Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
meinung •Alles Gute vom SPIEGEL Helfen, wenn noch nichts passiert ist
Herzlich willkommen zu Alles Gute, dem SPIEGEL-Newsletter mit ausschließlich guten Nachrichten. Schön, dass Sie da sind!
Wenn in den vergangenen Herbst- und Wintermonaten über Geflüchtete gesprochen wurde, war der Ton meist harsch und besorgt. Es seien zu viele im Land, hieß es im Bundestagswahlkampf immer wieder. Migranten stellten eine erhebliche Bedrohung für die Gesellschaft dar, suggerierten manche Politikerinnen und Politiker wiederholt.
Anlass waren die schrecklichen Attentate in Magdeburg, Aschaffenburg und München. Bei allen drei Taten war der mutmaßliche Täter ein Einwanderer. Politikerinnen und Politiker rangen um Lösungen: Wie können solche Taten künftig verhindert werden?
Dabei herrschte von Union über SPD bis zu den Grünen Konsens: Abschiebungen müssen mindestens ein Teil der Antwort sein. Kaum diskutiert wurden Ansätze, die etwa auf die frühzeitige Erkennung von psychischen Erkrankungen oder Traumata bei Geflüchteten abzielen. Diese können schließlich eine mögliche Ursache für Gewalttaten sein.
Mein Kollege Levin Kubeth hat zu einem Hilfsprojekt in Baden-Württemberg recherchiert, das diesen Ansatz verfolgt: Mithilfe von Befragungen sollen Geflüchtete mit psychischen Problemen frühzeitig identifiziert und ihnen Hilfe angeboten werden. Zum Einsatz kommen dabei, je nach Fall, entweder Psychotherapeuten oder sogenannte Narrative Traumaberater. Letztere sind Menschen, die im Schnellverfahren ausgebildet wurden und häufig selbst Migrations- oder Fluchterfahrung haben.
Die Vorteile: Weil viele von ihnen aus demselben Land oder derselben Region wie die Neuankömmlinge stammen, verfügen sie über Sprachkenntnisse, die Übersetzer verzichtbar machen. Und: Sie verstehen womöglich auch aufgrund ihrer eigenen Biografie, was den Menschen auf ihrem Weg nach Deutschland widerfahren ist.
Levin konnte in Karlsruhe mit einer ausgebildeten Traumaberaterin und einer ihrer Klientinnen sprechen. Letztere war erst vor einigen Monaten aus Syrien nach Deutschland geflohen und hat ihm von ihren grauenvollen Fluchterfahrungen erzählt. »Sie war froh, dass ihr mit der Narrativen Traumaberatung geholfen wird, besser mit ihren Erinnerungen klarzukommen«, erzählte mir Levin.
SPIEGEL-Reporter Levin Kubeth im Gespräch mit Dr. Elisabeth Kaiser an der AG Klinische Psychologie und Psychotherapie in Konstanz
Foto:Ines Janas / DER SPIEGEL
Nun stellt sich natürlich die Frage: Kann das Projekt helfen, Taten wie die in Aschaffenburg zu verhindern? »Die ehrliche Antwort lautet: Niemand weiß das«, sagt er. Schließlich sei auch der Aufenthalt in einer Psychiatrie keine Garantie, das zeigt die Vergangenheit. Gleichzeitig sollte gelten: Warum nicht wenigstens versuchen?
»Wer traumatisiert ist, der wird auch Schwierigkeiten haben, Deutsch zu lernen und einen Zugang zur Gesellschaft zu bekommen. Das Projekt, zu dem ich recherchiert habe, bietet Hilfe an, wo noch nichts passiert ist: wenn die Geflüchteten gerade in Deutschland angekommen sind«, sagt Levin.
Ich empfehle Ihnen seinen Text sehr.
Was diese Woche noch gut war – für die Welt:
Pflegekräfte verdienen deutlich mehr als früher
Nicht nur der Bedarf an Fachkräften in Gesundheits- und Pflegeberufen steigt, sondern auch deren Gehälter: Pflegerinnen und Pfleger, die vergangenes Jahr Vollzeit gearbeitet haben, verdienten monatlich im Mittel 1219 Euro mehr als noch vor zehn Jahren. Ihr Gehalt stieg damit stärker an als in vielen anderen Branchen. Besonders Angestellte in der Altenpflege profitierten davon. Lesen Sie hier die ganze Meldung.
Forschende entwickeln wegweisende Verfahren für Diagnostik
Das tagelange Warten auf den Befund für einen Infekt könnte sich in Zukunft deutlich verkürzen: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus München und London haben eine neue Methode entwickelt, mit der sie selbst Auslöser gefährlicher Krankheiten wie Magenkrebs schneller identifizieren können. Noch befindet sich das Verfahren in Arbeit. Lesen Sie hier mehr zum aktuellen Forschungsstand.
Russland und die Ukraine tauschen Hunderte Gefangene aus
Wenngleich die Kämpfe im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine weitergehen und ein echter Frieden noch immer weit entfernt ist, gab es in diesen Tagen auch eine gute Nachricht aus der Region: Die Kriegsparteien tauschten erneut Gefangene aus. Jeweils 205 Menschen kamen auf beiden Seiten frei. Unter den ukrainischen Rückkehrern sollen auch Verteidiger der Stadt Mariupol sein.
Ukrainische Kriegsgefangene nach dem Austausch: Wieder zu Hause
Foto: Ukrainian Presidential Press Ser / REUTERSEin Video der ukrainischen Regierung zeigt, wie ein Soldat der Mutter eines Kameraden mitteilt, dass ihr Sohn noch in Gefangenschaft und am Leben sei. Auch das eine gute Nachricht. Lesen Sie hier mehr Hintergründe.
Deutschland gehört zu den Vorreitern der Solarenergie
Trotz seiner vergleichsweise kleinen Fläche liegt Deutschland in Sachen Solarenergie weit vorn: Bei der bislang installierten Gesamtleistung nahm die Bundesrepublik vergangenes Jahr mit gut 100 Gigawatt den vierten Platz ein. Noch weiter vorn liegen mit China, den USA und Indien drei im Vergleich viel größere Länder. Lesen Sie hier die ganze Meldung.
Im Kleinen zeigt sich der Erfolg zudem am Beispiel der brandenburgischen Gemeinde Feldheim. Dort kostet die Kilowattstunde Strom, unter anderem aus Solarenergie gewonnen, für Privatkunden gerade mal zwölf Cent – und damit rund ein Drittel des deutschen Durchschnittspreises.
Wie ist das der Dorfgemeinschaft gelungen? »Die Geschichte des Orts enthalte mehrere Lektionen«, schreiben meine Kollegen Markus Becker, Benedikt Müller-Arnold und Stefan Schultz, die Feldheim besucht haben. So hätten die Anwohnenden früh die Potenziale der Energiewende erkannt. »Betreiber und Bürger kooperierten stets eng, was die Akzeptanz förderte. Und wenn es mal hakte, wurden Probleme pragmatisch gelöst«, schreiben die drei.
Was das im Detail bedeutet und welche Lehren die neue Bundesregierung aus der Erfolgsgeschichte von Feldheim ziehen kann, lesen Sie hier.
Was gut ist – für Sie:
Wie Sie verhindern, dass Meta Ihre Fotos für ein KI-Training nutzt
Zur Verbesserung seines KI-Tools will der Meta-Konzern Inhalte von Facebook- und Instagram-Nutzern für das Training seiner Modelle verwenden. Wer seine Urlaubs- und Partybilder davor schützen möchte, kann Widerspruch einlegen. Wie das geht, welche Daten konkret betroffen sind und wie es um die rechtliche Lage steht, erfahren Sie hier.
Was Sie von Busfahrern über Kommunikation lernen können
Von Zeit zu Zeit beobachten wir alle Konfrontationen in unserem Alltag oder werden gar selbst Teil davon: im Nachbarschaftsstreit, der Auseinandersetzung mit dem Callcenter, der Pöbelei in der Schlange vor dem Nachtklub oder der Supermarktkasse. Wie verhält man sich in solchen Situationen am besten? Wie deeskaliert man? Das lernen Busfahrer in eigens dafür anberaumten Schulungen. Tipps daraus helfen womöglich auch in Ihrem Alltag .
Trainer Jörn Brüdgam mit angehenden Busfahrern: Auch in angespannten Situationen freundlich bleiben
Foto: Michael Kohls / DER SPIEGELWie Ihre Fernbeziehung gelingen kann
Liebe auf Distanz, kann das klappen? Ja, sagt Paartherapeutin Anna Wilitzki. Wenn es nach ihr geht, dann ist die Distanz an sich selten das Hauptproblem. Stattdessen gehe es um die Fragen: Was brauche ich – und ist meine Partnerin oder mein Partner bereit, auf meine Wünsche und Bedürfnisse einzugehen? Im SPIEGEL-Interview erklärt die Expertin, wie Paare in Fernbeziehungen emotionale Nähe stärken können und wann es richtig ist, die eigenen Erwartungen herunterzuschrauben. Hier geht’s zum Gespräch.
Was Sie über Tierphobien wissen sollten, um sie nicht an Ihre Kinder weiterzugeben
Ich oute mich mal: Bienen, Wespen, Hummeln kann ich nicht ab. Ich habe panische Angst vor den fliegenden Biestern, und das, obwohl ich noch nie gestochen wurde. Womöglich könnte ein früheres Erlebnis der Grund für die Abneigung sein. Als ich klein war, fand ich ein gelb-schwarzes Insekt in meinem Pfirsichsaft – besser gesagt: Ich habe bei einem Schluck aus meinem Becher schlicht darauf gebissen. Bei mir sorgte das für Ekel, bei den Erwachsenen für Panik.
Solche Erlebnisse können dazu beitragen, dass Menschen Tierphobien entwickeln, das habe ich im SPIEGEL-Interview mit Psychiaterin Katharina Domschke gelernt. Welche anderen Faktoren es dafür gibt und wie Sie als Elternteil vorbeugen können, damit Ihre Kinder keine Ängste entwickeln, erfahren Sie hier.
Und sonst?
Lesen Sie die kleine Geschichte über die Superkraft der Taucherinnen von der südkoreanischen Insel Jeju. In bis zu 20 Meter Tiefe sammeln sie Algen und Meeresfrüchte – ohne Sauerstoffflasche, bei jedem Wetter und oft bis ins hohe Alter. Die Haenyeo – übersetzt »Seefrauen« – gelten schon seit geraumer Zeit als außergewöhnlich. Nun fanden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler womöglich heraus, weshalb die Taucherinnen die extremen Belastungen so gut verkraften.
Eine Gruppe von Haenyeo am Hafen von Seogwipo: Außergewöhnlich
Foto: Yonhap / picture allianceGleich zwei genetische Veränderungen haben die Forschenden bei den Haenyeo festgestellt: Die eine steht im Zusammenhang mit einem niedrigeren Blutdruck beim Tauchen. Die andere betrifft offenbar die Wahrnehmung kältebedingter Schmerzen. Beides könnte den Seefrauen Vorteile unter Wasser verschaffen. »Es ist, als hätten sie eine Art Superkraft«, sagte Diana Aguilar-Gómez, Erstautorin der Studie von der University of California in Los Angeles. Hier erfahren Sie mehr über die Erkenntnisse der Forschenden – und die Arbeit der Haenyeo.
Ich wünsche Ihnen ein gutes Wochenende. Und wenn Sie sich bisher nicht für unseren wöchentlichen Newsletter angemeldet haben, können Sie ihn hier gratis bestellen.
Herzliche Grüße
Ihre Anastasia Trenkler, Redakteurin im Nachrichtenressort des SPIEGEL