Vitaly Ganchev ist der von Russland eingesetzte Gouverneur der Region Charkiw. Im russischen Staatssender Rossija24 überbringt Ganchev am Montag aus Russlands Sicht schlechte Nachrichten aus seiner Gegend.
Vitaly Ganchev, Von Russland eingesetzter Gouverneur Charkiw-Region
»Was die Anzahl der ukrainischen Soldaten angeht, die dort zusammengezogen wurden, sprechen wir nicht weniger als vom Achtfachen unserer Truppen. Ich denke, dass die [russischen] Befehlshaber deshalb den Rückzug und die Umgruppierung befohlen haben – um unser Personal zu retten.«
Die Ukraine will seit Anfang September 6000 Quadratkilometer russisch besetzter Gebiete zurückerobert haben. Dies wäre nach dem Rückzug aus der Region Kiew zu Beginn des Krieges die zweite große Niederlage für die Streitkräfte Russlands. Auf Rossija24 aber klingt die Lage jedoch ganz anders: Der unkoordinierte Rückzug beziehungsweise die panische Flucht ganzer Einheiten heißt offiziell »Umgruppierung« – die Hiobsbotschaft vom Schlachtfeld ist rhetorisch in Watte gepackt, wie so oft derzeit in den russischen Staatsmedien.
Christina Hebel, SPIEGEL-Korrespondentin
»Wir haben es ja hier mit einer Lage zu tun, wo sehr beschönigend mit der Sprache umgegangen wird. Also wir haben eine Spezialoperation, die eigentlich ein Krieg ist, und zwar ein groß angelegter, den wir ja seit Monaten sehen. Nichtsdestotrotz müssen wir hier immer von Spezialoperation sprechen nach wie vor. Und genauso haben wir das jetzt gesehen, dass die russischen Truppen sich zurückziehen mussten. Das ist einfach Schönreden, anders kann man das nicht beschreiben. Und das sehen wir heute auch in den Medien. In den staatlichen Medien wird diese Umgruppierung immer wieder erzählt: Alles war geplant, keine Panik, keine Hysterie. Nichtsdestotrotz: Wenn man zwischen den Zeilen liest, sieht man auch hier ein bisschen Kritik, auch in Medien, die staatsnah sind, würde ich sagen. Dann werden Experten zitiert, die dann sagen: Ja, man habe den Feind, also die Ukraine, unterschätzt und sei dann einfach zu langsam gewesen, um reagieren zu können.«
Deutlich heftiger ist die Kritik von der kleinen Gruppe in Russland, unter ihnen Blogger und ehemalige Mitglieder von Geheimdienst und Militär.
Christina Hebel, SPIEGEL-Korrespondentin
»Das sind Ultranationalisten würde ich sagen, Hardliner, die ganz klar für den Krieg gegen die Ukraine sind und von vornherein enttäuscht waren über das zögerliche Vorgehen der Armee hier. Diese waren ja in den letzten Tagen Stunden nicht besonders gut drauf, um es mal so flapsig zu formulieren. Es wurden auf Telegram-Kanälen von Pro-Kriegs-Bloggern sogenannten wirklich Wut und Hass wurde sichtbar. Also, sie haben vor allen Dingen die militärische Führung, also das Verteidigungsministerium, den Verteidigungsminister angegriffen, der unfähig sei, der nicht genügend tue. Das sei alles nicht richtig gelaufen. Sehr viele Versäumnisse. So geht das alles gar nicht.«
Zornig aufgrund des Kriegsverlaufs sind aber die wenigsten Russinnen und Russen, und auch nur die Hardliner freuen sich über die russischen Vergeltungssschläge gegen Kraftwerke und kritische Infrastruktur in der Ukraine. In Moskau feierten die Menschen vielmehr einfach so – das Stadtfest am Wochenende war gut besucht.
Christina Hebel, SPIEGEL-Korrespondentin
»Die meisten Menschen versuchen, den Krieg auszublenden. Diese Situation haben wir seit Monaten, und nach einer kurzen Phase versuchen alle irgendwie hier zu leben, über die Runden zu kommen. Das ist das Gefühl, was die meisten haben. Also, man hält sich raus, kümmert sich um sein Leben, versucht Arbeit zu haben und durchzukommen. Und am Wochenende haben wir jetzt hier gesehen: viel Trubel auf den Straßen, Tausende Menschen waren unterwegs, es war hervorragendes Wetter, die Leute flanierten, die Leute feierten im Gorki-Park. Es gab Konzerte, die ganze Zeit Livemusik. Es war wirklich eine ganz andere parallele Welt. Und die wenigsten hatten irgendwie mitbekommen, dass was passiert im Nordosten der Ukraine.«
Der Krieg lässt sich derzeit noch ausblenden – auch weil bisher keine Generalmobilmachung ausgerufen wurde.
Christina Hebel, SPIEGEL-Korrespondentin
»Das vermeidet Putin auf jeden Fall, weil er will nicht, dass der Krieg sozusagen hier in den Alltag reinkommt, was ja bisher nicht der Fall ist, sondern er scheint ja sehr, sehr weit weg.«
Und wenn man Putin zuhört, bekam man bislang den Eindruck, der Krieg laufe nach Plan – so auch am 6. September in Wladiwostok, da hatte die Gegenoffensive der Ukraine bereits begonnen.
Wladimir Putin, Präsident Russland
»Ich bin sicher, dass wir [in der Ukraine] nicht verloren haben und nicht verlieren werden. Was die Vorteile angeht, kann ich sagen, dass wir insbesondere unsere Souveränität stärken, das ist das unvermeidliche Ergebnis der Ereignisse.«
Wie groß die Geländegewinne der Ukraine sind, wird sich in nächster Zeit zeigen. Sicher ist: Ein militärischer Sieg Russlands in dem mittlerweile mehr als 200 Tage andauernden Krieg ist ferner denn je.