Ukraine-Krieg: Soldaten werden kriegsmüde, Oberbefehlshaber spricht von Patt - DER SPIEGEL
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Kriegsmüde Ukrainer »Wir müssen irgendwie neue Kraft finden«

Mehr als anderthalb Jahre Kampf haben Spuren hinterlassen, der ukrainische Oberbefehlshaber Saluschnij spricht von einem Patt – und jetzt kommt auch noch der Winter. Frontsoldaten berichten, was sie jetzt noch durchhalten lässt.

Eine ukrainische Position an der Front, irgendwo im Serebrianskij-Wald zwischen den Orten Lyman und Kreminna im Osten des Landes. Eine Einheit der ukrainischen Armee hält hier die Stellung gegen andauernde Angriffe der Russen. Die Soldaten sind kriegsmüde.

Sachid, ukrainischer Soldat:
»In dieser Phase des Krieges kommt es auf den Charakter an. Wir sind erschöpft, die Russen sind es auch. Sie sind aber mehr und sie haben mehr Ausrüstung. Das ist das Schwierige. Und, dass wir nicht genug Leute sind.«

Die Soldaten haben sich an die Gefahr gewöhnt. Doch anderthalb Jahre Krieg haben auch bei den Männern, die körperlich unversehrt sind, Spuren hinterlassen.

Istoryk, ukrainischer Soldat:
»Das ist ein furchtbarer Feind. Er ist stark, gerissen und widerwärtig. Die Russen bringen uns erhebliche Verluste bei. Man darf sie nicht unterschätzen. Sollten sie noch eine Million Artilleriegeschosse mehr bekommen, werden unsere Verluste noch viel höher. Ob sie dann auch vorrücken und beträchtliche Geländegewinne herausholen könnten, da wäre ich aber nicht so sicher. Denn wir haben gelernt, uns zu verteidigen. Sie aber auch.«

Das ist seit Monaten die Lage entlang der gesamten Front: Keine Seite kann nennenswerte Geländegewinne erzielen. Auch die im Sommer mit großen Hoffnungen gestartete ukrainische Offensive im Süden hat nur wenig Erfolg gebracht, zumindest was die Befreiung besetzter Gebiete von russischen Truppen angeht. Zuletzt räumte auch der Oberbefehlshaber der ukrainischen Armee, General Walerij Saluschnij, in einem Interview mit dem britischen Magazin Economist ein, dass ein militärisches Patt erreicht sei. Saluschnij weiter:

Walerij Saluschnij, Oberbefehlshaber der ukrainischen Armee:
»Einen tiefen und schönen Durchbruch wird es aller Wahrscheinlichkeit nicht geben.«

Außerdem sagte Saluschnij, er habe unterschätzt, wie viele Soldaten Wladimir Putin zu opfern bereit sei. Als Beispiel könnten die andauernden heftigen, aber bislang erfolglosen russischen Angriffe auf die Stadt Adviivka in der Region Donetsk dienen. Allein hier hat die russische Armee ukrainischen Angaben zufolge tausende Soldaten verloren – innerhalb von nur etwa zwei Wochen.

Doch trotz der Ermüdung auf beiden Seiten und obwohl es kaum Hoffnung auf entscheidende Siege gibt, wird erbittert weitergekämpft.

Istoryk, ukrainischer Soldat:
»Einmal hatten wir ein zwanzig Stunden langes Feuergefecht. Kämpfe ohne Pause, Angriffe, Evakuierungen. Irgendwie habe ich das durchgestanden. Wir alle haben das irgendwie durchgestanden. Wir sind nicht mehr frisch, irgendwie müssen wir jetzt neue Kraft finden.«

Jetzt aber kommt auch noch der Winter mit Kälte und schlechtem Wetter. Und ein Ende des Krieges scheint noch überhaupt nicht in Sicht zu sein.

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