auch, wenn dir jemand einfällt, zu dem du wieder Kontakt aufnehmen möchtest.«
Vanessa, Obdachlose:
»Okay, das mache ich auf jeden Fall.«
Kevin Adler, Miracle Messages:
»Tschüs, Vanessa.«
Kevin Adler, Miracle Messages:
»Sie hat sehr offen mit uns über ihr Leben gesprochen, sie ist unglaublich bedacht und hat sich eine sich eine positive Art bewahrt. Sie ist nicht daran interessiert, ihre Liebsten zu kontaktieren. Mit Menschen, an denen sie Interesse hat, ist sie bereits in Kontakt. Und es klingt so, als habe sie sich von ihrer Familie entfremdet.«
Lacy:
»Hallo Papa, hier ist Lacy. Ich wünsch dir alles Gute zum Geburtstag, ich vermisse dich und ich liebe dich. Bitte melde dich bald.«
Junger Mann:
»Papa, ich weiß, dass wir letztes Mal im Schlechten auseinandergegangen sind, ich weiß, dass wir uns lange nicht gesehen haben, aber es tut mir leid, was ich getan habe und ich würde gerne eine neue Beziehung mit meinem Vater aufbauen.«
Johnny:
»Ich liebe euch alle, ich bin noch am Leben und ich vermisse euch.«
Anders als Vanessa wollten diese Menschen den Kontakt zu ihren Familien wieder aufbauen. Die Organisation Miracle Messages bietet Obdachlosen in den USA unter anderem an, solche Videobotschaften für ihre Familien aufzunehmen. Danach geht das Team auf digitale Spurensuche. Gemeinsam mit zahlreichen Freiwilligen durchkämmen sie die sozialen Medien, um Angehörige zu finden und die Botschaft zu überbringen.
Bei Terro hat das geklappt. Auch er war jahrelang wohnungslos - ohne Kontakt zu seiner Familie.
Terro, ehemaliger Obdachloser:
»Ich habe mit meiner Familie gebrochen und ich habe ewig gedacht, sie wollen mich nie wiedersehen. Ich habe lange gebraucht, um zu realisieren, sie wollen mich genauso sehr wiedersehen wie ich sie. Miracle Messages-Mitarbeiterin Colette hat mich dazu ermutigt, Kontakt zu meiner Tochter aufzunehmen. Es war fantastisch, auch, wenn nicht alles nur gut war, es ist viel Schmerz dabei. Ich bin dankbar dafür, dass ich ermutigt wurde, diesen Schritt zu gehen. Von allein hätte ich das nicht getan, weil ich gedacht habe, ich hätte alle Verbindungen zerstört. Ich bin froh darüber, dass wir nun gut miteinander auskommen.«
Vor wenigen Tagen hat Terro seinen ersten Mietvertrag für eine eigene kleine Wohnung unterschrieben. Er ist mittlerweile Teil des Miracle-Messages-Teams und hat Michael, der in einer Notunterkunft für Obdachlose lebt, dabei geholfen, wieder Kontakt mit seiner Nichte aufzunehmen.
Terro, ehemaliger Obdachloser:
»Wie läuft es mit deiner Nichte?«
Michael, Obdachloser:
»Oh Mann, es war wunderschön, ich habe sie nicht gesehen, seit sie elf Jahre alt war. Ich habe sie gefragt, wie alt sie jetzt ist, und sie sagte: 39.«
Terro, ehemaliger Obdachloser:
»Wow.«
Michael:
»Sie eine erwachsene Frau, sie hat ihr eigenes Geschäft. Ihre Mutter ist 2013 gestorben und niemand hat es mir erzählt. Dass ihr sie gefunden habt, verändert mein ganzes Leben.«
24 Jahren saß Michael im Gefängnis, weil er betrunken einen Autounfall verursachte und ein Mensch dabei starb. Der Kontakt zu seiner Nichte ist ein Hoffnungsschimmer für ihn.
Michael:
»Ich habe ihre Nummer am Freitag bekommen, ich habe mit ihr den ganzen Freitag, Samstag und auch am Sonntag gesprochen. Wenn man Familie hat, gibt einem das Struktur. Man kann sich aufeinander verlassen. Wenn man Probleme hat, kann man die mit jemandem besprechen und vielleicht kann dir jemand helfen. Ob finanziell, psychisch, physisch oder geistlich.«
Michael hofft, dass er demnächst nicht nur mit seiner Nichte telefonieren kann, sondern sie und den Rest seiner Familie nach Jahrzehnten bald auch wiedersieht.
So viel Glück haben nur wenige. Für obdachlose Menschen ist das Leben seit einem Urteil des Obersten Gerichtshofs im Juni noch härter geworden: Gemeinden können ihnen nun verbieten, auf der Straße zu schlafen. Zelte von Obdachlosen werden in San Francisco verstärkt geräumt, Obdachlosigkeit wird kriminalisiert.
Doch wo sollen Menschen hin, die sich kein Zuhause leisten können?
Timan, Obdachloser:
»Obdachlose Menschen versuchen einfach zu leben. Wenn du sie aus der einen Ecke vertreibst, gehen sie in eine andere. Ich will nicht, dass du in dieser Ecke lebst, geh’ in die andere. Aber wenn man nirgendwo mehr hingehen kann, was dann?«
Die Stadt hat ein millionenschweres Programm aufgesetzt, um Obdachlosigkeit zu bekämpfen – unter anderem mit Wohnungsangeboten. Doch für Kevin Adler reicht das nicht. Er und sein Team haben in den letzten zehn Jahren über 1000 Menschen von der Straße geholt.
Kevin, der seit 19 Jahren obdachlos ist, möchte im Moment keine Botschaft aufnehmen. Stattdessen hofft er auf die neue Regierung unter Donald Trump.
Kevin, Obdachloser:
»Ob Sie den Mann mögen oder nicht, ob Sie mögen, was er privat macht, es spielt keine Rolle. Wissen Sie, der Mann hat einen guten Geschäftssinn und wir brauchen ihn, um unser Land wieder auf den richtigen Weg zu bringen.«
Doch tatsächlich könnten die Zeiten für Obdachlose noch härter werden, sollte Donald Trump seine Wahlkampfversprechen umsetzen: Der zukünftige Präsident plant beispielsweise die sogenannte Fair Housing-Politik der Biden-Regierung rückgängig zu machen, die Wohnen als ein Menschenrecht betrachtet.
Kevin Adler, Miracle Messages:
»Wiedervereinigungen mit Familien und Freunden und die Wiederherstellung sozialer Unterstützung sind die besten Maßnahmen im Kampf gegen Obdachlosigkeit in diesem Land. Wir brauchen alle jemanden, an den wir uns anlehnen können. Auch Menschen, die in Unterkünften untergebracht werden, haben eine deutlich höhere Chance, dort zu bleiben, wenn sie soziale Unterstützung bekommen.«
Die Zahlen sprechen für Adlers Konzept. In immerhin 80 Prozent der Fälle stimmen die Angehörigen zu, den Kontakt mit den obdachlosen Verwandten wieder aufzunehmen.