Amtsvorgänger Donald Trump verspottet den US-Präsidenten als träge und unentschlossen. Aber Joe Biden scheint ein Imagewandel gelungen zu sein. Die USA gehen im Ukrainekrieg voran, liefern große Mengen von Waffen an Kiew und haben ihre starke internationale Position wiedergefunden.
Roland Nelles, DER SPIEGEL: »Es war natürlich sehr wichtig für diese ganze Krise, für diesen ganzen Konflikt, dass die USA gesagt haben, wir übernehmen hier wieder die Führungsrolle. Wir sind diejenigen, die die anderen an einen Tisch bringen, um gemeinsam etwas zu unternehmen gegen die Aggression von Russland. Und da hat Amerika und da hat Joe Biden ganz klar die Führungsrolle eingenommen als westliche Führungsmacht, als Weltmacht. Und das war mit entscheidend dafür, dass die Ukraine jetzt noch gut dasteht gegen Russland und weiterhin versorgt wird mit Waffen, aber auch eben, dass man die Sanktionen gemeinsam durchgesetzt hat.«
Der Ukrainekrieg hat auch Auswirkungen auf die weltweite Versorgung mit Nahrungsmitteln. Bei einem Besuch von Bauern in Illinois bekräftigte Biden die aktuelle Bedeutung der US-Landwirtschaft.
Joe Biden, US-Präsident: »Zurzeit kämpft Amerika an zwei Fronten. Im eigenen Land geht es um Inflation und steigende Preise. Im Ausland geht es darum, den Ukrainern bei der Verteidigung ihrer Demokratie zu helfen. Und diejenigen zu ernähren, die auf der ganzen Welt hungern müssen, weil es russische Gräueltaten gibt. Jeff und die amerikanischen Landwirte wissen, dass Putins Krieg den Zugang zu wichtigen Quellen für Nahrungsmittel abgeschnitten hat.«
Künftig könnten die US-Bauern den durch den Ukrainekrieg drohenden Ausfall beim weltweiten Weizenbedarf ausgleichen. Lateinamerikanische Staaten fürchten, dass die USA dies ausnutzen, um die Märkte zu dominieren und größere Profite herauszuschlagen.
Roland Nelles, DER SPIEGEL: »Sie sind langfristig in einer relativ starken Position, weil sie bei der Unabhängigkeit von Nahrungsmitteln, wo sie im Grunde autark sind, sich selbst versorgen können. Und das gibt ihnen natürlich sehr viel Freiheit, wenn dieser Konflikt irgendwann vorüber sein sollte.«
Die USA haben einen weiteren Vorteil: Sie sind unabhängig von Öl- und Gaslieferungen aus Russland. Und die Auslandsnachfrage vor allem nach amerikanischem Flüssiggas wächst. Umfragen zufolge unterstützen die meisten US-Amerikaner die Ukraine-Politik Joe Bidens, sogar die Republikaner im Senat stehen hinter ihm. Bei den Midterm-Wahlen Anfang November dürften allerdings nationale Probleme wieder eine größere Rolle spielen.
Roland Nelles, DER SPIEGEL: »Wir haben in den USA eine sehr hohe Inflation, höher noch als in Deutschland. Das ist ein Riesenproblem. Die Leute zahlen unverhältnismäßig viel zurzeit für Sprit und sind empört darüber. Aber auch die Lebensmittelpreise sind extrem angestiegen, die der Mieten. Und das wird zum Teil eben auch Biden zur Last gelegt und könnte ein großes Thema bei den Midterms werden.«
Hinzu kommen die Kontroverse um ein Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen und die weiterhin große Abhängigkeit der USA von Waren aus China. Es bleibt abzuwarten, ob es Biden gelingt, mit seiner entschlossenen Ukrainepolitik die tiefen kulturellen Gräben in den USA zu überwinden.