Paramilitärs in Litauen So rüsten sich Zivilisten gegen eine russische Invasion
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Litauen, an einem Samstagmittag. Eine Gruppe Zivilisten übt, ihr Land zu verteidigen. Das Szenario: Eine russische Invasion.
Teilnehmerinnen und Teilnehmer:
»Angriff! Wer sieht den Feind?«
Eine simulierte Gefechtssituation. Noch wird nicht geschossen, nur gerufen. Rückzug.
Auch der Student Adomas Klimantas trainiert in der »Litauischen Schützenunion«, einem paramilitärischen Verein für Freiwillige.
Adomas Klimantas, Student:
»Das war eine richtige Gefechtssituation, naja, zumindest so real, wie sie sein kann. Wir hörten Schüsse vor uns, auf zwölf Uhr. Dann müssen wir wissen, was wir als nächstes tun müssen, wie wir uns zurückziehen. Ehrlich gesagt, ist das für mich der aufregendste Teil – bis jetzt. Ich freue mich darauf, was als nächstes kommt. Ich denke, es wird schießen sein.«
Pflichtgefühl und Nervenkitzel – Klimantas reizt beides. Doch der Tag wird noch lang, und die Übungen werden ihn und die anderen noch herausfordern, körperlich wie mental.
7 Uhr, Samstagmorgen. Bevor es in den Wald geht, gibt es Joghurt mit Müsli. Adomas Klimantas promoviert in Oxford. Wirtschaftsgeschichte. Seine Doktorarbeit schreibt er gerade in Vilnius. Kurz nach Russlands Angriff auf die Ukraine schloss sich der 27-Jährige der »Litauischen Schützenunion« an. In seiner Familie ist das Tradition: Schon seine Urgroßmutter und sein Großvater waren Mitglieder, sein Vater trat fast zeitgleich mit ihm ein.
Adomas Klimantas, Student:
»Wir hatten Angst, dass der Krieg auch unsere Landesgrenzen erreicht. Alle dachten, dass die Ukraine schnell fällt. Und dann war’s das: Dann ist Russland an unseren Grenzen. Deshalb müssen wir vorbereitet sein. Ich muss wissen, dass ich irgendwie helfen kann. Denn ich werde aus der Nummer nicht rauskommen.«
Es ist der letzte Tag seiner freiwilligen Grundausbildung. Heute muss Klimantas zeigen, was er ein Jahr lang gelernt hat: tarnen, in Deckung gehen, schießen.
Adomas Klimantas, Student:
»Auch die nonverbalen Zeichen, wie ›Vorwärts‹ und ›Stopp‹... Oh, ich habe schon einen Fehler gemacht. Das bedeutet ›Stopp‹. Ich habe ein bisschen Sorge, dass ich es nicht gut mache. Und dass dann der gesamte Trupp bestraft werden könnte.«
Das falsche Handzeichen wird nicht der einzige Fehler bleiben, den Klimantas heute macht.
Rund 30 Kilometer von der Hauptstadt Vilnius entfernt beginnt das Abschlusstraining. Bis zur belarussischen Grenze ist es nicht mehr weit. Die Teilnehmerzahl heute: 133 – überwiegend Männer.
Die »Litauische Schützenunion« ist neben der Armee und den Reservisten fester Bestandteil der Verteidigungsstrategie des Landes. Solche Organisationen gibt es auch etwa in Lettland, Estland, Polen und Finnland. Die früheren Agrarnationen waren wirtschaftlich zu schwach, um eine starke Armee aufzubauen – und setzten auf Freiwillige, bis heute. Im Verteidigungsfall sind die gefechtsbereiten Einheiten der »Schützenunion« dem Militär unterstellt.
Adomas Klimantas, Student:
»Dann musst du auf das Magazin hauen.«
Berufssoldat wollte hier keiner sein. Im Krieg wäre der Großteil der »Schützenunion« für die Aufrechterhaltung der Infrastruktur und die Versorgung der Bevölkerung verantwortlich. Der Umgang mit der Waffe gehört zur Grundausbildung der Gefechtstruppen aber dazu.
Ausbilderin:
»Povalenko. Hier. Venclovas. Hier. Schützen eigenständig durchzählen. Erster, Zweiter, Dritter, Vierter…«
Ein Drittel der Mitglieder der »Schützenunion« sind minderjährig – es geht auch um Nachwuchsgewinnung. Insgesamt zählt der Verein 14.000 Mitglieder. Seit Beginn des russischen Kriegs gegen die Ukraine traten rund 3000 Menschen bei. Unter ihnen Ärzte, Anwältinnen und Dozentinnen. Die litauische Armee ist kaum größer.
Justina Vizbarnitė, Unternehmerin für Medizinprodukte:
»Wir alle wissen, was mit der Ukraine 2014 und vergangenes Jahr passiert ist. Also habe ich beschlossen, dass ich mich Menschen anschließen will, die so denken wie ich und die auch kämpfen.«
Karolis Mickevičius-Mėgelaitis, Unternehmensberater:
»Wir haben eine lange und nicht sehr angenehme Geschichte mit den Russen. Also habe ich das Bedürfnis verspürt, vorbereitet zu sein, um meine Familie und mein Land zu schützen.«
Bis Ende 2035 soll die Truppe von 14.000 auf 50.000 Mitglieder anwachsen, so der Wunsch der Regierung, die den Verteidigungsetat massiv angehoben hat. Die »Schützenunion« bekommt jetzt etwa fünfmal so viel Geld wie vor dem Krieg: mehr als 10 Millionen Euro für Waffen, Helme, schusssichere Westen.
Nach gut zwei Stunden Antreten und Durchzählen ist es so weit: Die Sturmgewehre werden ausgegeben. Modell AK4, hergestellt in Schweden. Viele werden heute zum ersten Mal außerhalb eines Schießstands abdrücken.
Adomas Klimantas, Student:
»Eine Waffe im Wald zu tragen… so nah sind wir einer Gefechtssituation noch nicht gekommen. Das wird wahrscheinlich das Aufregendste.«
Dann ist Klimantas dran. Er ist seit Kurzem Gruppenführer und trägt ab jetzt Verantwortung für sich und neun Kameraden.
Adomas Klimantas, Student:
»Zuerst: Sicherheit. Wir schließen den Verschluss. Wir geben den Kontrollschuss ab. Der Sicherheitshebel geht auf die ›P-Position‹. Und dann zurück auf ›S‹.«
Munition gibt es später.
Adomas Klimantas, Student:
»Okay, Sicherheitsprüfung abgeschlossen. Los geht's!«
Geschossen wird ohnehin nur mit Platzpatronen. Einen Waffenschein hat bislang kaum einer. Klimantas will ihn bald machen. Bevor der Drill losgeht: letzte Instruktionen vom Kompanieführer.
Kompanieführer:
»Wir ziehen Schlangen nicht am Schwanz. Wir jagen keinen Hasen hinterher und versuchen nicht, mit Füchsen zu sprechen. Wir behandeln die Natur mit Respekt und schützen uns selbst.«
Im Wald wird es ohnehin beschwerlich genug – auch ohne Tiere. Ab jetzt wird der Verteidigungsfall geprobt.
Obwohl Litauen seit 2004 Mitglied der Nato ist, ist die Sorge groß, dass Russland das kleine Land einnehmen könnte. Von Ost nach West sind es gerade einmal 300 Kilometer, und einige Nachbarn sind nicht gerade vertrauenswürdig: Belarus als enger Verbündeter Russlands im Südosten, die hochgerüstete russische Enklave Kaliningrad im Westen. Dazwischen gerade einmal 100 Kilometer litauisch-polnische Grenze, der Suwałki-Korridor, der als strategischer Schwachpunkt gilt. Würden Russland und Belarus hier angreifen, könnten sie die baltischen Staaten vom Nato-Gebiet abschneiden.
Für diesen Ernstfall trainieren Zivilisten in ihrer Freizeit. Irgendwo im Nirgendwo. Alle paar Hundert Meter heißt es: in Deckung gehen, Waffe anlegen, ausharren.
Mit gut 20 Kilo auf dem Rücken marschiert Adomas Klimantas mit seinen Kameradinnen und Kameraden Richtung Wald.
Nach knapp zwei Kilometern die erste Pause. Und erste Verunsicherung.
Adomas Klimantas, Student:
»Wie war das nochmal? Wenn wir zur Toilette müssen... Haben sie gesagt, wenn es nicht weit weg ist, darf man die Waffe einfach jemand anderem geben? Darf man nicht?«
Im Ernstfall sollte die Antwort besser klar sein. Aufgabe jetzt: bestmöglich tarnen.
Adomas Klimantas, Student:
»Es muss so natürlich wie möglich aussehen. Wenn es nur eine Farbe ist oder zwei sind und die nicht genug vermischt werden, kann man leicht entdeckt werden. Also müssen die Farben so durcheinander wie möglich sein.«
Zur Kontrolle hat jeder einen Taschenspiegel – eigentlich. Klimantas findet seinen nicht. Er hilft sich anderweitig.
Adomas Klimantas, Student:
»Das ist gegen das Protokoll, ich müsste einen Spiegel nutzen.«
Wieder ist er unsicher, was er darf und was nicht. Im Idealfall müsste es sowieso ganz ohne Spiegel gehen. Sicherheitshalber leiht er sich den eines Kameraden. Er will sich keine Fehler erlauben.
Adomas Klimantas, Student:
»Ich habe nicht das Gefühl, dass wir bereit sind. Jede Übung wie diese hier bereitet uns vor. Aber ich habe immer Angst, dass wir zu langsam sind. Ich kenne niemanden in meinem Bekanntenkreis, der nicht glaubt, die Bedrohung sei real. Wir hatten das schon einmal: 1940. Das kann ja wieder passieren.«
1940 hat Litauen über Generationen hinweg geprägt: Damals besetzen die Sowjets das Land und errichten ein Terrorregime. Zehntausende werden nach Sibirien deportiert, Kinder werden verschleppt, unzählige Menschen enteignet. In dieser Zeit wird auch die »Schützenunion« verboten und aufgelöst.
Ortsmarke: Universität Vilnius
Der litauische Historiker Kęstutis Kilinskas erforscht, welche Auswirkungen Kriege und Besatzungen auf die Gesellschaft hatten.
Kęstutis Kilinskas, Historiker:
»Das größte Trauma für die Litauer ist, dass sie sich in den 1940ern der sowjetischen Bedrohung nicht widersetzt haben. Sie haben damals nicht gegen den Bolschewismus gekämpft. Litauen versteht die damalige Bedrohung durch die Sowjetunion noch heute als die größte Bedrohung für die Gesellschaft, die Nation und für das Land.«
Als 1941 die deutsche Wehrmacht das kleine Land einnimmt, empfinden viele dies zunächst als Chance, sich von der Roten Armee befreien zu können. Sie kollaborieren. Auch einzelne Mitglieder der damals aufgelösten »Schützenunion« sollen in dieser Zeit mit den Nazis zusammengearbeitet haben.
Noch vor Ende des Zweiten Weltkriegs besetzen wieder die Sowjets das Land – diesmal für Jahrzehnte. Erst 1990 wird Litauen unabhängig. Fast zeitgleich wird die »Schützenunion« neu gegründet.
Heute sehen rund Dreiviertel der Litauer Russland als größte Bedrohung für das Baltikum.
Kęstutis Kilinskas, Historiker:
»Nach der Annexion der Krim 2014 sind die Mitgliederzahlen der Schützenunion in Litauen gestiegen. Und meine Forschungsergebnisse zeigen, dass es eine direkte Verbindung gibt zwischen der Wahrnehmung der Bedrohung und der Teilnahme an der Landesverteidigung.«
Ausbilder:
»Renn, renn, renn.«
Um diese lang erkämpfte Unabhängigkeit zu schützen, greifen selbst die zur Waffe, die im Ernstfall vielleicht eher nicht schießen würden.
Ausbilder:
»Steh auf, steh auf! Du gibst Deckung. Und du gibst ihm das Zeichen. Nicht vorwärts, zur Seite! Weg vom Lauf!«
Reda Vaičiulienė, Anwältin, Kompanieführerin:
»Ich glaube wirklich, dass jede Person, die das Land mit einer Waffe verteidigen kann, gebraucht wird. Manche nehmen sich für das Training eine Auszeit von der Arbeit. Sie sind viel motivierter als Berufssoldaten. Das heißt nicht, dass die Armee nicht ausreicht. Aber wir brauchen zusätzlich starke und motivierte Leute für den Fall eines feindlichen Angriffs.«
Adomas Klimantas hat reichlich Zeit investiert. Mindestens drei Stunden pro Woche. Plus Übungen an Wochenenden. Ein ganzes Jahr lang.
In seine Doktorarbeit investiert er noch deutlich mehr Zeit. Er schreibt über die Wirtschaftsgeschichte der Baltischen Staaten. Wenn er mit dem Studium fertig ist, will er selbst an der Uni lehren. Ein Leben zwischen Büchern und Biwak.
Adomas Klimantas, Student:
»Es macht das Leben irgendwie dynamischer. Wenn ich immer nur im Wald wäre… das würde mir überhaupt nicht gefallen. Ich betrachte mich nicht als Waldmensch. Wir haben einige in unserer Kompanie, die vielleicht sagen: Ich gehe jedes Wochenende in den Wald, auch wenn kein Training ist. Ich könnte das auch machen, aber ich will das nicht. Ich möchte ein weißes Hemd tragen. Ich möchte einen Bürojob machen. Ich will studieren, lernen, lesen und all das. Aber nur das zu tun, würde sich anfühlen als fehle etwas.«
Seine Wahrnehmung: Das ganze Land steht derzeit unter Druck.
Adomas Klimantas, Student:
»Ich glaube, sich auf den Krieg vorzubereiten, wird heutzutage indirekt von jedem patriotischen Menschen im Land erwartet. Ob eine Person dem Paramilitär oder dem Militär beitritt oder nicht, das ist allein seine oder ihre Entscheidung. Aber ich denke, jeder setzt sich mit diesen Gedanken jetzt auseinander. Für mich ist es eine Sache, die ich tun muss. Und ich denke, zumindest für die nächsten Jahre oder vielleicht für mein ganzes Leben wird das die Normalität sein.«
Noch hat der selbst ernannte Patriot für die Landesverteidigung einiges zu lernen. Zum Beispiel, wie man ein Basecap trägt. Wieder ein Fehler – streng genommen.
In einer realen Gefechtssituation wäre so etwas belanglos.
Adomas Klimantas, Student:
»Wenn wir durch den Wald marschieren, und der Kommandeur jederzeit Alarm rufen könnte und wir reagieren müssen… In diesen Momenten denke ich daran, dass in der Ukraine dasselbe passiert – nur ist es dort Realität.«
Nach gut achteinhalb Stunden Training und Marschieren wollen viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor allem: sitzen.
Adomas Klimantas, Student:
»Müdigkeit macht sich bemerkbar. So langsam spürt man es. Die Märsche zwischen den Übungen sind etwas herausfordernder diesmal.«
Viel Zeit zum Ausruhen bleibt der Truppe nicht. Die nächste Übung steht an. Auf das lang ersehnte Schießen mit Munition muss Klimantas noch immer warten.
Adomas Klimantas, Student:
»Erste Linie vorwärts. Ich gehe voran. Verdammt! Scheiße! Ich gebe Deckung.«
Kurz bevor Klimantas endlich schießen darf, wird er noch einmal nachdenklich.
Adomas Klimantas, Student:
»Ich habe Angst, dass ich zu ängstlich sein könnte, um wirklich gut zu kämpfen. Ich könnte es mir nicht verzeihen, das Land einfach zu verlassen, wenn etwas passiert. Aber ich habe Angst, dass ein kleiner Teil von mir trotzdem fliehen und dem Kampf entkommen möchte.«
Dem Kampf kommt er jetzt so nah wie noch nie. Die Munition wird ausgegeben. Drei Platzpatronen für jeden. Da ist er, der Nervenkitzel. Und wieder: die Unsicherheit.
Adomas Klimantas, Student:
»Hat er gesagt, das Magazin kommt in die Tasche oder ins Gewehr?«
Teilnehmer:
»Ins Gewehr. Aber das Gewehr nicht laden.«
Geplant ist ein Hinterhalt. Klimantas' Trupp versteckt sich im Unterholz und lauert einer anderen Gruppe auf.
Ausbilder:
»Während des Hinterhalts herrscht komplette Stille. Das bedeutet: Ihr liegt still, ohne Rascheln, Flüstern, Kaugeräusche und so weiter. Dann wartet ihr.«
Adomas Klimantas, Student:
»Sie werden von dort oben kommen. Dann schlagen wir zu.«
Teilnehmer:
»Liegen wir auf einer Matte?«
Teilnehmer:
»Nein.«
Der Trupp bezieht Stellung.
Adomas Klimantas, Student:
»Bisschen näher!«
Dann heißt es warten auf den vermeintlichen Feind. Und das kann dauern.
Eine Stunde vergeht.
Der Trupp von Klimantas hat den Hinterhalt überstanden. Es ist jetzt 21 Uhr.
Adomas Klimantas, Student:
»Das war schwierig. Es war das erste Mal, dass ich auf einen Menschen geschossen habe – wenn auch mit Platzpatronen, aber trotzdem. Es fühlte sich nicht komplett real an. Aber es war näher an der Realität. Und das lässt uns besser vorbereitet sein – für alles, was passieren könnte.«
Der nächste Abend. Adomas Klimantas hat Kommilitonen und Freunde eingeladen. Im Wald war er bis morgens um 5 Uhr, geschlafen hat er in der Nacht 30 Minuten, sagt er. Für heute ist er froh, im Studentenleben zurück zu sein.
Adomas Klimantas, Student:
»Ich fühle mich wohler in normaler Kleidung – nach wie vor. Vielleicht ändert sich das in Zukunft... Aber als ich alles ausgezogen habe, die Tarnschminke abgewaschen habe, fühlte ich mich wie neugeboren. Ich glaube, das ist nicht nur ein physisches Gefühl, sondern auch ein unterbewusstes.«