Sturm aufs Kapitol Wie Jackie Speier zum zweiten Mal Todesangst erlebte
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Donald Trump, ehemaliger US-Präsident
»Wir laufen zum Kapitol. Wir gehen dorthin und geben unseren Republikanern den Stolz und Mut, den sie brauchen, um unser Land zurückzuerobern.«
Als am 6. Januar 2021 Hunderte Trump-Anhänger ins Kapitol stürmen und im Inneren Chaos und Verwüstung anrichten, kauert sich die demokratische Abgeordnete Jackie Speier aus Kalifornien auf der Empore des Sitzungssaals zusammen.
Ein Jahr später erzählt uns die 71-Jährige in einem Videocall von ihrer Todesangst.
Jackie Speier, Abgeordnete
»Wir wurden angewiesen, einen Beutel unter unseren Sitzen hervorzuziehen. Ich war bestimmt schon 100 Mal auf dieser Empore, aber ich wusste nicht, dass es die da überhaupt gibt. Ich nahm ihn also, öffnete den Reißverschluss und fand eine Gasmaske, die sofort einsatzbereit war, wenn man sie sich über das Gesicht zog. Wir wurden aber instruiert, das noch nicht zu tun. Wir lagen also da wie gelähmt, verängstigt und unsicher, was als nächstes passiert.«
Als plötzlich Schüsse im Kapitol fallen, werden bei Jackie Speier furchtbare Erinnerungen geweckt. An einen Tag vor 42 Jahren in Südamerika.
Jackie Speier, Abgeordnete
»Und als ich mit der Wange auf dem Boden lag, kam mir der Gedanke: ›Ich habe den Dschungel von Guyana überlebt – und jetzt soll ich hier sterben? In den heiligen Hallen der Demokratie?‹ Ich konnte es nicht glauben.«
Rückblick. Guyana, 1978: Speier, damals 28 Jahre alt, reist als Mitarbeiterin des Abgeordneten Leo Ryan nach Jonestown. Die beiden vermuten, dass in diesem Dorf mitten im Dschungel, Menschen gegen ihren Willen festgehalten werden.
Seit 1974 hatte der charismatische Prediger Jim Jones hier rund 1000 Anhänger seiner Sekte »Peoples Temple« um sich versammelt: Sinnsuchende, oft arbeitslose, arme oder kranke Menschen sehnten sich nach Halt in Jones christlich-sozialistischer Ideologie.
Doch schnell bestätigt sich Ryan und Speiers Eindruck: Das Sektendorf gleicht einem Gefängnis, Bewohner berichten von Prügelstrafen und Vergewaltigungen. Jones gibt zunächst vor, den Unzufriedenen die Ausreise zu erlauben.
Jim Jones, Sektenführer
»Jeder, der hier rauswill, kann uns verlassen. Wir haben damit kein Problem. Die Leute kommen und gehen, wie sie wollen. Die Menschen suchen das Rampenlicht. Ich nicht.«
Doch als die Politiker aus Washington mit einigen Sektenmitgliedern das Flugzeug zurück nach Amerika besteigen, eröffnen Jones' Anhänger das Feuer. Fünf Menschen sterben, darunter der Abgeordnete Ryan. Speier wird schwer verletzt und überlebt nur, indem sie sich tot stellt.
Jim Jones, der seinen Kult bedroht sieht, gibt daraufhin den Befehl zum Massenselbstmord. Am 18. November 1978 sterben mehr als 900 Anhänger des Predigers, nachdem sie auf seinen Befehl hin Zyankali schlucken. Viele nehmen das Gift freiwillig, andere werden gezwungen. Auch Jim Jones stirbt: Ob er erschossen wird oder sich selbst erschießt, wird nie aufgeklärt.
Mehr als 40 Jahre später steht für Jackie Speier fest: Das Massaker von Jonestown und der Sturm aufs Kapitol zeigen Parallelen.
Jackie Speier, Abgeordnete
»Das passiert, wenn man so eine gefährliche Person, einen Größenwahnsinnigen, einen Narzissten zum Präsidenten der Vereinigten Staaten macht. Ich habe das Verhalten von Jim Jones in Guyana untersucht, der einen Kult aufgebaut hat. Donald Trump hat dasselbe in diesem Land gemacht.«
Jones habe eine religiöse Sekte gegründet, Trump eine politische. Beiden Männern sei es gelungen, besonders loyale Anhänger um sich herum zu versammeln. In Jonestown waren sie bereit zu sterben. In Trumps Welt das Kapitol zu stürmen.
Jackie Speier, Abgeordnete
»Sie haben beide Persönlichkeiten, die Aufmerksamkeit erregen, die Leute anziehen. Und zwar vor allem Menschen, die unzufrieden sind, die einen Komplex mit sich herumtragen, die das Gefühl haben, andere Menschen oder die Regierung schulden ihnen etwas. Jim Jones hat viele arme Menschen um sich versammelt, die keine Familie hatten. Sein Kult wurde zu ihrer Familie. Vierzig Jahre später haben diese »Familien« im Internet und in den sozialen Medien die Möglichkeit bekommen, sich zusammenzuschließen. Social Media wurde so zu einer Waffe.«
Was den Sektenführer und den Ex-Präsidenten aus Speiers Sicht noch verbindet: Ähnlich wie Jones habe Trump über Jahre hinweg Unwahrheiten verbreitet und seine Anhänger manipuliert. Trumps Kundgebungen hätten zunehmend den Treffen einer Sekte geglichen, die ihren Anführer bedingungslos verehrt.
Der Höhepunkt sei erreicht worden, als der abgewählte Präsident die Menschenmasse am 6. Januar abermals mit der Lüge vom Wahlbetrug gezielt angestachelt habe.
Donald Trump, ehemaliger US-Präsident
»Keiner von uns möchte zusehen, wie die radikalen Linken uns unseren Wahlsieg wegnehmen.«
Jackie Speier, Abgeordnete
»Das war eine blutige, tödliche Belagerung. Das war ein Putschversuch gegen unsere Demokratie. Lassen Sie sich nicht täuschen. Und die, die denken: ›Ach, das waren doch nur naive Demonstranten, die ein bisschen außer Kontrolle geraten sind.‹ Glauben Sie das nicht. Diese Leute hatten Elektroschocker, sie hatten Pfefferspray, sie hatten Stangen. Sie haben die Fahnenmasten als Speere genutzt. Fünf Menschen sind gestorben. Vier Polizisten haben danach Selbstmord begangen. 150 Polizisten wurden verletzt, viele leiden nun unter einer posttraumatischen Belastungsstörung.«
Auch ein Jahr nach dem Sturm aufs Kapitol haben die Republikaner es nicht geschafft, sich von Trump zu lösen. Seine lautesten Kritiker innerhalb der eigenen Partei, Adam Kinzinger und Liz Cheney, sind laut Speier nur deswegen so unerschrocken, weil beide keine politischen Ambitionen mehr haben.
Jackie Speier, Abgeordnete
»Er hatte nicht nur früher eine Anhängerschaft, er hat sie immer noch. Im Kongress gibt es unter den Republikanern viele, die Angst haben, sich mit Donald Trump anzulegen, weil sie Sorge haben, ihren Job zu verlieren. Dadurch ist ein Kult unter den Republikanern im Kongress entstanden. Sie müssen manipuliert worden sein, denn sie machen nichts, was Trump ihnen nicht erlaubt.«
Speiers politische Karriere neigt sich dem Ende zu. Ihre letzte und vielleicht wichtigste Aufgabe sieht sie darin, die Geschehnisse vom 6. Januar aufzuarbeiten und zu beweisen, dass Donald Trump den Putschversuch maßgeblich gesteuert hat.
Rede aus dem Kongress
»Der Präsident der Vereinigten Staaten fand es witzig und einen patriotischen Akt, die Wahl zu kippen. Das war politisch motiviert. Wir werden herausfinden, warum das passiert ist und sicherstellen, dass es nie wieder geschieht.«
Im November 2022 sind Midterm-Wahlen. Jackie Speier wird nicht mehr antreten.
Jackie Speier, Abschiedsrede
»Vor genau 43 Jahren lag ich auf einer Landebahn im Dschungel von Guyana mit fünf Einschussstellen im Körper. Ich schwor: Wenn ich überlebe, widme ich mein Leben dem Staatsdienst. Ich überlebte und diente der Öffentlichkeit. Das war eine bemerkenswerte Reise, die meine wildesten Träume übertroffen hat. Heute verkünde ich, dass ich 2022 nicht wieder für einen Sitz im Kongress kandidiere.«
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