Schusswaffen in den USA Und wie hältst du es mit dem Sturmgewehr?
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Jennifer Longdon, Schusswaffenopfer
»Ich bin nicht gegen Waffen. Ich bin dagegen, in den Rücken geschossen zu werden, während man im Auto die Hand seines Verlobten hält.«
Fast täglich erreichen uns Nachrichtenbilder von Schießereien in den USA. Das Thema Waffen spaltet das Land.
Wir haben mit Waffenbefürwortern und -Gegnern gesprochen. Mit Menschen wie Jennifer Longdon.
Fahrt zu dem Ort, an dem Jennifer Longdons Leben vor genau 18 Jahren für immer eine Wende nahm: ein Parkplatz vor dem »Paradise Valley«- Einkaufzentrum:
Jennifer Longdon, Schusswaffenopfer
»Wir sind hier oben eingebogen. Wir wollten in die Einfahrt da vorne fahren. Wir wurden von einem anderen Truck gestreift. Der Fahrer stieg aus und feuerte drei Schüsse ab – auf einmal schlugen Kugeln ein. Mein damaliger Verlobter sagte: »Runter!« Es fielen zwei weitere Schüsse. Eine Kugel muss sein Handgelenk durchgeschlagen haben. Er hatte seine Hand so hochgehalten. Und das muss die Kugel gewesen sein, die durch sein Handgelenk in sein Gehirn eindrang, denn er sackte über dem Lenkrad zusammen. Es wurde noch eine Kugel abgefeuert. Das war die, die mich in den Rücken traf. Genau hier, unter meinen Rippen. Es fühlte sich an, als hätte mich ein Blitz getroffen.«
(Notruf 15. November 2004)
»Hallo, hier ist die Notrufzentrale.
Ich wurde angeschossen.
Wo am Körper ist ihre Schusswunde?
Ich weiß nicht. Ich kann mich nicht bewegen.«
Jennifer Longdon, Schusswaffenopfer
»Ich sagte dann dieser Person, dass mein Verlobter tot sei und dass ich sterben werde. Und dass sie bitte meinem Sohn sagen sollen, dass ich ihn liebe.«
Seit jenem 15. November 2004 ist Jennifer Longdon querschnittsgelähmt. Ihr damaliger Verlobter David überlebte zwar, doch er erlitt einen massiven Hirnschaden und lebt heute betreut in einem Heim. Jennifer blieb allein mit ihrem damals 12-jährigen Sohn.
Jennifer Longdon, Schusswaffenopfer
»In der Nacht, in der ich angeschossen wurde, war mein Zustand ernst. Ich wäre fast verblutet. Mein Herz blieb wegen Blutmangels stehen, der Herzrhythmus musste wieder hergestellt werden. Meine Lunge war so geschädigt, dass ich in meinem eigenen Blut regelrecht ertrank.«
Fotos von ihrem Leben vor der Schießerei hat sie vernichtet, erzählt sie uns. es war zu schwer sie anzusehen. Der Weg zurück ins Leben ist für sie ein einziger, anhaltender Kraftakt.
Jennifer Longdon, Schusswaffenopfer
»Ja, es war wirklich hart, wieder dahin zu kommen, wo ich jetzt bin. Physiotherapie, Privatinsolvenz. Etwas, das in anderen Ländern nicht vorkommt. Ich hatte fünf Millionen Dollar Schulden wegen medizinischer Rechnungen, die ich in den ersten fünf Jahren nach meiner Verletzung angehäuft hatte. Das war damals möglich: die Krankenversicherung kündigte mir – und ich hatte nichts mehr.
Im vergangenen Jahr allein wurden mehr als 40.000 Menschen in den USA bei Schießereien verletzt und geschädigt. Wie Jennifer Longdon hat jeder eine individuelle Geschichte zu erzählen. Und die Statistik über diejenigen, die nicht überlebt haben, ist alarmierend.
Denn: Die Anzahl der Todesfälle durch Schusswaffen ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen: In 2020 wurden in den ganzen USA mehr als 45.000 Fälle registriert. Im Vorjahr waren es noch 14 % weniger, im Jahr 2015 gab es 25%, und im Jahr 2010 sogar 43% weniger Fälle.
Allein im Bundesstaat Arizona wird jeden Tag MEHR als ein Mensch durch Waffengewalt getötet – die Zahlen der vergangenen Jahre blieben konstant hoch.
Woran liegt das? Vielleicht, weil es so einfach ist, sich eine Schusswaffe zu besorgen?
Wer eine Waffe haben will, wird hier fündig: MMP Guns ist laut Eigenwerbung einer der größten Waffenläden in ganz Arizona. Hier herrscht auch am Sonntag lebhafter Betrieb. Geschäftsführer Byron Vaughn zeigt uns seine Bestseller o.
Byron Vaughn, Geschäftsführer MMP Guns
»Das ist eine Daniel Defense AR-15. Fürs Sportschießen und für häusliche Verteidigung. Das sind AK-47er von einer Firma namens Imperial Arms, sie werden hier in Phoenix hergestellt.«
Reporterin
»Und was ist das da?«
Byron Vaughn
»Das ist ein Flammenwerfer. Das ist einfach eine witzige Neuheit.
Ich finde es wichtig klarzustellen, dass in verantwortungsvollen Händen alles in Ordnung ist.«
Wir wollen wissen, wie Händler wie Byron herausfinden, welcher Käufer tatsächlich verantwortungsvoll ist. Was ist nötig für den Erwerb eines halbautomatischen Sturmgewehrs?
Reporterin
»Erklären Sie mir: Was muss ich tun, wenn ich diese Art von Waffe kaufen möchte?«
Als Ausländerin dürfte ich von Byron keine Waffe kaufen, aber für alle über 18-jährigen Amerikaner gilt: Ausweis zeigen, Formular ausfüllen. Denn es braucht einen »background check«, eine Unbedenklichkeitsprüfung.
Byron Vaughn, Geschäftsführer MMP Guns
»…dann einige Fragen zu Ihrem Hintergrund.«
Reporterin
»Sind Sie der eigentliche Erwerber/Käufer? Das ist also, damit Sie wissen, dass ich sie nicht kaufe...«
Byron Vaughn, Geschäftsführer MMP Guns
»für jemand anderen oder…«
Reporterin
»…für jemanden, der verrückt ist?«
Byron Vaughn
»Genau.«
Reporterin
»Und wenn Sie mich ansehen, wüssten Sie, wie es um meine geistige Verfassung steht? «
Byron Vaughn, Geschäftsführer MMP Guns
»Natürlich kann jeder etwas verbergen. Aber wir versuchen unser Bestes, ein Gefühl für eine Person zu bekommen, wenn wir mit ihr reden. Einfach durch Smalltalk. Es gibt keinen speziellen Fragenkatalog, den wir durchgehen.«
Reporterin
»Ist es vorgekommen, dass Sie ein komisches Gefühl haben und sagen: Nein, ich werde nicht verkaufen...«
Byron Vaughn, Geschäftsführer MMP Guns
»Ich lehne mindestens fünf Verkäufe pro Tag ab.«
Jeder Antrag geht zum FBI zur Verarbeitung; Wenn es von der Behörde binnen drei Werktagen keine Ablehnung gibt, geht die Ware über den Tisch.
Reporterin
»Und kommt es schon einmal vor, dass das FBI verspätet mit einer Antwort kommt, weil die Behörde so viel zu tun hat? «
Byron Vaughn, Geschäftsführer MMP Guns
»Absolut, das kommt vor. Es ist vorgekommen, dass wir vier oder fünf Tage oder sogar erst einen Monat später von ihnen hören. «
Reporterin
»Und was ist, wenn es dann eine Ablehnung ist? «
Byron Vaughn, Geschäftsführer MMP Guns
»In diesem Fall setzen wir uns mit dem Kunden in Verbindung, um ihm Bescheid zu geben. Die Bundespolizeibehörde kontaktiert dann die örtlichen Strafverfolgungsbehörden, um die Waffe vom Kunden zurückzubekommen.«
Die Anträge müssen nach der Überprüfung vom Händler gelagert werden für regelmäßige Inspektionen. Byron Vaughn zeigt uns sein Archiv im Lagerraum:
Byron Vaughn, Geschäftsführer MMP Guns
»Hier haben wir momentan etwa 55.000 Datensätze. Sie sind alle in den Kisten nach Monaten geordnet, chronologisch und alphabetisch hier abgelegt. So verlangt es die Bundespolizeibehörde ATF.«
Reporterin
»Und wie lange müssen Sie sie hier aufbewahren?«
Byron Vaughn, Geschäftsführer MMP Guns
»Solange es das Geschäft gibt. Die Bundespolizeibehörde kommt rein und schaut sich jedes einzige Formular aus dem Kalenderjahr an.«
Bald ist dieses Lager allerdings Geschichte: demnächst werden die Anträge digitalisiert, die Datensätze sind dann in der Cloud.
Hier in Arizona gilt das sogenannte »Constitutional Carry-Gesetz«. Wer hier im Laden legal eine Schusswaffe erworben hat, darf sie auch verdeckt tragen – ohne extra Genehmigung. Der Geschäftsführer ist da keine Ausnahme.
Byron Vaughn, Geschäftsführer MMP Guns
»Wenn ich zur Bank gehe, um Geld einzuzahlen, habe ich eine Waffe dabei. Wenn ich abends auf dem Heimweg in den Supermarkt gehe, habe ich eine Waffe dabei. So ziemlich überall, wo ich hingehe, habe ich eine Waffe dabei.«
Ein Grundrecht, das bekanntlich in der Verfassung der Vereinigten Staaten verankert ist.
Das Dokument, auf dem die große Debatte um Waffenrechte in den USA beruht, ist das sogenannte »Second Amendment«:
»Da eine wohlgeordnete Miliz für die Sicherheit eines freien Staates notwendig ist, darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht verletzt werden.«
Trotz seiner Kürze bietet der zweite Zusatzartikel immer noch Raum für juristische und politische Interpretation. Geschrieben wurde das Dokument 1791.
Für die Waffenbefürworter ist dieser Text geradezu heilig.
Cheryl Todd, Gun Freedom Radio
»Hallo zusammen, willkommen zu einer weiteren Folge von Gun Freedom Radio, wo wir uns engagieren, aufklären und informieren. «
Cheryl Todd bei der Aufnahme ihres Podcasts Gun Freedom Radio. Heute zu Gast: Dianna Muller aus Oklahoma. Die ehemalige Polizistin leitet das »DC Project« – eine Plattform für Frauen, die sich für Waffenrechte einsetzen.
Dianna Muller, DC Project / Ausschnitt Podcast
»Bei uns gibt es Heteros, Lesben, LBGTQ. Schwarze, Weiße, Asiaten, Latina – alles vorhanden. Das Second Amendment ist so etwas wie ein Schmelztiegel. Das ist der Klebstoff, der uns alle zusammenhält – oder zusammenhalten sollte.«
Cheryls Themen: Alles, was mit Waffen, Politik, und vor allem Fragen rund um das 2nd Amendment zu tun hat. Denn das Dokument wird ihrer Meinung nach absichtlich missverstanden – dagegen kämpft sie an. Wirwollen wissen, inwiefern dieses Dokument, das vor 230 Jahren geschrieben wurde, noch zeitgemäß ist.
Cheryl Todd, Gründerin/Host Gun Freedom Radio
Nun, der Kern unserer Werte ist die Freiheit zu sagen, was man will. Das ist der erste Verfassungszusatz. Und der zweite Verfassungszusatz ist der Teil, der es Ihnen erlaubt, diese Dinge zu schützen, ebenso wie Ihr einziges, von Gott gegebenes Leben. Das ist zeitlos. Diese Grundwerte sind zeitlos.
Neben ihrem Podcast führt Cheryl Todd gemeinsam mit ihrer Tochter ein Familienunternehmen. Das Auktionshaus Pot of Gold ist ein Sammler-Paradies. Sie ist außerdem das dezidiert WEIBLICHE Gesicht unterschiedlicher Waffenlobbygruppen, einschließlich der NRA – die bislang männerdominiert waren.
Cheryl Todd, »Gun Freedom Radio«
»Es gibt viele Orte, an denen Frauen sicher und diskret eine Schusswaffe tragen können und sich trotzdem ganz normal in ihrer Umgebung bewegen.«
Reporterin
Sind Sie jetzt bewaffnet?
Cheryl Todd, »Gun Freedom Radio«
»Ich würde es nie sagen - denn das ist Teil der Idee, Waffen versteckt zu tragen. Ein Feind könnte leichte Beute sehen: Ich bin eine Frau in einem gewissen Alter. Ich trage hohe Absätze. Ich bin taktisch nicht in der Lage, wegzurennen, all das. Aber hier in Arizona, wo das verdeckte Tragen von Waffen erlaubt ist, müssen die bösen Jungs das in Betracht ziehen, nicht wahr?«
Die Mutter und Großmutter zieht es vor, Waffen als »Werkzeuge« zu bezeichnen, so wie es früher im Wilden Westen üblich war.
Reporterin
»Wie groß ist das Problem der Waffengewalt aus Ihrer Sicht heute?«
Cheryl Todd, »Gun Freedom Radio«
»Allein die von Ihnen verwendete Formulierung finde ich irreführend. Wenn es Gewalt gibt, ist sie dann mehr oder weniger schädlich, wenn sie mit dieser Art von Werkzeug oder jener Ideologie etc. ausgeübt wird? Ich würde eher sagen, dass es gut dokumentiert ist, dass jedes Jahr mindestens zweieinhalb Millionen Menschenleben gerettet werden, weil es Leute gibt, die verantwortungsbewusst bewaffnet sind.
Das wird, aus welchen Gründen auch immer, oftmals aus der Debatte ausgeblendet. «
Klar ist: Die Rettung eines Menschenlebens lässt sich schwerer belegen als eine Tötung.
Zahlen zu sogenannten »Defensive Gun Uses« variieren stark: Schätzungen liegen zwischen 100.000 bis mehr als 3 Millionen Mal, in denen Amerikaner jährlich eine Waffe zu Selbstverteidigungszwecken nutzen.Und auch für diese Fälle lässt sich kaum wissenschaftlich nachweisen, dass der Waffengebrauch Leben gerettet hat.
Trotzdem sind solche Zahlen aus Sicht der Waffenbefürworter ein schlagkräftiges Argument .
Wir fahren zur Ben Avery Shooting Range, einer der größten öffentlichen Schießstände in den USA. Dort erwartet uns schon David Laird. Er ist nicht nur Vizepräsident der Arizona Citizens Defense League, einer Lobbygruppe für Waffenbefürworter, sondern auch Geschäftsführer einer Selbstverteidigungsschule und lizenzierter Trainer für jegliche Waffenarten – die er uns alle zum Vorführen mitgebracht hat.
David Laird, Inhaber Dynamic Combative Solutions
»Die AR ist die wahrscheinlich beliebteste Waffe, über die reden alle. Die Schrotflinte ist die am weitesten verbreitete Waffe für häusliche Verteidigung. Einfach und leicht zu bedienen. Das hier ist eine AK-47.«
Reporterin
»Und wofür benutzen Sie die?«
David Laird
»Diese hier? Die benutze ich als meine Truck-Waffe.«
Reporterin
»Truck-Waffe? Was heißt das?«
David Laird, Inhaber Dynamic Combative Solutions
»Also, wenn ich unterwegs bin, um zu unterrichten oder auf eine längere Autofahrt – dann packe ich die mit ein. Zusammen mit meiner Schutzweste, meinen Patronen und allem. Sollte ich in der Innenstadt festsitzen und Krawalle ausbrechen und ich nicht wegfahren und ihnen entgehen kann, dann werde ich damit auf jeden Fall nach Hause kommen.«
David Laird war früher beim Militär, wie bereits seine Ur-Ur-Großväter – sein Familienstammbaum, den er auf den Arm tätowiert hat, reicht bis zu Pilgervätern der Mayflower.
Der vierfache Vater repräsentiert in Arizona das sogenannte FASTER-Programm: Die Organisation bietet Trainingsprogramme für Schulen an, zum Umgang mit Schulschießereien. Im Bundesstaat Ohio ist das Programm bereits an einigen Schulen im Einsatz – hier Aufnahmen vom dortigen Training.
David Laird, Inhaber Dynamic Combative Solutions
»Mir wäre es lieb, wenn ein Lehrer den Umgang mit einer Schusswaffe genauso gut lernt wie ich. Damit wäre er eine Bereicherung für den Schutz der Kinder und für die Schule - statt einer Schwachstelle.«
Mit dem FASTER-Programm soll so etwas wie eine standardisierte Zertifizierung für Schulen angeboten werden. Kostenpunkt für einen dreitägigen Basiskurs, der auch eine Ersthelfer-Ausbildung beinhaltet: etwa 1500 US-Dollar. im Bundesstaat Arizona bietet die Arizona Citizens Defense League Zuschüsse und Stipendien für den Kurs an.
David Laird, Inhaber Dynamic Combative Solutions
»Ich würde Lehrkräfte und Schulpersonal hierher zum Training einladen, Kinder oder Schulklassen aber nicht. Wir müssen sehr vorsichtig sein, wie wir die Kinder trainieren. Sie müssen jedes Mal etwas anderes üben. Nicht, wie bei einer Feueralarmübung, immer durch dieselbe Tür zu gehen. Nein, sie sollten auch mal durch eine andere Tür gehen. Anstatt sich immer nur im Klassenzimmer zu verbarrikadieren sollten sie versuchen, sich auch in einem anderen Bereich einzuschließen. Auf diese Weise bleibt jeder im Ungewissen. Niemand kann sich darauf vorbereiten. Wenn wir genauso viel in die aktive Abwehr von tödlichen Bedrohungen investieren würden wie in unsere Brandschutzsysteme, hätten wir viele dieser Probleme nicht.«
Reporterin
»Haben Sie irgendeinen Beweis dafür, dass dies funktioniert hat?«
David Laird, Inhaber Dynamic Combative Solutions
»Nun, es gibt ähnliche Programme, sowohl in Kirchen als auch in Schulen, die bereits erfolgreich waren. Die Mehrheit der aktiven Schützen - wenn man sie so nennen will, eigentlich sind es ja aktive Killer - die meisten aktiven Killer suchen sich sogenannte weiche, einfache Ziele. Sie wollen nicht gefasst werden. Sie wollen eine hohe Anzahl von Leichen, und sie wechseln dauernd ihre Taktik. Deshalb greifen sie Orte an, an denen Waffen nicht erlaubt sind., Orte, die schwer bewaffnet sind, werden sie dagegen nicht aufsuchen. Das ist meine Theorie: Der Mangel an bewaffneten, verantwortungsbewussten Waffenbesitzern, die sie aufhalten können, ist die Ursache für den Anstieg der Gewalt.«
Kinder – wenn es um sie geht, wird die Debatte um Waffengewalt wohl am leidenschaftlichsten geführt.
Im vergangenen Jahr wurden 35 sogenannten School Shootings an Grund- und weiterführenden Schulen registriert, bei denen Menschen getötet oder verletzt wurden. In diesem Jahr sind es bis jetzt schon 47 solcher Fälle. Dabei wurden 132 Menschen getötet oder verletzt.
In Downtown Phoenix treffen wir einige Aktivisten, die das andere Spektrum der Debatte repräsentieren. Aaron Marquez ist Mitglied des Schulvorstandes in Phoenix und Armee-Veteran. Laura Terech und Marie Thearle arbeiten beide ehrenamtlich für Moms Demand Action – eine Organisation zur Prävention von Waffengewalt.
Die Organisation ist die sichtbarste Lobbygruppe, die sich für strengere Waffengesetze einsetzt. Gegründet nach dem Massaker an der Sandy Hook-Grundschule 2012, wuchs die Anti-Waffen-Initiative zu einer landesweiten Bewegung heran. Sie organisiert Demos, Kampagnen – und mobilisiert Frauen, direkten Druck auf ihre Kongressabgeordneten auszuüben Mittlerweile gibt es in jedem Bundesstaat einen eigenen Verband und hunderte Ortsgruppen – wie die in Phoenix.
Das Thema ist für sie alles andere als abstrakt. Maries Sohn erlebte erst vor kurzem eine gefährliche Situation im Zusammenhang mit Waffengewalt, auf die sich seine 8. Schulklasse bereits in diversen Übungen vorbereitet hatte.
Griffin Thearle, Schüler, 13 Jahre
»In einem Restaurant in der Nähe hatte jemand einen Schuss auf einen anderen abgefeuert und er konnte zunächst nicht gefasst werden. Also hat die Polizei gesagt, dass wir uns einschließen sollen. Es war definitiv beängstigend. Aber ich hatte einen Plan. Ich kauerte mit einem Stuhl hinter dem Klavier . Ich dachte, wenn jemand reinkommt, könnte ich ihm den Stuhl gegen die Beine schleudern. Vielleicht würde das denjenigen für einen Moment stoppen, damit er niemanden umbringen kann.«
Reporterin
»Was halten Sie von dieser Idee, nicht nur Lehrern, sondern auch dem Personal eine Art Ausbildung an Schusswaffen anzubieten?«
Aaron Marquez, Schulvorstandsmitglied
»Als Veteran, der zweimal mit der US-Armee in Afghanistan im Einsatz war, weiß ich, dass ich in der Grundausbildung wochenlang Trockenübungen gemacht habe, bevor wir überhaupt mit scharfer Munition schießen durften. Wenn man trainiert, gibt es einen sehr sicheren Prozess. Wenn man von einem Schulbezirk oder den Lehrern oder irgendjemandem auf dem Campus aber erwartet, dass sie dasselbe Ausbildungsniveau erreichen, beeinträchtigt das ihren primären Auftrag, die Kinder zu erziehen - und dafür haben sie sich nicht verpflichtet.«
Laura Terech, Freiwillige »Moms Demand Action«
»Bei Schulschießereien an Schulen handelt es sich oft um ehemalige oder aktuelle Schüler. Von einem Lehrer wird also verlangt, dass er möglicherweise das Leben eines seiner Schüler beenden muss. Kein Lehrer sollte in diese Lage gebracht werden.«
Marie Thearle, Freiwillige »Moms Demand Action«
»Wir alle wollen, dass unsere Kinder in Sicherheit sind. Die Meinungsverschiedenheiten liegen in der Frage, wie wir das am besten erreichen können. Was mich betrifft, so habe ich einen Abschluss in Medizin. Ich glaube an Statistiken. Ich würde mich gerne an Beweise halten. Und mehr Waffen bedeuten einfach mehr Schießereien.«
Zurück zu Jennifer Longdon. Heute führt sie in Arizona politisch den Kampf gegen Waffengewalt an. Als stellvertretende Vorsitzende des Abgeordnetenhauses brachte sie ihr Anliegen bis vor den US-Kongress:
»Vielen Dank für diese Gelegenheit, gehört zu werden. Es fiel mir schwer zu entscheiden, was ich Ihnen über Waffengewalt erzählen soll. Sie haben genug Statistiken und Berichte in ihren Büros liegen. Doch keine davon hat zu Maßnahmen ihrerseits geführt. Genauso wenig wie die hundert- und tausendfachen persönlichen Berichte der Betroffenen.«
Jennifer Longdon gibt die Hoffnung nicht auf, trotz politischen Widerstandes in ihrem eigenen Bundesstaat eine Veränderung zu erreichen:
Jennifer Longdon, Abgeordnete im Repräsentantenhaus von Arizona
»Ich werde nicht nur die Gesetzesentwürfe einbringen, die ich bisher schon einzubringen versuchte, sondern werde mein Portfolio noch erweitern, zum Beispiel: Wenn man Waffen besitzt, muss man sie sicher in einem Waffensafe aufbewahren. Man kann sie nicht einfach zu Hause herumliegen lassen. Es sind solche ganz einfachen Lösungen, die einige meiner republikanischen Kollegen bekämpfen, weil sie auf den Zweiten Verfassungszusatz pochen. Und zwar auf den Teil, der »soll nicht verletzt werden« besagt. Und ich weise sie gerne auf den Teil hin, in dem es heißt: »wohlgeordnet«. Und noch einmal, ich bin nicht waffenfeindlich. Ich möchte nur sicherstellen, dass wir verantwortungsvollen Waffenbesitz haben.«