Der Krieg in der Ukraine ist auch ein Propagandakrieg. Über das Staatsfernsehen versucht der Kreml, das russische Volk auf Linie zu halten und den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gleichzeitig zu verharmlosen und zu rechtfertigen. Wir haben uns mit Tamina Kutscher verabredet. Sie ist die Chefredakteurin von »dekoder.org«, einer Plattform, die unabhängige russische Medien ins Deutsche übersetzt und wissenschaftlich einordnet. Sie hat sich für uns Nachrichten auf »Perwy Kanal« angesehen, dem reichweitenstärksten Fernsehsender Russlands.
Tamina Kutscher, Chefredakteurin »dekoder.org«:
»Was auffällt, ist, dass fast ironisch über solche militärischen Aktionen..., zynisch, ein Bisschen kann man auch sagen, berichtet wird. Also, hier werden irgendwelche Haubitzen, ukrainische Haubitzen beschossen und dann kommentiert er so: 'Ja, und wir schießen und gaubiz net', also Haubitzen weg.«
Ein Ereignis, zwei Erzählungen: Über die Bombardierung des Theaters in Mariupol, in dem sich nach Angaben ukrainischer Behörden mehr als 1000 Schutzsuchende befanden, wird am 22. Tag des Krieges auf allen Seiten berichtet. Eine Bombardierung durch das russische Militär, berichten westliche Medien. Das russische Fernsehen verbreitet eine gänzlich andere Version. Ein rechtsextremes Regiment der ukrainischen Nationalgarde stecke dahinter. Unabhängige Beobachter sind derzeit nicht in Mariupol vor Ort.
Tamina Kutscher, Chefredakteurin »dekoder.org«:
»Die russische Version der Ereignisse ist, dass sich die Asow-Kämpfer, die in Mariupol sind, dort gezielt Kinder und Frauen hingebracht hätten und sich dort in diesem Theater auch verschanzt hätten. Es wird aber natürlich ganz gezielt auch von der russischen Propaganda komplett aufgebauscht. Das sind eben die Nazis, die Faschisten, gegen die man kämpft. Und auch hier in diesem Bericht, ist immer wieder die Rede von den Nazis, den Faschisten und so weiter, gegen die hier die russischen Befreier sozusagen, also die russischen Truppen kämpfen.«
Das knüpft an ein Thema an, das seit Jahrzehnten zum russischen Selbstverständnis gehört.
Tamina Kutscher, Chefredakteurin »dekoder.org«:
»Warum hören wir hier immer von den Nazis und den ukrainischen Faschisten und so weiter? Weil es ein Diskurs ist, der sehr alt ist. Der geht zurück auf den Zweiten Weltkrieg, als sich auch ukrainische Nationalisten sozusagen mit der Wehrmacht verbündet haben, gegen die Sowjetunion damals. Und da wird immer wieder sehr schwarz-weiß daran erinnert.«
Die offizielle Botschaft ist klar: Alles was aus dem Ausland kommt, sind Fake News.
Maria Sacharowa, Sprecherin des russischen Außenministeriums:
»Russlands Truppen bombardieren keine Städte. Egal, wieviel Fake-Videos die Nato fälscht, wie viele Bearbeitungen und Fake-Bilder sie verbreitet, die Wahrheit wird ans Licht kommen.«
Auch in Talkshows werden immer wieder die Narrative wiederholt, die Putin schon lange verbreitet.
Talkshow-Gast, Iskander Valitov, Publizist:
»Er (Selenskyj) ist bereit, alles zu tun, um seine Auftraggeber zufriedenzustellen. Jetzt wissen wir, wer diese Auftraggeber sind – es ist definitiv nicht die Ukraine. Wir haben ihn heute vor dem US-Kongress gesehen: Er macht einen guten Job für diese Leute, offenbar für ein gutes Honorar.«
Tamina Kutscher, Chefredakteurin »dekoder.org«
»Die Erzählung, die da bedient wird, ist eben die 'Selensky ist vom Westen gekauft' und 'der Westen ist gegen uns'. Das ist auch das Motiv, das wir immer wieder haben in der offiziellen russischen Rhetorik von Russland als belagerter Festung, der Westen ist gegen uns und will uns schaden. «
Doch trotz der zuletzt noch mal verschärften Zensur gab es auch im kremltreuen Fernsehen kürzlich kritische Stimmen zu hören. In einer der bekanntesten Talkshows des Landes kritisierten ein Filmemacher und ein Abgeordneter den Krieg.
Tamina Kutscher, Chefredakteurin »dekoder.org«
»Diese Momente gibt es, aber ich würde sagen, es sind noch zu wenige, um wirklich Druck aufzubauen. Sie werden aber sehr wohl wahrgenommen. Putin hat in seiner Rede über die Verräter gesprochen. Es gab auch eine Anspielung auf die Oligarchen mit ihren Willen in Nizza und so weiter. Es wird wahrgenommen und die Hoffnung ist natürlich, dass dieser Druck irgendwann überspringt auf die innerste Elite, dass die da wirklich Druck aufbauen kann oder eben sagt: »Wir machen das so nicht mehr mit.«
Wie wirkmächtig die russische Propaganda ist und wie viele Menschen den Erzählungen glauben, lässt sich nur schwer abschätzen. Unabhängige Meinungsumfragen gibt es in Russland nicht.