Weltkriegsgedenken und Propaganda in Russland Wie Putin den »Tag des Sieges« kapert
Auf den ersten Blick wirkt die russische Militärzeremonie am »Tag des Sieges« wie ein unveränderliches Ritual. Doch das Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkrieges hat sich über die Jahrzehnte immer wieder gewandelt – und auch Wladimir Putin nutzt es für seine politischen Botschaften. In diesem Jahr schaut die Welt deshalb am 9. Mai besonders genau auf den Roten Platz.
Anke Hilbrenner, Professorin für Osteuropäische Geschichte, Universität Düsseldorf
»Ich könnte mir schon vorstellen, dass im Moment nicht die Zeit in Russland für leise Zwischentöne ist, sondern dass das tatsächlich jetzt ein Moment ist, wo eben die Propagandamaschine zum Thema Krieg in der Ukraine noch mal gehörig an Fahrt aufnimmt.«
Für Propaganda eignet sich dieser Tag in Russland wie kein anderer.
Anke Hilbrenner, Professorin für Osteuropäische Geschichte, Universität Düsseldorf
»Der 9. Mai und damit der »Tag des Sieges« ist im heutigen Russland und das auch schon seit einiger Zeit ein Tag von nicht zu überschätzender Bedeutung, es ist eigentlich der Hauptfeiertag. Wenn Putin jetzt so was benutzt wie den Tag des Sieges, dann wird es kaum Gegner geben, weil der eben für alle so wichtig ist. Diese Art an den Zweiten Weltkrieg zu erinnern, die ist, die ist für alle verbindlich. Also, da gibt es keine, keine zwei Meinungen dazu.«
Putin begründet den Krieg gegen die Ukraine damit, dass diese von Nazis regiert werde – kein Narrativ lässt sich besser an den 9. Mai andocken.
Wladimir Putin, Präsident Russland
»Ich gratuliere Ihnen zum Tag des Sieges. Dieser Tag war und bleibt heilig für Russland und unser Volk. Wir haben ein Recht auf diese Feier als Nachkommen der Menschen, die den Nazismus zerschlagen haben.«
Der »Große Vaterländische Krieg« brannte sich tief in das kollektive Gedächtnis der Sowjetunion ein. Mit dem Überfall des Deutschen Reiches am 22. Juni 1941 begannen mörderische Jahre: der deutsche Vernichtungskrieg, die Schlachten von Moskau und Stalingrad, die deutsche Belagerung Leningrads – und schließlich die Rückeroberungen der Sowjetarmee. An der Niederlage der Nationalsozialisten 1945 hatte die Sowjetunion einen entscheidenden Anteil. Der Preis war hoch: Von den insgesamt rund 60 Millionen Toten des Zweiten Weltkrieges stammten etwa 25 Millionen aus der UdSSR, rund 15 Millionen Zivilisten und etwa 10 Millionen Soldaten. Sechs Wochen nach der Kapitulation Nazi-Deutschlands lässt Josef Stalin eine Siegesparade auf dem Roten Platz abhalten. Mit 40.000 Soldaten, einem 1300 Köpfe starken Orchester, mehr als 1800 Militärfahrzeugen die größte Militärparade in der Geschichte der Sowjetunion. Neben der Oktoberrevolution hatte das Land nun einen zweiten Gründungsmythos.
Anke Hilbrenner, Professorin für Osteuropäische Geschichte, Universität Düsseldorf
»Diese schreckliche und traumatische Geschichte wurde relativ schnell umgedeutet in der Sowjetunion, eben in ein heroisches Narrativ nicht nur von Soldaten, sondern auch von der Zivilbevölkerung. Und wir haben dann eben gesehen, dass es ab 1995 auch in der postsowjetischen Zeit sehr, sehr wichtig wurde und sehr stark der Blick zum Beispiel auf den Veteranen gelegen hat und auch auf einer Trauer, aber auch auf einem Stolz. Und das war eben eine Erinnerung an den Krieg, bei der sehr viele, auch Europäer, mitgehen konnten.«
Der Gedenktag wurde damit zu einer Art Friedensfeier: 2010 marschierten noch Soldaten der einstigen Alliierten in Moskau mit. Angela Merkel und andere europäische Politiker reisten an. Kritik an der Annäherung kam aus osteuropäischen Staaten, drang jedoch nicht durch. Dabei hatte Putin damals bereits dem Gedenktag seinen Stempel aufgedrückt.
Anke Hilbrenner, Professorin für Osteuropäische Geschichte, Universität Düsseldorf
»Die offizielle Parade am Tag des Sieges hat sich unter Putin sehr stark nochmal militarisiert, ist zu einer Machtdemonstration geworden, die gleichzeitig eben an diese Tradition, der Sieg gegen den Faschismus, die Rettung Europas anknüpft. Gleichzeitig sehen wir eben eine stärkere Militarisierung, eine stärkere, ja auch Nationalisierung dieses, dieses Tages, dass die Erinnerung an den Krieg sehr stark russifiziert wird.«
Wladimir Putin, Präsident Russland
»Wir werden uns immer daran erinnern, dass insbesondere Russland, die Sowjetunion, die menschenfeindlichen, blutigen und arroganten Pläne der Nazis zunichtegemacht hat.«
Wladimir Putin, Präsident Russland
»Wir gedenken der Tragödie zweier Weltkriege, zweier Lehren der Geschichte. Sie verstellen uns nicht den Blick. Hinter neuen Bedrohungen kann man dieselben hässlichen Züge erkennen: Egoismus und Intoleranz, aggressiven Nationalismus und die Behauptung von Einzigartigkeit.«
Auch wenn Putin das Gedenken zu lenken versucht: Viele Russinnen und Russen begehen den 9. Mai aus Überzeugung – und zwar alle Generationen.
Anke Hilbrenner, Professorin für Osteuropäische Geschichte, Universität Düsseldorf
»Ein ganz wichtiges Phänomen ist etwa, dass sich junge Leute dann eben zum Beispiel mit Plakaten ihrer Großeltern ausgerüstet haben und angefangen haben, eben ganz individuell an die verstorbenen Großeltern zu erinnern. Das nannte sich dann das »Unsterbliche Regiment«.«
Olga
»Es ist wunderbar. Wir haben das ganze Jahr darauf gewartet. Vergangenes Jahr war ich krank und konnte nicht kommen. Dieses Jahr bin ich dabei – mit meinem Großvater.«
Fjodor
»Dies ist mein wunderbarer Urgroßvater Fjodor Aleksejewitsch Azarow. Er kämpfte an der ersten belarussischen Front.« Das »Unsterbliche Regiments« war anfangs ein Gedenken von unten. Inzwischen setzt sich Putin regelmäßig an die Spitze des Umzugs und versucht, die Zeremonie zu vereinnahmen.
Ausschließlich von der Regierung verordnet ist das Gedenken – wie der 9. Mai insgesamt – aber bis heute nicht.
Anke Hilbrenner, Universität Düsseldorf
»Also, es wird von der Zivilgesellschaft mitgetragen. Es wird sehr stark als die eigene Geschichte empfunden, nicht irgendwas, was Putin und seine Leute da machen, sondern das ist wirklich was, was wirklich den Leuten auch am Herzen liegt, daran zu erinnern und bei diesem »Unsterblichen Regiment« mitzumachen, mitzugehen. Das ist wirklich wichtig und dementsprechend natürlich auch gefährlich, dass es jetzt so sein kann, dass an diesem 9. Mai die Botschaft ausgesendet wird, dass das, was für alle so wichtig ist, jetzt erneut in der Ukraine durch Krieg verteidigt werden muss, erneuert werden muss und dass eben die Herausforderungen genau gleich sind.«
Vermutlich hätte Putin in diesem Jahr gern eine Siegesbotschaft verkündet wie 2014 nach der Annexion der Krim.
Wladimir Putin, Präsident Russland
»Ihr seid unsere Vorbilder, liebe Veteranen, und es gibt unserer Moral einen Schub, dass Sewastopol und die Krim wieder zu Russland gehören.«
Ein militärischer Sieg Russlands in der Ukraine ist nicht in Sicht. Putin könnte deshalb am 9. Mai eine Mobilmachung und Eskalation verkünden und auch rhetorisch endgültig aufrüsten.
Anke Hilbrenner, Universität Düsseldorf
»Es ist auch davon die Rede, dass eben nicht mehr dann über die militärische Spezialoperation gesprochen wird, sondern eben tatsächlich der Krieg auch als Vokabel in die offizielle Propaganda einziehen wird und eben die Bevölkerung dazu aufgerufen wird, in Erinnerung an den Großen Vaterländischen Krieg jetzt noch mal alle Kräfte anzuspannen, um eben gegen die Nazi-Ukraine vorzugehen, gegen die Nato, davon ist ja jetzt auch zunehmend die Rede in der russischen Propaganda und damit, dass kein Sieg, sondern eher eine Ausweitung des Krieges verkündet wird am 9. Mai.«
Und möglicherweise wird auch der Buchstabe Z auf dem Roten Platz eine Rolle spielen – wie bei Putins letztem großen Propagandaauftritt im April in einem Moskauer Stadion.