Thailand: Die Krise hat die Nationalnudel erreicht – ein Ortstermin in Bangkok - DER SPIEGEL
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Nuan richtet »Mama«-Nudeln an, in ihrem kleinen Straßenrestaurant in Bangkok

Nuan richtet »Mama«-Nudeln an, in ihrem kleinen Straßenrestaurant in Bangkok

Foto: Nicolas Axelrod / DER SPIEGEL

Thailands Nationalgericht wird teurer Die große Krise erreicht Nuans kleine Welt

Instant-Nudeln und ihr Preis waren bislang eine Konstante in Thailand. Nun wird auch das heimliche Nationalgericht teurer. Ortstermin bei Suppenköchin Nuan in Bangkok.
Von Maria Stöhr und Nicolas Axelrod (Fotos), Bangkok
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

Es gibt Waren, bei denen, wenn sie sich im Preis arg verteuern, die Gesellschaft eines Landes keinen Spaß versteht. Die Menschen werden sauer, sie werden ungehalten, und das weiß die Regierung und deswegen versucht sie, sich was einfallen zu lassen. Wenn Sie dies lesen und in Deutschland leben, dürfte Ihnen das Wort Spritpreisbremse bekannt vorkommen.

In Thailand heißt die kostbare Ware nicht Sprit, sondern Instant-Nudeln. Sie werden portionsweise in Blisterfolie verkauft, man überbrüht sie mit heißem Wasser, wartet ein paar Minuten, die ganzen gefriergetrockneten Kleinteile – Schrimps, Hühnchenfiletscheiben, Karottenwürfel – quellen zurück auf Originalgröße, rührt um. Schon hat man ein kleines Mittagessen. Die bekannteste Marke dieser Schnellnudeln, die lang sind und gekräuselt, heißt »Mama«, und deshalb nennt man in Thailand alle Fertiggerichte dieser Art »Mama«.

»Mama«-Nudeln ernähren eine ganze soziale Schicht in Thailand. Arbeiter auf dem Bau, Straßenverkäuferinnen. Leute in den kleinen Hütten an den Kanälen in Bangkok, deren Monatseinkommen so niedrig ist, dass sie rechnen müssen, dass es auf jeden Baht ankommt, also auf umgerechnet zwei bis drei Cent.

Die Instant-Nudeln, die viele als heimliches Nationalgericht Thailands bezeichnen, gibt es im Supermarkt zu kaufen

Die Instant-Nudeln, die viele als heimliches Nationalgericht Thailands bezeichnen, gibt es im Supermarkt zu kaufen

Foto: Nicolas Axelrod / DER SPIEGEL
Oder in den Straßenküchen Bangkoks: Dort werden sie mit Eiern, Suppe, Fleisch ergänzt

Oder in den Straßenküchen Bangkoks: Dort werden sie mit Eiern, Suppe, Fleisch ergänzt

Foto: Nicolas Axelrod / DER SPIEGEL

Die thailändische Regierung weiß, dass eine Gesellschaft, die sich das Essen nicht leisten kann, die hungrig bleibt, besonders ungehalten wird, und das gilt es zu verhindern; denn Proteste schätzen Thailands Regierende eher nicht. Seit 2008 verfügte die thailändische Regierung daher, dass es keine Preiserhöhung bei »Mama«-Nudeln geben darf. Eine Packung kostete in den vergangenen 14 Jahren stets sechs Baht, etwa 16 Cent.

Nun nicht mehr. Die Hersteller der Schnellnudeln haben darum gebeten, die Preise um ein bis zwei Baht zu erhöhen. Die Produktionskosten seien stark gestiegen. Das liege an der Pandemie, aber vor allem an der Energiekrise und am Weizen und am Palmöl. Beides braucht man für die Herstellung dringend und seit dem Krieg in der Ukraine sind ausgerechnet diese zwei Grundinhaltsstoffe der Nudeln schwer zu bekommen.

Die thailändische Regierung hat dem Gesuch stattgegeben. Die Packung »Mama« kostet seit ein paar Wochen sieben, eventuell bald acht Baht. Die Krise hat die Nationalnudel erreicht. In der Presse hieß es, »Preis für Instant-Nudeln um einen Baht gestiegen« . Das ist die thailändische Version von: »Warum der Tankrabatt nicht wirkt« .

Nuan serviert »Mama«-Nudeln in ihrer Garküche

Nuan, Köchin, 47 Jahre, hat ihre Suppenküche nicht weit vom Victory Monument im Nordosten von Bangkok. Der Laden besteht aus einer großen offenen Küche mit einer Auslage zur Straße hin, dahinter öffnet sich ein schmaler Gastraum mit sechs Tischchen, überzogen mit blauer Plastiktischdecke, und ein paar Hockern. Sie betreibt ihn mit ihrer Schwester.

Nuan hat den Laden vor 14 Jahren angemietet, seitdem arbeitet sie hier fast jeden Tag

Nuan hat den Laden vor 14 Jahren angemietet, seitdem arbeitet sie hier fast jeden Tag

Foto: Nicolas Axelrod / DER SPIEGEL

Nuan ist in ihrer Küche immer in Bewegung, sie kann zwei Eier gleichzeitig mit einer Hand in die Schlüssel schlagen. Sie hat »Mama«-Nudeln auf der Karte stehen, die auf ein Plastikplakat gedruckt an der Wand hängt. Sie nimmt, wie in vielen Garküchen üblich, das Fertiggericht als Basis, um daraus etwas Eigenes zu kreieren:

Tom Yam Mama, Nudeln in süß-saurer Suppe.

Yam Mama, Nudeln als Salat, sauer angemacht mit Thai-Wurst und Tintenfisch.

Mama Krapao, Nudeln aus dem Wok mit Hackfleisch und Thai-Basilikum.

»Mama«-Nudeln bietet sie als Suppe, sauren Salat und angebraten mit Hackfleisch an

»Mama«-Nudeln bietet sie als Suppe, sauren Salat und angebraten mit Hackfleisch an

Foto: Nicolas Axelrod / DER SPIEGEL
Bestellzettel an Nuans Anrichte

Bestellzettel an Nuans Anrichte

Foto: Nicolas Axelrod / DER SPIEGEL
Mama Krapao, in Nuans Laden kostet eine Portion 40 Baht, 1,10 Euro

Mama Krapao, in Nuans Laden kostet eine Portion 40 Baht, 1,10 Euro

Foto: Nicolas Axelrod / DER SPIEGEL
Nuan kocht mit zwei Gasflaschen. Der Preis für Gas ist in den letzten Monaten stark nach oben gegangen

Nuan kocht mit zwei Gasflaschen. Der Preis für Gas ist in den letzten Monaten stark nach oben gegangen

Foto: Nicolas Axelrod / DER SPIEGEL

Nuan sagt und hebt dabei die Hände, sie koche »Mittagessen für die normalen Leute«. Sie meint Verkäuferinnen aus der großen Shoppingmall nebenan, Verkehrspolizisten und Krankenpfleger, Fahrerinnen von Lieferdiensten. Später am Tag kommen Schulkinder, wenn der Unterricht vorbei ist, und bestellen bei ihr gebratene Nudeln.

Viele Kunden kommen jeden Tag, wie zum Beispiel Joy, die oft »Mama«-Nudeln aus dem Menü wählt, beim Gehen »aroy« über den Tresen ruft, »war lecker«, und Nuan dabei kurz in den Arm kneift.

Die thailändische Instant-Nudel hat vielen Krisen standgehalten, nun hat auch sie nachgegeben. Die Krisen der großen Welt haben Nuans kleine erreicht.

Wenn Nuan in die Bilanzen guckt und auf das, was die Bestellungen am Großmarkt sie neuerdings kosten, dann müsste sie es eigentlich so machen wie die großen thailändischen Lebensmittelkonzerne: mehr Geld verlangen.

Denn nicht nur die »Mama«-Beutel kosten jetzt mehr. Sondern auch das Gemüse, die Tintenfische, das Fleisch. Eier seien innerhalb des Monats August dreimal im Preis gestiegen. Eier sind in fast allen ihren Gerichten enthalten. Sie kocht mit Gas, sie hat zwei Gasflaschen für zwei Kochstellen, »das Gas ist viel teurer jetzt«.

Aber Nuan will das nicht. Die Instant-Nudeln kosten bei ihr so viel wie immer, so viel wie vor den ganzen Krisen der letzten Zeit: 40 Baht, 1,10 Euro.

Nuan sagt, sie habe bereits wegen der Pandemie schon so viele Kunden verloren, sie wolle nicht noch mehr verlieren. Vor Covid habe sie 20 Kilo Reis an einem Tag verkocht, nun noch zehn. Viele, die früher bei ihr Mittagspause machten, hätten keinen Job mehr, seien nicht mehr im Viertel. Und die Menschen, die in ihrer Küche satt werden, hätten ja auch weniger Geld in der Tasche als noch vor ein paar Monaten, bei allen werde es gerade knapp. Ausgerechnet in dieser Lage die »Mama«-Nudeln verteuern? Das Gericht, dessen Preis nie schwankt? Nuan wirkt, als könne sie sich das nicht einmal vorstellen.

Diese Gruppe kommt oft mittags zu Nuans Laden, sie arbeiten in der Shoppingmal nebenan

Diese Gruppe kommt oft mittags zu Nuans Laden, sie arbeiten in der Shoppingmal nebenan

Foto: Nicolas Axelrod / DER SPIEGEL
Nine, der einzige Mann am Tisch, hat eine Portion »Mama« bestellt

Nine, der einzige Mann am Tisch, hat eine Portion »Mama« bestellt

Foto: Nicolas Axelrod / DER SPIEGEL

Krisen nehmen Gewissheiten. Dann sehnt man sich nach Dingen, die bleiben, wie sie immer waren. Die thailändische Instant-Nudel hat vielen Krisen standgehalten, nun hat auch sie nachgegeben. Nuan hätte das nicht gedacht. Die Krisen der großen Welt haben ihre kleine endgültig erreicht. Noch stemmt sie sich dagegen, so gut sie kann. Sie macht, in ihrer Welt, erst mal weiter, fast als wäre nichts. Früher blieben ihr im Monat 50.000 Baht, 1400 Euro, heute ist es nicht mal die Hälfte. Aber noch lohnt sich die Arbeit.

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Nuan hat mit 15 ihren Ort im Nordosten Thailands verlassen, den Isaan, die Provinz der Bauernfamilien. Kam nach Bangkok, fing in einer Garküche an zu arbeiten, wusch die Teller, trug gebratenen Reis an Tische, schickte Geld nach Hause zur Familie, dachte: Bald will ich meinen eigenen Laden. Vor 14 Jahren mietete sie das Erdgeschoss am Victory Monument, ihr Mann baute den Herd ein. Sie nannte den Laden nach ihrem Sohn: Nath.

Der Laden ist gut besucht. Trotzdem macht Nuan immer weniger Gewinn

Der Laden ist gut besucht. Trotzdem macht Nuan immer weniger Gewinn

Foto: Nicolas Axelrod / DER SPIEGEL

Ab halb zwölf, an diesem Mittwoch im September, streift Nuan sich Stulpen über die Arme als Schutz vor dem spritzenden Fett, sie kocht und hört für Stunden nicht mehr damit auf. Brät Hack an, daneben Reis. Verquirlt Eier mit Kräutern, füllt Öl nach, richtet Teller an, schöpft Suppe, tropft Fischsoße hinein, regelt die Gasflammen rauf, runter, wieder rauf. Tom Yam. Mama Krapao. Thai-Omelette. Die Bestellungen hängen als kleine Zettel an der Theke, der Laden ist voll.

Nuan kann sich nicht so ganz genau erklären, warum im Moment alles so viel teurer ist und die thailändische Währung immer weniger wert. Der Krieg in der Ukraine ist siebentausend Kilometer entfernt. Die Pandemie ist zu einer Dauerkrise geworden, ohne Gesicht. Sie glaubt, ihre Regierung tue, was sie kann, damit es bald besser wird. Sie hat keine Zeit fürs Nachrichtenlesen, denn wenn sie abends die Küche geputzt hat und das Licht im Laden löscht, geht sie eigentlich immer direkt ins Bett. Neulich habe ihr einer gesagt, Geld sei wie Wasser und dass es immer irgendwo einen Garten blühen lässt und einen anderen trocken.

Über dem Eingang von Nuans Restaurant hängt eine basketballgroße getrocknete Bienenwabe. Daneben ein Foto vom alten thailändischen König Bhumibol, wie er sich unters Volk mischt. Beides, sagt Nuan, bringe Glück.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Eine ausführliche FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.