Demonstrant:
»Bruder, hilf mir, hilf mir!«
Verhaftung eines türkischen Demonstranten am Donnerstagnachmittag in Istanbul. Seit Tagen gibt es immer wieder heftige Proteste in der größten Stadt der Türkei, die Polizei greift hart durch: Knapp 2000 Personen wurden bereits festgenommen. Wenige Stunden zuvor versammeln sich einige der Demoteilnehmer im Istanbuler Stadtteil Beşiktaş vor ihrer Universität. Aus Sorge vor Gesichtserkennung und Repressionen vermummen sich die meisten Menschen und nennen keine Namen, wie dieser Mitorganisator der Studentenproteste. Wie sieht ihr Plan für heute aus?
Mitorganisator der Studentenproteste:
»Heute werden wir als Bosporus-Studenten von hier aus starten, nachdem wir uns vor dem Cevahir-Einkaufszentrum versammelt haben. Dann werden wir uns mit anderen Universitäten vereinen und einen jungen Demozug mit allen bilden.«
Der türkische Präsident Erdoğan, gegen den sich die Proteste richten, bezeichnete dieseals »Straßenterror«. Immer wieder kommt es inzwischen zu Straßenschlachten mit der Polizei. Der Student Burak Turan erklärt sich bereit, offen vor der Kamera mit uns zu sprechen. Macht die Staatsmacht dem jungen Menschen Angst?
Burak Turan, Student:
»Ich war so nah am Einsatz von Pfefferspray, vier- oder fünfmal, bei den jüngsten Protesten in Saraçhane vor drei Tagen. Natürlich haben wir Angst vor der Polizei, aber wir müssen die Straßen wieder für uns einnehmen, denn die Straßen gehören uns. Sie wollen, dass wir uns fürchten hinauszugehen, weil es sie zu Fall bringen wird.«
Dann starten Turan und der Demozug Richtung Metro-Bahn. Was sie noch nicht wissen: Die Polizei erwartet sie schon – weit werden die Demonstrierenden heute nicht kommen. Es sind heute insbesondere junge Menschen auf den Straßen. Viele von ihnen kennen niemand anderen an der Staatsspitze als Erdoğan, der die Demokratie in der Türkei seit Jahren aushöhlt. Die Verhaftung seines wichtigsten politischen Kontrahenten, des Oppositions-Politikers und Istanbulers Bürgermeister Ekrem İmamoğlu, ist für viele hier ein weiterer Beweis für Erdoğans autokratische Herrschaft.
Angekommen an der Haltestelle Şişli. Die Polizei hat die Metro-Station vorab umstellt. Enges Gedränge vor den Gleisen. Wer sein Gesicht verbirgt, wird nicht aus dem Kessel gelassen. Wie geht es Burak Turan?
Burak Turan, Student:
»Ich weiß nicht, was ich hierzu noch sagen soll. Es ist Chaos, das ist ethisch nicht richtig, es ist nicht gut.«
Turan und seine Freunde ziehen sich in die Shopping-Mall zurück.
Reporter:
»Was passiert gerade?«
Burak Turan, Student:
»Die Polizisten errichten eine Barrikade vor dem Einkaufszentrum. Sollten sie angreifen, ginge es nur gegen die Studenten, die ihre Rechte einfordern.«
Dann fangen die Einsatzkräfte an, Personen abzuführen. Einigen wird gewaltsam die Kapuze vom Kopf gerissen, um sie mit einer Polizeikamera filmen zu können. Diese Demonstration wird im Keim erstickt. Burak Turan und seine Freundin haben sich in ein Café zurückgezogen. Haben sie das Gefühl, etwas erreicht zu haben?
Burak Turan, Student:
»Ich denke es ist nicht genug, die Proteste sind zu leise. Die, die sich bewegen und wirklich protestieren, werden von den Universitätsstudenten angeführt und wir sind allein. Wir müssen sie größer machen und wir müssen auch mit mehr Leuten zusammenarbeiten, mit unseren Eltern, mit den Leuten, die sagen, dass es genug ist, genug von dieser Unrechtmäßigkeit «
Burak Turan weiß, mit wem er sich anlegt. Und will dennoch weiter sein Gesicht zeigen.
Burak Turan, Student:
»Ich weiß nicht, ob ich wegen dieses Videobeitrags verhaftet werde, natürlich habe ich da Angst vor. Aber wir sind nicht diejenigen, die Masken tragen sollten.«