Zehn Jahre zivile Seenotrettung Auf Europas tödlichster Fluchtroute
Geflüchtete:
»Hilfe, Hilfe!«
Fares, Crewmitglied:
»Wir sind aus Europa, wir sind hier, um zu helfen.«
Massengrab Mittelmeer: In den letzten zehn Jahren sind hier mehr als 28.000 Menschen auf der Flucht gestorben oder verschwunden.
Geflüchteter:
»Wenn Italien mich nicht aufnimmt, ist meine Familie am Ende.«
Seit sich staatliche Institutionen weitgehend aus dem Mittelmeer zurückgezogen haben, retten vor allem private Organisationen Menschen vor dem Ertrinken.
Elina, Menschenrechtsbeobachterin:
»Allein die Vorstellung, über Nacht auf so einem Boot zu sein und nicht zu wissen, ob man das überlebt oder nicht...«
Gleichzeitig diskutiert Deutschland immer offener über Abschottung und härtere Asylgesetze.
Friedrich Merz, Bundeskanzler:
»Abschiebungen und Rückführungen müssen ab sofort täglich stattfinden.«
Staatliche Gelder für die zivile Seenotrettung werden gestrichen, und die Einsätze werden immer gefährlicher.
Wie arbeiten Seenotretter unter diesen schwierigen Bedingungen? Eine Woche an Bord der »Humanity 1«.
Vorbereitung für den Ernstfall: Jörg ist der Arzt an Bord, es ist bereits sein zweiter Einsatz auf der »Humanity 1«. Mit einer Kollegin bespricht der 32-Jährige, was passiert, wenn gerettete Menschen an Bord gebracht werden.
Jörg, Arzt:
»Wir ziehen die an der Rettungsweste her, machen die Rettungsweste auf, sagen einmal: ›How are you? Are you fine?‹, und wenn sie Ja sagen und auf nichts deuten, laufen können, schmeißen wir die Rettungsweste weg und schicken sie mit einem kleinen Schubs rüber.«
Oft kommen die Geretteten – heute noch gespielt von Crewmitgliedern – in desolatem Zustand an Deck, dann zählt jede Sekunde.
Jörg, Arzt:
»Hallo, können Sie mich hören?«
Eine Person ist in dieser Übung bewusstlos, eine weitere hat einen Schwächeanfall. Jörg muss sofort entscheiden, was zu tun ist.
Jörg, Arzt:
»Ich brauche zwei Leute, die mir dabei helfen, diese Person in die Klinik zu bringen.«
Jörg, Arzt:
»Eins, zwei, drei… Okay, perfekt.«
Jörg, Arzt:
»In der Seenotrettung sind oft Menschen bewusstlos, weil sie einfach dehydrieren, sie haben über Tage nichts getrunken, sind schwach. Wenn Menschen im Wasser sind, sind Ertrinkungsunfälle oder beinahe ertrinken sehr häufig. Das ist dann sehr kompliziert, weil da Sauerstoff – teilweise Beatmung – eine Rolle spielt. Und wenn das Richtung Beatmung geht und auch Wiederbelebung, dann ist natürlich bei dem, was wir an Ressourcen, an menschlichen Ressourcen haben … geht es schnell ans Limit.«
Wie das Team im Ernstfall reagiert, wird der ehrenamtliche Seenotretter in wenigen Tagen erleben.
Elina studiert Internationale Beziehungen und Menschenrecht, engagiert sich schon lange in der Geflüchtetenhilfe und ist nun zum ersten Mal auf der »Humanity 1« dabei.
Elina, Menschenrechtsbeobachterin:
»Also, ich bin auf dem Weg zu meinem Arbeitsplatz, das ist die Brücke. Hier werde ich auch während der Rettung sein oder auch während der Suche vor allem. Hier sind verschiedene Working Stations. Hier haben wir unseren Officer in Duty…«
Die 26-Jährige arbeitet ehrenamtlich mit und hat viel Verantwortung. Bei einer Rettung protokolliert sie das Vorgehen der Crew, hört den Funk ab und ist in Kontakt mit den italienischen Behörden. Die schikanieren die Arbeit der Seenotretter oft, findet Elina.
Elina, Menschenrechtsbeobachterin:
»Es ist halt einfach extrem relevant, dass wir die richtigen und auch einheitlichen Informationen weitergeben und auch dokumentieren, als Beweisgrundlage selber haben, um zu vermeiden, dass wir kriminalisiert werden können, weil einfach die vergangenen Jahre gezeigt haben, dass die italienischen Behörden eher daran interessiert sind, die zivile Seenotrettung zu behindern.«
Diesen Eindruck bestätigen Zahlen der Seenotretter: Demnach wurden seit 2023 28-mal Schiffe von NGOs durch italienische Behörden festgesetzt – insgesamt über 680 Tage. Das droht auch Elina und ihrer Crew, sollten sie aus Sicht der Behörden einen Fehler machen.
Zusätzlich gerät die Besatzung durch die libysche Küstenwache in Bedrängnis. Die von der EU finanzierten und trainierten Einsatzkräfte fangen Boote mit Geflüchteten ab und bringen sie gewaltsam zurück nach Libyen – dort drohen Folter und Haft. Dieses Video soll zeigen, wie Menschen in Panik ins Wasser springen, um sich diesen illegalen Pushbacks zu entziehen. Laut Uno waren 2024 mehr als 21.000 Personen von solchen Rückführungen betroffen.
Und nun eine neue Eskalationsstufe: Ende August eröffnete die libysche Küstenwache laut der NGO SOS Méditerranée nach einer Rettung das Feuer. Minutenlang wurde ihr Schiff »Ocean Viking« beschossen. Die Crew und die 87 Geretteten gerieten in akute Gefahr.
Die Einsätze werden also immer riskanter. Trotzdem nimmt die Crew der »Humanity 1« nach einer Woche Training nun Kurs Richtung Libyen.
Und dann geht alles ganz schnell: Gut 100 Seemeilen vor der Küste taucht um fünf Uhr morgens plötzlich ein Boot aus dem Dunkeln auf. Innerhalb weniger Minuten werden die Mitglieder der Rettungscrew aus dem Bett geholt.
Mark, Einsatzleiter:
»Geht es allen gut?«
Hannah, Crewmitglied:
»Ich bereite schon die Rettungswesten vor.«
Mark, Einsatzleiter:
»Das Boot scheint stabil zu sein.«
Noch weiß niemand, in welchem Zustand Boot und Menschen sind. Dann folgt der erste Kontaktversuch.
Geflüchtete:
»Hilfe!«
Fares, Crewmitglied:
»Okay, wir sind aus Europa, wir sind hier, um zu helfen.«
Mark, Crewmitglied:
»Okay, meine Freunde, wie viele seid ihr?«
Geflüchtete:
»Wir sind 50.«
Mark, Crewmitglied:
»Okay, 50, geht es allen gut, sind alle wach, schläft jemand?«
Geflüchtete:
»Nein, nein, allen geht’s gut.«
Mark, Crewmitglied:
»Bridge, hier ist Bravo, es sind 50 Leute auf dem Boot. Keine Frauen, keine Kinder.«
Sofort beginnt die Crew damit, die Leute zu beruhigen.
Fares, Crewmitglied:
»Meine Freunde, bleibt sitzen.«
Die ersten Minuten sind entscheidend: Häufig kommt es vor, dass die Geretteten panisch auf das Schnellboot drängen, um in Sicherheit zu gelangen – dabei können Menschen ins Wasser fallen und im schlimmsten Fall ertrinken. Kommunikation ist jetzt alles.
Mark, Crewmitglied:
»Wir nehmen jetzt ein paar von euch mit und dann holen wir mehr Rettungswesten. Wir holen euch alle.«
Fares, Crewmitglied:
»Okay, alles klar? Einer nach dem anderen.«
Nach und nach steigen die Geflüchteten auf das Schnellboot um.
Mark, Crewmitglied:
»Hannah, wie viele Leute?«
Hannah, Crewmitglied:
»22, 24, 26 – es sind 26.«
Dann erreichen die ersten Menschen die »Humanity 1«.
Fares, Crewmitglied:
»Ihr seid jetzt sicher.«
Einer nach dem anderen wird an Deck gebracht und von Jörg und dem medizinischen Team im Schnellcheck untersucht. Sein erster Eindruck:
Jörg, Arzt:
»Man hat den Benzingestank direkt wieder in der Nase, das heißt, wir müssen auf jeden Fall sehr gut nach sogenannten Fuel Burns nachher schauen. Aber jetzt machen wir erst mal die Rettung fertig.«
Dann passiert etwas Unerwartetes.
Funkspruch:
»Eine Person ist auf dem Boot geblieben und hat auf Englisch und Arabisch Hilfe verweigert.«
Der Fahrer des Bootes will nicht evakuiert werden und dreht ab Richtung Libyen. Ein Schockmoment für das Team. Laut SOS Humanity ist das bisher erst bei 6 von über 300 Rettungen passiert. Dieses Jahr allerdings schon bei vier Einsätzen.
Elina, Menschenrechtsbeobachterin:
»Es fühlt sich natürlich komisch an, weil es eine Situation ist, die nicht wirklich in unserer Kontrolle liegt. Das Einzige, was wir wissen, ist, dass diese Menschen, die auf diesem Boot sind, uns darum gebeten haben, ihnen zu helfen. Die Menschen befinden sich in akuter Gefahr.«
Möglicherweise will der Fahrer so verhindern, in Italien festgenommen zu werden. Ob er von Menschenschmugglern bezahlt wird oder gezwungen wurde, das Boot zu steuern, ist unklar. Klar ist aber: Für die zivilen Retter ist das ein Dilemma:
Die Crew arbeitet nicht mit Schleusern zusammen, und doch wird ihre Hilfe in solchen Fällen eiskalt ausgenutzt. Was Angriffsfläche gerade für rechte Politiker bietet:
Elina, Menschenrechtsbeobachterin:
»Diese Situation kann natürlich durch bestimmte Narrative extremst instrumentalisiert werden. Deswegen ist es wichtig, klarzustellen, dass diese Menschen auf diesen Booten schutzbedürftig sind, die ein Recht darauf haben, aus Seenot gerettet zu werden.«
Viel Zeit, diese Situation zu verarbeiten, bleibt der Crew nicht.
Funkverkehr:
»Brücke, da kommt ein Schiff auf sechs Uhr.«
»Es sieht so aus, als ob mehrere Menschen an Bord sind.«
Elina, Menschenrechtsbeobachterin:
»Fuck.«
Elina muss direkt wieder an die Arbeit.
Elina, Menschenrechtsbeobachterin:
»Unser Lookout hat gerade gemeldet, also, wir haben jetzt ungefähr eine halbe Stunde nachdem die Rettung abgeschlossen wurde… «
Funkverkehr
»Bereitmachen zur Rettung.«
Elina Harms, Menschenrechtsbeobachterin:
»Also, wir haben direkt im Anschluss den nächsten Seenotrettungsfall.«
Elina, Menschenrechtsbeobachterin:
»Allein die Vorstellung, über Nacht auf so einem Boot zu sein und nicht zu wissen, ob man das überlebt oder nicht. Sieht komplett überfüllt aus. Und auf jeden Fall auch so, als wäre es nicht für eine Überquerung des Mittelmeers gemacht.«
Mehr als 70 Menschen drängen sich an Bord, viele von ihnen verängstigt.
Bootsinsassen:
»Helft uns, helft uns.«
Die meisten der heute geretteten Menschen kommen aus Bangladesch und fliehen vor Armut und Perspektivlosigkeit, aber auch vor Auswirkungen der Klimakrise: Allein im vergangenen Jahr waren mehr als 18 Millionen Menschen von Stürmen oder Überflutungen betroffen.
Dann ist auch diese Rettung abgeschlossen. Zurück bleibt ein leeres Boot in den Weiten des Mittelmeers.
Elina, Menschenrechtsbeobachterin:
»Gut eine Stunde nach der letzten Rettung haben wir gerade den Hafen zur Ausschiffung bekommen. Das ist Neapel, heißt, wir gehen Richtung weiter nördlich. Das ist halt eben eine Praxis, die seit gut zwei Jahren von Italien verfolgt wird, dass uns zwar direkt nach einer Rettung ein Hafen zur Ausschiffung zugeteilt wird, dieser aber halt meistens sehr weit im Norden liegt.«
Drei Tage wird die Fahrt nach Neapel dauern und das, obwohl andere Häfen, wie etwa Pozzallo, deutlich näher liegen. Die Seenotretter sehen darin Kalkül: Durch den langen Fahrtweg sind die zivilen Rettungsschiffe beschäftigt. So können sie weniger Menschen retten – und nach Italien bringen. Hinzu kommt: Die längere Strecke geht ins Geld: Kostenpunkt: 28.000 Euro.
Unterdessen nutzt die Crew der »Humanity 1« die Zeit an Bord, um die Geflüchteten auf die harte Realität des Asylverfahrens in der EU vorzubereiten.
Marco, Crewmitglied:
»Sagt ihnen, wenn ihr etwas nicht versteht, unterzeichnet nichts. Wenn sie euch zwingen, schreibt, ich verstehe nicht und stimme nicht zu.«
Viele der geretteten Menschen haben auf ihrer Flucht Schlimmes erlebt, zum Beispiel in libyschen Internierungscamps.
Geflüchteter aus Bangladesch:
»Die Leute in Libyen behandeln alle anderen wie Tiere. Sie schubsen, schlagen und treten. Wir waren drei Tage in einem Camp ohne Dusche, ohne Schlaf und ohne Brot. Alle, die kommen, wissen, dass sie jederzeit auf der Reise sterben können. Alle wissen, wir können an die Mafia verkauft werden, ins Gefängnis gesteckt werden. Es gibt nur einen Grund, warum alle kommen: Um ein besseres Leben zu haben.«
Geflüchteter aus Bangladesch:
»Die Flucht war nicht leicht, die Bootsüberfahrt war mein letzter Teil. Es war sehr hart, ich hatte große Angst, ich denke immer noch viel daran und habe Schmerzen. Wenn Italien mich nicht aufnimmt, ist meine Familie am Ende.«
Arzt Jörg nutzt die Zeit bis zur Ankunft in Neapel, um die Geretteten zu versorgen.
Jörg, Arzt:
»Okay, ich höre Sie mal eben ab. Einatmen, ausatmen.«
Jörg, Arzt:
»Wir sind jetzt mehrere Tage mit sehr vielen schwachen Menschen, teilweise erkrankten Menschen an Bord, die eigentlich dringend an Land Gesundheitsversorgung brauchen. Mir wäre es viel lieber, wenn wir einfach den nächsten Hafen anlaufen könnten und die Menschen dort versorgt werden könnten.«
Jörg, Arzt:
»Da ist immer noch Blut, aber es wird besser. Wir tun noch mal Tropfen rein.«
Viele Geflüchtete kommen nicht nur erschöpft von der teils jahrelangen Flucht an – manchmal sieht Jörg auch deutliche Spuren von Gewalt.
Jörg, Arzt:
»Wir sehen immer wieder Zeichen von Folter, beispielsweise Wunden, Narben, Knochenbrüche, Hämatome, also Blutergüsse. Das ist doch sehr häufig.«
Jörg, Arzt:
»Das sind die typischen sogenannten Fuel Burns. Das sind chemische Brandverletzungen, sozusagen wenn sich Benzin mit Salzwasser mischt, das ist eine sehr ätzende Lösung. Menschen fliehen, ja, vor Gewalt, vor Folter, vor was auch immer, und sind dann auch selbst auf der Flucht noch diesem ganzen zusätzlichen Grauen ausgesetzt. Was diese Verletzungen mit sich bringt, das ist unhaltbar.«
Am nächsten Morgen ist es dann so weit, begleitet von einem Polizeiboot fährt die »Humanity 1« in den Hafen von Neapel ein. Die Anspannung wächst.
Geflüchteter:
»Ich bin ein bisschen nervös, wir wissen nicht, was als Nächstes passiert. Wenn sie uns akzeptieren, wäre das wundervoll, vielleicht werden wir ein gutes Leben haben.«
Für Jörg heißt es nun Abschied nehmen von seinen Patienten.
Jörg, Arzt:
»Die große Hoffnung ist eben, dass es an Land funktioniert, dass sie weiter versorgt werden können. Gerade die mit den Wunden, die auch heute noch Verbandswechsel brauchen. Wir hören leider danach nichts mehr davon. Wir kennen keine Rückmeldung von den Gesundheitsämtern und den Krankenhäusern. Aber ich drücke die Daumen, dass es klappt.«
Als das Schiff schließlich den Liegeplatz erreicht, stehen die Behörden schon bereit. Für die meisten Geretteten wird hier die Reise enden: Ein Großteil der Asylanträge von Menschen aus Bangladesch lehnt die EU ab. 2024 lag die durchschnittliche Ablehnungsquote bei über 95 Prozent.
Ihre erste Rettung ist abgeschlossen, die Geretteten sicher an Land: Wie blickt Elina nun in die Zukunft?
Elina, Menschenrechtsbeobachterin:
»Ich hoffe, dass wir die zivile Seenotrettung auch nicht mehr lange machen müssen, aber ich glaube, dass das nicht der Realität entsprechen oder nicht in den nächsten Jahren passieren wird, und das ist extrem frustrierend und macht mich auch echt wütend einfach.«
Dann sind die letzten Menschen von Bord.
»Rescue is complete.«
Wenige Stunden später wird sich die Crew wieder auf den Weg Richtung libysche Küste machen. Vier Tage später retten sie erneut 51 Menschen aus Seenot.