Er hat es wieder geschafft. Recep Tayyip Erdogan gewinnt die Stichwahl in der Türkei und Millionen kommen zum Präsidentenpalast in Ankara, um ihn zu feiern. Auch wenn das Ergebnis am Ende keine Überraschung mehr war.
Maximilian Popp, SPIEGEL-Reporter
»Ich bin hier ganz in der Nähe der AKP-Zentrale in Ankara. Inzwischen hat man wieder aufgeräumt. Gestern haben Erdogans Anhänger hier bis in den frühen Morgen gefeiert. Erdogan ist ein Phänomen. Er hat jetzt die 13. Abstimmung in Folge gewonnen. Dazu sind zwei Dinge zu sagen: Ja, Erdogan hat eine sehr enge Verbindung zu seinen Wählerinnen und Wählern, vor allem in Anatolien aufgebaut, wo zum Teil mehr als 80 Prozent der Menschen für ihn gestimmt haben. Aber diese Wahl war frei, aber nicht fair. Erdogan hat den gesamten Staatsapparat für seine Kampagne missbraucht. Er hatte Kontrolle über die Medien, konnte seine Propaganda beinahe ungefiltert verbreiten.«
Rund 52 Prozent der Stimmen holte Erdogan auf diese Weise, rund 48 sein Herausforderer Kemal Kilicdaroglu. Das ist in etwa derselbe Abstand wie beim ersten Wahlgang vor zwei Wochen. Für den Anfang Mai noch möglich erscheinenden Machtwechsel hat es nicht gereicht.
Maximilian Popp, SPIEGEL-Reporter
»In Reihen der Opposition ist die Enttäuschung natürlich riesig. Man hatte nach der ersten Runde nur noch wenig Hoffnung auf ein Wunder. Am Ende ist dieses Wunder ausgeblieben. Kemal Kilicdaroglu, der Spitzenkandidat und Oppositionsführer, dürfte im Amt jetzt nur noch schwer zu halten sein. Er könnte ersetzt werden durch den populären Istanbuler Bürgermeister Ekrem Imamoglu. Zumal im kommenden Jahr in der Türkei schon wieder gewählt wird. In den Städten, in Istanbul und in Ankara.«
Nun also geht es weiter mit dem Autokraten Erdogan, der nach seinem Triumph international mit noch breiterer Brust auftreten dürfte als bisher schon.
Maximilian Popp, SPIEGEL-Reporter
»Kurz nachdem das Ergebnis feststand, gingen bei Erdogan die ersten Glückwunschbotschaften aus dem Ausland ein: von Viktor Orban, Wladimir Putin, aber rasch auch von Bundeskanzler Olaf Scholz und dem französischen Präsidenten Macron. Im Westen weiß man, dass man sich irgendwie mit Erdogan arrangieren muss. Er wird sicher kein einfacher Partner bleiben. Bislang war es nach Wahlen oft so, dass er eher noch konfrontativer gegenüber dem Westen aufgetreten ist.«
Innenpolitisch steht Erdogan vor Herausforderungen. Wenn der Jubel vorbei ist, werden die alltäglichen Probleme und die Spaltung in der Türkei wieder in den Vordergrund treten.
Maximilian Popp, SPIEGEL-Reporter
»Das Regieren wird für ihn nun nicht unbedingt einfacher. Er hat knapp die Hälfte des Landes gegen sich und die Wirtschaft ist in einem sehr, sehr schlechten Zustand, der sich noch weiter verdüstern könnte. Es ist eher unwahrscheinlich, dass Erdogan seinen repressiven Kurs korrigiert. Bei seiner Siegesrede gestern klang er sehr polarisierend, sehr aggressiv.«