São Paulo in Brasilien: Das dystopische New York des Südens - ein Stadtportrait - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Hochhäuser im Stadtzentrum von São Paulo

Hochhäuser im Stadtzentrum von São Paulo

Foto:

Rogério Vieira / DER SPIEGEL

So tickt São Paulo Das düstere New York des Südens

São Paulo ist ein Symbol für Ungleichheit. Reiche genießen beispiellosen Luxus, die Ärmsten erfrieren auf den Straßen. Treffen mit besonderen Menschen der brasilianischen Metropole.
Von Nicola Abé und Rogério Vieira (Fotos), São Paulo
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

Die Sonne brennt vom Himmel. Ein Mann kniet auf dem Gehsteig, beugt sich vor, schlägt seinen Kopf gegen den Boden, immer wieder. Neben ihm eine Kiste mit weißen Putzlappen. »Gott, bitte hilf mir«, fleht er, »ich verkaufe nichts, absolut nichts.« Er schluchzt; seine Stirn kracht auf den Pflasterstein.

Es ist Mittagszeit im Zentrum von São Paulo. Menschen schlängeln sich zwischen im Stau stehenden Autos hindurch, bieten Kaugummis oder Taschentücher an. Kinder halten Autofahrern Pappschilder entgegen, auf denen »Fome«, Hunger, geschrieben steht.

»São Paulo ist für Lateinamerika, was Rom für das Imperium war«, sagt ein anderer Mann. Er sinkt in ein Sofa aus Samt im Inneren eines Palastes, an der Wand hängt ein Picasso. In der Küche bereitet eine Köchin Shrimps und Ente zu. Nelson Wilians gehört eine der größten Anwaltsfirmen des Kontinents, seine Frau Anne leitet die Charity-Sparte. Ohne Bodyguards kann das Paar kaum auf die Straße gehen. Doch das stört ihn nicht. »Ich liebe die Stadt mit all ihren Vorzügen und Lastern.«

Mit mehr als 22 Millionen Einwohnern ist São Paulo die größte Metropole der südlichen Hemisphäre, die reichste Lateinamerikas – und eine der ungleichsten der Welt. An kaum einem Ort existieren Elend und Luxus in derart monströser Gleichzeitigkeit, prallen die Verzweiflung der Armen und die Abgehobenheit der Reichen so brutal aufeinander. Tausende Multimillionäre wohnen in São Paulo. Die Lebenserwartung im reichen weißen Pinheiros liegt bei mehr als 80 Jahren, die in den ärmsten schwarzen Vierteln bei nur 58. Die wohlhabenden Paulistas sprechen gern vom New York der Südhalbkugel. Für die Ärmeren ist die Stadt ein erbarmungsloses Monster, das sie jederzeit zu verschlingen droht.

Im Minutentakt heben in São Paulo die Helikopter ab. In der Stadt soll es die größte private Hubschrauberflotte der Welt geben, für jene Wichtigen, die schnell von A nach B müssen. Sternerestaurants liegen nahe den grünen Villenvierteln, in denen die Straßen Alemanha, Luxemburgo und Áustria heißen, Bentleys und Rolls-Royce herumfahren. Die Weißen, die hier wohnen, sieht man kaum, nur die Wachleute, die in kleinen Hütten vor meterhohen Mauern ausharren, und schwarzes Personal, das in Arbeitskleidung kupferfarbene, glänzend gebürstete Labradore ausführt. Von Zeit zu Zeit kommt ein Delivery-Boy vorbei, der in Flip-Flops auf einem geliehenen Fahrrad vermutlich Essen im Wert seines Wochenlohnes ausliefert.

São Paulo ist eine Dystopie, die Gesellschaft hier ist daran gescheitert, jedem ein Leben in Würde zu ermöglichen. Die dadurch entstehende Dissonanz bewältigt sie durch radikale Entmenschlichung. Von »Aporofobia«, einer Phobie, einem Hass auf die Armen, spricht der katholische Priester Júlio Lancellotti, eine Ikone der Marginalisierten, der schon eigenhändig mit einem Vorschlaghammer auf Steinbrocken einschlug, die die Stadtverwaltung unter Brücken hatte installieren lassen – damit sich niemand dort hinlegen könne. Lässt sich ein derart perverser Ort in eine für alle lebenswerte Stadt transformieren?

Paraisópolis, die Favela nebenan

Mit etwa sechs Jahren begann Ester Carro, ein kleines Mädchen mit schwarzen Locken, aus dem Fenster zu sehen und diesen Schmerz zu fühlen. Es war das Fenster eines kleinen Hauses mit Wellblechdach. Es war dunkel im Inneren, die Wände unverputzt, es gab Ungeziefer, so erzählt sie es. Sie konnte die Ratten hören, die draußen in den Müllbergen wühlten. Während der Regenzeit im Sommer hatte sie Angst, Wasser kam durch die löchrige Decke. Immer wieder riss der starke Regen in der Favela Häuser weg.

Wenn sie das Fenster öffnete und hinaussah, blickte sie auf eine andere Welt, auf Hochhäuser, sicher und sauber, mit großen Fenstern und Balkonen. Die Menschen dort hatten Swimmingpools, Tennisplätze und Gärten. Manchmal, wenn sie von der Schule heimkam oder vor dem Einschlafen, stellte das Mädchen sich vor, wie es wäre, in dieser anderen Welt zu leben. Dann wurde sie traurig. Und wütend.

Die Architektin Ester Carro bringt Menschen in der Favela bei, wie man sichere Häuser baut

Die Architektin Ester Carro bringt Menschen in der Favela bei, wie man sichere Häuser baut

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL

Ester Carro ist heute 27 Jahre alt. Sie wohnt noch immer in Jardim Colombo, einer Gemeinde im illegal erbauten Armenviertel Paraisópolis, direkt neben dem reichen Morumbi mit seinen Gated Communities und verglasten Bürotürmen.

Als sie zwölf war, las Carro Architekturmagazine, die ihre Großmutter vom Putzjob bei einer reichen Frau mitbrachte. Für ihr Studium legten Freunde und Bekannte ihres Vaters zusammen, der sich seit Jahren für die Rechte der Gemeinde einsetzt. Carro wurde Architektin und gründete eine Organisation, die den Bewohnerinnen und Bewohnern von Paraisópolis beibringt, wie sie ihre Häuser umbauen können, damit sie sicher sind. Sie zeigt Fotos auf ihrem Handy von schwarzen, verschimmelten Wänden, die sie gemeinsam weiß gefliest haben. »Alle hier wollen es schaffen, um rauszukommen«, sagt sie, »ich kann es ihnen nicht verübeln.« Sie ist dennoch einen anderen Weg gegangen: Sie hat es geschafft – und ist trotzdem geblieben.

Die Favela Paraisópolis befindet sich direkt neben dem Reichenviertel Morumbi

Morumbi ist das neue Finanz- und Geschäftszentrum São Paulos

Morumbi ist das neue Finanz- und Geschäftszentrum São Paulos

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL

Unten am Eingang zur Favela graben neben einer stinkenden Lache zwei Bagger der Stadtverwaltung, ein Erfolg ihres Vaters. »Nach 15 Jahren Kampf bekommen wir ein Abwasserrohr«, sagt Carro.

Sie sitzt auf einer Treppe aus bunt bemalten Autoreifen am Fuß eines Hanges, inmitten der rechteckigen Häuschen und engen Gassen. Die freie Fläche von etwa 1000 Quadratmetern nennt sie den ersten Park der Favela, »die kleine Farm«, ihr größtes Projekt. Geröll liegt noch im Gras, ein paar Plastikhülsen, in denen Kokain transportiert wurde. Jemand hat Wassermelonen und Bananen gepflanzt. Die Fläche war früher eine Müllhalde, meterhoch stapelten sich organische Abfälle neben alten Matratzen und Plastik. Carro überzeugte die Stadtverwaltung, insgesamt 100 Lkw-Ladungen Müll abzutransportieren. »Der Geruch ist weg«, sagt sie und lächelt. Doch sie hat viel mehr vor: Sie will hier endlich einen Kinderspielplatz bauen, eine Kletterwand und einen gemeinschaftlichen Gemüsegarten. Dafür benötigt sie die Genehmigung der Stadt, der die Fläche gehört. Seit mehr als drei Jahren spricht sie dort vor, bisher ohne Erfolg.

Ester Carro will ihre Heimat, die Favela Paraisópolis, lebenswerter machen

Ester Carro will ihre Heimat, die Favela Paraisópolis, lebenswerter machen

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL

Das Zentrum als demokratischer Ort

Ende des 19. Jahrhunderts war São Paulo eine Stadt mit rund 200.000 Einwohnern und pittoresken Häuschen im Kolonialstil. In den 1950er-Jahren wohnten hier bereits mehr als zwei Millionen Menschen. In den 1960er- und 1970er-Jahren begann die Stadt wie ein Geschwür zu wachsen, schnell, unkontrolliert und exponentiell. Heute gleicht sie in weiten Teilen einer Betonwüste aus Hochhäusern, stinkenden Flüssen und mehrspurigen Hochstraßen, sogenannten Viadukten, die sich wie Tentakeln eines riesigen Kraken durch die Stadt ziehen, jedoch ohne logische Verbindungen zueinander, woraus das tägliche Verkehrschaos resultiert.

Fernanda Barbara, 55, steht auf einer zubetonierten Fläche im Stadtzentrum, umgeben von Viadukten, es riecht nach Urin, Müll und Abgasen. Unter einem Viadukt siedeln Dutzende Familien; Wäsche trocknet in der Sonne. Eltern mit Kindern kochen Fleischabfälle über Feuern, verbrennen Müll. Es sind Bilder, die an Flüchtlingscamps in Kriegsgebieten erinnern.

Mehrspurige Hochstraßen, sogenannte Viadukte, ziehen sich durch das Zentrum von São Paulo

Mehrspurige Hochstraßen, sogenannte Viadukte, ziehen sich durch das Zentrum von São Paulo

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL
Der Priester Júlio Lancellotti gibt Essen an Obdachlose aus

Der Priester Júlio Lancellotti gibt Essen an Obdachlose aus

Foto:

Rogério Vieira / DER SPIEGEL

»Wir als Stadtplaner müssen daran glauben, dass es einen Weg gibt«, sagt Barbara. Sie hat hier Großes vor, die Gegend soll wieder grün werden, wie in den 1950er-Jahren. Der Bau eines Kulturzentrums hat bereits begonnen. »Den Busbahnhof dort drüben, diese Narbe mitten in der Stadt, wollen wir verlegen«, erklärt sie. Die Viadukte will sie untertunneln oder ganz stilllegen, den Verkehr »sinnvoll umleiten«.

Obwohl Barbara auch Villen entwirft, hat sie ihr Büro im heruntergekommenen Herzen der Stadt angesiedelt, für sie ist der Ort eine Art Schlüssel zur Transformation. »Das historische Zentrum ist demokratisch und integrativ, viele Arme leben hier«, sagt sie.

Die Stadtplanerin Fernanda Barbara will São Paulo grüner machen

Die Stadtplanerin Fernanda Barbara will São Paulo grüner machen

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL

Barbaras Projekt namens Park Dom Pedro II. ist genehmigt, doch sie weiß, dass das nicht viel heißt. Die Stadt bewilligte bereits viele Projekte, die dann wieder fallen gelassen wurden, weil Geld oder schlicht der Wille fehlten – etwa die Umwandlung der Avenida Paulista, einer geradezu ikonisch hässlichen Auto- und Einkaufsstraße, in eine grüne Fußgängerzone. Der Bau einer neuen U-Bahnlinie verzögerte sich zuletzt, als die Firma beim Graben das Abwassersystem durchbrach und den Schacht buchstäblich mit Scheiße flutete.

»In São Paulo hat es nie eine konsistente Stadtentwicklung gegeben«, sagt Barbara, »stattdessen operiert man in einem ständigen Notfallmodus, es wird nachgebessert, wo es gerade brennt.« Sie läuft über eine Brücke in Richtung der historischen Markthalle, unter ihr ein Kanal mit verseuchtem, bräunlichem Wasser, in dem Müll schwimmt.

»Das größte Hindernis für die Transformation von São Paulo aber ist die krasse Ungleichheit«, sagt Barbara. Ohne die Probleme der Peripherie zu lösen, könne die Stadt nie wirklich gesund und lebenswert werden, für niemanden.

Fast die Hälfte der Menschen in der Metropolregion von São Paulo, so schätzt man, lebt in prekären Wohnverhältnissen, Millionen ohne Anschluss an das Abwassersystem und in ausgewiesenen Naturschutzgebieten. An jedem Wochentag pendeln sie aus den infrastrukturarmen Favelas der Randzonen in die zentralen Viertel, wo es Geld zu verdienen gibt. São Paulo ist eine der am meisten Luft-verschmutzten Städte der Welt. Die Umweltschäden sind so groß, dass selbst die Abschottung der Reichen, ihre Flucht in Penthouses und Helikopter, an ihre Grenzen stößt. Einem Ökosystem kann man schwer entkommen.

Das New York des Südens

Im Viertel Jardim Europa ist es still. Bäume säumen die Straßen. Sicherheitsleute in schwarzen Anzügen mit Walkie-Talkies bewachen die dreistöckige Villa. Durchs halbgeöffnete Garagentor fällt der Blick auf eine Kollektion von Luxuswagen. In der Lobby räkelt sich ein nackter Mann, eine überlebensgroße Statue von Rodin.

Ihr Make-up-Artist ist gerade fertig geworden, an diesem Abend wird Anne Wilians noch Gäste empfangen; die Tafel ist bereits gedeckt. Wilians, makellose Haut, unbestimmbares Alter, nimmt im Saal Platz. Ein Bediensteter fährt einen kleinen Wagen heran und serviert frisch gepressten Saft aus Cupuaçu-Früchten.

Anne Wilians wusste schon als kleines Mädchen, dass sie nach São Paulo gehört

Anne Wilians wusste schon als kleines Mädchen, dass sie nach São Paulo gehört

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL

Die Tochter eines Unternehmers wusste immer, dass sie hierher gehört und nicht nach Belém in Pará. »Ich habe meinem Vater schon mit fünf Jahren gesagt, dass ich nach São Paulo will.« Die Stadt ist für sie ein Ort der Möglichkeiten und Netzwerke, eine »Pionierin«. Dinge passierten hier und sie passierten schnell. Sie stehe früh auf, arbeite viel, aber sie liebe das, den Beat. »Es ist crazy«, sagt sie. Dann fügt sie hinzu: »Das denke nicht nur ich, das sagen alle.«

Wilians ist Mutter von drei kleinen Kindern und Präsidentin des Instituto Nelson Wilians, eine Art Stiftung, die zur gleichnamigen Anwaltsfirma ihres Mannes gehört, eine der größten Lateinamerikas. Sie redet viel über »Menschenrechte« und versteht sich als »Sozialarbeiterin«.

Irgendwer hat an diesem Abend ihren Instagram-Account gehackt. Sie muss die Technik anrufen. Instagram, das ist ebenfalls ein großes Thema bei den Wilians, sie posten dort regelmäßig Familienbilder, ihre Urlaube auf Luxusinseln, zelebrieren ihre Liebe mit großen Diamantringen. Sie haben eigens einen Fotografen dafür engagiert. Weil das Paar seinen Reichtum auf der Plattform so offensiv zur Schau stellt, schickte die Anwaltsvereinigung des Staates São Paulo bereits eine Mahnung, die sie seither sorgfältig ignorieren.

Weil das Paar seinen Reichtum so offensiv zur Schau stellt, schickte die Anwaltsvereinigung eine Mahnung

Weil das Paar seinen Reichtum so offensiv zur Schau stellt, schickte die Anwaltsvereinigung eine Mahnung

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL

»Ich habe nun mal die Häuser, die Autos, den Helikopter und das Privatflugzeug«, sagt Nelson Wilians, der soeben nach Hause kommt, »die Leute wollen wissen, wie ich lebe.« Er vergleicht sich mit einem Glühwürmchen, das von einer Schlange verfolgt werde – weil sie dessen Glanz störe. Dann lacht er und findet, dass das alles eigentlich keine große Rolle spiele, er habe eine riesige Fangemeinde.

Wilians, aus ländlichen und armen Verhältnissen stammend, hat sich hochgearbeitet. »Ich mochte die Feldarbeit nicht.« Mit elf Jahren sei er auf einen Marvel Comic gestoßen, auf die Figur Daredevil, einen Anwalt, der ihm, wie er fand, ähnlich sah. »Ich hatte mal Haare«, sagt Wilians und lacht wieder laut auf. Daraufhin las er viel, studierte, arbeitete hart und schlief wenig, so erzählt er es. Heute habe die Firma Nelson Wilians Advogados 25.000 Kunden, darunter viele internationale Unternehmen; derzeit würden 450.000 Prozesse geführt, wie er sagt. »Er ist hyperaktiv«, sagt seine Frau.

Eben noch war Wilians im Zentrum. Er möge Städte, je größer, desto besser. Kriminalität und Gewalt, das sei eben alles Teil des Paketes. Die Armut sei traurig, ja. Er habe mehr Empathie als andere, schließlich wisse er, was es heißt, arm zu sein. Er zitiert – in abgewandelter Form – Machiavelli, nur ein Bettler könne einen Bettler verstehen und nur ein Fürst könne wissen, wie ein Fürst denke. Er wisse beides.

Aber er könne nun mal nicht alle Probleme der Welt lösen.

Zum Abschied überreicht Nelson Wilians eine Geschenktüte, darin Nelson Wilians in Form einer kleinen Statue sowie ein Comic über die Geschichte des Rechts, in der neben Ramses II., Moses und Voltaire auch Nelson Wilians eine wichtige Rolle spielt. Er hat sie in den beiden größten Tageszeitungen des Landes abdrucken lassen. Anne Wilians bittet darum, nicht als It-Girl beschrieben zu werden.

Peripherie und Rebellion

Wenn Jânio nachts loszieht, dann trägt er Schwarz. Den Kapuzenpulli zieht er sich vom Kinn hoch bis über die Nase, auf dem Kopf trägt er eine Baseball-Kappe, vor den Überwachungskameras habe er so keine Angst mehr. Mit seinen Kollegen klettert er auf Gebäude, erklimmt Autobahnbrücken, steigt in Wohnhäuser ein und hinterlässt in Windeseile und in riesigen Lettern seine Signatur in einer Art Geheimsprache. Manchmal besticht er Wachleute mit Pizza und Bier, manchmal verletzt er sich an Glasscherben, die die Hausbesitzer auf Mauern ausgestreut haben, dann wieder lehnt er sich ohne jede Sicherung von Dächern, Dutzende Meter über dem Boden.

Jânio, dessen bürgerlicher Name der Redaktion bekannt ist, wuchs in der Peripherie im Westen von São Paulo auf. Seine alleinerziehende Mutter sah er nur montags, an allen anderen Tagen musste sie arbeiten gehen, um die Familie durchzubringen, erzählt er. Als neunjähriger Junge fing Jânio an mit Pixo, als Teenager mussten ihn Verwandte ständig auf der Polizeiwache abholen. Einmal wurde er zu sechs Monaten Sozialarbeit verurteilt.

Mittlerweile ist Jânio 46, sitzt auf einem Skateplatz und raucht. »Einmal Pixador, immer Pixador«, sagt er. Früher habe er alles angemalt, jetzt sei er wählerischer, es gehe ihm um Qualität.

Pixo, so versteht er es, ist Rebellion, ist die Verteidigung der Peripherie gegen das Vergessenwerden: »Wir haben hier keine Sicherheit, keine gute Gesundheitsversorgung oder Bildung. Dein Sohn kann jederzeit drogensüchtig werden, von der Polizei erschossen oder deine Tochter vom Nachbarn vergewaltigt. Du kannst dein Leben nicht genießen.«

Die »Playboys« in Jardins oder Pinheiros würden auf Leute wie ihn herabsehen, denken, sie seien etwas Besseres in ihren schicken kugelsicheren Autos.

Jânio fing als neunjähriger Junge mit Pixo an

Jânio fing als neunjähriger Junge mit Pixo an

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL
Favela da Felicidade – die Favela der Glückseligkeit – im Süden São Paulos

Favela da Felicidade – die Favela der Glückseligkeit – im Süden São Paulos

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL

»Wir wollen ihnen zeigen, dass wir ihr System austricksen können«, sagt Jânio. All die Sicherheitsdienste, Mauern, Kameras und Elektrozäune nützten ihnen nichts. »Wir warnen sie, dass wir ihr Leben ficken könnten, aber wir machen es nicht.«

Pixadores treffen einen empfindlichen Nerv: In São Paulo trauen sich die Leute selbst im schlimmsten Stau kaum zu hupen – weil man an den Falschen geraten und erschossen werden könnte. Zwar ist die Mordrate in den vergangenen 20 Jahren dramatisch gesunken, viele Viertel der Mittelschicht gelten als sicher, zumindest bei Tageslicht – wenn man von kleineren Überfällen zwecks Handyklau absieht. Es herrscht eine Art Pax Mafiosa, geschuldet der Tatsache, dass eine einzige Gang die Stadt dominiert, das Primeiro Comando da Capital (Erstes Kommando der Hauptstadt). Aber die Angst von früher sitzt den Menschen noch in den Knochen. Und es ist diese Angst, mit der die Pixadores spielen.

»Wir wollen Respekt, wollen gesehen werden«, sagt Jânio. »Sie sollen wissen, dass wir noch atmen.«

Cidade Matarazzo, die Utopie

Die Sessel sind aus dunklem Tropenholz und karamellfarbenem Leder, in den Regalen stehen Naturkristalle und Weinflaschen. Alle Gäste sind weiß. Damen mit teuren Handtaschen und Gesichtern trinken Kaffee zu leiser Klaviermusik. Madeleines werden unter kleinen Glashauben serviert. Die Terrasse mündet in einen grünen Palmengarten. Auf der Speisekarte finden sich 125 Gramm Kaviar für 4600 Real, das Vierfache des monatlichen Mindestlohnes.

Die Bäder im Erdgeschoss des neuen Rosewood-Luxushotels »Cidade Matarazzo« sind mit brasilianischem Marmor ausgekleidet. Alexandre Allard, 53, Milliardär, Erschaffer dieses Gesamtkunstwerks, streicht über eine Platte. Das Team des Franzosen hat für diese Optik mehr als 100 verschiedene Standorte in Brasilien besichtigt. »Eine unglaublich hohe Qualität«, sagt Allarde. »Es macht die Leute ganz kirre, weil sie immer dachten, dass sie ihren Marmor aus Europa importieren müssten.«

Allard führt über die Aufzüge, die er von dem Künstler Walmor Corrêa mit halluzinogenen Pilzen und aphrodisierenden Pflanzen hat bemalen lassen, durch ein weiteres Restaurant, in welchem gerahmter indigener Federschmuck und Waffen verschiedener Amazonas-Stämme an den Wänden hängen, zu einem türkisblauen Infinity-Pool auf dem Dach, an dem er seinen Plan enthüllt: den Brasilianerinnen und Brasilianern vorzuführen, wie toll sie eigentlich sind. Oder, in seinen Worten: »Die Energie zu verändern.«

Alexandre Allard will den Brasilianern zeigen, wie toll sie sind

Alexandre Allard will den Brasilianern zeigen, wie toll sie sind

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL

Brasilien, das ist für Allard ein Zukunftsland, das Land mit der größten Biodiversität der Welt, mit immensen Frischwasservorkommen, Amazonien als CO₂-Speicher, zwangsläufig bald die führende Green Economy des Planeten. São Paulo, die diverseste aller Städte, ein Ort der Kreativität, der Staat mit einem Bruttoinlandsprodukt, fast doppelt so hoch wie dem von Hongkong – und doch gehe alles schief: »Diese Stadt ist ein perfektes Beispiel für die Verirrungen unserer Gesellschaft«, sagt Allard, »wir haben alles zerstört, und jetzt zerstören wir die Menschheit, indem wir komplett bescheuert handeln.«

Seit mehr als 500 Jahren erkenne Brasilien nicht, worin der eigene, unschätzbare Wert liege, beute aus, statt zu bewahren, verneine die eigenen kulturellen Wurzeln. Allard glaubt, dass die Menschen sich deshalb innerlich hassen. »São Paulo ist die viertgrößte Stadt der Welt und niemand hier spricht über die eigene Kultur. In London, Paris oder New York wäre das undenkbar.«

Allard, der bereits vor knapp 30 Jahren die Konsumentendatenbank Consodata erschuf und später für 500 Millionen Euro verkaufte, dachte noch nie klein.

Gleichzeitig konfrontiert er sie auf subversive Weise zum Beispiel mit einem riesigen goldenen Damoklesschwert des Künstlers Artur Lescher, das von der Decke hängt, oder der »Kleinen Anleitung zum Antirassismus«, einem Buch der afrobrasilianischen Philosophin Djamila Ribeiro, das er in allen Zimmern hat auslegen lassen. »Die Leute klauen es ständig«, sagt er mit einem Grinsen.

Allard deutet auf ein von Lianen aus Beton umranktes Gebäude, das von dem Architekten Rudy Ricciotti entworfen wurde und das er nach der pflanzlichen Droge Ayahuasca  benannt hat. »Ayahuasca nehmen die Indigenen, um sich mit Mutter Natur zu verbinden, und das ist es, was wir alle brauchen«, sagt er. »AYA« soll ein Co-Working-Space werden, in dem sich grüne Technologieunternehmen und NGOs ansiedeln, sodass »bald niemand mehr in diesem Land einen einzigen Baum fällen kann ohne Konsequenz: Er wird sich nie wieder bei einer Bank Geld leihen können«. Drittens plant Allard eine Art Schulungszentrum auf dem Gelände, wo er jeden Monat knapp eine Million ganz normale Brasilianer empfangen und ihnen nachhaltigen Lifestyle näherbringen will. Er träumt von »einem Ort der Empathie, an dem sich alle treffen«. Allard will in São Paulo das Gegenteil von São Paulo erschaffen.

Der Graffiti-Künstler Zirmalei de Jesus Ribeiro, »Zizi«, 41, will mit seinen Kunstwerken die Favelas verschönern – und bringt Kindern das Malen und Sprühen bei

Der Graffiti-Künstler Zirmalei de Jesus Ribeiro, »Zizi«, 41, will mit seinen Kunstwerken die Favelas verschönern – und bringt Kindern das Malen und Sprühen bei

Foto: Rogério Vieira / DER SPIEGEL

Hier sprüht Zizi ein Graffiti namens »Frohes Neues Jahr«

Die Obdachlosen auf der nahegelegenen Avenida Paulista könnten über Allards Satz, wonach die schönsten Dinge im Leben wie ein Lächeln oder ein Sonnenuntergang ohnehin gratis seien, wohl nur müde den Kopf schütteln. Im Winter erfrieren sie mitunter, denn auch das Wetter in São Paulo ist extrem.

Doch auch, wenn die Grenzen zwischen Vision und Eigenwerbung bei Allard fließend sind, so hat er doch erkannt: São Paulo ist ein Schlüsselort der Transformation, dessen Bedeutung weit über die Stadtgrenzen hinausreicht. Ein Ort, an dem es sich lohnt, hinzusehen, zu investieren und zu kämpfen. So wie es auch die Favela-Architektin Ester Carro, der Priester Julio Lancellotti und die Stadtentwicklerin Fernanda Barbara tun.

São Paulo ist das eigentliche Zentrum Brasiliens, von der Stadt hängt das Schicksal des Landes ab, des Amazonas, manche würden sagen: des Weltklimas. Wenn hier ein Wandel gelingen kann, dann überall.

Mitarbeit: Letícia Bilard

Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Version dieses Artikels wurde Djamila Ribeiros Buch »Kleine Anleitung zum Rassismus« genannt. Wir haben den Fehler verbessert.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Eine ausführliche FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.