Palästinenser mit Hilfsgütern, die sie an der GHF-Verteilstelle in Rafah erhalten haben: Unkontrollierter Ansturm von hungrigen Menschen
Foto: Mariam Dagga / AP / dpaSchüsse auf Hilfesuchende in Gaza »Menschen wurden von Kugeln in der Brust, den Beinen und sogar im Gesicht getroffen«
Mohammed Msallam ist früh aufgestanden an diesem Dienstag. Um zwei Uhr nachts hat der 37-Jährige sein Zelt in Mawasi nahe der Stadt Chan Junis verlassen und sich auf den Weg nach Rafah gemacht, rund zehn Kilometer geht er zu Fuß. Mit dabei sind sein Bruder Yaser, 54, und mehrere Nichten und Neffen. Ihr Ziel: eine Verteilstation für Lebensmittel, betrieben von der Gaza Humanitarian Foundation (GHF). So erzählt Msallam es einen Tag später am Telefon.
Menschen mit Hilfsgütern von der umstrittenen Stiftung GHF: Großer Hunger nach fast drei Monaten Blockade
Foto: Eyad Baba / AFPSie hätten seit Wochen kaum noch Essen, sagt Msallam, er wisse nicht, wie er seine drei Söhne, 3, 11 und 14 Jahre alt, versorgen solle. Seit März habe er von Hilfsorganisationen keine Lebensmittel mehr ausgehändigt bekommen, auf die er angewiesen ist – so wie fast alle der mehr als zwei Millionen Menschen im Gazastreifen. Schon seit Kriegsbeginn ist Nahrung knapp, Anfang März dieses Jahres verhängte Israels Regierung dann eine Totalblockade, fast drei Monate kam gar nichts mehr in das Kriegsgebiet herein. Am 19. Mai lockerte Israel die Blockade ein wenig, weil der internationale Druck zu groß wurde. Doch Msallam hat davon wenig gespürt.
Als »hungrigsten Ort der Welt« hat ein Uno-Sprecher Gaza bezeichnet.
Hilfesuchender Msallam mit zwei Söhnen vor seinem Zelt in Chan Junis: Seit März hat er keine Hilfsgüter mehr bekommen
Foto: PrivatMohammed Msallam, Augenzeuge
Deswegen ist er nun auf dem Weg nach Rafah. Obwohl zwei Tage zuvor Dutzende Menschen mutmaßlich von israelischen Soldaten getötet oder verletzt wurden, als sie sich Kartons mit Lebensmitteln abholen wollten. Doch Msallam riskiert es trotzdem. Er sagt, er habe keine Wahl.
Die Verteilstelle liegt innerhalb einer Militärzone
Als er und seine Angehörigen auf der Küstenstraße in die Stadt Rafah gelangen, wird die Menge immer dichter, so erzählt es der Familienvater. Er schätzt, dass viele Tausend Menschen sich mitten in der Nacht auf den Weg gemacht haben.
Rundherum habe er nur die Trümmer zerstörter Häuser gesehen, er habe nichts wiedererkannt. Dabei ist Rafah seine Heimatstadt. Sein Haus stand einst nicht weit von hier, im Viertel Tall al-Sultan, wo sich nun die Verteilstelle befindet. GHF nennt sie »Safe Distribution Site 1«, sichere Verteilstelle, kurz SDS 1. Um 5 Uhr soll sie öffnen. Die Menschen wollen rechtzeitig da sein. Seit die Organisation Ende Mai ihre Arbeit aufgenommen hat, haben die Hilfsgüter nie ausgereicht, viele Menschen sind mit leeren Händen zurückgekehrt.
Die Verteilstelle SDS 1 liegt innerhalb des Gebiets, das die israelische Armee besetzt und zur Militärzone ausgerufen hat. Die Hilfesuchenden sind daher aufgefordert, auf einer von der Armee ausgewiesenen Route zu bleiben.
Msallam erzählt, sie seien dem vorgeschriebenen Weg gefolgt. Doch schätzungsweise 800 Meter vor der Verteilstation, noch auf der Küstenstraße und nahe der Al-Alam-Kreuzung, seien dann die ersten Schüsse gefallen. Sie hätten Maschinengewehrfeuer gehört. »Wir warfen uns auf den Boden. Wir konnten unsere Köpfe wegen des Beschusses nicht heben.« Sie seien auf allen Vieren weitergekrochen.
»Um uns herum waren Frauen, Mädchen und ältere Menschen, die auf der verzweifelten Suche nach Nahrung waren«, sagt Msallam. »Menschen wurden von Kugeln in der Brust, den Beinen und sogar im Gesicht getroffen.«
Menschen mit Hilfsgütern von der umstrittenen Stiftung GHF: Großer Hunger nach fast drei Monaten Blockade
Foto: Abdel Kareem Hana / AP
Menschen mit GHF-Kartons nahe Rafah: Viele nehmen Tagesmärsche auf sich, in der Hoffnung auf Nahrung für ihre Kinder
Foto: AFPPlötzlich habe sein Bruder Yaser den Kopf gehoben. Laut Msallam ist sein Bruder schwerhörig; womöglich hat er geglaubt, der Beschuss sei vorbei. »Er wurde sofort von einer Kugel im Kopf getroffen.«
Schüsse von Soldaten, Panzern, Drohnen, Kriegsschiffen
Msallam sagt, er habe Panzer in etwa 500 Meter Entfernung gesehen, »von ihnen aus wurde geschossen«. Auch von Drohnen und Schiffen aus sei gefeuert worden. Es habe in dem Bereich keine Hamas-Kämpfer gegeben. »Dort waren nur normale Menschen. Der Beschuss kam eindeutig von der israelischen Armee.« Msallam selbst arbeitete vor dem Krieg als Verkäufer, sein Bruder Yaser ist ein Angestellter der Autonomiebehörde in Ramallah. Sie seien beide keine Unterstützer der Hamas.
Der SPIEGEL kann Msallams Schilderung nicht überprüfen, doch was der Familienvater von den Ereignissen in den frühen Morgenstunden des 3. Juni erzählt, haben Augenzeugen sehr ähnlich ebenfalls anderen Medien geschildert. Auch Mediziner der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen geben an, dass die Verletzten von Beschuss durch Soldaten, Panzer, Helikopter, Drohnen und Schiffe berichtet haben.
Msallam organisiert einen Krankenwagen für den Bruder und überlässt ihn den Sanitätern. Keiner der Angehörigen bleibt bei ihm. Sie gehen weiter, in Richtung SDS 1. »Wir glaubten, dass er tot ist, dass wir nichts mehr für ihn tun können«, sagt Msallam. »Und wir brauchten dringend Essen.«
Chaotische Szenen nahe der GHF-Verteilstelle SDS 1 in Rafah
Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) veröffentlicht noch am selben Tag eine Mitteilung , wonach in das von ihnen betriebene provisorische Krankenhaus in Rafah 184 Menschen eingeliefert worden seien; darunter 19 Personen, die bei ihrer Ankunft für tot erklärt worden seien, acht weitere seien kurz darauf ihren Verletzungen erlegen. »Die meisten Verletzten hatten Schusswunden«, heißt es in der Stellungnahme. Und: Alle ansprechbaren Patienten hätten gesagt, dass sie auf dem Weg zu einer Verteilstelle gewesen seien.
An drei aufeinanderfolgenden Tagen wurden Hilfesuchende getötet
Schon zwei Tage zuvor, am Sonntag, sollen ebenfalls nahe der Al-Alam-Kreuzung auf ähnliche Weise 31 Menschen getötet worden sein, wie das von der Hamas kontrollierte Gesundheitsministerium in Gaza bekannt gab. Das IKRK spricht von 21 Toten, die in das Krankenhaus der Organisation gebracht worden seien, zudem 158 Verwundete, die meisten mit Schuss- oder Splitterwunden. 50 Menschen wurden zudem am Montag verletzt; drei Menschen sollen an diesem Tag auf dem Weg zur Hilfsverteilung getötet worden sein.
Ein Augenzeuge hat dem SPIEGEL berichtet, am Montag an der Al-Alam-Kreuzung sogar sieben Tote gesehen zu haben. »Ich sah, wie zwei Frauen erschossen wurden«, sagt Hadi Abedrabu, ein 39-Jähriger aus dem Norden Gazas, der mehr als 20 Kilometer gelaufen ist, um sich Nahrung abzuholen. »Außerdem habe ich fünf weitere Leichen gesehen. Weil permanent Schüsse fielen, konnte ich nicht stehen bleiben.« Abedrabu hat dem SPIEGEL Videos geschickt, die er selbst aufgenommen hat. In einem ist Gewehrfeuer zu hören, vermutlich von einem Maschinengewehr. Laut Abedrabu hat er das Video nahe der Kreuzung aufgenommen, wo die Menschen getötet worden sein sollen.
Laut Abedrabu wurde dieses Video nahe der Al-Alam-Kreuzung, nicht weit entfernt vom GHF-Verteilzentrum aufgenommen. Es sind Schüsse zu hören.
Israels Armee bestreitet erst – und gibt dann »Warnschüsse« zu
Am Sonntag bestreitet die Armee offiziell, auf Zivilisten nahe der Verteilstelle geschossen zu haben. Nach dem Vorfall am Dienstag heißt es, man habe Warnschüsse abgegeben und auf »Verdächtige« gefeuert, die von der vorgesehenen Route abgewichen seien und sich den Soldaten genähert hätten. Man werde den Vorfall untersuchen.
Dass die Hilfesuchenden von israelischen Soldaten erschossen wurden, legen auch die Aussagen von Augenzeugen nahe, mit denen internationale Medien wie AP und CNN gesprochen haben. Dafür spricht ebenfalls, dass auf zahlreichen Videos, die Menschen vor Ort aufgenommen haben, Maschinengewehrfeuer zu hören ist. Laut einem von CNN befragten Experten entspricht es von der israelischen Armee benutzten Waffen.
Nahe des GHF-Verteilzentrums Verletzte werden ins Nasser-Krankenhaus gebracht: Sie riskieren ihr Leben – für ein wenig Essen
Foto: Abed Rahim Khatib / Anadolu Agency / IMAGOTom Fletcher, Uno-Nothilfekoordinator
Palästinenser mit dem verhüllten Leichnam eines Mannes, der am 3. Juni nahe der GHF-Verteilstelle getötet wurde: Israels Armee bestritt zunächst jede Verantwortung, später hieß es, man habe »Warnschüsse« abgefeuert
Foto: Abdel Kareem Hana / APVon einem »Hilfs-Massaker« ist jetzt die Rede. Von Hilfe als »Todesfalle«.
Der Uno-Menschenrechtskommissar Volker Türk spricht von einem »Kriegsverbrechen«. Der Uno-Nothilfekoordinator Tom Fletcher sagt: »Niemand sollte sein Leben riskieren müssen, um seine Kinder zu ernähren.« Auch zahlreiche Politikerinnen und Politiker äußern sich entsetzt. Die Boston Consulting Group, die GHF bei der Planung beraten hat, zieht sich aus dem Projekt zurück.
Mit der massenhaften Tötung von Hilfesuchenden sind die schlimmsten Befürchtungen von humanitären Helfern nicht nur wahr geworden. Sie sind sogar noch übertroffen worden. Diese hatten zuvor eindringlich gewarnt , dass die geplanten vier Verteilstellen dem Ansturm der Verzweifelten nicht Herr werden können. Dass GHF logistisch nicht in der Lage sei, ausreichend Nahrung an die Menschen im Gazastreifen zu verteilen. Zum Vergleich: Hilfsgüter der Uno wurden zuvor an 400 Ausgabestellen im ganzen Gazastreifen verteilt. Dass die vom Hunger ohnehin schon geschwächten Menschen dazu gezwungen würden, Tagesmärsche auf sich zu nehmen, um Nahrung abzuholen.
Ist GHF de facto ein Subunternehmer der israelischen Armee?
»Diese Initiative wirkt wie ein zynischer Trick, um die Einhaltung des humanitären Völkerrechts vorzutäuschen«, schrieb Christopher Lockyear, Generalsekretär von Ärzte ohne Grenzen. »In der Praxis wird Hilfe als Mittel eingesetzt, um Menschen gewaltsam zu vertreiben, was Teil einer offenbar umfassenderen Strategie zur ethnischen Säuberung des Gazastreifens zu sein scheint.«
Die Uno und Hilfsorganisationen hatten aus all diesen Gründen eine Zusammenarbeit mit GHF abgelehnt.
Ende Mai trat dann der bisherige Chef von GHF zurück, mit der Begründung, die Organisation erfülle humanitäre Prinzipien nicht.
Menschen zeigen den Inhalt eines Lebensmittelpakets, das sie von GHF bekommen haben: Nudeln, Öl, Reis und Linsen für ein paar Tage
Foto: Rizek Abdeljawad / XinHua / dpaDie erst kürzlich gegründete Stiftung stellt sich als neutral und unabhängig dar, ihre Entstehungsgeschichte ist aber dubios. Von Anfang an bestand der Verdacht, Israel habe ihre Gründung forciert, ja womöglich sogar selbst betrieben, unterstützt von den USA, um eine Alternative zur Uno und privaten Hilfsorganisationen zu schaffen – und die Ausgabe von Hilfsgütern zu kontrollieren.
Das scheint nun ein Bericht des israelischen Senders Kan zu bestätigen. Demnach soll die Regierung von Premier Benjamin Netanyahu umgerechnet 175 Millionen Euro für die Finanzierung von GHF zur Verfügung gestellt haben – und versucht haben, dies zu verschleiern. Zuvor hatte die Stiftung bekannt gegeben, sie habe 100 Millionen Dollar von einem anonymen staatlichen Akteur gespendet bekommen. Mutmaßlich handelt es sich um die israelische Regierung.
Stimmt der Bericht, dann ist GHF keine unabhängige Stiftung. Sondern de facto ein Subunternehmer der israelischen Armee.
Schon lange fordern rechtsextreme Mitglieder der Regierung, dass die israelische Armee die Verteilung von Hilfsgütern direkt übernimmt. Sie sehen das als ersten Schritt auf dem Weg zu der von ihnen angestrebten langfristigen Besatzung des Gazastreifens. Denn für die Ausgabe von Hilfsgütern müsste die Armee Infrastruktur und Verwaltung aufbauen – die Keimzelle einer Militärverwaltung.
Die Armeeführung und Netanyahu jedoch wollen eine direkte Rolle der Armee bei der Verteilung von Hilfsgütern offenbar vermeiden. Die Armee fürchtet, damit Tausende Soldaten zu binden und deren Leben zu riskieren. Für Netanyahu dürften wohl vor allem die immensen Kosten politisch nicht vermittelbar sein. GHF als heimlicher Subunternehmer erschien da wohl als geeignetes Modell: So hat Israel die Kontrolle über die Hilfslieferungen und deren Umfang. Gleichzeitig kann die Regierung sich gegen den Vorwurf verwahren, sie hungere die Zivilbevölkerung aus. Ein Vorwurf, der eine zentrale Rolle auch bei den Verfahren vor den internationalen Gerichten in Den Haag spielt.
Christopher Lockyear, MSF-Generalsekretär
Chaos statt Kontrolle
Öffentlich begründen israelische Offizielle ihre Unterstützung für GHF damit, auf diesem Weg vermeide man, dass die Hamas Hilfsgüter abzweigt und sich mit deren Verkauf finanziert. Beweise dafür, dass die Hamas in nennenswerter Menge Hilfsgüter entwendet, haben sie jedoch nicht vorgelegt. Vertreter von Uno und Hilfsorganisationen bestreiten den Vorwurf.
Bereits seit Januar verbietet Israel dem Uno-Palästinenserhilfswerk UNRWA die Tätigkeit in Israel, womit auch die Arbeit im Gazastreifen de facto unmöglich geworden ist. Israel wirft der Organisation vor, von der Hamas unterwandert zu sein. Eine unabhängige Untersuchung hat diesen Verdacht nicht bestätigt.
GHF warb damit, genau zu kontrollieren, wer Lebensmittel abhole. Von Benachrichtigungen per SMS und Gesichtserkennung war die Rede. Zeugen vor Ort berichten jedoch von Chaos an den Verteilstellen. Kontrollen gebe es nicht. Jeder greife sich im Gedränge, was er tragen könne. Zudem gibt es zahlreiche Berichte über Plünderer, die Menschen auf dem Heimweg ihre Hilfspakete rauben.
Ansturm auf die GHF-Verteilstelle in Rafah
Statt mehr Kontrolle gibt es nun weniger. Die Menschen, die sich Nahrung abholen wollen, riskieren ihr Leben. Und noch immer gehen die allermeisten Menschen leer aus. Zu kaufen gibt es in Gaza kaum noch etwas – und für das Wenige werden astronomische Preise aufgerufen. Mehl kostet vielerorts mehr als 10 Euro pro Kilo.
Der Bruder hat überlebt – schwer verletzt
Als Mohammed Msallam seinen tot geglaubten Bruder den Rettungssanitätern übergeben hat, geht er weiter zur Verteilstelle, so erzählt er es. Doch er sei zu spät gekommen, die Kartons seien alle bereits weg gewesen. An diesem Tag werden von GHF gerade mal etwas mehr als 20.000 Pakete ausgegeben. Er habe vom Boden einige im Chaos heruntergefallene Konserven, ein paar Packungen Linsen und Reis aufgesammelt, sagt Msallam.
Auf dem Rückweg nach Chan Junis sei er dann von Plünderern mit Messern und Stöcken bedroht worden, die ihm das Wenige abnehmen wollten, was er hatte. Doch weil er einen der Männer gekannt habe, hätten sie ihn schließlich ziehen lassen.
Er schätzt, dass er und seine Angehörigen mit den Nahrungsmitteln vier Tage halbwegs über die Runden kommen. Er weiß nicht, was er dann tun wird. Zum Verteilzentrum will er nicht mehr gehen. »Ich will mein Leben nicht für ein bisschen Essen verlieren«, sagt er.
Nachdem er die Vorräte abgeladen hat, geht er in das IKRK-Krankenhaus, um den Leichnam seines Bruders abzuholen. Erst dort erfährt er, dass Yaser noch lebt.
Verletzter Yaser, Bruder Mohammed Msallam im Krankenhaus: Er hat überlebt – nachdem er eine Kugel in den Kopf bekommen hatte
Foto: PrivatAm Tag nach dem blutigen Dienstag bleiben die Verteilzentren geschlossen, wegen »Renovierungs-, Organisations- und Effizienzverbesserungsarbeiten«, wie es heißt.
Die Uno darf kaum noch Hilfe nach Gaza bringen
Doch selbst wenn GHF es schaffen sollte, dass die Verteilung perfekt abläuft, wird sie wohl nur einen kleinen Teil der Bevölkerung mit Nahrung versorgen können. »Das wird niemals reichen«, heißt es aus Diplomatenkreisen. Zumal viele der Vertriebenen weder Kochtöpfe noch Feuerholz oder Gas haben, um Nudeln oder Reis zuzubereiten.
Gemeinschaftsküche in Chan Junis: Nur noch rund 250.000 Mahlzeiten am Tag für Hilfsbedürftige – vor Kurzem waren es noch viermal so viele
Foto: Abed Rahim Khatib / Anadolu Agency / IMAGOBis vor einigen Wochen konnten sie in sogenannten »Gemeinschaftsküchen« einmal am Tag eine kostenlose warme Mahlzeit bekommen. Bis Ende April haben von der Uno unterstützte Küchen eine Million Mahlzeiten täglich ausgegeben. Jetzt sind es nur noch rund 260.000. Die meisten Küchen mussten mangels Nachschub ihre Arbeit einstellen. Auch die Bäckereien haben kein Mehl mehr und sind geschlossen.
Zudem gibt GHF nur Nahrungsmittel aus. Doch die Menschen brauchen auch Medikamente, Babynahrung, Seife, Windeln, Zelte, Treibstoff. All das muss weiterhin von der Uno nach Gaza gebracht und verteilt werden. Doch auch für diese Hilfsgüter wird der Zugang erschwert.
Seit Israel die Totalblockade am 19. Mai beendet hat, durften nur rund 1100 Lastenwagenladungen den einzigen geöffneten Kontrollpunkt Kerem Schalom passieren. Wiederum lediglich etwa 400 davon konnten auf der anderen Seite von der Uno und anderen humanitären Organisationen abgeholt werden. Die Uno macht dafür vor allem die israelische Armee verantwortlich.
Denn um nach Kerem Schalom zu kommen, müssen die Laster militärische Sperrzonen passieren. »Das ist ein sehr schwieriger, gefährlicher und manchmal langwieriger Prozess«, wie Olga Cherevko, Sprecherin der Uno-Nothilfekoordination (Ocha) in Gaza, dem SPIEGEL Ende Mai in einem Interview sagte. Für jede Fahrt brauchen sie eine Genehmigung der Armee. Die kommt oft nicht. Und selbst wenn sie erteilt wird, müssen die Fahrer oft stundenlang warten. Ohnehin brauchen sie auf den völlig zerstörten Straßen Stunden für eine Strecke, die einst in 30 Minuten zu bewältigen war.
Hilfsgüter werden auf der israelischen Seite des Checkpoints Kerem Schalom verladen: Seit dem Ende der Blockade durften nur rund 1100 Lastwagen passieren
Foto: Atef Safadi / EPA»Self distribution« heißt es, wenn Konvois geplündert werden
Und wenn die Laster endlich voll beladen in Richtung der Lagerhäuser fahren, werden sie fast immer von Verzweifelten geplündert. Nur wenige Lastwagen erreichen derzeit die Lager. »Self distribution«, Selbstverteilung, wird das bei der Uno genannt. Das bedeutet schlicht: Die Menschen nehmen sich, was sie zu greifen bekommen. Im besten Fall versorgen sie damit ihre Familien. Doch die Schwächsten gehen leer aus.
Ein Ende der Plünderungen werde es erst geben, wenn die Lage nicht mehr so katastrophal sei, heißt es fatalistisch aus Uno-Kreisen. Dafür müssten jedoch massenhaft Hilfsgüter in das Gebiet kommen. Danach sieht es nicht aus.
Bezalel Smotrich, israelischer Finanzminister
Aber es sind nicht nur Verzweifelte, sondern auch kriminelle Gangs, die Uno-Konvois überfallen. Am Mittwoch wurde dabei ein Fahrer erschossen. Schon seit Längerem machen Hilfsorganisationen und Uno für einen Teil dieser Überfälle Yasser Abu Shabab verantwortlich, den Anführer einer kriminellen Miliz. Seine Leute seien »bezahlte Mitarbeiter« von Israel und nun auch GHF, heißt es. Dafür spricht, dass sie in Gebieten operieren, die unter Kontrolle der israelischen Armee stehen.
Israel bewaffnet eine kriminelle Miliz
Am Donnerstag wird aus diesem Verdacht eine Gewissheit. Da macht Israels früherer Verteidigungsminister Avigdor Liberman öffentlich, dass Netanyahu seine Zustimmung dazu gegeben hat, Abu Shabab und seine Leute mit Waffen zu versorgen. Der Premier bestätigt dies später. »Was ist daran falsch?«, fragte er in einem Videostatement. Die Regierung erhofft sich von der Miliz, dass sie gegen die Hamas kämpft.
Dass Abu Shabab und seine Leute verantwortlich für Plünderungen sind – das ist offenbar egal. Oder sogar gewollt?
Der Rechtsextremist Bezalel Smotrich propagiert bereits seit Monaten die Vertreibung der Palästinenser aus Gaza, er war einer der lautstärksten Befürworter der Hilfsblockade. Wenn es nach ihm ginge, würde nicht mal Wasser nach Gaza gelangen, bis die letzte Geisel frei sei, sagte er Mitte Mai. Aber das ginge leider nicht, denn dann würde »die Welt« den Krieg »sofort stoppen«. Aus taktischen Gründen müsse man daher das »Allernötigste« nach Gaza lassen. »Aber nicht mehr als ein Stück Pitabrot und ein Teller Essen aus der Gemeinschaftsküche.«
Mitarbeit: Almut Cieschinger, Marvin Milatz